Die Jugend    Freund Kuba    Die Flucht    Zwangsarbeiter

Mein Elternhaus

Was mich das Leben gelehrt hat?
Als Deutscher darf man kein Mitleid erwarten. Von niemandem. Ähnlich einem verwundeten Raubtier. Niemals um Hilfe bitten!  Nicht jammern! Nicht weinen! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!

Ich bin in Hindenburg O/S geboren. Wo liegt Hindenburg O/S?  In Oberschlesien. Nach Osten hin, fast waagerecht von Mainz aus. Hindenburg ist nach dem Plebiszit die südöstlichste Stadt des früheren Deutschland. (Plebiszit von 1921. Übrigens: Die pol. Seite hat verlangt und durchgesetzt, dass nur in Oberschlesien geborene, an der Abstimmung teilnehmen dürfen. Der vermeintliche Vorteil, wurde für die pol. Seite zum Nachteil.)  Auf betreiben Frankreichs wurde Oberschlesien geteilt, in Deutsch - Oberschlesien und Polnisch - Oberschlesien (in Ost-OS und West-OS). Bis dahin haben Deutsche und Polen in Frieden und Freundschaft zusammen gelebt. Durch diese drei "Schlesischen Aufstände" (1919 - 1921) kam Hass auf! Frankreich hat den Hass nach OS gebracht. Ab etwa 1865 sind viele polnische Fremdarbeiter nach Ost-OS eingewandert. Um 1900 bildeten sie sogar die Mehrheit der Bevölkerung dort. Bis zu diesen "Aufständen" (heute sagt man: "Terror-Angriffe", siehe Nord-Irland, das Baskenland und andere), war OS neben Preußen ein Musterbeispiel für funktionierendes Multikulti.
 Ohne Volksabstimmung und unter Protest seiner Bevölkerung wurde 1920 das wegen seiner Steinkohlevorkommen wirtschaftlich bedeutende 286 km² große Hultschiner Ländchen der Provinz Schlesien an die Tschechoslowakei abgetreten. Das Gebiet eurde zwei unterschiedlichen Verwaltungsgebieten zugeteilt, bis auf 2 Schulen wurden alle deutschen Schulen geschlossen.
(
Es war eine Provokation Deutschlands und die Teilung Oberschlesiens widerrechtlich. Diese Provokationen gingen weiter, sogar bis ins Jahr 1967. (9.9.1967, besucht de Gaulle Hdbg. Er sagt dabei: "Zabrze ist die schlesischste Stadt Schlesiens und die polnischste Stadt Polens". 
Wie viele Städte hat er denn verglichen? Wie viele gesehen, um einen solchen Vergleich anzustellen? Es war, es sollte sein: PROVOKATION ! "
Niech żyje Zabrze, najbardziej śląskie ze śląskich miast i najbardziej polskie z polskich miast" 

Die Einstellung Frankreichs zu Polen
“Umso größer wir Polen auf Kosten Deutschlands machen, umso sicherer können wir sein, dass Polen Deutschlands Feind bleiben wird.”--- Polen soll einen breiten Korridor mit Danzig erhalten, außerdem einen Streifen Ostpreußens und ganz Oberschlesien). 

Die Einstellung der Polen zu den Deutschen, verdeutlicht dieser Spruch: 
"Póki świat światem, nie będzie Polak Niemcowi bratem". Übersetzt:
"So lange die Welt besteht, so lange wird sich der Pole mit dem Deutschen nicht verbrüdern"

(
"Die mit Inkrafttreten der Genfer Konvention am 15. 6. 1922 vollzogene Teilung Oberschlesiens zerschnitt das dicht besiedelte Industrierevier aufs empfindlichste und schuf trotz der Bestimmungen der Konvention schwierige wirtschaftliche und soziale Probleme. Der wertvollste Teil des Industriegebietes fiel an Polen: 53 der 67 Steinkohlengruben, etwa 9/10 der Kohlenvorräte, 11 von 16 Zink- und Bleierzgruben, der größte Teil der Bleierzvorkommen, alle Blei- und Zinkhütten und damit auch die Schwefelsäurefabriken, alle Eisenerzgruben, fünf von acht Eisenhüttenwerken (mit 22 von 37 Hochöfen, 2/3 der Roheisenproduktion). Am 9. 7. 1922 übernimmt die deutsche Verwaltung wieder den Deutschland belassenen Teil des Abstimmungsgebietes. In einer Abstimmung vom 3. 9. 1922 sprechen sich über 90% der Oberschlesier für ein Verbleiben Oberschlesiens bei Preußen aus; nur eine Minderheit verlangt ein eigenes Land Oberschlesien innerhalb des Deutschen Reiches."
Pariser Vorortverträge: Ende des 1. WK, am 28.7.1919 unterzeichnet. Das Deutsche Reich soll allein schuld gewesen sein. Gebietsverluste: an Polen, Westpreußen und Ost-Oberschlesien (nach Abstimmung). Millionen von Deutschen lebten nun in Polen. Der amerikanische Journalist Henry Louis Menken, der 1938 diese Gebiete besucht hatte, schrieb: "Polen konzentriere sich darauf, die Deutschen Bürger auszuplündern und zu unterdrücken". Zu diesem Zwecke ist Polen 1934 aus dem Abkommen mit dem Völkerbund zum Schutz der Deutschen Bevölkerung ausgestiegen. 
Der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen ging von Polen aus, von den Franzosen geschürt.
MELDUNG:  29.6.1922  /  Bei Zusammenstößen mit französischen Besatzungstruppen werden in der oberschlesischen Stadt Hindenburg  20 Menschen getötet. Anlass waren Aktionen deutscher Jugendlicher gegen die alliierten Soldaten. )

Die neue Grenze wurde willkürlich mitten durch Bauernhöfe und mitten durch Dörfer gezogen. Es kam vor, dass die Stallungen hinter der Grenze lagen, in Polen, das Wohnhaus dagegen in Deutschland.
Die Heimatstadt unserer Eltern, Ruda OS, wurde zum "Ausland". Unsere Sippschaft ist nach Hindenburg, nach Deutschland gezogen. Man kann sagen, dass unsere Familie zwei mal vertrieben worden ist. Nach 1922 und dann nach 1945. Die Großeltern hatten in Ruda OS, Hindenburger Str. 18, eine Schuhmacher-Werkstatt.

Opa Hajduk - Schuhmacherwerkstatt

Opa, Oma Hajduk
Opa Martin Hajduk, Oma Philomene Opiolka

Paul Hajduk, Hochzeit mit Anni
Hochzeit Paul Hajduk und Anni

Unsere Schwester ist noch in Ruda geboren. Unser Bruder Heinz "im Exil", bei Onkel Rufin und Tante Gela (Angela), auf dem Land (in Liebenhain, Krs Groß-Strehlitz). Der Autor dann schon in Hindenburg OS.

Von Mainz nach Hindenburg O/S  

Mainz

Hindenburg O/S

Lage:                    50,00 N - 8,16 O

50,18 N - 18,46 O

Fläche:                                 97,8 qkm

80,5 qkm

Einwohner:                      ca. 200.000  

  ca. 200.000

Mainz - Hindenburg O/S (heute Zabrze)

Entfernung Luftlinie

752 km

Entfernung Autobahnen

836 km

 

Die Gemeinde Hindenburg war bis 1915 mit über 60.000 Einwohnern, das größte "Dorf" Europas. Dieses Dorf hieß "Zabrze" (erste Erwähnung um 1305, als Zadbre/Cuncindorf). 1915 wurde Zabrze zu Gemeinde und in Hindenburg O/S umbenannt. 1922 bekam die Gemeinde Hindenburg O/S die Stadtrechte verliehen. Die Stadt Hindenburg O/S hat nie Zabrze geheißen. Eine Stadt Zabrze gab es erst ab Mai 1946. Bis Dato, bis Mai 1946 existierte die Stadt Hindenburg OS.
Die Kronprinzenstraße ist wahrscheinlich die längste Straße Europas. Auf jeden Fall, ist sie mit 9,5 km die längste Straße im heutigen Polen. Angelegt etwa 1880 zu einer Prachtstraße, mit prächtigen Bürgerhäusern, verläuft sie von West nach Ost, etwa parallel zu der Reichsautobahn
(Geschichte), die eine Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und Oberschlesien sein sollte.

 

Hindenburg, Stadt der Gruben und Hütten

Die Reichsautobahn, von Hitler gebaut, gedacht vom Ruhrgebiet nach Oberschlesien, nicht fertig gestellt, war bis in die 90 Jahre neben der "Berlinka", die einzige Autobahn Polens.

Ca. 1790 wurde eine Steinkohlengrube, in damals Zabrze, errichtet. Sie wurde Anfang 1800 zu der größten Grube der Welt, mit ca. 9.500 Bergleuten und einer Fördermenge von fast 3.5 Mio. Tonnen Kohle jährlich. Sie wurde "Königin-Luise" getauft. August Borsig, der in Hindenburg-Nordost die Arbeiter-Siedlung Borsigwerk errichten ließ, gründete die "Hedwigwunsch" Grube, "meine" Grube. Sein Sohn Albert gründete eine Eisenhütte mit zwei Hochöfen. Später noch ein Walzwerk.
1867 kam die Grube "Ludwigsglück", auf der unser Vater später gearbeitet hat, und 1876 die Grube Borsig. 1872 wurden die ersten Siemens Martin-Öfen in Betrieb genommen die allerersten in Deutschland

Ich kann mich kaum an meine Eltern erinnern. An meine Großeltern habe ich gar keine Erinnerung.
 
Die Großeltern:
Mütterlicherseits: Opa Martin Hajduk aus Ruda O/S, Schumachermeister mit eigener Schuhfabrik, katholisch, Oma, Filomene (geb. Opielka). Sie hatten 10 Kinder:
Gertrud, Alfons, Angela, Alois, Edmund, Paul, Richard, Valerie, Martha, Helene.
Die Hajduks, bis 1980 alle Schuhmachermeister, stammen aus Himmelwitz, bzw. Kottulin. Abstammung.

 

"Zur Erinnerung an den Feldzug im Westen" - Onkel Edmund
Onkel Edmund - Feldzug im Westen


Väterlicherseits: Opa Heinrich Rathay aus Ruda O/S, evangelisch. Zur Oma fehlen mir die Geburtsdaten. Hedwig Caroline-Mathilde Unverricht. Abstammung. Sie stammen aus den Orten Deutsch-Lauden und Kreisewitz
Sie hatten 5 Kinder: 
Ernestine, Elfriede, Wilhelm, Georg, Margarete.

Die Gertrud hat sich einen Skandal geleistet. Sie ist den Liebesschwüren eines jungen Zahnarztes, aus einer reichen jüdischen Familie erlegen. Er, der Dr. Bonk versprach ihr neben der ewigen Liebe auch die Ehe. Als sie schwanger wurde, stimmte plötzlich alles nicht mehr. Kein Wort mehr von Liebe. Mein Cousin Paul wurde geboren (19xx). Die jüdische Familie hat die Alimente auf einmal, für 18 Jahre im Voraus,
In GOLD, ausgezahlt. Jetzt rissen sich alle um das uneheliche Kind Paul. Wer den Paul hatte, hatte auch die Hand auf dem Mündel- Gold. Es war um so mehr wert, als damals Papier- Geld immer mehr an Wert verlor. Tante Gertrud hat diese Schande nicht lange überlebt. Sie hat Selbstmord begangen, offiziell hieß es: Blutvergiftung.
Opa Martin Hajduk übernahm das Gold und den Paul und hat ihn zum Schuhmachermeister ausgebildet. (Zum Paul später mehr.)

Inflationsgeld von damals

100.000 RM - dafür gab es ein Brot zu kaufen

 

(Diese Scheine befinden sich in meinem Besitz.)


In dieser schweren Zeit, (1931 bis 1933, 6 Millionen ohne Arbeit) wurde auch unser Vater arbeitslos. Die Familie ist nach Liebenhain gezogen, dort hat Vater mit seinem Schwager, dem Onkel Rufin im Wald gearbeitet. Unser Bruder ist dort, in Liebenhain geboren. Es war ein so strenger Winter 1932, dass mit der Taufe gewartet werden musste. 
Unsere Eltern sind nicht mehr zurück nach Ruda, es war "Ausland" geworden, sondern sind 1934 in die neugebauten Häuser in der Kampfbahnallee nach Hdbg. gezogen. Ab 1934 wurde alles besser! Es gab wieder Arbeit, es ging aufwärts.

Ich habe mich oft gefragt, was meine Eltern bewogen hat, mitten im Krieg (1940) sich noch ein Kind zu leisten. Meine Mutter war katholisch, es gab aber immerhin eine 8 jährige Baby-Pause.  
Ich bin meinen Eltern dankbar für das mir geschenkte Leben. Trotz aller Widrigkeiten, die besonders diese "Befreiung", "fu_cking Liberation" mir beschert hat, war es ein interessantes, durch Überlebenskampf geprägtes Leben. Wie Inhaltsleer, fad, unnütz, doch das Leben der heutigen, bundesrepublikanischen Jugend ist.
 
Die Erinnerungen an meine Eltern sind untrennbar verbunden mit einer bösen Weihnachtsgans, einem Sturm- Gewehr, sowie einem Puddingtopf bei einer Nachbarin. Auch eine brennende Mülltonne und die Pockenimpfung spielen eine Rolle. So wie die Fliegeralarme und der Einmarsch der Russen.

 

 

Vor der Wohnungstür. 1944

Vor der Wohnungstür, 1944

 

Wir wohnten im 4. Stock, in einer 4 Zimmerwohnung mit Balkon, Kampfbahnallee 53 (heute F. Roosevelta, (früher Sosnitzer Str.)), in Hindenburg OS, unweit der St. Josephskirche, an der Hauptstraße nach Gleiwitz. 


In der St. Josephskirche wurde ich getauft. Unser Bruder war dort Ministrant.

In der Josephskirche wurde ich getauft   

In der Josephskirche wurde ich getauft

 

Meine Familie

Meine Familie - Hochzeit

 

                                                                                                                                              

Eltern, Verlobung
Verlobung 1927

Eltern. Hochzeitsfoto

 In Ruda 1927  

 

 16.4.1928, Heirat in Ruda O/S

2.6.1930, mit Ingrid 1 Jahr


  

Mit Ingrid und Heinz

Mit Ingrd, Henz und Peter, 1942

1.1.1933, und Heinz 1 Jahr

2.1.1942, und Peter 1 Jahr

 

 

Die Weihnachtsgans.
Diese Weihnachtsgans, lebend besorgt, sollte zu Weihnachten 1944 ihr  Leben lassen. So lange noch wurde sie in unserer Toilette gehalten und gemästet.  

Vor dem Haus, Kampfbahn-Allee 53
Meine Geschwister Heinz und Ingrid, 1942


Diese Gans hat es auf mich abgesehen, sie war ein Stückchen größer als ich, der fast 4jährige, jüngster von drei Kindern. Ich hatte mächtig Respekt vor diesem Ungeheuer. Sie residierte hinter der Kloschüssel, von dort hatte sie eine gute Übersicht. Die Gans war sehr mager und musste erst durch Mästen auf das richtige Schlachtgewicht gebracht werden. Diese Weihnachtsgans war das letzte Festessen (mit Satt essen) auf Jahrzehnte hinaus.(1)  Es gab weiter Mohnklöße so wie Marzipanklöße, schlesische Spezialitäten, die unsere Mutter bereitet hat. Ich sehe meine Mutter die Marzipan-Klöße vorzubereitend, sie streut Kakao-Pulver drauf.

Nach diesem Weihnachtessen kam das Elend (die "Befreiung"), es  wurde nur noch gehungert und gehungert. Mein Bruder war fast 13 Jahre alt, meine Schwester 15,5.

Mein Vater wurde nicht zu Wehrmacht eingezogen. Er war Grubenaufseher, von Beruf Former, auf der Grube unentbehrlich. Er hat bis Jan. 1945 auf der Steinkohlengrube "Ludwigs-Glück"  gearbeitet.. 
Vor Weihnachten 1944 hat er ein Volkssturm- Gewehr (Karabiner) nach Hause mitgebracht. Wir haben uns mit diesem Gewehr hinter die Couch gehockt und Angriff- Abwehr gespielt. Das ist die einzige, schwache, sehr schwache Erinnerung an meinen Vater. Nach diesen Weihnachten 1944, hat niemand mehr von uns unseren Vater gesehen. Lebendig nicht und tot auch nicht. (2

Weihnachten haben die Eltern mit mir "Guckkuck" gespielt. Ich stehe hinter dem Türpfosten versteckt und rufe laut lachend "Guckkuck!". Das war das letzte unbeschwerte Lachen auf Jahrzehnte hinaus.

Fest in meiner Erinnerung ist das Impfen gegen Pocken verankert. Der Arzt hat mich gelobt, ich war das einzige Kind, das nicht geweint hat und meine Eltern waren stolz auf mich. Ich meine, mich an das Impfen selber zu erinnern. Pockenimpfen wurde am 8.4.1874 zu Pflicht, geimpft wurde kurz vor erreichen des 2. Lebensjahres! (1970 in Deutschland abgeschafft.)

"Die brennende Mülltonne" - es war eine Mülltonne aus Zink, in der irgendjemand ein Feuer abgebrannt hat. Diese Tonne wurde glühend heiß; ich wurde auf diese Tonne rittlings gesetzt. Auf einem Bein ist heute noch eine Handtellergroße Brandnarbe zu sehen.

Mein Bruder sollte auf mich aufpassen. Als seine Freunde ihn riefen, er soll mit ihnen durch die Felder ziehen, nahm er mich kurzerhand mitsamt Kinderwagen mit. Einige Male haben die Jungs mich unterwegs verloren. Ein anderes Mal, beim Baden im See, fiel ich Kopfüber ins Wasser. Irgendjemand konnte mich grad noch so, an der Windel herausziehen.

Unsere Nachbarin Frau Jontschyk, hat mich in ihre Küche geholt, auf den Tisch am Fenster gesetzt und ich durfte den Puddingtopf auslecken. Mit Frau Jontschyk haben wir unseren Balkon geteilt. Im Treppenhaus Gegenüber wohnte die Familie Schütze mit dem etwa gleichaltrigen Joachim.

 

Mit Joachim Schütze im Treppenhaus
Mit Joachim Schütze, vor der Wohnungstür

Zu Frau Schütze hat man sich folgende Geschichte erzählt. Zu Ostern wurden die Mädchen und jungen Frauen, je nach dem, entweder mit einem Eimer Wasser (reinigendes Osterwasser), oder mit einigen Spritzern teuren Parfüms überrascht. Als unser Bruder Heinz noch nicht richtig sprechen konnte und ein paar Spritzer Parfüms Frau Schütze verehrt hat, fragte er Monate später: "Frau Schütze, "Jiicht das bepitschte noch?"

Weiter sind in meinem Gedächtnis eingebrannt die Fliegeralarme: "Schnell, schnell, runter in den Keller, die Bomber sind da". Es herrschte eine fürchterliche, angst- durchsetzte Atmosphäre. Wir mussten die 4 Stockwerke runter rennen, um im Keller Schutz zu suchen. Und das im Dunkeln, denn es herrschte Verdunkelungspflicht. Später blieben wir einfach im Keller wohnen, im Waschraum, zusammen mit anderen Familien. Bei einem bestimmten Flugzeugtyp habe ich heute noch, fast 60 Jahre danach beklemmende Gefühle, bzw. Alpträume. Zum Glück flogen diese Bomber, es waren viermotorige Maschinen ("Fortress", "Liberator"), über Hindenburg hinweg. Bombardiert wurden  die Synthesewerke in Heydebreck so wie die Treibstofflager dort. Aus dem Ruhrgebiet wurden erst kürzlich Spezialmaschinen hergeholt. Diese fielen dann den Russen in die Hände. Möglich wurde die Bombardierung Oberschlesiens erst, nachdem Italien die Fronten gewechselt hat. Anfang Juni 44 wurde Rom besetzt und auch die nördlichen Flugfelder dort. Bis zum 6.7.44 war Oberschlesien der "Luftschutzbunker Deutschlands". Am 6.7.44 fielen die ersten Bomben englischer Geschwader auf die Hydrierwerke bei Blechhammer, auf die Stickstoffwerke (der IG-Farben), so wie die Treibstoff-Synthese-Anlagen. Es wurden dort monatlich 50.000 Liter Treibstoff produziert.

Von Italien aus war Oberschlesien für diese Maschinen erreichbar geworden. Hindenburg O/S wurde nur wenig (etwa zu 8 %) zerstört. Die Arbeit in den Gruben war zur keinem Zeitpunkt unterbrochen. Obwohl die Schäden so gering waren, die Stadt Mainz war z.B. zu 80 % zerstört, haben es die neuen Herren nicht geschafft: 60 Jahre nach dem Krieg, sind immer noch Kriegsschäden sichtbar.

Das rascheln und rattern der Panzerketten auf den Straßen und die Angst- schreie: "Die Russen sind da, die Russen kommen", ist ein weiteres Kriegsgeräusch, das fest eingebrannt ist. Unsere Schwester wurde als "alte Frau" verkleidet, mit Kohlenstaub wurde ihr Gesicht geschwärzt, um sie "unattraktiv" zu machen. Es war naiv, denn die Russen haben die Frauen "genommen", egal ob Kind oder alte Frau, egal, ob hässlich oder hübsch. Und immer zu Mehreren, entwürdigend. "Frau, komm!", war der Fluch, das Schlimmste, was ein Mädchen, was eine Frau damals hören konnte. Sie benutzten die Frauen, wie man heute die Gummipuppen von Beate Use benutzt. So wie man heute den Stöpsel aus diese Gummipuppe nach Gebrauch zieht und die Luft herauslässt, so ließen die Russen die Seelen dieser Frauen (oft durch Kolbenschlag oder Gewehrkugel) heraus.

Besonders tragisch für die jungen Mädchen, wohlbehütet, noch nicht aufgeklärt, noch Jungfrau. Es war die brutalst- mögliche Aufklärung, durch gleich mehrere Russen (Sowjets, ich hoffe, es waren nur wenige Russen dabei) nacheinander und öffentlich. Wie die Tiere, waren sie, die Rotarmisten. Nein, Korrektur, nicht wie die Tiere. Dieser Vergleich würde die Tiere beleidigen. Sie haben gewütet, wie die Tataren, zu Zeiten des Mongolen Dschingis Khan. (Dschingis Khan: 
"Das höchste Glück des Mannes ist, seine Feinde zu zerschlagen, sie vor sich herzujagen, ihnen all ihren Besitz zu entreißen, in Tränen die Wesen zu sehen, die ihnen teuer sind und ihre Frauen und Töchter in seine Arme zu drücken.")

Heute wird von "Rache" der Sowjets gesprochen. "Die Sowjets haben Rache geübt". Das müssten mir aber unsere Linken erklären.
Rache: Ein SS-Mann soll ein kleines russisches Mädchen vergewaltigt haben. Nun wird Rache geübt und zigtausend Deutscher kleiner Mädchen vergewaltigt? Rache an den kleinen Mädchen? Was haben die denn damit zu tun? Wer kann mir diese Logik erklären?

Der Unterschied zu Wehrmacht, wie ich den sehe: die "Verbrechen" der Wehrmacht waren die sog. Kollateralschäden, wie später durch die USA  in Vietnam, in Kosovo, in Afghanistan, heute in Irak. Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die wirklich schlimm waren, waren Strafaktionen nach Überfällen von Terroristen (damals nannte man sie "La Résistance" bzw. "Partisanen"). Den Partisanen waren die Konsequenzen ihres Tuns sehr wohl bekannt. Sie haben bewusst den Tod ihrer Landsleute in Kauf genommen. Diese Strafaktionen bleiben aber trotzdem ein Verbrechen. Israel führt ähnliche Strafaktionen nach einem Selbstmord-Attentat durch. Die Besatzungstruppen in Irak nach einem Bomben-Anschlag. Ich sehe da keinen Unterschied. (Z. B. am 19.1.04 Bombardierung von Libanon, als "Rache")

Zum Glück für uns sind die Russen über Gleiwitz, am 23.1.45 Gegen 14:00 Uhr (Gleiwitz: < 200.000 E.) gekommen. Der Hass hat sich dort entladen. In Gleiwitz haben die Sowjets gewütet wie die Wilden. Vergewaltigt wurde alles, was weiblich war: Kind, Mädchen, Frau, Greisin. Die Vergewaltigten sollten sich in den Krankenhäusern melden, dort wurden spezielle Dienste eingerichtet. Es gab Scheiden- Spülungen, sie konnten so den Sowjet-Schmutz aus dem Körper waschen. Eine "postkoitale Empfängnisverhütung". Die Mädchen hatten schlimme Verletzungen erlitten.  Viele haben diese schlimmen Vergewaltigungen nicht überlebt. Es wird von einem Mädchen berichtet, die 128 Mal vergewaltigt worden ist. Die Sowjets standen Schlange, wobei die ungeduldigen, den, der dran war an der Hose zogen: "Mach´ mal, ich will auch noch". Nach dem 15 Russen ist sie ohnmächtig geworden. Die Familienmitglieder haben gezählt, wie oft sich die Russen bedient haben. 
In Hindenburg (>200.000 E.) musste erst die Potenz der Russen aufgeladen werden. 

In Hindenburg, in den südlichen Vororten, wurde alles, was sich auf den Strassen befand erschossen. Auch der Onkel Viktor, der von der Arbeit mit einem Arbeitskollegen nachhause unterwegs gewesen ist, (beide durch Genickschuss!). Tante Valy (Valerie) ist ihn suchen gegangen, nach dem er von der Arbeit nicht nachhause gekommen ist. Sie wusste nicht, wurde er verschleppt, wie sein Schwager? Nach ca. einem Monat, also etwa im Februar/März, als die Schneeschmelze eingesetzt hat, etwa auf dem halben Weg sah sie aus dem Schnee im Straßengraben einen Arm herausragen. Als wollte der Onkel zeigen, "hier liege ich". Sie hat den steifgefrorenen Onkel Viktor auf einen Karren geladen und nachhause gefahren. Es gab absolut keinen Grund, den Onkel und seinen Arbeitskollegen zu ermorden.

Er war zur falschen Zeit, am falschen Ort. Er wurde einfach so abgeknallt, wie man einen Hasen schießt. Bum, und eine Witwe mit einer Halbwaise waren da. Bum, und unsere Cousine Charlotte wurde zu Halbwaise. An diesem Tag ist Onkel Viktor einen anderen, wie er meinte sicheren Weg nachhause gegangen. (Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis Tante Valy den Onkel Viktor gefunden hat. Sie ist nacheinander alle Wege abgegangen, die man gehen konnte, um von Onkels Arbeitsstätte nachhause (Borsig-Werk) zu gelangen.) Er hat sich geirrt. Bei Anna-Segen (eine Siedlung) hat ihn die Russenkugel ereilt - Genickschuss!. Wer weiß, er wäre sonst verschleppt worden, vielleicht wurde ihm ein Schicksal erspart, das seinen Schwager, unseren Vater voll getroffen hat.

Das Zentrum der Stadt Hindenburg wurde zunächst nicht besetzt, die Sowjet-Armee zog weiter in Richtung Hindenburg-Südost. Dort stand der Rest der 17. Armee die heftigen Widerstand leistete.

Die Brutalität, die in Gleiwitz gezeigt wurde, wurde später in Hindenburg noch übertroffen. Es wurde Vergewaltigt, Gemordet und Geplündert. Tausende Hindenburger Männer (16 bis 60 Jahre alt) wurden eingefangen und zu Zwangsarbeit verschleppt. (Siehe Ausstellung im Museum Zabrze, in Aprl 2005, bzw. das Buch: "śląska tragedia w Zabrzu w 1945", Zabrze 2005. ISBN:   83-88427-34-2)

Am sichersten hatten es noch die Soldaten an der Front. Der einzige Bruder meines Vaters, Onkel Wilhelm, hat den Krieg als Soldat gut überstanden. Ein Mal war er verschüttet gewesen und wurde gerade noch gerettet. Ihm wurde der Frieden, die "Befreiung" zum Verhängnis. Er kam in britische Gefangenschaft. Nach seiner Aussage wäre es ihm einigermaßen "gut ergangen", wenn er "den Mund gehalten hätte", wenn er sich "zurückgehalten hätte". Onkel Wilhelm wurde 1950 aus der Gefangenschaft nach Westdeutschland entlassen. Er kam nach Kassel. Seine Familie, Tante mit Cousine Helga waren hinter dem "Eisernen Vorhang" in Oberschlesien. Weder konnte er zu ihnen, noch seine Familie zu ihm, in den Westen kommen. Sie blieben getrennt. Irgendwann hatte er auch eine neue Partnerin und lebte mit ihr im schönen Häuschen, bis, ja bis 1957 seine Ehefrau mit meiner Cousine Helga vor der Türe standen. Wen sollte Onkel Wilhelm zurückweisen, die Freundin oder die Ehefrau? Zwei Frauen Freundin und Ehefrau, das Trauma der 5jährigen Gefangenschaft bei den "Tommys", das war zuviel, Onkel Wilhelm hat sich für Selbsttötung (Erhängen) entschieden. Den krieg hat der Onkel einigermaßen überstanden. Der (falsche) Frieden wurde ihm zum Verhängnis. Leider hat Onkel Wilhelm nicht daran gedacht, was er seiner einzigen Tochter damit angetan hat.

Ähnlich ist es der Familie der Schwiegereltern meines Bruders ergangen. Ehefrau mit Tochter Helga blieb in Schlesien, der Ehemann und Vater (der Maler Domanski)  wurde in den Westen entlassen und blieb in Bochum hängen. Irgendwann hatte er auch eine neue Partnerin. Die zwei Frauen hinter dem "eisernen Vorhang", blieben verbittert zurück. Die Eheleute haben ihre Verbitterung in das Grab mitgenommen.

Unser Cousin Werner Sowa war bei der Luftwaffe. Unteroffizier, mit Auszeichnungen. Auch er hat den Krieg und die zweijährige Gefangenschaft bei den "Thomys" gut überstanden. Nach seiner Freilassung kam er über Danzig, wo er seine Frau wieder gefunden hat, nach Hindenburg. Werner und Agathe hatten drei Söhne, zwei sind verstorben, der jüngste Sohn, Klemens, lebt heute ebenfalls in Mainz.

Werners einziger Bruder Günther, der lustigste aus der ganzen Sippschaft, ist in Tschechien, in den letzten Kriegstagen, als 19jähriger gefallen. (Hier hat sich wieder eine "Volksweisheit" bestätigt. "Den Guten ruft unser Herr sofort zu sich, in den Himmel, dem Bösen gibt er Zeit, sich zu bessern".  Werner hat seinen jüngeren Bruder um mehr als 50 Jahre überlebt. (Zu Werner später)



Die "Befreiung". Fuc_king Liberation. Die Russischen Horden kommen!



www.swg-hamburg.de/Geschichtspolitik/BEFREIUNG      

"Nach Beginn der großen Offensive vom Baranow- Brückenkopf aus (12. 1. 1945) stießen die übermächtigen sowjetrussischen Streitkräfte rasch westwärts vor. Am 19. 1. erreichten sie im Raum Guttentag—Kreuzburg die schlesische Grenze, ihre Panzerspitzen bildeten nur wenige Tage später Brückenköpfe am linken Oderufer bei Steinau und Brieg. Ende Januar hatten die Sowjetrussen fast das ganze rechtsodrige Schlesien besetzt, das oberschlesische Industrierevier war ihnen nach einem Umfassungsmanöver beinahe unzerstört in die Hände gefallen. Die Oderfestungen Glogau und Breslau wurden am 12. bzw. 16. 2. eingeschlossen; jene hielt sich bis zum 1.4., diese sogar bis zum 6. 5. Schon am 25. 2. aber hatten Stoßkeile der sowjetrussischen Armeen die Lausitzer Neiße erreicht. Die Front verlief am 8.5.1945 von der Neiße nördlich Görlitz etwa über Lauban, Löwenberg, Striegau, Strehlen, Neisse, Jägerndorf, Troppau, Hultschin nach Teschen."

Mit dem Einmarsch der Sowjetarmee begann für uns Oberschlesier der Krieg. 
Den Krieg, mit allen seinen Gräueln, brachte erst die sog. "Befreiung". Bis zum Jan. 1945 bekamen wir nicht viel mit vom Krieg. Die Rationierung der knappen Lebensmittel erinnerte an Krieg, sonst nichts. Vater hatte eine kleine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren zu betreuen. Obwohl die Lebensmittel für alle knapp waren, hat Mutter immer auch Butterbrote für "seine Russen" mitgegeben. An einem geheimen Platz, im Holzstapel, war das Versteck für diese Butterbrote. Besonders tragisch, dass die Russen dann ganz anders, mit Vater als
Zwangsarbeiter umgegangen sind.

Für viele russische Zwangsarbeiter, war es ebenfalls eine "fuc_king Liberation". Stalin hat sie verhaften lassen und in Lager verbringen lassen, wo sie wirkliche Zwangsarbeit zu verrichten hatten. Ein Schicksal ist mir persönlich bekannt. Der Ukrainer hat den Platz, des im Krieg gefallenen Deutschen Bauern eingenommen. Auch bei der Bäuerin im Bett; er zeugte mit ihr ein Kind. Dann kam die "Befreiung". 
Für Stalin waren es "Drückeberger", Kollaborateure, die sich im Feindesland "gut gehen ließen", während die anderen kämpfen mussten. Etwa 80% der "Befreiten" kommen in Lager, bzw. in Verbannung nach Sibirien.

Erst im Jahre 1971 haben wir vom Tod unseres Vaters erfahren. Bis dahin war der Tod Georg Rathay´s, zumindest für seine Familie, die Rathays, die Evangelischen ein düsteres Geheimnis.

 

Postkarte von Vater aus der Zwangsarbeit, 1947
"Kriegs"gefangenen Postkarte
Text: (polnisch - deutsch)
Frau Helene Rathay
Zabrze Gorne Slonsk, Ull. Sosnitze 53
Hindenburg Oberschlesien, Kapmpfbahnallee 53

Als es dann so weit war, die Nachricht vom Ableben unseres Vaters zugestellt, war es schon ohne Belang. Belanglos.
Unsere Schwester hatte Angst vor Vaters Rückkehr, d.h. Angst vor der Frage: "Wo ist die Helene?", "Wo ist Mutter"?
 
Tante Gela (Angela) war die drittälteste von 10 Geschwistern, unsere Mutter Lene (Helene), die Jüngste. Beide haben an einem Tag geheiratet (16.4.28 in Ruda O/S). Es war eine Doppelhochzeit.
Der Volksmund sagt, dass bei einer Doppelhochzeit die Jüngere Schwester zuerst sterben wird. Bei meiner Mutter traf es auch zu. Sie ist 35 Jahre früher gestorben, als ihre 5 Jahre ältere Schwester.

Nach der Vertreibung aus unserer Wohnung sind wir zunächst in dieses Dorf "Liebenhain" (687 Einwohner) gekommen. (1932 ist unser Bruder dort geboren.) Aus irgendeinem Grund, jemand soll gehört haben, wie Tante Gela gesagt haben soll: "versteck´ die Butter, die Lene kommt"-  Auf jeden Fall haben wir Liebenhain verlassen und sind in ein Nachbardorf "Hohenwalde" (394 Einwohner) umgezogen. Ein paar km Nordwest, zu entfernten Verwandten.

Kurz danach wurde unsere Mutter dort erschossen (am Sonntag, den 4.9.1945). Wie und wieso, es gibt mehrere Theorien, wissen wir nicht.  Alle anderen waren in der Kirche, zum Gottesdienst. Nur ich, damals 4,5 Jahre alt, war dabei gewesen. Habe aber keine Erinnerung an diese Untat.

Monat November 1945

Sonntag

Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

 

 

 

 

1
Allerheiligen

2
Allerseelen

3
 

X     4
 
angeschossen

5
 

6
 

7
 

8
 

†    9
 gestorben

10
 

11

12
 

†  13
 beerdigt

14
 

15
 

16
 

17
 

18
 

19
 

20
 

21
 

22
 

23
 

24
 

25
Totensonntag

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Sonntag,  4.11.1945

Freitag, 9.11.1945

Dienstag, 13.11.1945

Tat-Tag

† Todestag

Beerdigung

 

Ich kann mich an den Transport der Schwerverletzten auf einem einfachen Pferde- Leiterwagen, über holprige Strassen erinnern. Ich sehe noch, wie der Wagen mit Stroh ausgelegt wird. Es war bitter kalt.

 

Die Todes-Fahr-Strecke
Die Fahrstrecke zu den  Krankenhäusern. 
Die großen Kreuze markieren die Städte, Groß- Strehlitz, bzw. Andreashütte.


Ich glaube es waren Soldaten, die in den Wäldern Jagd auf "Werwolf"- Mitglieder gemacht haben ("Werwolf" war der gescheiterte Versuch, eine nationale Partisanen- Bewegung aufzubauen. Es ist nie dazu gekommen). Auf der Suche nach Lebensmitteln....(?). Es könnten aber auch Plünderer und Vergewaltiger  gewesen sein. Ich war alleine mit meiner Mutter im Haus geblieben. Die anderen waren in der Kirche (Entfernung ca. 5 km)

Die Fahrt in das Krankenhaus war eine Odyssee! Zunächst ging die Fahrt nach Nordost, in das näher (ca. 8 km) gelegene Krankenhaus in Andreashütte. Dort lagen polnische Verwundete, unsere Mutter wurde abgewiesen. Sie wollten dort keine Deutsche dulden. Nun ging es zurück, nach Südwest, vorbei am Ausgangspunkt Hohenwalde, in das von der Andreashütte, ca. 20 km weit entfernte Krankenhaus in Groß Strehlitz.

Die Fahrt mit der Schwerverletzten, auf einem einfachen Pferdewagen, ging über 30 km. Die Wunde schlecht versorgt, eine Bäuerin hat sie verbunden, stark blutend. Das war wohl das Todesurteil für unsere Mutter. Der Arzt in Groß Strehlitz, ein Deutscher, soll gesagt haben: "wir müssen diese Frau retten. Es ist eine Mutter von drei Kindern". Nach 4 Tagen war unsere Mutter verstorben (am Freitag, 9.11.1945). Wäre unsere Mutter in dem Krankenhaus in "Andreas-Hütte" nicht abgewiesen worden..... Es war Mord, die Schwerverletzte abzuweisen!

Es war Mord, die Schwerverletzte wegzuschicken! Wenn wir auch nicht wissen, wer die Helene Karoline angeschossen hat, so wissen wir doch, wer mindestens genau so schuld am Tod ist: die Polen in Andreashütte!
Polen (nicht "Die Polen") haben meine Mutter ermordet.
Russen (nicht "Die Russen") meinen Vater. 2,5 Jahre später.

Ich erinnere noch das Krankenzimmer und dass meine Mutter auf mich Einredet. Es war im Fieber gesprochen, ich habe nichts verstanden. Ich wusste, dass es wichtig ist; ich wollte mir alles merken. Ich habe aber nichts verstanden, ich war zu aufgeregt. Das waren die letzten Worte meiner Mutter an mich und ich habe nichts verstanden. Ich weiß nicht, was sie mir sagen wollte.

Mein Bruder stand in der Tür und hat geweint. Das Zimmer war hell, durch das Fenster sah man den Spätherbst.

Wahrscheinlich sagte unsere Mutter, wir sollen auf unseren Vater warten, "jetzt, nach dem der Krieg beendet ist, wird alles bald gut werden"(?).

Den Leichenwagen habe ich gut in Erinnerung, ich durfte oben, beim Kutscher sitzen. Es war Dienstag, der 13.11.1945. Aufgebahrt wurde unsere Mutter wieder in Liebenhain, bei Tante Gela,
im kleinen Zimmer. Sie lag in einem schlichten Sarg, der aus einfachen Holzbrettern zusammen gezimmert worden war. Als "letztes Hemd" diente ein altes Nachthemd. Astern waren der Blumenschmuck, die Blumen sollten das schlichte Nachthemd verdecken. 
( Unsere Schwester mag Astern bis heute nicht leiden.)

Von dort ging auch der Trauerzug, in das ca. 5 km weit entfernte Himmelwitz, auf den dortigen Friedhof. Es war ein ergreifendes Ereignis für alle. Der Totengräber konnte sich noch nach 18 Jahren an dieses Begräbnis erinnern (vor meiner Flucht habe ich dieses Grab besucht, um Abschied zu nehmen und mit dem Totengräber gesprochen. Wir haben dieses Grab später für eine Verwandte freigegeben).

Unsere Mutter hat einen, wie damals üblich, Mieder getragen. Die Kugel drang von der Hüfte her in den Bauchraum ein. Auf diesem Wäschestück konnte man das Einschuss-Loch sehen, so wie die Blutspuren. Ich habe es voller Ehrfurcht immer wieder betrachtet, wie eine Reliquie.

 

Ein ähnliches Wäschestück: Mieder, Korsett

Corsage, Korsett, Mieder

In unsere (vollmöblierte) Wohnung in Hindenburg durften wir nicht mehr zurück. Dort gab es noch Lebensmittel und warme Kleidung

Dort haben jetzt die Fremden, die Zuwanderer aus Polen gewohnt Gorole, przybysze. Alle meine Spielsachen und Anziehsachen waren in dieser Wohnung. Die polnischen Herren haben drei Waisenkindern verwehrt nach Hause zu gehen. Wir Kinder mussten auf der Straße bleiben, ohne unsere Sachen. Diese Polen haben drei Waisenkinder beraubt und im Winter auf die Straße gesetzt!!

Unsere Nachbarn aus der Nummer 55 (Kampfbahnallee 55), die Frau Steiner war hochschwanger, wurden aus ihrer Wohnung direkt vertrieben. Eines Tages hat es gegen die Tür geklopft. Es waren zwei bewaffnete Polen (Milizen), die ein älteres polnisches Ehepaar als die neuen Besitzer dieser Wohnung vorstellten.

Die hochschwangere Frau Steiner (ihr Ehemann war interniert, verschleppt) musste mit ihren Kindern ihre Wohnung sofort verlassen, sie durften nichts mitnehmen. Was mit dieser Schwangeren geschehen sollte, wo sie hinsollte, interessierte dieses FROMME polnische Ehepaar nicht. Sie bekamen diese Wohnung "zugeteilt" und nahmen sie wie selbstverständlich in Besitz mit allem, was in dieser Wohnung sich befand. Wie muss man sich da fühlen? Fremde Wäsche, fremde Bilder an den Wänden, das Spielzeug der vertriebenen Kinder. Es waren fromme Menschen, die sehr oft die Kirche aufgesucht haben!

Frau Erika Steiner, damals 19 Jahre alt, bekommt heute noch beim Erzählen feuchte Augen. (Sie hat es mir beim Hindenburger Heimattreffen 2003 berichtet.)

Unsere Wohnung wurde bei Abwesenheit "in Beschlag genommen". Wir durften nicht mehr hinein. Alles, was sich in unserer Wohnung befand, wurde jetzt Eigentum der polnischen Zuwanderer.

 

Vor unserem haus, 1942

1942. Vor unserem Haus
Kampfbahnallee 53. Geschwister Ingrid, Heinz und Peter

Die Kindheit

Unsere Mutter ist mit uns aufs Land geflüchtet, zu unserer Tante Gela. Unsere Wohnung in Hindenburg (Oberschlesien) in der Kampfbahnallee 53, war geputzt, im Keller waren Kohlevorräte sowie ein Kartoffelvorrat angelegt. Die Bettwäsche frisch gewaschen und gebügelt. In diese Wohnung wurden Polen einquartiert. Eine fremde polnische Familie wohnte nun in unserer Wohnung, benutzte unsere Sachen, aß unsere Kartoffel, heizte mit unseren Kohlen. Fremde Kinder spielten mit meinen Spielsachen, schaukelten auf meinem Schaukelpferd. Ich durfte keine Spielsachen mitnehmen, das hat mir sehr wehgetan. Meine älteren Geschwister hatten viel mehr zu verlieren. Wir waren alle plötzlich ohne Vergangenheit. Es gab keine Andenken mehr, keine Geschenke, z.B. von Freunden, oder Weihnachts-/Geburtstagsgeschenke, keine Erinnerungs- Photos. Die Vergangenheit existierte nicht mehr. (20 Jahre später habe ich nach der Flucht in den Westen, erneut meine Vergangenheit verloren.)

Wir Geschwister wurden getrennt. Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie Starzinsky), Heinz zu Onkel Paul (Paul Sch.),

 

Onkel Paul

Onkel Paul + Tante Grete, die Cousins Reinhard + Ernst, die Cousinen Bärbel + Reinhilde

d.h. zunächst kam er auf einen Bauernhof, und ich blieb bei Tante Gela und Onkel Rufin. Für mich eine besonders schlimme Zeit. Mutter tot, Vater nicht da, verschleppt nach Russland und jetzt auch noch meine Geschwister weg.

In dieser Zeit, über ca. 5 Jahre haben wir uns kein einziges Mal gesehen. Wir sind quasi als Einzelkinder aufgewachsen. Es waren "nur" ca. 40 km dazwischen, aber für uns Kinder nicht zu überwinden. Deutsche durften nicht ins Landesinnere reisen. Nur in Richtung Westen durften Deutsche reisen, ohne Recht auf Rückkehr. Durch weiße Armbinden, die sie tragen mussten, waren sie zu erkennen. Erst 1950/51 kamen wir wieder zusammen. Ein richtiges "Brüder-Verhältnis" ist nie entstanden. Wir blieben uns fremd. Für Besuche musste man diese 40 km zu Fuß zurücklegen. 

Es hat dann Jahre gedauert, bis wir die Herausgabe unserer Möbel einklagen konnten. Eine Tante hat sich dieser Sache für uns angenommen. Wir wurden inzwischen zu polnischen Staatsbürgern gemacht "Verifiziert" (ohne gefragt zu werden). Diese Wohnungs-Besatzer hatten dann nur die Küche und die Bettwäsche herausgegeben. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Waschmaschine (ein "Schwenker" und weitere Gegenstände wurden einbehalten. Die herausgeklagten Sachen waren total verwanzt und kaum zu gebrauchen. Wir hatten aber nichts anderes. Wanzen wurden unsere Bettgenossen. Die Tapete über meinem Bett, war voller roter Flecken, vom Blut der zerdrückten Wanzen. Gewohnt haben wir zu dieser Zeit, 1951/52, zu dritt in einer feuchten Einzimmer/Küche-Kellerwohnung ohne Heizung, in der Florian Str. 11 ((Ulica Floriana), Vermieter Fam. Chwalczyk.). Es war sehr kalt und feucht  in dieser Wohnung, ich bekam Tuberkulose. Mein Bruder hat sich meine Eigenschaft, Körperwärme schnell zu entwickeln sehr gelobt. Diese Eigenschaft besitze ich noch heute.

Die Schule

Die Dorfschule in Liebenhain, das dann Barut genannt wurde, war in Ordnung. Die Lehrerin, entweder Jadwiga Zwolinska, oder Bronka, hat uns gut geführt. Die ersten zwei Klassen habe ich dort besucht. Die 3. Klasse in Hindenburg O/S (Zabrze) war ebenfalls sehr angenehm. Ich war Klassenbester und Klassensprecher. Erst der Wechsel mitten im Schuljahr an die Schule in einem Vorort von Hindenburg (Nordost), Biskupitz (Biskupice) brachte den Einbruch.
In der Schule in Hdbg war ich zum zweiten mal verliebt. Ich wusste wo sie wohnte, im 2. Stock, mit Balkon. Ich stand oft auf der anderen Straßenseite, hoffend, sie kommt zufällig herunter. Leider musste ich dann die Schule wechseln.

Meine Lehrer dort waren ehemalige Partisanen (nach heutigem Sprachgebrauch: TERRORISTEN), die zu Lehrern ernannt wurden. "Przybysze", Gorole genannt. Deren vornehmste Aufgabe war, uns Autochthon das Deutschsein auszutreiben. Wie so oft bei Zwang, ist es absolut nicht gelungen. Im Gegenteil, diese Bestrebungen haben aus uns stolze Deutsche hervorgebracht. Dass ich "Stolz bin, ein Deutscher zu sein" verdanke ich diesen Bestrebungen und einer Nachbarin aus der Florianstraße. Sie hat mit mir über die Deutschen und Deutschland gesprochen und die wahren Gründe des Krieges. Sie sagte mir z.B., dass die Deutschen in diesen Krieg gezwungen wurden. Zum Beispiel auch wegen der  vorbereiteten Vertreibung der Sudetendeutschen, vorbereitet, lange vor Ausbruch des 2. WK.
Sie sagte, dass die USA durchaus die Möglichkeit hatten, Auschwitz zu verhindern. Sie haben Auschwitz jedoch als Grund für einen Überfall Deutschlands benötigt (ähnlich dem Vorwand: Massenvernichtungswaffen im Irak) und deshalb nichts unternommen.
Sie sagte mir, dass Deutschland den Krieg Mitte 1944 beenden wollte. Aber besonders die Engländer wollten die totale Vernichtung Deutschlands und nahmen die ca. 20 Mio. Toten in Kauf.
Sie sagte mir, "Vorsicht, es wird viel gelogen werden".
Nach der Schule durfte ich sie manchmal besuchen, bekam immer etwas zu essen von ihr. Sie wohnten im 1. OG in diesem Haus. Sie hat das korrigiert, was die Lehrer uns über die Deutschen und Deutschland so erzählt haben. Kurz darauf wurden sie vertrieben, aber alles, was sie mir erzählt hat, ist geblieben.

Im Westen ist man da subtiler und effektiver vorgegangen. Viele Westdeutsche verleugnen ihre Abstammung und "schämen sich, Deutsche zu sein". Ich muss aber den Polen bescheinigen, dass sie uns nicht als Verbrecher, sondern als unterlegene, gleichwertige Gegner gesehen haben. Mit Auschwitz und Holocaust und Gaskammern kam das alles erst viel viel später. Damals war Auschwitz noch kein "Vernichtungslager für Juden". Es wurde später vereinnahmt.

Eine berechtigte Frage könnte lauten, warum haben wir Polen nicht verlassen? Unser Vater wurde am 29.1.1945 als Zwangsarbeiter nach Russland (genauer Ukraine) verschleppt. Unsere Mutter wollte aber nicht, dass unser Vater, sollte er zurückkommen, uns nicht wieder findet. Deshalb sind wir in Schlesien geblieben. Im Nov. 1945 wurde unsere Mutter erschossen, unser Vater kam nicht zurück. Sie wussten von dem Tod des jeweils anderen nicht. War das ein kleiner Trost, in der Sterbestunde? Vater konnte hoffen, dass sich Mutter um uns kümmern würde. Die einzige Gefangenenpost-Karte hat er an die Mutter adressiert. Obwohl Mutter schon seit zwei Jahren tot gewesen ist. 
Für uns drei, jetzt Vollwaisen, 4,5 / 13 / 16, war eine Ausreise unmöglich. Wir wurden Gefangene und Sklaven der Polen. Zunächst mussten wir die Sprache der neuen Herren erlernen. Der erste Satz, der mir beigebracht wurde, lautete: "ich bin ein polnischer Pollak". Mein Bruder hatte, durch den Krieg bedingt, etwa 6 Jahre ordentlichen, Deutschen Schulunterricht. Meine Geschwister besuchten die Zedlitz-Schule in der Zedlitzstraße (heute Królewska) 1944 wurde dort ein Lazarett eingerichtet, die Schule musste umziehen. Unsere Schwester hatte eine abgeschlossene deutsche Schulbildung. Alle mussten jetzt Polnisch lernen. Meine Geschwister gingen freiwillig in die Schule, ohne Anmeldung, saßen ganz hinten in der letzten Schulbank und haben zugehört. Kinder lernen schnell. Es hat dann sogar für Büroarbeit gereicht. Ingrid war im Lohnbüro der Grube beschäftigt. Heinz hat im "Institut für chem. Kohleveredelung" Schlosser gelernt.

 

Die Zedlitz - Schule, 1938 - 1940

 

 

Vor der Zedlitz-Schule, 1942

Ingrid vor der "Zedlitz-Schule". 

Die Schulklasse  mit Lehrer 

 

 

Die Männer waren verschleppt oder getötet worden. Wir Kinder mussten mit den Frauen zusammen arbeiten. Zu meinen Aufgaben, ich war kaum 5 Jahre alt, zählte, die Ziege, die viel größer und stärker war als ich, zu hüten, Wintervorräte an Heu (Wrzos = Erika) für die Ziege anzusammeln. Holzspäne für das Feuer-Entfachen zu sammeln, so wie Pilze und Beeren der Saison zu sammeln.
Tante hat mich auch für ihre Fußpflege benutzt. Sie hat ihre Füße im Eimer mit Wasser eingeweicht und ich musste mit einem Messer, mit dem Messerrücken die Hornhaut von den Fersen abschaben. Es war eklig. Der Hof war zu kehren.

Tante Gela hatte viele Legehennen, aber ohne Hahn. Die Hennen sollten Eier legen! Wurde eine trotzdem "gluckig", sie legte dann keine Eier mehr, war "heiß", hatte Tante ein probates Mittel dagegen. Die "heiße" Henne wurde in kaltes Wasser in einen Eimer, immer wieder getaucht, bis sie, die Henne, "abkühlte".
War ein Huhn zu schlachten, war ich freiwillig dabei. Es war sehr einfach. Das Huhn im festen Halt an den Beinen, den Kopf auf den Hackklotz gelegt und schnell mit dem Beil zugeschlagen. Faszinierend für mich war, dass dieses Huhn noch relativ lange, kopflos mit schlapp herunterhängendem Hals, herumgeflattert ist. Man ließ es herumflattern, damit es ausbluten konnte.

Karnickel wurden geschlachtet, in dem man mit einem Knüppel hinter die Ohren schlug, sie wurden dabei an den Hinterläufen gehalten, Mit dem Messer wurde die Kehle geöffnet, und das Bauchfell aufgeschlitzt. Jedes Mal kamen in einer ganzen Batterie, die Hasenbohnen aus dem Darm. Dann wurde das Fell abgezogen und auf Hölzer gespannt zum Trocknen. Fahrende Händler haben diese abgeholt.

Ich habe "anatomische Studien" an diesen Objekten betrieben. Es war spannend.

Tiere um sie zu Essen umbringen, hat mir nicht das Geringste bedeutet. Bei der Bekämpfung der Spatzenplage, konnte ich aber nicht mitmachen. Nester wurden ausgehoben, die kleinen Vögel gegen die Hauswand geklatscht, oder, waren sie größer, der Kopf abgedreht. Mein Vetter war ganz eifrig dabei. Ich konnte nicht mitmachen. Es gab so viele Spatzen, dass das ganze Dorf auf diese Weise vorgegangen ist.
Wir haben Fluss-Krebse gefangen. Entweder man stocherte blind mit der Hand am Ufer unter Wasser und hoffte einen zu ertasten, oder man legte Netzfallen aus. Wirkungsvoll, als Köder waren Frösche. Den Fröschen wurde die Haut abgezogen. Lebten die Frösche noch, um so größer der Fang. Die krebse konnten dem Geruch nach frischem Fleisch nicht widerstehen. Hier musste ich passen.
Die Krebse wanderten lebend im Kochtopf mit heißem Wasser. Man musste nur noch die mittlere Schwanz-Schuppe herausdrehen (ob vor dem Kochen, oder nachher?), an dieser Schuppe hing ein langer dünner Darm.

Wir haben uns (mein Vetter Dieter und ich, Dieter ist 6 Jahre älter) öfters eine Kartoffelsuppe mit Taubeneinlage gekocht. Zuerst haben wir es mit Spatzen versucht - es gab aber nichts zu knabbern daran. Ich kann mich heute noch, an diesen guten Geschmack der Kartoffelsuppe erinnern!

Die Ziege sollte am Straßenrand grasen. Sie wollte aber lieber das saftige Grün der angrenzenden Bauernfelder äsen. Hindern konnte ich sie daran nicht. Sie hat mich einfach mitgeschleift. Wurden wir dabei erwischt, gab's Ärger. Kamen wir zu früh zurück, gab's ebenfalls Ärger. Wann es zurück in den Stall ging, bestimmte die Ziege.

Die Ausflüge in den Hochwald (Hochwalder Forst / Toster Forst) um Waldfrüchte zu sammeln, waren zwar gefährlich, aber für mich immer ein schönes Erlebnis. Mindestens drei Mal habe ich mich im Wald verlaufen. Ausdehnung des Hochwaldes, ca. 20 x 40 km. Niemand hätte mich dort wieder gefunden. Es wäre mein Tod gewesen. Onkel Rufins Belehrungen auf die Umgebung zu achten, haben mich immer nachhause finden lassen. Meine Tante hat mich aber trotzdem immer wieder in den Hoch-Wald geschickt. Ich hatte eine 3 Liter Kanne dabei, die mit Waldfrüchten zu füllen war.

Ein mal habe ich den ganzen Tag im Wald verträumt. Ich lag auf dem Rücken, habe in den Himmel geschaut und überlegt, woher der Wind kommt. Neben mir sonnte sich eine Schlange. Wer macht den Wind? Gegen Abend war die Kanne immer noch leer. In der kindlichen Naivität, habe ich die Kanne mit Gras gefüllt und oben ein wenig Beeren draufgelegt. Tante war, als sie die volle Kanne sah, hocherfreut. Natürlich hat sie bald gemerkt, womit die Kanne wirklich gefüllt war. Sie hat fürchterlich getobt und mich bestraft. Der Onkel kam aber zufällig dazu - seit dieser Zeit musste ich nicht mehr mit dieser 3 L. Kanne in den Wald. In der Vollsaison gingen wir in ganzen Trupps in den Hochwald zum Blaubeeren sammeln. Es ging dann Kilometer weit in den Hochwald hinein. Manche hatten einen selbstgefertigten Kamm zum Ernten der Beeren dabei.

Im Sommer gehörte auch zu meinen Aufgaben, den Wasserbehälter im Garten mit Wasser zu füllen. Von der Wasserpumpe im Hof wurde eine Rinne herübergelegt. Jedes Mal waren meine Handflächen voller Blasen. Zum Waschen gab es im Sommer wie im Winter nur Brunnenwasser. Die Pumpe, regelmäßig eingefroren, musste erst aufgetaut werden. Das Wasser natürlich eisig kalt.

Eine Strafe der Tante hat mich besonders getroffen. Es war Weihnachten 1947 (oder 48?). Es sollte Geschenke geben. Mein Vetter hat mich zwar im Vorfeld geärgert: "Du kriegst nichts. Du bist böse". Ich hab's ihm nicht geglaubt. Dann kam die Bescherung. Für mich gab es ein Nest mit Kartoffelschalen und Holzkohlestückchen aus der Ofenasche. Ich hab lange gewartet, ob nicht doch noch was kommt; aber es ist dabei geblieben. Es ist meiner Tante wirklich gelungen mich empfindlich zu treffen. Ich fühle diese Enttäuschung noch heute.

Onkel Rufin war diese Weihnachten nicht zu hause.

(Was war mit der Tante Gela geschehen? Ihre Schwester Lene wurde aus ihrer Wohnung mit ihren drei Kindern vertrieben und hat allen Besitz verloren, hatte nur das, was sie und ihre drei Kinder auf ihren Körpern trugen. Ihre Schwester Lene hat ihren Mann und Beschützer verloren, Georg wurde zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt.

Tante Gela hat ihre Schwester weggeschickt, nicht bei sich aufnehmen wollen. Wir mussten auf einen Bauernhof, in ein paar km weiter gelegenes Dorf ziehen. Dort kam ihre Schwester, unsere Mutter, ein paar Monate später ums Leben. Zurückkehrt ist ihre Schwester als Tote, dann durfte sie das kleine Zimmer belegen, durfte im kleinen Zimmer aufgebahrt werden.

Hat Tante Gela sich schuldig gefühlt am Tod ihrer Schwester? Wurde sie durch meinen ständigen Anblick daran erinnert? War es die Vergewaltigung durch die neun Rotarmisten und die Gräuel, die sie im Dorf an ihren Nachbarn Mitansehen musste? Oder alles das zusammen?

Tante Gela war sicher keine böse Frau. Die Umstände haben sie so hart werden lassen.

Ihr Mann, Onkel Rufin in einem Erdloch im Wald versteckt, sie alleine mit ihrem 10 jährigem Sohn, kaum Lebensmittel für sich und dann noch 4 Esser zusätzlich. Schuld an Allem, war die Art der "Befreiung"!)

Onkel Rufin hat mit mir gerne Karten gespielt. Es waren deutsche Karten, die Farben: Eichel, Grün, Herz, Schell. Sein Spruch, wenn er "Grün" (Pik) ausspielen musste, lautete: "Grün! Scheißen die Gänse im Monat Mai". Er hat Scherze mit seiner Glatze gemacht, hat erzählt, wie die Läuse verzweifelt versuchen sich an der Glatze festzuhalten. Den "schwarzen Peter" haben wir gerne gespielt und "Mensch-Ärgere-Dich-Nicht".

 

Onkel Rufin mit Tante Gela und meinen Eltern, 1939

Mit meinen Eltern, 1939 in Liebenhain. Onkel Rufin mit Glatze.


Rechts Eltern daneben, in der Mitte Tante und Onkel

 

Mit 6 Jahren musste ich auch auf die Felder und richtige "Männerarbeit" verrichten. Zum Beispiel den Pferdewagen lenken, die Ernte einfahren, die Wiesen Mähen, das Heu zum Trocknen wenden, das trockene Heu aufhäufen, die Heu-Haufen mit dem Pferdewagen aufsammeln auf den Hof bringen in der Scheune ablegen. Weiter die Tiere füttern, den Stall ausmisten.
Der Bauernhof, auf dem ich arbeiten musste, gehörte der Familie A., in die eine Schwester meiner Mutter eingeheiratet hat. Sehr angenehm war an dieser Tätigkeit, die um 4 Uhr Früh begonnen hat, dass man sich mit den Tieren satt essen konnte. Sie bekamen gestampfte Pellkartoffeln als Futter. Ich kann mich heute noch an den Geruch der frisch gekochten Kartoffeln erinnern. Eine der Hof-Legehennen hatte für ihr Eiergelege einen "Geheimplatz", der nur mir bekannt war. Es gab fast jeden Morgen ein rohes Ei zum Austrinken. Christa hat nach diesem Ei gesucht, ich war immer schneller als sie. Auf den Feldern konnte man die Kühe direkt in den Mund melken. Man hat sich dazu unter die Kuh gelegt. Wahrscheinlich habe ich mir dabei die TB geholt, oder es war doch die Unterernährung und die katastrophalen hygienischen Verhältnisse.

Meine erste Liebe, die Alicia, gehörte zu diesem Bauernhof.

Sie war die Tochter des Bauern Hans. Das Mitte-Kind (Christa, Alicia, Johann). Ein Bruder des Bauern, der Franz, war Händler und Kneipier. Er war Metzger, Wirt und Eigentümer der einzigen Dorfschänke wie auch der Dorfmetzgerei. In der Schänke war ein Billardtisch, ein Klavier und ein großer Saal für Versammlungen. Meinen ersten Kinofilm habe ich dort gesehen.

 

 

Die Dorfkneipe von Franz


Die Dorfkneipe in Liebenhain

 

Alicia hat mich immer wieder in dunkle Ecken, bzw. auf den Heuboden gezogen. Ich sollte Doktor spielen. Wir waren gleichaltrig, trotzdem wusste ich damals nicht wirklich, was sie von mir wollte. Ein mal hat sie ihr Höschen nicht wieder gefunden. Es gab mächtig Ärger. Ihre ältere Schwester, Christa hat sie verpfiffen. 
Bauer Hans und sein Bruder Franz waren interniert. Auf dem Hof waren nur Frauen und wir Kinder. 
Wir, Alicia und ich, haben uns später fast jedes Jahr in den Sommerferien gesehen. Später (mit etwa 8 Jahren), als ich schon ahnte, worauf es ankommt, lauerte ich vor dem Küchenfenster, um Alicia beim Baden am Sonnabend zuzuschauen. Hat sie mich bemerkt, ist sie immer aufgestanden aus der Wanne, um nach der Seife zu greifen.

Es hätte aus uns was werden können. Aber dann kam meine Flucht in den Westen. Leider ist Alicia sehr früh an einem Kopftumor verstorben. Ich hätte sie so gerne noch einmal gesprochen. Bei meinem Abschiedsgespräch vor der Flucht, habe ich mich nicht getraut, ihr die wahren Absichten meiner Reise nach Jugoslawien mitzuteilen. Danach gab es dazu keine Gelegenheit mehr. Ich wollte ihr erklären, warum ich ihr damals die Wahrheit über meine "Flucht auf immer" verschwiegen habe. Hoffentlich hat es sie nicht besonders schwer getroffen. Ich wollte verhindern, dass sie zu Mitwisserin wurde. Sie hat später einen Fernfahrer geheiratet. Kinder hatten sie keine. Es war meine erste große Liebe. Ihr "erstes Mal" hatte sie aber mit einem Dorftrottel im Getreidefeld. Natürlich wurden sie dabei erwischt (oder er hat damit rumgeprahlt) und war dem Spot des ganzen Dorfes ausgesetzt. Ich empfand keine Schadenfreude dabei.

Dass sie verstorben ist, bevor wir miteinander gesprochen haben, dass sie nicht gewartet hat, nehme ich ihr übel! Nach meiner Republikflucht gab es keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Es war praktisch ausgeschlossen, dass wir noch mal zusammen kommen. Schreiben durfte ich nicht, das könnte Probleme mit den Behörden bringen.

Es waren vier Brüder die dieses Dorf beherrschten. Hans war der Großbauer, Franz, kinderlos, der Wirt, Händler und Fleischer, Rufin mein Onkel der Förster des Grafen und Elektromeister, zuletzt der Anton, Kriegsversehrt mit nur einem Arm. Ich habe ihm bewundernd bei der Morgentoilette zugeschaut, wie geschickt er alles mit nur einem Arm verrichten konnte. Bürste, Seife und anderer Gegenstände, hatten einen Saugfuß. 
Er hatte drei Töchter, an eine Ehefrau kann ich mich nicht erinnern.

Mein Bruder Heinz war älter, kräftiger. Er wurde wirklich ausgebeutet. Er musste "wie ein Erwachsener" schuften. Ein anderer Onkel, der Onkel Paul Sch. (Vaters Schwester, Marta) hat ihn "befreit". Er hat ihn in seine Familie (4 Kinder) aufgenommen und zum Schlosser ausbilden lassen. (Warum hat Onkel Paul nicht mich aufgenommen? Den kleinsten?) Ich blieb 3 Jahre dort im Dorf, die 1. und 2. Schulklasse habe ich dort besucht. Geschlafen habe ich über dem Stall, im Heu. Der Stall befand sich gegenüber dem Wohnhaus.

Schön war es, vor dem Einschlafen dem Chor der Hofhunde im Dorf zu lauschen. Einer hat angeschlagen und dann gings es reihum - einer nach dem anderen. War es im Winter besonders kalt und war Onkel da, durfte ich auch im Haus schlafen. Auf einem alten Sofa wurde für mich gebettet. Tante Gela kam vor dem Einschlafen immer nachsehen, ob meine Arme über der Bettdecke liegen. "Die Mutter Gottes mag es nicht, wenn kleine Jungs die Hände unter der Bettdecke halten".

Diese Zeit war von Hunger und Entbehrungen geprägt. Verletzungen wurden mit Urin desinfiziert und mit Kräutern (Aloe Vera) geheilt. Ich bin vom Dach des Schuppen herunter gesprungen, direkt auf ein Brett mit einem rostigen Nagel. Der Nagel ging durch meinen Fuß hindurch. Urin heilt und desinfiziert. Ich musste mir selber helfen, sonst wäre ich noch bestraft worden. Einen Arzt hätte es auch nicht gegeben. Meine Hauptmahlzeit war eine immer angebrannte, dünne Suppe aus der Volksspeisung. Diese Suppe wurde in der Schule ausgegeben. Bevor ich eingeschult wurde, wartete ich schon ungeduldig, bis mein Cousin aus der Schule kam und diese Suppe im Becher mitbrachte. Manchmal hat er die Hälfte unterwegs verschüttet. Ob er wirklich wie er manchmal behauptete, hineingespuckt hat, will ich lieber nicht wissen.

Verschiedene Naturfrüchte wurden konsumiert. Z. B. auch das "Johannisbrot", Sauerampfer, Maiskolben, oder was gerade reif gewesen ist. Gerne wurden die Weißkraut Köpfe direkt vom Feld im Liegen "herausgefressen". Vom Zahnfleisch sind Blutspuren drauf geblieben. Der Bauer hat gerätselt, welches "Tier" diesen Fressschaden wohl angerichtet hat? In dieser Zeit wurde der Grundstein für die später erkannte, offene TB bei mir gelegt. Wahrscheinlich durch die (ungewaschenen) Feldfrüchte der gedüngten Felder bekam ich Würmer. Auch ein Bandwurm hat sich bei mir eingenistet. Eine Zeitlang haben wir jeden Tag eingelegte Heringe gegessen, d.h. ich das Heringswasser, angereichert mit Zwiebelringen und sauren Gurken. Pellkartoffel gab's dazu. Es wurde ungemütlich für diesen Bandwurm, er hat sich von selbst verabschiedet. Für mich war es dramatisch. Unterwegs in den Wald um Waldfrüchte zu sammeln, merkte ich ein seltsames jucken, da hinten. ich griff da hin - da war was! Ich zog daran und hatte in der Hand ein ca. 1 m langes Ungeheuer. ich schleuderte das weg und rannte fort, immer tiefer in den Wald, von Panik getrieben. Ich wusste nicht, was das war. Den Bandwurm wurde ich aber los.
Angenehm waren die vielen Gespräche mit meinem Onkel Rufin. er hat mir mit 5 Jahren das lesen und Rechnen beigebracht. Auf dem Heuboden waren verschiedene Deutsche Bücher, eine Enzyklopädie, so wie einige Jahrgänge der Zeitschrift "Die Gartenlaube".

In der Dorfschule, es gab nur eine Klasse für alle Kinder, habe ich, während die anderen Erstklässler das ABC laut nachsprechen mussten, (auf Polnisch: "Abecadlo z pieca spadlo, A, zlamalo nózke....", übersetzt: "Das ABC ist vom Ofen gefallen. Das "A" hat sich ein Beinchen gebrochen....") die Geschichten aus den Lesebüchern der höheren Klassen gelesen. Ich war für die Dörfler ein "Wunderkind". Einmal hat sich ein Dorfjunge aus der höheren Klasse besonders dumm beim laut Lesen angestellt. Da hat die Lehrerin mich vorlesen lassen. "So musst du lesen können" sagte sie. Ich war noch keine 7 Jahre alt. Später, in der 6. Klasse (oder 7.?) habe ich den Lesewettbewerb, als bester der Schule gewonnen. Zu den Landesmeisterschaften wurde aber ein Kind eines Repatrianten geschickt. Das war nichts für einen Autochthon. Das hat mich schwer getroffen. Das war die erste Diskriminierung der Deutschen in Schlesien, die mich persönlich getroffen hat. (3)

Sehr oft sind wir in die Wälder um zu Wildern gegangen (Onkels Bruder, der Franz, war ja Fleischer!), oder auch nur so in die Natur. Um vier Uhr Früh sind wir los. Ich wartete schon ungeduldig unten, bis Onkel aus dem Haus herauskam. Ich musste ja nur die Leiter vom Heuboden heruntersteigen. Onkel ging voran und ich habe versucht, hinter ihm gehend, in seine Fußstapfen zu treten. Unterwegs zeigte mir der Onkel interessante Pflanzen und wie man die Vögel am Singen identifiziert. Auch wie man durch Beobachten der Umgebung sich helfen kann: z.B. ein Flugzeug, flog jeden Tag um 10 Uhr über den Wald (Uhrzeit). Moos an Bäumen von einer Seite, die Himmelsrichtungen, u. w. m.

Es wurden Fallen aufgestellt, bzw. Fischreusen für den Fischfang ausgelegt (im staatlichen Fischzucht-Teich!). Flusskrebse gefangen. Diese wurden lebend in kochendes Wasser geworfen, nachdem die mittlere Schwanz-Schuppe herausgerissen wurde. 
Kräuter haben wir gesammelt und dann getrocknet. Für sein Rheuma wurde eine Tinktur bereitet. Man füllte eine Flasche mit ein wenig Zucker, legte diese in einen Ameisenhaufen mit roten Waldameisen. Waren genug Ameisen in dieser Flasche, wurde mit Alkohol (Spiritus) aufgegossen und die Flasche verschlossen.

Onkel Rufin hat öfters die Tante in ihrer Strenge gebremst. Ich verdanke ihm alles.

Später, als ich die Abendschule besucht habe, wurde ich für die Tante zu einer Art Favorit. Ich hatte das Recht bekommen, in der "guten Stube" zu rauchen. Als einziger überhaupt. Tante Gela hat nach meinem Abschied die Gardinen abgehängt, um sie zu waschen.
Der Onkel hatte damals schwere Asthma. Ich höre heute noch seine Hustenanfälle. Natürlich durfte er nicht rauchen. Es war für ihn aber eine kleine Abwechslung, in seinem zu Ende gehendem leben. "Peter" sagte er, wenn die Tante nicht zugegen war, "bitte mir eine Zigarette an!". Ich rief dann laut, so dass die Tante Gela es hören musste, "Onkel, rauch doch mal eine mit mir". Dann durfte er auch eine rauchen.
Mit meinem Cousin Dieter hat sich eine Freundschaft entwickelt. Er war damals Betriebselektriker im Hindenburger Kraftwerk. Er hatte eine weite Anreise. Zuerst mit dem Moped nach Groß Strehlitz (ca. 11 km), dann mit der Eisenbahn, ca. 40 km und zuletzt mit dem Bus. Bei Schichtwechsel von Nachtschicht zu Spätschicht, oder von der Frühschicht zu Nachtschicht, war die Zeit zu kurz, um nachhause zu fahren. Dieter kam dann zu uns in die Wohnung. Wir saßen beide über einer Weltkarte und haben geträumt von Reisen in Fremde Länder. Zu dieser Zeit war absolut ausgeschlossen, dass einer von uns jemals ins Ausland würde reisen dürfen. Absolut ausgeschlossen! 
Onkel Rufin erkrankte an Magenkrebs. Er sollte operiert werden, aber die Kranken mussten selber für Blutkonserven sorgen. So lange musste mit der Operation gewatet werden. Unsere ganze Familie, mich eingeschlossen, ist nach Groß Strehlitz in dieses Krankenhaus gereist, um Blut zu spenden. Es war mir eine besondere Freude, Onkel Rufin diesen Gefallen zu tun.
Bei dieser Gelegenheit hat sich herausgestellt, die Blutuntersuchung bei Dieter hat es gezeigt, dass Dieter ernsthaft erkrankt gewesen ist. Sein Blut konnte nicht verwendet werden, Dieter musste sofort im Krankenhaus bleiben, für mehrere Monate.
Dort hat er seine spätere Ehefrau kennen gelernt, die in diesem Krankenhaus beschäftigt gewesen ist (sie hat in seiner Karteikarte gesehen, dass er im besten Alter ist, unverheiratet gewesen ist und einen guten Beruf hatte). Sie sind heute noch verheiratet und haben zwei Söhne.
Onkel Rufin hat diese Operation nicht überlebt.

In den Sommerferien wurde ich immer wieder auf einen Bauerhof geschickt, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit neun Jahren musste ich das erste Mal alleine mit der Eisenbahn hinreisen. Ich war stolz auf mich. Leider hatte ich nie Geld mitbekommen für die Heimreise. ich musste es mir dann erbetteln. Die Arbeit war hart, es wurde alles ohne Maschinen verrichtet. Die Heuwiesen mussten gemäht werden und das feuchte Gras in der Sonne mit einem Rechen zum Trocknen immer wieder gewendet werden. War es trocken genug, wurde aufgehäuft und die Heuhaufen mit einem Leiter- Pferdewagen aufgesammelt und auf den Hof gefahren. Im Hof wurde mit Mistgabeln der Wagen entladen, in dem große Büschel hoch bis zu der "Fichla", einer niedrigen Öffnung, oben in der Scheune, wo das Heu gelagert wurde als Wintervorrat, gereicht wurden.
Bei der Getreideernte war die Arbeit noch schwieriger. Mit einer Sense wurde das Getreide gemäht, hinter den Mähern gingen die Frauen, die gebückt, mit einer Sichel in der Hand, immer so viele Getreide aufgenommen haben, dass es für eine "Puppe" reichte. In der Mitte wurden die Puppen festgebunden, ebenfalls mit einem Bündel dieses Getreide. Mehrere Puppen wurden aneinander gelehnt zu größeren Einheiten zusammengestellt und mit einem Pferdewagen abgeholt. Jedes größere Dorf verfügte über eine gemeinsame Dreschmaschine. Angetrieben wurde sie über einen breiten Riemen vom Tracktor.

Das Plumps-Klo

Hinter dem Brennholz-Schuppen war das Plumpsklo. Onkel hat zwei Öffnungen für die Sitzungen angebracht. Eine große und eine kleine, für Kinder. Die Fäkalien Grube musste regelmäßig entleert werden, es war Dünger für die Rhabarberbeete. Im Winter wuchs ein gefrorener „Mann" in die Höhe. Dieser musste dann mit einem schweren Gegenstand "umgehauen" werden. Onkel Rufin hat mir von einem Geist erzählt, der manchmal in der Grube die Po´s abwischen würde. Ein Mal wollte er ihn auch sehen und hat sich mit seinem Glatzkopf über die Kinderöffnung hinuntergebeugt. Der Geist meinte es ist ein weiterer Po und hat über seine Glatze gewischt.

Die Tante hatte zwei ihrer drei Kinder verloren. Der Erstgeborene ist ertrunken, die Tochter Rita an Blinddarmentzündung, durch die Dummheit des Arztes verstorben. Sie hat dann ihr einziges noch verbliebenes Kind, meinen Cousin Dieter mit Liebe und Fürsorge fast erdrückt.

1949 (oder 50?) sind wir drei Geschwister zusammengekommen und in diese Kellerwohnung in Hindenburg gezogen. Dort habe ich das halbe 3. Schuljahr absolviert. Den Rest der Hauptschule (ohne Abschluss!) dann in Biskupitz (Hindenburg Nordost, Schule Nr. 21).

Als Kind

Ich habe weder ein Roller, Fahrrad, noch Rollschuhe, bzw. Schlittschuhe oder gar Ski besessen. Ich kann mich an keinen einzigen Schwimmbadbesuch erinnern. Wir haben kein einziges mal Urlaub gemacht.

((1)  (Weihnachten1945 waren wir drei Halbwaisen und wurden getrennt. Vater wurde Zwangsarbeiter in der Ukraine, Mutter lebte nicht mehr. Unsere Schwester Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie), die gerade Witwe geworden ist. Bruder Heinz wurde Landarbeiter bei der Familie des Bauern Hans A. und ich blieb bei Tante Gela (Angela)

(2) (Anm. vom 15.10.03. Sollte sich das Grab unseres Vaters auffinden lassen, werde ich eine Rückführung veranlassen. Eine Heimholung nach 60 Jahren. Er wollte nachhause. Alleine ist es ihm nicht gelungen, also müssen wir das jetzt übernehmen. Überführung nach Himmelwitz (Jemielnica), dort wo unsere Mutter bestattet worden ist. Möglich wäre auch die Stadt Hindenburg, bzw. die Stadt Ruda, seiner Geburtsstadt. Ruda wurde 1921, nach dem Plebiszit Polen zugesprochen. Mein Vater beherrschte deshalb auch die polnische Sprache.)  

(3)  (Die "Gutmenschen" in der Bundesrepublik werden jetzt sagen, "das war positive Diskriminierung".)

Die Russen wurden "heiß" gemacht. Heiß auf Deutschland, deutsche Schätze und Deutsche Frauen. Die Politoffiziere der Sowjets schulten die Rotarmisten entsprechend. Die Rotarmisten sollten besonders hart gegen die "Kapitalisten" vorgehen. Zu erkennen waren diese Kapitalisten an dem Besitz einer Uhr oder eines Fahrrades.

Die Rotarmisten sagten "Patschkoj pajdiom w germanij" - "Warte, wenn wir in Deutschland sind!".

Auf die Deutschen Frauen hat die Rotarmisten besonders der jüdische Schriftsteller Ilija Ehrenburg gehetzt. Nachfolgend zwei Artikel aus der "Prawda":

 

"Tötet!"

"Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet!
Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist.
Folgt der Anweisung des Genossen Stalin und zerstampft das faschistische Tier in seiner Höhle.
Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen,
nehmt sie als rechtmäßige Beute.
Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet."

Ilja Ehrenburg (in Prawda)

 

"Töte!"

 "Von jetzt an ist das Wort 'Deutscher' für uns der schlimmste Fluch. Von jetzt an läßt das Wort 'Deutscher' das Gewehr von alleine losgehen. 
Wenn Du nicht einen Deutschen am Tag getötet hast, war der Tag verloren. 
Wenn Du glaubst, daß Dein Nachbar für Dich den Deutschen tötet, hast Du die Gefahr nicht verstanden. 
Wenn Du einen Deutschen getötet hast, töte einen weiteren - nichts stimmt uns froher als deutsche Leichen."

 Ilja Ehrenburg (in Prawda)

(07.05.2005 15:34:56)

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Die Jugend

 Nach der fast vollständigen Vertreibung der einheimischen Bevölkerung aus Oberschlesien, mussten die freigewordenen Wohnungen und Häuser und Bauernhöfe, mit neuen Bewohnern besiedelt werden. Dazu wurden großartige Rückführungsaktionen für Repatrianten (Rückkehrer nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt) gestartet. Es handelte sich um Polen, die vor Jahrzehnten in den Westen ausgewandert waren. Vornehmlich nach Frankreich sowie nach Belgien in den dortigen Bergbau. Viele sind unterwegs in Westfallen im Bergbau "hängen" geblieben. Die polnischen Behörden haben dazu Werber in die Bergbaugebiete Frankreichs und Belgiens geschickt.

Allen Repatrianten wurden von den Werbern voll funktionierende Bauernhöfe von vertriebenen Deutschen, mit gefüllten Kornspeichern sowie mit Kühen und Pferden im Stall zugesagt.

Es war Betrug, denn für alle gab es das nicht. Außerdem waren die Vorräte längst aufgebraucht, die Tiere aufgegessen. Die besten Bauernhöfe, haben die Funktionäre für sich beschlagnahmt. Viele dieser Repatrianten waren sehr verbittert, aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr. Sie haben uns oft von ihrem Leben in Frankreich, bzw. in Belgien berichtet. Wir konnten es nicht glauben, so paradiesisch schien es gewesen zu sein. Manche haben dabei geweint und waren voller Wut auf sich selber. Sie hatten viele Vorteile, wurden privilegiert, aber ein Ersatz, für das, was sie zurückgelassen haben, war es keinesfalls.

War eine ausgesuchte Wohnung / Bauernhof noch mit Deutschen belegt, wurden diese in extra dafür eingerichtete Lager verfrachtet oder einfach auf die Strasse gesetzt. Und das im strengen Winter 1945 (im Jan. 45 bis -22o C, bis 40 cm Schnee). Es gab mindestens 2.500 dieser Lager, die oft Todeslager gewesen waren. Bei bestimmten Lager- Kommandanten konnte man auch von Vernichtungslagern sprechen, vom Holocaust an der deutschen Bevölkerung. Siehe Prozess gegen Gemborski. (Vor dem Woiwodschaftsgericht in Oppeln wurde am Freitag, dem 27. Januar 2001, der Mordprozess gegen den ehemaligen Kommandanten des Aussiedlungslagers Lamsdorf, Czeslaw Geborski, eröffnet. Die Bezirksstaatsanwaltschaft beschuldigt den heute 76jährigen der geistigen Urheberschaft von 48 Fällen von Totschlag zu tragen)
Die Deutschen mussten weiße Armbinden tragen. Zugreisen in das Landesinnere waren den Deutschen untersagt. Nur in Richtung Westen durften Deutsche reisen.

Die Vertreibung war nicht vollständig. Im Gegenteil, Facharbeiter durften das Land nicht verlassen. Die Steinkohle musste weiter gefördert werden, der Stahl produziert werden. Nur in dem Maße, wie Migranten, Zuwanderer aus Belgien/Frankreich diese Arbeiten übernehmen konnten, wurden Deutsche Facharbeiter ausgesiedelt.

Diese Migranten  (gen. "Repatrianten") genossen Sonderrechte, zuungunsten der Autochthonen (Autochthon: griechisch für Eingeborener, Unterschied zu Zugewandert / Ausländer). Jedes Jahr mussten wir Kinder in den Schulklassen ein Formular ausfüllen, in dem angekreuzt werden musste: Autochthon: Ja/Nein. Diese Fragen nach "Autochthon" waren notwendig, nachdem die deutschen Namen in polnische geändert werden mussten. So hieß mein Freund "Kühn" nachher "Krawczyk". Mein Name polnisch geschrieben "Rataj" klang russisch. ("Rataj" ist in der russischen Sprache ein "bewaffneter Reiter"). Ein anderer, "Schütze" wurde übersetzt in "Strzelec", usw.
Die Diskriminierung habe ich persönlich in der 6. (oder 7.?) Schulklasse erfahren, als nach dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, ein Kind eines Repatrianten zum Landes-Wettbewerb geschickt wurde.

Ich war mit einem Migranten-"Repatrianten" -Jungen angefreundet. Es war der Luboń (Lüboh), der in meine Klasse ging. In diese klasse ging auch der "Dreifinger". Bieniok (oder Chmielok?) (Eis-Bieniok). Sohn des Eis-Café - Zuckerwarenfabrikbesitzers. Sein Onkel (oder war das sein Vater?) hat uns Kinder gerne bei der Bonbonherstellung eingespannt. Er hat uns auf eine unverschämte Weise ausgebeutet. Ganzen Nachmittag, bis abends für eine Handvoll Bonbons mussten wir arbeiten. Es galt, eine Pressmaschine mit einer Kurbel zu drehen. Oben, in den Trichter, kam die Zuckermasse, unten fielen dann die Bonbons heraus. Der Onkel galt als Schrullig. Er wähnte sich einen Opernsänger und hat auf der Straße, oder in der Straßenbahn laut Arien geträllert.

"Dreifinger" hatte an der rechten Hand, von Geburt an, nur drei Finger. Über seinen Onkel verfügte er über Unmengen an Schokolade so wie an Süßigkeiten und konnte uns verschiedentlich einsetzen. Zum Beispiel sollte ich für eine Tafel Schokolade auf den Hochspannungsmast klettern. Ich glaube, er hat gehofft, dass ich herunterfalle. Zunächst hat er sich geweigert, die Schokolade herauszurücken, nachdem ich gesund wieder herunter gekommen bin. Es hat ihm nicht bekommen! Die Schokolade haben wir uns dann geteilt. 
Er erzählte uns lustige Geschichten aus den niederen Schulklassen. Es wurden Finger bei kleinen Rechenaufgaben eingesetzt. "Wie viele Finger hast du, Bieniok? Zähl mal". "Acht, Herr Lehrer."

Die Freundschaft mit dem Luboń ist nicht gut ausgegangen. Es drohte ihm das Sitzen bleiben, er hatte Angst und hat überlegt, von zu Hause wegzulaufen. "Kommst Du mit?", er hatte Angst alleine wegzulaufen. Als es dann so weit war, das schlechte Zeugnis ausgehändigt, hat mein Luboń erzählt, ich hätte ihn dazu angestiftet, abzuhauen. Er wollte damit vom Zeugnis ablenken. Es gab ein riesiges "Tamtam". Ich sollte von der Schule gewiesen werden. Eine Lehrerin hat sich der Sache angenommen und es aufgeklärt. Später wurde er von mir dafür verprügelt.  

 

Deutsch sprechen verboten

Link

( Dokument przechowywany jest w Archiwum Akt Nowych
(mikrofilm 2152/ 5. sygn. 295/X - 40. k 26.27). )


Hindenburg Nordost. Biskupitz.

Wir haben in dieser Kellerwohnung in Hindenburg gehaust, bis unser Bruder seine Ausbildung beendete und eine Anstellung als Schlosser im "Institut für chem. Kohleveredelung" angetreten ist. Sein Meister hat uns in dieser Keller- Wohnung besucht. Er war entsetzt und weil gerade eine Betriebswohnung frei geworden ist, hat er diese Wohnung an ihn vermittelt. Wir durften sofort umziehen. Er besorgte einen alten Laster, mit dem wir mit unseren Habseligkeiten umziehen konnten. Ich sehe mich noch, auf diesem Laster sitzend.
Diese Wohnung in einem Vorort von Hindenburg O/S, Nordost,  in der Beuthenerstr. 75, im 1. OG. (Biskupitz, der älteste Stadtteil, erste Erwähnung aus 1280).

 
Frontalsicht, mit Pinkelhaus, rechts

Das "Burek"-Haus in Biskuptz
Das "Burek"-Haus in Biskupitz

Links vom Kriegerdenkmal, gegenüber der "Roten Burg"
Links von der "Roten Burg", mit Krieger-Denkmal

Die "Rote Burg", gegenüber das Krieger-Denkmal
Die "Rote Burg", gegenüber Krieger-Denkmal

Zwei Zimmer mit Küche waren für uns, den Rest dieser Wohnung bewohnten zwei andere Familien, mit jeweils einem Kleinkind. Die Wohnung war sehr komfortabel. Ein langer Korridor, "Entree", links und rechts die Zimmer. In der Küche ein großer Küchenofen, Gas-Anschluss (Das Gas kam von der Grube, von der Kokerei und hat nichts gekostet). Vor dem Haus war die Straßenbahnhaltestelle, etwas weiter die Bushaltestelle. Gegenüber die Kneipe "Urban". Links Gegenüber war ein öffentliches Pissoir. Ein rundes, niedriges Gebäude. Dort residierte eine Toilettenfrau, die wir gelegentlich geärgert haben.
Ich musste leider mitten im Schuljahr die Schule wechseln. Es blieb für mich nicht ohne Folgen. In der Schule in Hindenburg war ich Klassensprecher, in dieser neuen Schule wurde ich nicht mehr heimisch.
Endlich hatte ich ein eigenes Bett. Der Vermieter, der Großbauer Herr Burek, war über diese Mieter, zwei Heranwachsende und ein Kind gar nicht erfreut. Er hat uns all die Jahre schikaniert. Es war ein vornehmes Haus. Ein Zahnarzt (Herr Chlapik) hatte dort seine Praxis. Der General der "Jungen Pioniere", die in Polen "Harcerze" heißen, hat dort ebenfalls gewohnt. 

Ich bekam vom Herrn Burek so manche Ohrfeige, aber mit Schmackes, dass es mich zu Boden geworfen hat. Immer stellvertretend für die anderen, z.B. für den Sohn des "Generals". An ihn hat er sich nicht getraut. Er war brutal auch zu den Tieren. Ein mal hat er seinen Hofhund zum Krüppel getreten. Herr Burek war "praktizierender Bauer", er hatte Kühe, einen Zuchtbullen, Pferde und einen Pferde-   Knecht. Dieser Pferdeknecht, der nie gesprochen hat, hat regelmäßig seinen Wochenlohn in der Kneipe gegenüber, "Bei Urban" in Wodka investiert. Er schlief dann im Stall, unter seinen Pferden. 
Für uns war es günstig, wir konnten unsere Matratzen regelmäßig mit frischem Stroh füllen. 
Dieser Zuchtbulle, zu dem immer wieder Kühe zum Decken gebracht wurden, hinten im Hof hinter dem Stall, hat mir geholfen den Jan Kulawik aufzuklären. Er, der 11jährige wurde von Mutter und Tante verhätschelt. Sie badeten ihn jeden Samstag in der Küche in einer Zinkbadewanne. Sie erzählten ihm vom Klapperstorch. Ich wollte ihn aufklären, aber er hat es mir nicht geglaubt. da traf es sich gut, dass gerade eine Kuh zum Decken in den Hof getrieben wurde. Von einem Flurfenster oben, hatte man guten Einblick auf das Geschehen. Jan war erschüttert. Seine kleine Welt ist zusammengebrochen. Er hat seiner Mutter Vorwürfe gemacht, weil sie ihn angelogen habe. Die Konsequenz war, dass er mit mir nicht mehr spielen durfte. Später habe ich gehört, dass ein älterer Schwuler dem Janek ein Fahrrad geschenkt haben soll. 
Gerne denke ich an die Besuche des Neffen der Zahnarzt-Familie Chlapik zurück. Er besaß einen "Stabil- Metallbaukasten", mit dem er nichts anzufangen wusste. War er zu Besuch da, durfte ich mit diesem Baukasten spielen. Es waren Teile aus Metall, mit richtigen Schrauben und Muttern. Es war immer das Größte für mich.
Direkt vor unserem Haus, in "Mitte- Biskupitz" war die Straßenbahn-Haltestelle. Im Haus selber waren Lebensmittelgeschäfte untergebracht. Leider auch ein Fischladen! "Frische Fische(?)". Wir hatten keine Mieter unter uns und konnten bei Partys ordentlich abtanzen (meine Geschwister, später auch ich). Zum Tanzen wurde der Holzboden mit Wachskerzen-Schnipseln behandelt. Mein Bruder besorgte ein altes Grammophon und ich war der Platten- Aufleger.
In der Küche war ein Kohleofen, mit einem Aufbau, wie es die russischen Wohnöfen hatten. Nur nicht so groß. Auf den sibirischen Öfen konnte die ganze Familie Platz finden. Sie schliefen auch auf diesen Öfen. Unser Ofen hatte genug Platz für mich. Ich konnte, oben sitzend, ein Buch lesen. Dieser Ofen musste aber erst angefeuert werden. Geheizt wurde mit Steinkohle, zum Feuerentfachen wurden Holzsplitter benötigt. Mehrmals habe ich versucht mit Zeitungspapier die Kohlen anzuzünden. Es war kein Kleinholz da. Es ging leider nicht. Auch mit einer Gasflamme die Kohlen anzuzünden ging nicht. Ich musste dann frieren, bis meine Geschwister nachhause kamen.  Meine Geschwister arbeiteten auf der Grube und bekamen "Deputat-Kohle" zugewiesen. Acht Tonnen Kohle jährlich, 6 To. in Natura, zwei To. ausgezahlt, wir konnten ein Wenig davon weiter verkaufen. Herr Burek hat mit seinem Pferdewagen diese Kohlen angefahren und kippte die Ladung auf den Bürgersteig vor dem Haus. Mit Eimern haben wir diesen Kohlehaufen, immer eine Tonne, in den Keller tragen müssen. Im zweiten Zimmer, das früher das Wohnzimmer dieser 6-Zimmer - Wohnung gewesen ist, war ein hoher Kachelofen. Manchmal am Sonntag und immer zu hohen Feiertagen, wurde angeheizt. Es war schön.
Jeden Morgen war diese Wohnung "sau-kalt". Es war ein Problem, vor der Schule im eiskalten Wasser sich zu waschen. Es gab Morgens nichts Warmes zu trinken.
Die Küche hatte einen kleinen Balkon zum Hof. Die Balkontür war undicht, in kalten Wintern war alles in der Küche eingefroren. Die Kälte war unerträglich. Erst nach zwei Stunden  lieferte der Küchenofen ein wenig Wärme. Auch das hatte Einfluss auf meine Tuberkulose. Irgendwann ist es jemandem aufgefallen, ich wurde zu Untersuchung zum Röntgen geschickt. Ergebnis: offene TB.
Mit einigen anderen betroffenen Schülern wurden wir in die Berge ins Sanatorium für 6 Wochen geschickt. Dort konnte ich das erste mal nach dem Krieg mich satt essen. Die TB ist ausgeheilt, im Röntgenbild sieht man heute einige "verkalkte Stellen" in der linken Lungenspitze.

Bei jeder Röntgen-Untersuchung, werde ich heute auf die fünf gebrochenen und schlecht abgeheilten Rippen angesprochen. Kann von den Milizen, bzw. den ORMO stammen. Genau lässt sich das heute nicht mehr sagen.
Die Familie meiner Mutter war sehr gesellig und gastfreundlich. Gerne erinnere ich mich an die Geburtstage und sonstige Familienfeste. Es gab Klöße, entweder "polnische"  "halb-und-halb", zur Hälfte rohe und gekochte Kartoffel, oder "Gummi-Klöße", nur gekochte Kartoffel  und Karnickel-Fleisch. Vetter Willy hatte immer Stall-Hasen in Zucht.
Bei ganz besonderen Anlässen gab es Bohnenkaffe. Die Kaffee-Bohnen wurden peinlich genau pro Tasse Kaffee abgezählt und in einer Kaffeemühle, die am Türpfosten angebracht war, gemahlen. War das ein Duft. Es gab immer Nachtisch, Pudding mit Vanillesoße, mit selbst gesammelten Himbeeren. Die Geburtstags-Torte, immer 10-Stöckig war der Höhepunkt. Ich denke gerne an die Einladungen zu Cousine Charlotte. Gelegentlich ärgerte mich Cousine Charlotte, die Lotte: "Na Peter? Weißt du schon, wo zu du ihn hast?"

Die Familie meines Vaters hat sich völlig zurückgehalten Ich bin nie eingeladen worden, mit mir haben sie nicht gesprochen, als wäre ich nicht existent. Ich habe es nie verstanden.

Im Sommer habe ich auch für den Bauer Burek gearbeitet. 4 Stunden Kühe hüten für ein 1/2 Liter Milch. Als ich den Lohn auf einen ganzen Liter erhöhen wollte, durfte ich nicht mehr kommen.
Alo (Albert Krawczyk, früher Kühn), mein Schulfreund, hatte einen festen Job als Kühe Hüter bei Bauer Grabka. Er wurde von den anderen Kindern verspottet, als "Krowiarz" von (Krowa=Kuh). Mein Hinweis, dass er eigentlich ein Cowboy wäre, konnte ihn nicht trösten. Die Familie Krawczyk hatte fünf Kinder, der Vater war Kriegsversehrt, Bein amputiert.
Alo´s Mutter hatte nichts gegen Zigaretten rauchen. Das haben wir immer bewundert. Wir mussten es heimlich tun. 


Unser Bruder Heinz

Heinz Emanuel
Unser Bruder Heinz Emanuel

Bald nach Einzug in diese neue Wohnung musste Heinz zum Militär. Es muss eine grausame Zeit für ihn gewesen sein. Auf die Deutschen hatten die dort ein besonderes Auge. Es war nicht nur das Essen, jeden Tag Graupe (Kasza: "Kasza, kasza, Polska nasza"), sondern der militärische Drill.
Es war verboten, zum Gottesdienst eine Kirche aufzusuchen. In der Urlaubszeit war verboten den Urlaubsort zu verlassen. Verboten wurde auch, während der 3-jährigen Militärzeit die Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Auch während des Urlaubes nicht. Sie haben versucht, die verhasste Uniform, wenigstens für ein paar Tage abzulegen. Die örtlichen Behörden wurden über den Urlauber informiert und haben unangemeldete, plötzliche Kontrollen durchgeführt. 
Gegen diese Vorschriften hat unser Bruder immer wieder verstoßen. Sie sind in einer kleinen Gruppe Sonntags über den Zaun aus der Kaserne geflohen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Es blieb nicht ohne Folgen. Er wurde vor das Militärgericht gestellt und abgeurteilt. Er wurde zu einer hohen Strafe verurteilt. Nach 4,5 Jahren kam er, seelisch gebrochen aus dem Militärdienst zurück. Ich bin stolz auf meinen Bruder, dass er sich nicht hat brechen lassen.
Wäre er mit Auszeichnungen, mit Orden, oder einem höheren Dienstgrad zurückgekommen, hätte ich mich für Heinz geschämt. Er hat Widerstand geleistet, wenn auch nur passiv. Er wurde nicht zum "sozialistischen Mustersoldaten". Das Kalkül der polnischen kommunistischen Machthaber, ist nicht aufgegangen.
Er hat nie über diese Zeit gesprochen.
Heinz hat eine kurze Zeit, bis zu seiner Hochzeit bei uns gewohnt. Er hat sich eine alte Militärmaschine, eine DKW, ein Motorrad besorgt, es flott gemacht.
Ein Mal hat er mir eine Aufgabe gestellt, nicht annehmend, dass ich sie löse. "Wenn du dieses Getriebe zusammenbaust, kriegst du Geld fürs Kino". nach zwei Stunden hatte ich das Getriebe zusammengebaut. Sauer wurde ich, dass Heinz dann sein Wort nicht gehalten hat. 
Auf Ausflügen mit einem Freund in die Umgebung (Dorfmädchen aufreißen), hat er seine spätere und heutige Ehefrau Helga kennen gelernt. Sie sind dann in eine gemeinsame Wohnung gezogen.
Wenn man die Jahre zusammenzählt, die wir Geschwister zusammengelebt haben, dann sind es mit meinem Bruder nur ganz wenige gewesen.

Neue Schuhe

Die einzige gute Erinnerung an meine Schulzeit waren neben dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, die neuen Schuhe, das einzige "Geschenk" der Polen an das Autochthon-Kind. Einer Lehrerin ist aufgefallen, dass die Sohle an meinem rechten Schuh schon zur Hälfte abgelöst gewesen ist. Ich musste diese Schuhsohle mit einem Bindfaden an den Fuß festbinden, um nicht zu stolpern. Außerdem waren beide Schuhsohlen durchgewetzt, löcherig. Bei Regen und bei Schnee, waren die Füße immer nass. Diese Lehrerin hat bewirkt, dass die Schule mir neue Schuhe geschenkt hat.

In der Schule wurde viel geprügelt und bestraft. Eine der Strafen war, in der Reihe der Mädchen zu sitzen (es war eher angenehm für mich!). Die andere Strafe war ein Verbot an die anderen Schüler, mit der/dem Schuldigen in den Pausen zu sprechen/zu spielen. In der Ecke stehen oder knien war auch eine übliche  Bestrafung. Der Schuldirektor hat vom Rohrstock gerne und oft Gebrauch gemacht. Auf die ausgestreckte, flache Hand. Bis es Blasen gezogen hat.
Eine besonders brutale Lehrerin, die mich wieder schlagen wollte, wurde von mir mit einem Fausthieb niedergestreckt. Ich sollte, wieder mal, von der Schule gewiesen werden.
 

Das Goldkettchen

Mit etwa 10  bis 11 Jahren, wurde ich und ein gleich alter Freund verdächtigt, ein Goldkettchen gestohlen zu haben. Wir waren es nicht gewesen.

Wir wurden verhaftet, abgeführt und einzeln in eine dunkle Arrestzelle gesteckt. Nach Stunden, wir sollten wohl "weichgekocht" werden, wurden wir, wieder einzeln zu Verhören geholt. Ich sollte zugeben, die Kette gestohlen zu haben.

Um nachzuhelfen, wurde ich mit dem Gummiknüppel geschlagen. Aus Angst und Aufregung habe ich Deutsch nach Mama und Papa geschrieen. Dadurch wurden die Schläger mit dem Gummiknüppel heftiger. Zwei erwachsene Milizen und ein etwa 10jähriges Kind !

Ich bin sicher, die Schläge mit dem Gummiknüppel galten dem Autochthon- Kind.

Irgendwann durften wir wieder nach hause gehen. Ich habe nie darüber gesprochen.

Einige Monate davor hatte ich meine erste Begegnung mit der polnischen Bürgermiliz. Ein Freund rief uns eines Tages zusammen. "Ein Luftballon, ein Luftballon". Es war ein westlicher Propaganda- Luftballon, der Flugblätter abgeworfen hatte. Ein paar davon konnte ich aufsammeln. Es waren Karikaturen drauf, an eine kann ich mich noch erinnern.
Verspottet wurde Stalins Agrarwirtschaft. Ein sowjetischer Vollernter, ein "Kombajn" war darauf abgebildet. Vorne wurde Korn gemäht, hinten vielen die fertig gebackenen Brote heraus.
Wir wurden einzeln von den Milizionären aufgespürt, die Flugblätter wurden uns abgenommen, wir wurden abgemahnt.

Bevor die Störsender aufgestellt und in Betrieb genommen wurden, konnte man den Propaganda -Sender der Briten, den BBC, in Deutsch und/oder in Polnisch hören. 
Es gab dann in den Medien Aktionen dagegen. Ein Spottvers kam in Umlauf, etwa so: "Słuchaj, słuchaj Bibisyna...", übersetzt "Höret, höret diesen Bibisohn....". Es war unter Strafe verboten, diesen Sender zu hören.

An eine einzige UNRA -Paket Sendung kann ich mich erinnern. Wir waren zu langsam und zu schwach, um etwas zu ergattern. Danach wurden diese Sendungen von den Behörden abgelehnt: "sozialistische Menschen haben es nicht nötig, von Kapitalisten Lebensmittel anzunehmen". Wir durften hungern.

 

Das "Erziehungslager"

Mit 10, 11 oder auch 12 Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, wurde ich mit einer Gruppe fremder Jugendlicher an die Ostsee in ein "Jugendlager" verschickt, das einzige Kind unter Jugendlichen. Ich wollte nicht  dorthin. Gesagt wurde mir, es ist ein Ferien-Sommerlager. Am Bahnsteig war ich als einziger alleine, ohne Begleitung. Die Fahrt selber, mit der Eisenbahn, die eine Dampf-Lok antrieb, war sehr spannend. Ich steckte die ganze Fahrt über meinen Kopf aus dem Fenster, bis meine Augen voller Ruß- und Aschepartikel waren. Ich habe die Gegend beobachtet, die Fahrt genossen.

Die Begrüßung vor Ort ließ nichts gutes ahnen. Von der langen Anfahrt, mit einem Bummelzug, leicht erkältet und total übermüdet. 
Uns wurde ein vormilitärischer Drill angekündigt. Das Gelände war abgeschlossen, zum Strand durften nur die Tüchtigen, als Belohnung. Ich durfte später das Gelände kein einziges mal verlassen.
Morgendlicher Appell, mit Abzähl-Appell: "Eins! Zwei! Drei!.....". Es wurde so oft wiederholt, bis es ZACKIG genug erschien. Betten-Kontrolle, die Betten mussten exakt nach einem vorgegeben Muster gerichtet sein. Die Zudecke durfte nicht die kleinste Falte aufweisen. ich war zu klein, um die Zudecke zu richten. Hatte ich ein Ende ordentlich gelegt, verzog sich die andere Ecke. Es gab Minus-Punkte dafür. Geweckt wurde beim Sonnenaufgang. "Aufstehen! Alle Aufstehen! In 10 min zum Appell versammeln!" Wer zu spät kam, wurde bestraft. Es gab zu wenig Waschstellen. Für mich gab es nie Zeit genug, sich ordentlich zu waschen. Die großen Jungs haben alle Waschstellen für sich belegt. Beim Appell wurden die Fingernägel, der Hals und die Ohren kontrolliert. Minus-Punkte. Es gab ein strammes sportliches Programm. Ich kannte niemand, alle waren älter als ich. Ich hatte Angst.

Der Lager-Kommandant hat mir gleich eröffnet, ich sei zu dick und er würde schon dafür sorgen, dass ich abspecke.

Die erste Nacht schon verlief recht dramatisch für mich. Betten bauen, Sachen auspacken, dann wurde das Licht ausgemacht. Ich konnte nicht mehr auf die Toilette. Geschwächt von der sehr langen Anfahrt. Es war eine Nacht voller Albträume. Irgendwann wurde ich halbwach, eben nur halbwach, die Toilette war weit draußen, wo genau, wusste ich nicht, es war bitter kalt. es gilt zwar "wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch", es war einfach zu dunkel draußen.  Im Halbschlaf dachte ich mir, "die Strohmatratze wird es schon aufsaugen". Wie sollte ich im Dunkeln vom Bett herunterklettern, den Ausgang finden, sich draußen zurechtfinden und wieder zurück finden? Es war eine dunkle Nacht. Es "lief" gut, es wurde schön warm und soo Erleichternd. Unter der Matratze war zwar eine Schondecke, an einer Stelle aber angerissen. Dort tropfte es. Stroh ist doch nicht so saugfähig.

Ein riesen Lärm hat mich richtig wach gemacht. "Er hat mein Bett vollgepinkelt!" der Junge vom unterem Bett. Ich bekam als Kleinster das obere Bett vom Etagenbett. Der Lager-Kommandant war da. Eine Köchin kam herbeigeeilt, eine Einheimische, Deutsche Ostpreußin. "Er ist doch eine Vollwaise, er kann doch nichts dafür". Der Lager-Kommandant: "Das kriege ich auch noch hin. Er bleibt da oben schlafen das wollen wir doch mal sehen!". Es blieb natürlich bei diesem einen Mal.

Das Essen war miserabel. Jeden Tag, zerkochte, gelblich-braune Graupen. Hatte man etwas Soße dazu bekommen, war es noch herunterzuschlucken. Ohne schmeckte es abscheulich. Ein Stückchen Hackbraten gab es dazu. Hackbraten aus Abfall-Fleisch, ähnlich, wie heutige Döner aber ohne Gewürze.

Es gab ein straffes Sportprogramm. In der Reihenfolge. in der der 100m- Lauf absolviert wurde, konnte man sich zum "Essen-Fassen", vor der Kantine anstellen. Ich, als immer der Letzte, durfte auch als letzter zum Essen. Es gab dann nur noch wenig Kaltes, ohne Soße und ohne Fleisch. Das sollte uns, mich, zu mehr Leistung beim 100m- Lauf antreiben. Dass ich als jüngster keine Chance gegen die Größeren hatte, wurde nicht berücksichtigt.
Eins hat er damit erreicht, ich wurde bald mager.

Gelegentlich standen vor der Kantine Turngeräte aufgebaut, wer nicht drüber kam, bekam auch kein Essen.

Ich war der große Märchen-Erzähler des Camps. Jede Nacht saßen die Jungs auf meinem Bett und ich musste Märchen erzählen. Sie nahmen auch immer etwas Essen für mich mit, trotz Verbot, wenn ich mal wieder hungrig schlafen gehen musste. Sie wurden meine Beschützer, die mich vor den brutalen Jugendlichen abschirmten.

Nach zwei Wochen hatten wir einen Todesfall. Ein Junge von unserer Gruppe ist ertrunken. Wie und wieso wusste niemand. Es wurde auch nicht danach gefragt.
Ich wurde mit noch einem anderen Jungen abkommandiert, den Keller, in dem der Tote Junge aufgebahrt war, zu reinigen. Er lag nackt auf einem Tisch in der Mitte des Raumes und zwei Frauen haben den toten Körper gewaschen. Es war für uns schockierend. Die Frauen sagten zwar: "ihr tut eurem Kameraden einen letzten Dienst", geglaubt haben wir es nicht. Ihm war es sicher egal, ob er tot in einem sauberen, oder schmutzigen Keller da lag. Es war traumatisch.
Die Eltern haben den Toten später abgeholt.

Zwei Jungs sind verschwunden, sie sind weggelaufen.

Schwächlinge wie ich bekamen von den Tüchtigen zwei zur Seite gestellt, als persönliche Betreuer. Das war überhaupt nicht lustig. Ich sollte gebrochen werden, angepasst werden, zu einem "sozialistischen, polnischem Jungen" umerzogen werden. Es ist nicht gelungen.

Die Betreuer hatten jede Nacht Mädchen im Camp. Die Grossen Jungs haben herausgefunden, dass es im Matratzen- Lager "abging". Sie hatten eine Möglichkeit gefunden, dieses Treiben zu beobachten. Ich war immer zu erschöpft, um mir das anzusehen. Je nachdem, wie die Nacht für die Betreuer ablief, hatten wir einen bes. schweren Tag, bzw. es wurde etwas lockerer.

Gegen Ende des Jugend- Camps, das eigentlich ein "Straf- Lager für auffällige, schwer erziehbare Jugendliche" war, wurde ich krank. Es gab ein Lagerfeuer zum Abschied, es wurden Sketche aufgeführt, kleine Vorführungen, dabei bin ich umgefallen. 
Ich kam auf die Krankenstation, lag dort ganz alleine, der Lager- Kommandant hat mir ein Klistier, ein Einlauf verordnet. Die betreuende Krankenschwester hat einen Liter warmes leicht gesalzenes Wasser, in meinen Darm appliziert. Die Toilette, ein Plumps- Klo weit draußen, war nicht zu erreichen. Die Schwester sagte, "Pass auf, wenn du aufs Klo musst". Auch der schnellste Läufer hätte es nicht geschafft. Es endete, wie es angefangen hatte, nämlich besch......

Nächsten Tag bekam ich hohes Fieber. Der herbeigerufene Arzt war erschrocken. "Über 40 Grad Fieber. Wenn das nicht runter geht, ist er transportunfähig, kann nicht zurück nach hause fahren". Das Fieber stieg noch weiter, die Gruppe ist abgereist, ich musste zurückbleiben. 
Gemessen wurde die Temperatur rektal. Der Arzt hat nach dem Messen dieses Thermometer immer in meine Zudecke abgewischt. Es hat mich geekelt vor dieser Zudecke.
In 10 Tagen sollte die neue Gruppe Schwer- Erziehbarer Jugendlicher eintreffen. Jetzt konnte ich sehen was für ein gutes Essen die Betreuer hatten. Die Köchin wollte mich verwöhnen "Es ist eine arme Vollwaise", brachte mir heimlich diese guten. leckeren Sachen. leider konnte ich das nicht essen. Nur den Kompott, (es gab jeden Tag KOMPOTT für die Betreuer!) ließ ich mir schmecken. Der Lager-Kommandant hat seine Freundin ins Lager geschmuggelt, ließ es sich gut gehen.
Noch bevor die neue Gruppe eingetroffen ist, sank das Fieber, der Arzt hat eingewilligt, ich bekam ein Schild auf die Brust gehängt: "Kind soll nach Zabrze reisen, ist alleine unterwegs". Diese Fahrt zurück, weil alleine hat mir imponiert. Immerhin 16 Stunden, mit drei mal Umsteigen. War leider zu geschwächt, um es wirklich zu genießen.

Eins haben die erreicht, ich war nicht mehr dick!

Dick, trotzdem unterernährt (kein Widerspruch) wurde ich vorher durch meine Verwandten. Sie verordneten mir jeden Morgen einen Teller Mehl- Suppe. Mehl wurde in Wasser aufgekocht, das sollte mich "ansehnlich" machen. Es funktioniert. Die Mehlsuppe schwemmt auf, man wird in kurzer Zeit richtig "Dick".

Wer mir dieses Erziehungslager eingebrockt hat und ob meine Geschwister wussten, welcher Art dieses "Sommerlager" gewesen ist, weiß ich nicht. Ich wurde ans Meer geschickt, durfte es aber kein einziges mal sehen.

Zigeuner  

Schräg gegenüber in der Beuthener Str. in Biskupitz, wohnte die Familie meines Schulfreundes, die Familie Primus. Es war für damalige Zeit ein modernes, mehrstöckiges Wohnhaus. Die Wohnungen verfügten über ein Bad, die Toiletten, WC´s, waren im Treppenhaus, zwischen den Etagen. Es waren Bürgerhäuser. Am "Ende Biskupitz" (Biskupitz war ein Stadtteil von Hindenburg) war die Arbeitersiedlung "Borsigwerk". 


Borsigwerk



Dort waren die Toiletten außerhalb, im Hof, es gab auch keine Bäder. Gebadet wurde am Samstag in Zink- Badewannen. Zuerst die Kinder, nacheinander, zuletzt der Vater, dem die Mutter den Rücken gewaschen hat. Es war die Zeit für Zärtlichkeiten, nach dem Bade.

Am "Anfang- Biskupitz", südlich,  war die Siedlung "Anna-Segen". Dort wurde Onkel Viktor im Graben, steifgefroren, mit Genickschuss hingestreckt, gefunden.

Die kommunistische Regierung hat damals eine Domestizierung der Zigeuner verfügt. Sie durften nicht mehr reisen, bekamen eine Wohnung, von vertriebenen Deutschen, zugewiesen, sie sollten Sesshaft gemacht werden. Eine solche Familie bewohnte eine dieser Wohnungen im 2. Stock, über der Familie Primus Wir haben uns dort oft herumgetrieben, denn die Kinder liefen im Sommer auch nackt herum, auch die Mädchen, was für uns sehr aufregend war. Es war nicht üblich, auch kleine Kinder nackt zu zeigen.
Adolf Primus hat uns auch die Toilette vorgeführt, die diese Familie benutzen sollte. Diese Menschen benutzten die Toilette, in dem sie mit den Füssen AUF die Kloschüssel stiegen und alles auf den Boden, neben die Kloschüssel fallen ließen. Nach dem sie wieder ausgezogen sind, die Regierung hat bald dieses Programm aufgegeben, sah man das ganze Ausmaß der Bescherung. Alles, was in dieser Wohnung brennbar war, wurde im Ofen verheizt. Die Zwischentüren, die Holzdielen vom Fußboden, die Fensterbretter, die Kleiderschranktüren. Die polnische Regierung ist mit dem Versuch der Domestizierung der Zigeuner grandios gescheitert .

Die Juden

In der Schule lernten wir auch über die Judenverfolgung. Es hat mich sehr bewegt und ich habe den Pfarrer zu diesem Thema befragt. Ich wollte wissen, warum die Juden verfolgt werden. Die Antwort unseres Pfarrers hat mich überzeugt.
Er sagte, die Juden hätten das größte Verbrechen begangen, dass Menschen begehen können, nämlich sie haben GOTT GETÖTET. Außerdem, sagte der Pfarrer, Die Juden würden den Messias nicht anerkennen, weil Jesus ALLE Menschen erlösen wollte. Sie warteten aber darauf, dass ein Messias kommen würde, um NUR die Juden zu erlösen. 
Im Ort gab es einen Juden-Friedhof. Es war eine der schlimmsten Mutproben, nachts auf diesen Friedhof zu gehen und dort irgendetwas anzustellen. Einmal begegnete uns ein Jude dort, am Friedhof. Wir sind in Panik weggerannt.
Auf die grausame Verfolgung angesprochen, sagte der Pfarrer zu mir: "die Natur ist grausam. Die Menschen sind Natur, sie müssen manchmal auch grausam sein". Vom Holocaust wusste man damals nichts.
 

Kinderspiele

Ein neues Spiel wurde kreiert. Es hieß, heimgekehrte US-Kriegsgefangene hätten es mit gebracht. Genannt haben wir es "Klippa", was so viel heißt, wie "Dummkopf".

Benötigt wurde ein an beiden Seiten angespitztes, rundes, ca. 20 cm langes Holzstück. Weiter ein Schläger, das war ein flaches Holzstück, an der Schlagseite breiter. Ähnlich einem großen Kochlöffel, wie man sie beim Wäschekochen benutzte.
Es galt, durch Schlag auf das eine Ende des "Klippa", dieses in die Höhe zu schleudern und dann mit einem zweiten Schlag in der Luft zu treffen, um es in ein Ziel zu bringen. Mit möglichst weinigen Schlägen.

Ein anderes Spiel für Jungen war mit Münzen.  Eine Münze lag von einer Wand entfernt, als "Basis" auf dem Boden. Jetzt musste man, mit einer anderen Münze, die man in der Hand haltend, mit dem Rand gegen die Wand schleuderte die Basis-Münze treffen. Die Münze sollte von der Wand abprallen und die am Boden liegende Münze, wenigstens mit dem Rand überlagern. Ist es gelungen, durften alle, bereits am Boden liegende Münzen als Gewinn eingesammelt werden.. Abwechselnd schleuderte ein jeder Spieler seine Münzen gegen die  Wand. Hat keiner die Basis-Münze direkt getroffen, hat am Ende (wenn alle Münzen im Feld lagen), der jenige Spieler gewonnen, alle Münzen für sich einsammeln dürfen, deren Münze am nächsten der Basis- Münze zu liegen kam. Es wurde peinlich genau gemessen.

In der Schule wurde "Schiffe versenken" gespielt. Natürlich auch Schach, oder Fußball.

Mädchen spielten mit einem kleinen Ball. Sie standen nahe einer Hauswand und warfen diesen Ball gegen diese Wand. Der ball musste nach einem bestimmten Muster, mal mit der einen, mal mit der anderen Hand aufgefangen werden. Verschiedene "Kunststücke" wurden gezeigt. Der Ball konnte auch mit dem Kopf, mit der Faust zurückgeworfen werden. Über den Rücken an die Wand geworfen werden.

Bei Mädchen war "Völkerball" sehr beliebt, so wie auf der Straße, das "Klassen- Spiel" "Himmel und Hölle" Mit Kreide malten sie Kästchen auf den Beton, dann warfen sie ein Stein in ein immer weiter entferntes Kästchen und hüpften auf einem Bein hinterher. Sie durften dabei nicht mit dem zweiten Bein aufkommen, bzw. mit dem Hüpfbein die Linien berühren, bzw. mussten den Stein genau ins Kästchen werfen.

Gemeinsame Spiele waren "verstecken" und "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann".

Silvester-Knaller. Wir bastelten uns eigene Knaller zum Silvester. Die Stromleitungen in den Häusern waren "auf Putz" gelegt. Zur Befestigung wurde in die Wand ein Loch getrieben, in dieses dann ein Holzstück eingegipst. In dieses Holzstück schlug man einen angespitzten Metalldübel mit einem Innengewinde, in das die Befestigungsschraube eingeschraubt wurde. Diese Metall-Dübel waren uns wichtig. Wir rissen kurzer Hand die Leitungen von der Wand mitsamt dem Dübel. Er wurde abgeschraubt und in ein handliches, faustgerechtes Holzstück geschlagen. Meistens splitterte dabei unser Holzstück, es wurde dann mit Draht umwickelt, zur Verfestigung. In die Öffnung des Dübels, dort wo die Schraube eingedreht wurde, haben wir Streichholz- Köpfe abgestreift. Die Öffnung musste zu drei Viertel gefüllt sein. Mit einem Nagel mit breiten Kopf, wie die Papp- Nägel einen hatten wurde verschlossen.
Zum Knallen schlug man diesen Nagel, in dem man gegen eine Wand schlug, hinein. Es gab einen großen Knall.
Manche haben es zu großen Fertigkeit gebracht, besaßen "kunstvoll" geschnitzte Holzstücke.
Es war kindlicher Vandalismus, in allen Häusern, in den Fluren hingen die Stromleitungen frei an der Wand. Besonders effektvoll knallte es in unserer Einfahrt, was mir immer Ohrfeigen vom Herrn Burek einbrachte.

Der 2 jährige Hindenburg/Ruda- Krieg.

Plebiszit in Schlesien. 1921 wurde eine Abstimmung über ganz Oberschlesien durchgeführt. Die Unruhen "Schlesische Aufstände" genannt, gingen auf Betreiben Frankreichs zurück. Frankreich wollte das Deutsche Reich schwächen, in dem das größte Industriegebiet der Welt, Oberschlesien, dem Deutschen Reich entrissen werden sollte. Es ist nicht ganz gelungen. Die französische Regierung hat den Terrorismus in OS unterstützt.

Mit Geldern der franz. Regierung wurden drei "Schlesische Aufstände" organisiert. Die "Aufständischen" (eigentlich Terroristen) verübten verschiedene Terror- Anschläge. Zu Legende wurde die Schlacht um den "Heiligen Berg Oberschlesiens" den Anna-Berg (Der Anna selbdritt gewidmet. Anna selbdritt
Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind, seit dem 13. Jh. in Deutschland bekannt; berühmteste Gestaltung durch Leonardo da Vinci (1501/1507).). Die Schlacht wurde gewonnen, die letzten Aufständischen aus einer Kloaken- Grube, wo sie sich versteckt hatten, herausgeholt. Die polnische Regierung stellt es heute verfälscht dar.
Eine riesige Propaganda "pro Polnisch" ist angelaufen. Besonders ein Reichstagabgeordneter und Mitglied des Preußischen Landtags (1903-1918) "Pan Korfanty" (Wojciech Korfanty, 1873 - 1939) ist hervorgetreten. Er hat jedem, der für Polen votiert, eine Kuh versprochen. Er wurde auch deshalb als "Korfanty Krowa" (Krowa=Kuh) verspottet.

Obwohl die Abstimmung über das ganze Oberschlesien durchgeführt wurde, wurden, wieder durch Frankreich, die Gebiete, die viele polnische Zuwanderer verzeichneten und deshalb mehrheitlich für Polen gestimmt haben, abgetrennt. Niemand bekam diese versprochene Kuh!

Die neue Grenze im Osten ging direkt hinter unserer Stadt, Hindenburg. Hindenburg wurde zu einer Grenzstadt. Das wurde niemals vergessen. Die "neue Grenze" wurde quer durch Bauernhöfe gezogen. Wohnhaus in Deutschland, die Stallungen in Polen.

Die nächste "polnische Stadt" wurde Ruda. Meine Eltern, beide aus Ruda stammend, sie haben sich dort kannengelernt, dort geheiratet, unsere Schwester ist dort geboren, sind nach Hindenburg gezogen. Sie wurden zwei Mal vertrieben. Zumindest trifft es auf unsere Schwester zu. Sie musste 1922 ihre Geburtsstadt Ruda verlassen und dann auch Oberschlesien. 

1955 wurde ein großer "Krieg" ausgerufen. Die Kinder und Jugendlichen aus Hindenburg, gegen die "polnischen" aus Ruda. Mit Steinen haben wir die gegnerischen "Stellungen" beworfen und dann gestürmt. Es ging zuweilen blutig zu (Kopfwunden vom Steinwurf, Knochenbrüche von Stürzen). "Heute ist Krieg, gehen wir hin?" Ich war sehr eifrig dabei, eine Zeitlang im Rang eines "Offiziers".

Es wurden Gefangene genommen. Es war gefährlich, sowohl für die aus Ruda, sich in Hindenburg alleine zu bewegen, wie auch umgekehrt, für die "Deutschen" aus Hindenburg, alleine nach Ruda zu gehen.

Wir haben uns Steinschleudern gebastelt. Besonders gut waren die, die den Zug-Gummi aus Auto-Schläuchen hatten.

 Kurzsichtigkeit

Ein Problem für mich stellte meine Kurzsichtigkeit dar. Zunächst wusste niemand von dieser Tatsache; ich auch nicht. Wir, meine Freunde Adolf, Heinz und ich, saßen in der letzten Schulbank hinten in der Klasse. Ich konnte von dort nicht lesen, was an der Tafel vorne geschrieben stand. Gelegentlich sollte ich laut von der Tafel vorlesen. Mein Gedächtnis war so gut, dass ich auswendig wusste, was dort stand. Gelegentlich musste mir der Adolf vorsagen. Entweder, der Adolf war so schlecht im lesen, oder er hat sich ein Scherz erlaubt, sagte mir Sachen vor, die nicht auf der Tafel standen.

Die Lehrer meinten, ich mache mich über sie lustig. Irgendwann ist es der Mathelehrerin aufgefallen. Ich musste in die erste Schulbank nach vorne wechseln. Schlagartig haben sich meine Leistungen gebessert. Auf Betreiben dieser Lehrerin, bekam ich eine Brille. Tante Valy, die Grande Dame unserer Familie hat mich zum Optiker begleitet. Für mich war es, wie in eine andere Welt eingetaucht. Diese Farben, diese Bäume und so weiter.

Lesen

Meine große Leidenschaft war das Lesen. Nachdem mir mein Onkel Rufin mit etwa 4 Jahren das Lesen beigebracht hat, auf mein Betreiben, "Onkel, was ist das hier, diese Brille?", gemeint war der Buchstabe "g" in der Zeitung, der mich an eine Brille erinnerte. Ich habe mir die Zeitung genau angesehen und war erstaunt, dass es keine Bilder gab und Onkel so lange hineingeschaut hat. Auf der Suche nach diesen „Bildern", ist mir der Buchstabe „g" aufgefallen. Das war der Anfang. Nachdem der Onkel mir diesen Buchstaben "g" erklärt hatte, wollte ich wissen, was denn die anderen Zeichen bedeuten. Nach ein paar Tagen konnte ich lesen. Diese Leidenschaft hat mich nicht mehr losgelassen.

Die Schulbibliothek, ab der dritten/vierten Schulklasse, hatte ich bald "leergelesen". Die Kinderabteilung der Stadtbibliothek war ebenfalls bald ausgelesen. Die Bibliothekarin musste mir Bücher aus der Erwachsenenabteilung ausleihen.
"Kind, was soll ich dir geben?" Es war nicht ganz unproblematisch. Eins dieser Bücher aus der Erwachsenenabteilung hat mich noch lange beschäftigt. Eine Szene konnte ich damals nicht verstehen, nicht richtig verarbeiten. Es waren Mönche, die eine Orgie gefeiert haben. Auf dem Altar saß ein nackte Frau mit weit geöffneten Beinen. Links und rechts waren brennende Kerzen und zwischen den Beinen der Kelch mit Mess-Wein.

Märchen waren die allerbeste Lektüre. Und Tiergeschichten, mit "sprechenden" Tieren. Nach ""Dr. Dolittle". Ein polnischer Kinderbuch-Autor hat es sehr gekonnt kopiert. Seine Hauskatze, sein Haushund hatten lustige Abenteuer zu bestehen.

In der 7. Hauptschulklasse war Emile Zola mein Favorit. Ein Mal habe ich "Germinal" mit in die Schule genommen um meinen Kumpels einige "kernige" Abschnitte vorzulesen. Bei diesem Naturalisten finden sich einige Stellen, die pubertierende Jugendlichen interessieren.

In der Pause, ich blieb im Klassenzimmer um zu lesen, kam die Biologielehrerin herein und wollte sehen was ich da lese. Dieses Buch kannte sie als einziges. Sie war sehr erstaunt, dass ich bereits alle anderen, wie "Nana", neben "Germinal", auch "Die Erde" u.a. gelesen habe. Diese Lehrerin hat mich dann beobachtet und ein wenig gefördert. Sie war sehr jung und neu an der Schule, viel konnte sie nicht bewirken.

Als sie im Lehrerkollegium berichtet hatte, dass ich Emile Zola lese, wussten die anderen Lehrer nicht, wer Zola ist.

Eine Eigenheit ist zu dieser (sehr netten) Lehrerin zu berichten. Sie hatte öfters Probleme mit dem Gummi an ihrem Schlüpfer. Nach dem dieser Gummi mal wieder gerissen war, hat sie jemanden von uns, immer einen Jungen, zu sich nach hause geschickt, ihr aus dem Wäscheschrank neue Unterhose zu holen. Sie hat nur ein paar Hundert Meter weit weg gewohnt (Borsig-Werk). Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten Jungen. Man muss sagen, dass es wirklich ein Kreuz mit den Gummis, in Socken, Strümpfen und Unterhosen gewesen ist.

Die Unterhosen waren nicht zum Vorzeigen. Es waren "Liebestöter", Boxershorts- artig, mit breitem Bein. Eine Einlage hätte sich keine Sekunde lang halten können. Damenhygiene: es wurde gebunden. Heißt es deshalb "die Binde"? Die "Binden" wurden jeden Monat frisch gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.

Für Männer eigentlich gesund, frei abgehangen ist besser als eng abgelegt.

Die Strumpf- bzw. Sockenhalter haben das Blut abgeschnürt. Später kamen dann die Strumpfhosen. Eine Freundin, die Sofia, hatte als erste eine grüne Strumpfhose. War die stolz! 
Mein größter Favorit war Gustav Freitag und sein "Soll und Haben". Dieses Werk hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe es in Deutsch gelesen, es hat Monate gedauert. Dieses Werk hat heute noch einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

Meine Leseleidenschaft hat dazu geführt, dass ich den langweiligen Schulunterricht geschwänzt habe. Die Schularbeitsbücher habe ich in ein paar Wochen zu Beginn eines Schuljahres selber durchgearbeitet.

Meine Geschwister sind sehr früh zur Arbeit und ich sollte allein in die Schule gehen. Ich bin aber lieber da geblieben, um zu lesen. Die Schule hat daraufhin einen "Abhol-Dienst" eingerichtet, der mich abholen sollte. Der Schuldirektor war etwas irritiert, als man ihm berichtet hatte, dass ich immer ein Buch lesend vorgefunden wurde. Er hatte mich eher im Bett, noch schlafend vermutet.
Im Winter war es auch die unerträgliche Kälte daran schuld. Das Wasser in der Schüssel war gefroren. Es hat viel Überwindung gekoste, aus dem warmen Bett zu steigen.

Ich konnte von den Büchern nicht lassen. Auch zu Schlafenszeit nicht. Eine Nacht durchzulesen, war nichts besonders. Mein Bruder Heinz wollte mir das Lesen in der Nacht abgewöhnen und hat die Sicherung ausgedreht. Ich habe bei Kerzenlicht weiter gelesen. Ein Mal bin ich dabei eingeschlafen. Nächsten Morgen war am Nachtschrank im Holz eine von der Kerze eingebrannte schwarze Stelle zu sehen. Es hätte zum Wohnungsbrand kommen können.

Ich bin völlig aufgegangen in den Rollen meiner Helden. Ständig träumend, deren Heldentaten im Kopf nachspielend, passierte mir immer wieder, dass ich mein Ziel verfehlt hab. Aus der Schule nachhause, es waren nur ein paar Hundert Meter, lief ich oft an unserem Haus vorbei. Es konnte passieren, dass ich wie ein Pendel, immer wieder am Haus vorbeilief.

Die russische Literatur: 
Lev Tolstoi: "Anna karenina", "Krieg und Frieden". Ivan Turgeniew: "Väter und Söhne". Fjodor Dostojewski: "Die Brüder Karamasov", "Der Idiot", "Der Spieler". Michail Scholochow: "Der stille Don".
Polnische Literatur:
Jan Kochanowski. Mikolaj Rej. W.S. Rejmont: "In der Opiumhöhle", "Chlopi" (Die Bauern). H. Sienkiewicz: Trilogie: "Ogniem i mieczem (Mit Feuer und Schwert), "Quo Vadis", "W pustyni i w puszczy", "Potop" (Die Sintflut)  S. Zeromski: "Ludzie bezdomni".
Stendhal: "Rot und Schwarz". Balzac: "Die dreißigjährige Frau".


Jack London. Kanadas Indianer, die Inuit, Irokesen. Oder die Lappen und Samen. Iglu, Hundeschlitten und die Kajaks. Sie wurden im Einerkajaks wasserdicht, zu einer Einheit eingebunden. Kippten sie um, mussten sie sich wieder mit einem gekonnten Schwung aufrichten. Sie hatten keine eigenen Begriffe für Mord, Diebstahl oder Eifersucht. kam ein Gast, durfte er auch mit der Frau des Gastgebers schlafen. Die Kinder, sofern welche davon hervorgingen, waren "Kinder der Freundschaft". 
Die Kinder wurden in ihre Pelzkleidung im Winter eingenäht. Diese Menschen aßen den Fisch roh, so dass das Fischfleisch, noch zuckend, den Gaumen kitzelte. Die Seife, die die Zivilisation ihnen brachte, wurde gegessen.

In einer Episode, wurde ein alter blinder Mann von seiner Familie zurückgelassen. Seine Enkelin sollte Holz, für das Feuer, das, solange es brannte die hungrigen Wölfe zurückhielt, sammeln. Es fällt der Enkelin schwer, sie fragt: "Ist es genug?". der alte Mann antwortet, "ja, genug". Er weiß, jedes Stück Holz verlängerte sein leben etwas. Die Familie enternt sich, die Wölfe nähern sich.

Oder diese: ein alter Mann ruft seine Familie zusammen und erklärt, dass er sich verabschieden will. Irgendwann später hilft ein Verwandter nach, in dem er ein Kissen auf das Gesicht des alten Mannes gepresst hält.

Eine Mutter ist durch die Wildnis mit ihrem Kind unterwegs. Sie hungern, sie könnte Fische fangen, hat aber keinen geeigneten Köder. Sie schneidet ein Stückchen Fleisch von ihrem Fuß ab, um einen Köder zu bekommen. (In meiner Fantasie, war es meine Mutter.).

Die Bibel

Mein großer Wunsch war gewesen, die Bibel zu lesen. Im Religionsunterricht war ich "Hochwürdens-Bester", Pfarrers Liebling. Ich hatte keine Probleme mit dem Verständnis und dem Auswendiglernen. Das heißt, ein Bild des Pfarrers hat mir Probleme bereitet. Um die Vernunft zu erklären, also das, was den Menschen von den Tieren unterscheidet zeichnete er folgendes Bild. Der Mensch verfügt über eigenen Willen, das Tier nicht. Wenn ein Tier satt ist, dann hört es auf mit der Nahrungsaufnahme, dem Fressen. Der Mensch kann aber weiter essen.

Das schien mir eher umgekehrt zu beweisen, dass die Tiere vernünftiger sind als Menschen.

Der Pfarrer war mit mir sehr zufrieden und hat mich öfters zu Vorführungen meines Wissens in die höheren Religionskurse mitgenommen. Er wollte mich für ein Priesterseminar vorbereiten.

Meine damals tiefe Religiosität mag folgendes unterstreichen. Zu der Ersten Heiligen Kommunion sollte man nüchtern erscheinen. Ich war an diesem Morgen sehr aufgeregt. Für die danach geplante Einladung zum Essen, wurde auch ein Kompott vorbereitet. Die Schüsseln standen am Fensterbrett, ich konnte nicht wiederstehen und habe daran genascht. 
Als die anderen Kinder zum Altar gingen um die Kommunion zu empfangen, blieb ich in der Bank sitzen. Auch noch ein Mädchen, mit dem selben Problem ist sitzen geblieben. Wir haben vor Enttäuschung geweint.
Wir durften am nächsten Tag, bei der Hochmesse die Kommunion empfangen.
Ein Problem war oft für mich, die Hostie nach Empfang im Mund, nicht mit den Zähnen zu berühren. Man sollte ja nicht in den Leib Christi hineinbeißen.
Nach dieser Ersten Heiligen Kommunion durften wir lange Hosen tragen. Bis dahin, waren kurze Hosen zu tragen.

Bis mein Wunsch die Bibel zu lesen immer penetranter wurde. Damals war die Bibel noch ein "verbotenes Buch". Der Pfarrer war entsetzt über meinen Wunsch. Ich wollte und konnte nicht einsehen, dass man mir diese Lektüre verwehrt. Auf der Suche nach der Bibel kam ich zu Nietzsche und Voltaire. Das war der Anfang vom Ende meiner Religiosität. Ich ging nicht mehr zu Beichte, begann zu Zweifeln. Die (falsche) Reaktion "meines" Pfarrers hat diesen Prozess beschleunigt.

Die Beichte war eine langweilige Angelegenheit. Immer das selbe. Man sollte folgende Fragen:
"Habe ich. alleine, oder mit anderen zusammen, Unzüchtige Handlungen begangen?" (Gemeint war, Selbstbefriedigung, pol.. sagten wir "Konia bic", "Das Pferd schlagen". Natürlich, ja. "Hast du gelogen?" Klar, immer wieder die Lehrer belogen, wegen der nicht gemachten Hausaufgaben.
Als Buße: "Vier Ave Maria beten und drei Vaterunser".

Aber erst mit fast 16 Jahren, ich kann mich noch heute daran genau erinnern, sagte ich laut, aber zögerlich:
"Es gibt keinen Gott!". Ab da wurde ich Atheist. Und alles nur, weil ich die Bibel nicht lesen sollte. (In über 30 Ländern in der Welt, ist die Bibel noch heute verboten.)

Auch folgendes hat zum kritischen Religionsverständnis geführt. Unsere Familien waren zerstritten. Die Rathay´s waren evangelisch, die Hajduk´s, Familie meiner Mutter katholisch. Eine Mischehe kam damals nicht in Betracht, also hat mein Vater konvertiert. Das hat ihm seine Familie nicht verzeihen können.

Ich bin von einem Freund mal angesprochen worden, der ein Mädchen kennen gelernt hat, die auch Rathay (Helga Rathay) hieß. Sie wohnte im selben Ort, im Borsig-Werk, einer Siedlung, ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass eine gleichalte Cousine von mir, ein paar Strassen weiter weg wohnte. Und das wegen dem Gegensatz evang./kath. Das hat mir auch zu schaffen gemacht.

Ich rechne es meinem Vater hoch an, dass ER den Bruch mit seiner Familie eingegangen ist, um meiner Mutter ihre Familie zu erhalten.

Ich war hochbegabt und für die Lehrer, fast alle Deutschenhasser, fast alle alte verdiente Partisanen ein "rotes Tuch". Der schlimmste dieser Lehrer war ein alter Partisan (Terrorist), der mit dem Vornamen "Kajetan" hieß. Wegen seiner Haarfarbe war er für uns der "Siwek", der "Graue", genauer: "Grauling". Außerdem hatte er fürchterlichen Mundgeruch. Hinzu kam meine Weigerung zu den "jungen Pionieren" (Harcerze) beizutreten. Die Schulen haben untereinander gewetteifert, welche 100% Beteiligung ihrer Schüler erreicht. Wir waren zwei von der ganzen Schule, die sich bis zuletzt geweigert haben den "Harcerze" beizutreten. In unserem Haus wohnte der General der Jungen Pioniere. Auch er wurde eingeschaltet und hat versucht, auf mich Druck auszuüben. Ohne Erfolg, wie ich heute mit Stolz Festellen darf.

Durch die große Langeweile im Unterricht, wurden meine Leistungen immer schlechter. Das hat schließlich zum Sitzen bleiben geführt und in der Konsequenz, zum Abgang von der Hauptschule ohne Abschluss. (Es ist traurig zu wissen, dass auch heute noch, in der Bundesrepublik, 40 Jahre nach meinem Schicksal, hochbegabte Kinder ein ähnliches Schicksal erleiden müssen.)

Ein weiteres Ärgernis waren die "freiwilligen" Geldsammlungen der Schüler für den "Wiederaufbau von Warschau". An den Wänden hingen Grafiken, die den jeweiligen Stand angezeigt haben. Ich war immer wieder der einzige Schüler, der kein Geld beigebracht hat (ich hatte kein Geld und wollte aber auch nicht zahlen). Und meine Klasse war die einzige, die keine 100 %ige Beteiligung der Schüler aufweisen konnte.

Einige Lehrerinnen haben meine Hochbegabung erkannt und haben sich bei Lehrerkonferenzen heftige Wortgefechte geliefert. Für die übrigen Lehrer war ich der schlechteste Schüler, für zwei Lehrerinnen (Biologie und Mathematik) der Beste Schüler. Meine Aufsätze waren immer die besten der Klasse.

Die Pubertät

Ich war deutlich früher dran, als meine Schulfreunde. In der Musikstunde durfte ich mit Adolf den Unterricht verlassen. Im Ferienlager sollte ich bei den Erwachsenen duschen, weil meine gleichaltrigen Freunde immer aufgeregt gekuckt haben.

Die Mädchen haben unser verändertes Verhalten nicht richtig einordnen können. Es gab viele Missverständnisse. Es gab "sanfte sexuelle Belästigungen".

In den Geschichtsbüchern gab es Abbildungen von nackten, griechischen Kämpfern. Wir haben in den Pausen, heimlich, die Bücher der Mädchen auf diesen Seiten geöffnet. Gerne haben wir den Mädchen die BH´s aufgemacht. Mit einem Griff!

Auf die Schuhe haben wir kleine Spiegel gelegt, um dann unter die Röcke zu gucken. Wir haben den Unterricht gestört, um in die Mädchenreihe strafversetzt zu werden.

Ich war immer verliebt, sehr ritterlich und ein eifriger Beschützer der Mädchen, die das immer schamlos auszunutzen wussten.. Das hat mir auch mal den Titel "Stärkster der Schule" eingebracht. Bis dahin war der Heinz, der Sohn des Kapellmeisters der Stärkste in der Schule. Als er mal ein Mädchen schubste, und ich ihn zurechtgewiesen habe, musste eine Entscheidung her. Es hat sich rumgesprochen: "Nach der Schule Entscheidungskampf: Heinz gegen Peter, im Pausenhof".

Draußen, auf der Straße war es nicht "harmlos". Ich erinnere einen ca. 40 jährigen Schwulen, mit folgender Masche: angeblich hatte er "volle Hände" und bat dann Jungs ihm zu helfen. Sie sollten in die rechte Hosentasche greifen und je nach der Situation, den Schlüssel, eine Münze, oder sonst was herausholen. In der Hosentasche war aber ein großes Loch. Die Jungs bekamen ganz was anderes zu fassen. Einige von unseren Freunden habe gerne und ausdauernd "nach der Münze gesucht". Meine Freunde und ich haben ihn mit Steinen beworfen und immer wieder vertrieben.

Im Hinterhof eines Hauses war eine Schusterwerkstatt. Dort sah man immer Mädchen rein und raus gehen. Ich weiß nur, dass der Schuster kleine Holzfiguren geschnitzt und verschenkt hat. Zog man bei dieser Hlzfigur an den Beinen (der Hose), sprang ein Phallus hervor. Diese Hose konnte man rauf und runter bewegen.

Im Bahnwärterhäuschen sah ich öfters kleine Mädchen spielen. Damit sie sich die Kleidchen nicht beschmutzten, sollten sie diese ausziehen. Im Gedächtnis ist mir geblieben eine magere, etwa 5jährige, in viel zu großem Schlüpfer mit einem Loch in der Unterhose.
Eine 12jährige aus unserer parallel Klasse wurde schwanger. Wir haben sie danach nicht mehr gesehen. was aus ihr geworden ist, wussten wir nicht.

Ich ging in die Schule Nr. 21 in "Mitte Biskupitz", neben dem Rathaus. Direkt daneben war eine Schule für geistig Behinderte. Es hat uns irritiert und provoziert, dass die viel größeren aber geistig Behinderten Jugendlichen sich nicht gewehrt haben. Wir haben sie verfolgt und gequält. Die Schulleitung hat schließlich eine Versetzung des Schulbeginns um eine halbe Stunde verfügt. Sie konnten dann ungestört ihre Schule erreichen und in den Schulpausen waren sie von uns zeitlich getrennt.
Meine Lehrer drohten mir immer: "du kommst auf die Dummen-Schule, oder wirst höchstens ein Straßenkehrer". Straßenkehrer war das niedrigste, das geringste, was man erreichen konnte. meinten die Lehrer.
Die Schultoiletten sahen fürchterlich aus. Zumindest die Toilette für Jungs, im Erdgeschoss. An der Pinkel-Rinne musste man eine trockene Stelle zum Hinstellen suchen. Es gab kein Papier in den Klos. Zu Beginn eines Schuljahres war alles gereinigt worden, alles sauber, aber nicht lange.
Die Jungs "halfen" sich, es war kein Papier zu Reinigung da, in dem sie mit dem Hintern am Türpfosten rutschten. Waren diese zu verschmutzt, nahmen sie ihre Finger und wischten diese dann "sauber" an den Fliesen der Wände ab. Ähnlich machen das die Affen im Zoo, wie ich es mal bebachten konnte. Ich hatte nicht weit nach hause und konnte in der großen Pause daheim auf die Toilette. "Musste" ich mal in der Schule, dann versuchte ich mich in die Lehrer-Toilette m 2. Stock zu schleichen. Es war den Schülern verboten, diese aufzusuchen. Dort gab es immer Papier, es waren Zeitungen, die in handliche Stücke zerschnitten waren. Oft lagen dort deutsche Bücher aus. Diese habe ich dann gerettet und nachhause genommen. Auch wenn schon ein paar Seiten gefehlt haben. Toilettenpapier in Rollen gab es damals nicht.
Dieser Usus, Zeitungspapier auf dem Klo zu gebrauchen, hat einen Standartwitz bei Gesellschaften gebracht:
der "Witzbold" kündigte ein Kunststück an. Er bat einen aus dem Kreis, ein Stück Papier möglichst klein zu falten. Er war immer noch nicht zufrieden, faltete es aus und befahl  "Weiter, noch kleiner falten". Als er dann endlich zufrieden war, sagte er "so, jetzt ist es weich genug. Jetzt kann ich auf die Toilette gehen. Danke". 

Im Kiosk kaufte man alte Zeitungen und abends wurde daraus ein Vorrat an Klo-Papier angelegt, für die ganze Woche.

 Stalins Tod. Das Wunder von Bern

 Am 5.3.1953 war ich in der Pause unterwegs nachhause, um etwas zu holen,  oder die Toilette aufzusuchen. Plötzlich heulten die Sirenen los, alles musste 3 Min. lang stehen bleiben: Wer nicht stillstand, wurde bestraft, die Miliz hat alles genau beobachtet. Stalin war gestorben! Für 3 Minuten musste alles ruhen. Ich hatte Angst, nicht rechtzeitig zum Unterricht zurückzukommen und habe mich mit kleinen seitlichen Schrittchen vorwärts gearbeitet.

Wir hatten ein kleines Detektor-Radio, dass wir selber gebastelt haben. Man musste auf einem Kristall mit einem Draht herumstochern. Damit konnten wir auch Deutsche Sender empfangen. Als dieses "Wunder von Bern" (4.6.1954) stattfand, hielten mein Bruder Heinz und ich unsere Ohren an dieses Detektor-Radio. Die Freude war riesengroß. Nur in der Schule durfte ich meine Freude nicht zeigen. In der Schule hieß es dann, die Deutschen hätten die Ungarn mit "Mercedesse" bestochen und nur deshalb gewonnen.

Tadeusz

Unsere Schwester war mit einem Polen befreundet, mit dem Thaddäus Siudaj.. Er war ein herzensguter junger Mann, der auch auf unserer Zeche gearbeitet hat. In den Sommerferien, ich war vielleicht 15 Jahre alt, nahm er mich in sein Dorf, in Ostpolen, direkt an der russischen Grenze gelegen, mit. Das Dorf war noch nicht elektrifiziert, es gab nur ein einziges batteriebetriebenes Radio dort. 

Die Dorfbewohner waren sehr nett, manchmal zu nett zu mir. Zu Begrüßung, wenn wir eine Bauernfamilie besucht haben, gab es Rührei mit Speck, aus 48 Eiern und einen Liter Wodka dazu. Man musste da mittrinken und essen, sonst wären sie beleidigt gewesen.
Sie fragten mich über das Leben in Schlesien aus, waren ungläubig, als ich über WC´s, die in der Wohnung waren berichtete. Auch über die Straßenbahn und die Autobusse musste ich erzählen.

Tadeusz wollte sein Elternwohnhaus ausbessern. Es war aus dicken, 4 cm dick, Holzbohlen gefertigt. Das Dach war mit Stroh gedeckt. Die untersten Holzbohlen wurden morsch und mussten ausgetauscht werden. Auch das Dach, die Strohbedeckung, musste erneuert werden.

Wir fuhren also mit dem Pferdewagen in den Wald, nicht ohne vorher von der Mutter, mit einem halben Wasserglas Wodka verabschiedet zu werden. Zur Mundspülung, wie sie sagte. Wir hatten ein Gerät mit, die "Lada" ("Lade", aus dem Deutschen "Laden").

Wir suchten einen geeigneten Baum aus, fällten diesen, entfernten die Äste und mit Hilfe der "Lada" wurde der Baumstamm auf den Pferdewagen geladen. Im Hof war ein Mannshohes Gestell aufgebaut. Der Baumstamm kam oben drauf, mit einer rußgeschwärzten Richtschnur, wurden im Abstand von 4 cm gerade Linien markiert. Die Schnur wurde fest gespannt, in der Mitte hochgezogen und möglichst senkrecht haltend, wieder losgelassen. Sie hinterließ eine Spur von Ruß.  Mit einer senkrecht Säge, zwei Mann, jeweils links und rechts unten, einer oben, wurde exakt entlang dieser Linien gesägt und so die benötigten Bohlen, 4 cm dick, 20 cm hoch und 600 cm lang, gewonnen.
Hatten wir genügend Bohlen gefertigt, wurde das ganze Haus angehoben. Hier mussten mehrere Männer aus dem Dorf mithelfen. An den oberen Bohlen, an der Hauswand, wurden kleine Vertiefungen geschlagen. In diese dann schräg angesetzt, große, dicke Stangen gesetzt. Nun wurden diese Stangen, auf untergesetzten Bretten, mit "Hau-Ruck" vorwärts getrieben, Dadurch die Wand angehoben und wir konnten die unterste, morsche Bohle herausnehmen. Die neue Bohle wurde eingesetzt und das Haus herunter gelassen.

Zu zweit, mit Hilfe anderer wo es unumgänglich war, ist es uns gelungen, das Haus zu erneuern, das Dach neu zu decken.
Baum fällen, aufladen, in den Hof fahren, aufs Gestell bringen, zersägen, "Schwalben-Ecken" einsägen, Haus anheben und Bohlen austauschen. das hat mir imponiert. Sieben Bäume haben wird gefällt.
Die Dorfbewohner fragten mich immer wieder: "Wie heißt das in eurer Sprache?" Sie meinten auf Deutsch. Für sie bestand nicht der kleinste Zweifel, dass Schlesien Deutschland ist. Deren Feinde waren die Russen, nicht wir Deutsche.

Ein paar alte Bücher fanden sich dort, sie wurden komplett, bei kerzenlicht  ausgelesen. Z. B. "Znachor" (Der Heilpraktiker). Es handelte von einem jungen, begabten Chirurgen, den eifersichtige Kollegen (oder seine Ehefrau?), durch gedungene Mörder überfallen lassen. Er erleidet eine schwere Kopfverletzung und verliert sein Gedächtnis. Der Überfall ereignete sich auf einer weiten Landreise. Ein Bauer findet ihn, pflegt ihn gesund. Er bleibt auf dessen Hof und arbeitet dort als Knecht. Seine medizinischen Kenntnisse sind noch vorhanden und er kann sie verschiedentlich, erfolgreich einsetzen. Es spricht sich rum er wird zum "Znachor". Am Ende heilt er das verkrüppelte Bein des Bauernsohns, gegen den Rat des dortigen Ortarztes, der dieses Bein verpfuscht hat. Der Junge wird gesund, kann wieder laufen, er wird aber angeklagt. Vor Gericht gestellt, wird er erkannt als der verschwundene, berühmte Chirurg. Eigentlich eine billige Schnulze.

Hatten wir beim Hausbau etwas Zeit, half ich auch bei der Landwirtschaft aus. Es war sehr heiß, wir Männer waren mit nackten Oberkörpern bei der Arbeit, die Frauen versuchten ebenfalls alles überflüssige abzulegen. Die Mutter, ein magere Frau, hatte ein ärmelloses Hemdchen an, seitlich weit ausgeschnitten Immer wieder rutschte ihr eine Brust "ins Freie", die sie dann mit einer Handbewegung wieder ins Hemd schob.
Sie erzählte, dass, als sie die kleine Schwester stillte, ihr Sohn, der Tadeusz, damals schon 5 jährig auch gerne an ihrer Brust getrunken hat.
Sie waren alle voller Lob, wegen meiner großes Geschicklichkeit bei der Landarbeit. ich hatte aber auch eine gute Schule in Barut und in Hohenwalde, als Kind.
Korn gemahlen wurde mit einem großen Mühlstein, den eine eingespannte Kuh, immer im Kreis gehend, antrieb.

Es war viel und schwere Arbeit zu verrichten, aber doch ein befriedigendes Ferien-Erlebnis. Es wäre noch besser gewesen, wenn die Dorf-Schönheiten mich in Ruhe ließen. So oft, eigentlich nie, kam kein Fremder von so weit her in ihr Dorf. Auch deshalb, weil es in der Grenzzone lag. Nur mit einer besonderen Genehmigung konnte man dort einreisen. Wir mussten uns auch bei der dortigen Miliz anmelden und bei Abreise wieder abmelden.
Gewaschen haben wir uns im nahen Fluss.
Ich wurde richtig "Wodkafest".



Blutspende!

Mit 18 Jahren durfte man Blutspenden. Als Belohnung gab es ein Bon, den man im nahe gelegenem Restaurant z.B. "Hotel Präsident", früher "Admiralspalast" gegen ein Mittagessen einlösen konnte.

      


Zur Zulassung als Spender, musste man eine Bescheinigung über eine Untersuchung beim Hautarzt/Venerologen (Geschlechts-Krankheiten) vorlegen. Wir empfanden es als Schikane. Alle vier Wochen haben wir gespendet und alle vier Wochen mussten wir diese Prozedur über uns ergehen lassen.

Die Ärztin, eine junge Frau: "Hose ausziehen! Unterhose auch". "Näher kommen, noch Näher". "Umdrehen, bücken, Pobacken auseinander". "Jetzt umdrehen". Für die, die nicht beschnitten waren: "Vorhaut herunterziehen, umdrehen". "In Ordnung, anziehen.".

Beim ersten mal war es für mich recht unangenehm. Die Ärztin hat es bemerkt: "Na, schämst du dich ?".Ich darauf: "wenn sie sich ebenfalls ausziehen würden, wäre es für mich angenehmer". Sie wieder: "soll ich dich auf den gynäkologischen Stuhl setzen?" Ich glaube, sie hat es nicht wirklich vor gehabt. Ich habe aber sicherheitshalber nichts mehr gesagt. 
Gut war, dass wir nie warten mussten, auch wenn das Wartezimmer voll gewesen ist. Die Blutspender wurden sofort dran genommen.

Der tiefere Sinn dieser Untersuchung ist mir bis heute verborgen geblieben. Fest steht, wir Blutspender hatten keinen guten Ruf.

Eine ähnlich verlaufende Untersuchung, war die Musterung zum Militärdienst. Als Schreibkräfte wurden junge Mädchen, kurz nach dem Abitur, bzw. schon junge Studentinnen eingesetzt. Sie saßen an Tischen in einem großen Raum wir wurden hereingerufen, mussten uns völlig nackt ausziehen, wurden von den Mädchen befragt, dann war der Arzt dran, mit der oben beschriebenen Prozedur.

Ich war ein eifriger Blutspender und habe bis heute, dann schon im Westen, nach meiner Flucht,  mehr als 300 Liter Blut gespendet. Ich soll eine seltene Blutgruppe haben: "B negativ, abc". Öfters musste ich zu Direktspende, bei Babys mit Rhesus-Faktor - Unverträglichkeit (auch im Westen, in Mainz, z.B. an Weihnachten, bzw. einmal zum Silvester und weil ich schon etwas Alkohol getrunken hatte, schickten sie ein Taxi, um mich zu holen. Der Arzt meinte dann, "der Alkohol im Blut, wird den Patienten aufmuntern. Es wird ihm gut tun".).

Die Universitätsklinik in Hindenburg hatte einen guten Ruf. Ein Kumpel von uns, der auch Untertage gearbeitet hat, hat eine Ärztin geheiratet. Das konnten wir nicht verstehen, was wollte die denn von einem Untertage-Arbeiter? An die Studentinnen kamen wir, Grubenarbeiter nicht heran. ich habe nie eine zu sehen bekommen.

Es gab einen Kellner in diesem Restaurant, der uns die Bons abgekauft hat. Für dieses Geld konnte man einen viertel Liter Wodka kaufen.

Die Bergleute haben viel Wodka getrunken. Sie suchten darin Vergessen, eine Ablenkung vom schweren Los.

In den Sammelstellen für leere Flaschen, gab es ein wenig Geld für jede abgegebene intakte Flasche, den Flaschenpfand. Es gab einen Witz zum Thema Alkoholismus: Die Kinder, sehr hungrig, betteln den Vater: an: "Vater, geht Wodka kaufen, damit wir für das Pfand für die leere Flasche etwas Brot kaufen können".

Der Lohn wurde wöchentlich in Bar ausgezahlt (später alle zwei Wochen). Die Ehefrauen standen vor dem Zechen-Tor, um die Ehemänner mit dem Lohn abzufangen. Die cleveren Ehemänner entwischten oft durch ein Seitentor, oder warteten versteckt, bis die Ehefrau aufgegeben hatte. Unsere Schwester arbeitete bei dieser Zeche im Lohnbüro und hat auch die Lohnauszahlungen vorgenommen.  Sie kannte schon die "Säufer" und hat, immer wenn es möglich war, an die Ehefrauen direkt ausgezahlt, obwohl die Ehemänner keine Vollmacht ihnen erteilt haben. Es gab manchmal Ärger mit dem Vorgesetzten deswegen.

Nicht alle waren Säufer, es gab auch viele, die dem Kartenspiel, dem Pokern verfallen waren. Die Pokerspieler lauerten schon in der Nähe um die Spielsüchtigen abzufangen.

Die Ehefrauen nahmen oft die Kinder mit, um damit moralischen druck auf ihre Männer auszuüben und sie zu bewegen, nachhause und nicht in dei Kneipe zu gehen. Das schwere trostlose Leben, hat die Männer dazu gemacht.

Die Kliniken hatten an diesen Tagen zwei Arten von Verletzungen zu behandeln. Die Trinker steckten die Wodka-Flasche in die Hosentasche hinten. Wenn sie hinfielen, verletzten sie sich den Hintern. Viele sind von der immer überfüllten Straßenbahn gefallen (mit der Flasche in der A....tasche). Um doch noch mitgenommen zu werden, stellte man sich auf die Kupplung hinten, manchmal zu Dritt, bzw. hing mit einem Bein am Einstiegsbrett, eine Hand am Haltegriff aussen.
Die andere Verletzung kam durch den Versuch die Wodka-Flasche ohne Korkenzieher zu öffnen. Man schlug mit der flachen Hand, so oft auf den Boden der Flasche, bis der Korken herauskam. Bei der schlechten Qualität der Flasche kam es oft vor, dass die Flasche unter den Schlägen zerbrach. Es gab dann diese "typische" Verletzung des rechten Arms. Die Ärzte behandelten diese verletzten Säufer mit diesen Verletzungen nicht besonders vorsichtig. 

In den Gasstätten, wenn man Wodka bestellt hatte stellte die Bedienung eine Literflasche und ein 100 ml Glas auf den Tisch. Bier war ungenießbar, genau so wie der Wein, Obstwein. Abscheulich!

 

Mein Cousin Paul Hajduk

Der weiter oben, in "Das Elternhaus" erwähnte Paul war unehelich geboren. Ich nehme an, dieser Umstand hat sein ziemlich verpfuschtes Leben beeinflusst. Zunächst abgelehnt, dann nachdem das Mündel-Gold ausgezahlt wurde, von allen sehr begehrt. Ausgebildet zum Schuhmachermeister, hat er unsere Schuhe repariert.

Er wohnte in einer kleinen Wohnung in Hindenburg-Mitte. Als Kind habe ich Paul gerne besucht. Es waren aber auch nur wenige Male, eben dann, wenn es galt Schuhe zur Reparatur zu bringen. Ich habe seine Geschicklichkeit bewundert, er hat mir jeden seiner Handgriffe erläutert, erklärt, wie diese Schuhmacher Geräte funktionieren.

Man hat sich eine traurige Geschichte seiner Ehe erzählt. Angeblich hat ihn seine Frau, die Anni, nur geheiratet (1937?), um den Namen Hajduk zu erlangen, denn ihr Geliebter hieß ebenfalls Hajduk. Als Paul nach dem Krieg nach Hause gekommen ist, fand er dort den "anderen" und seine Frau hat ihn, Paul, weggeschickt. Er durfte gehen. Ob es sich wirklich so abgespielt hat, weiß ich nicht. Sie bekamen zwei Töchter, ob auch Paul der Vater war, wurde angezweifelt. Er glaubte jedenfalls fest daran. Auf jeden Fall war die Älteste von ihm. Wir haben oft über seine Kinder gesprochen. Die Mutter der Mädchen hat jeglichen Kontakt unterbunden. Sein größter Wunsch war gewesen, seine Kinder zu sehen. (ich bin stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, wenn auch nach Jahrzehnten, ein Treffen mit seiner Ältesten zu arrangieren. Eine meiner wenigen "guten Taten". Er hat sein ganzes Leben unter der Trennung gelitten. Später dazu mehr.)

Er kam uns gerne in Biskupitz besuchen, brachte dann z.B. einen Fisch zum braten mit. Ungehalten hat er reagiert, wenn unsere Schwester diesen Fisch "zerbraten" hat. Die Pfanne war zu klein, um den Fisch ordentlich zu wenden. Die Stücke waren immer zerfallen. 
Seine Spezialität war, unangemeldet zu kommen. Es klingelte an unserer Tür, Paul stand draußen: "Guck nicht so dumm!"

Er hatte später eine Freundin, die Maria, ebenfalls eine etwas verunglückte Beziehung. Maria führte einen Blumen-Laden in Hdbg-Mitte. Völlig unerwartet wurde Paul die Ausreise in den Westen gestattet. Vielleicht deshalb, weil er offiziell als Arbeitslos galt. Die Schuh-Werkstatt war in seiner Wohnung privat. Paul hat alle seine Möbel, seinen ganzen Besitz der Maria vermacht und ist ausgereist.

Jahre später klingelt es an unserer Wohnungstür in Biskupitz, Paul stand da: "Guck nicht so blöd!"

Er ist wieder aus dem Westen zurückgekommen. Die polnische Regierung wollte es propagandistisch ausschlachten, aber Paul hat nicht mitgemacht. Ich glaube, Maria war über seine Rückkehr nicht besonders erbaut. Er hatte Geld mitgebracht und viele "gute Sachen" aus West-Deutschland. Jetzt wollten alle den Paul bei sich aufnehmen. Cousine Charlotte ha das Rennen gemacht und ihn aufgenommen. Es war zu wenig Platz in dieser kleinen Wohnung, sobald alles aufgebracht war, musste Paul gehen. er fand einfach nirgendwo seinen Frieden, ein Zuhause.

Paul behauptete, das Essen dort war zu spärlich und zu schlecht. Charlotte "Lotte" wiederum, Paul hätte sich wie ein Pascha aufgeführt.

Wie er das geschafft hat, erneut eine Ausreise nach West-Deutschland zu erlangen, wissen wir nicht.

In West-Deutschland kam er nach Peine, zu Cousine Erna. Erna Wydra, Tochter der Schwester Vaters, der Ernestine, soll die Lieblings Nichte unserer Mutter gewesen sein. Sie war leicht behindert, hatte einen Klumpfuss. Paul wurde dort ebenfalls nicht glücklich. Er hauste in einer heruntergekommen Wohnung. Ein ausgebauter Autositz war sein "Sessel", es war unglaublich schmutzig in dieser Wohnung. Ernas Tochter, die damals 12jährige Sabine(?) hatte als  ein einzige Kontakt zu Paul. Sie sorgte in ihrem beschränktem Rahmen für Paul.

Paul kam oft zu uns nach Mainz zu Besuch. Unsere kleine Tochter war ganz vernarrt in Paul. "Onkel Paul! Onkel Paul" ging es die ganze Zeit. Er war ziemlich hilflos dem Kind gegenüber. Wir saßen manchmal die ganze Nacht zusammen und haben über meine Elter gesprochen. Er hatte eine innige Beziehung zu seiner Tante, meiner Mutter. Meine Eltern mochten den Paul.

Einmal haben wir Paul auch in Peine besucht. Nicht nur den Paul, auch die Cousine Erna und Heinrich ihren Mann. Ernas Wohnung machte auf mich einen düsteren Eindruck. Die Zimmer voller altmodischer Möbel, man konnte sich kaum darin bewegen.

Paul "Zuhause" war die reinste Katastrophe. Meine Frau durfte dort aufräumen, ihr hat er es gestattet. Mit Hilfe der Sabine(?) wurde gründlich sauber gemacht, Gardinen wurden aufgehängt . Man erzählte sich, Paul hat viel Geld gespart und sein geiz hindere ihn, es für sich sinnvoll einzusetzen. Ich wusste, dass er für seine Töchter gespart hat.

Er hatte später eine Freundin, mit der er auch mal nach Mainz gekommen ist. 

Paul mit Freundin zu Besuch in Mainz. Im Vordergrund unsere Tochter Petra.
Paul mit Freundin in Mainz, ca. 1972 (im Vordergrund unsere Tochter)

Sie war sehr "sauber", wie sie immer betont hat, sie hat jeden Tag ihren Schlüpfer gewaschen und auf der Heizung im Wohnzimmer getrocknet. Sie hat mich bearbeitet, ich solle doch Paul dazu bewegen, sein Geld in neue Möbel zu investieren. Ich wusste aber, es soll für seine Töchter als Erbe bleiben. Es hat sie gewurmt, dass sie nicht genau wusste, wie viel Geld Paul hatte.

Paul hat testamentarisch verfügt, ich solle das Geld erben. Als er wieder Mal zu Besuch nach Mainz gekommen ist, habe ich nach seinen Kindern geforscht. Es war gar nicht schwer sie zu finden. Gerade mal 90 km von Mainz entfernt, in Koblenz lebten die jungen Frauen. Ich glaube auch seine geschiedene Frau, die Anni, hat ebenfalls dort gelebt. Telefonisch ist es mir gelungen, ein Treffen mit der Ältesten Tochter, der Rita zu arrangieren. ich werde es nie vergessen, wie Paul und ich auf dem Mainzer Hbf auf die Ankunft des Zuges aus Koblenz gewartet haben. Paul war sehr aufgeregt, hat gezittert. Dann war es so weit, Rita ist aus dem Zug ausgestiegen. wer wen wie erkannt hat, weiß ich nicht mehr. Es war eine recht Kühle Begegnung, aber immerhin, Paul durfte seine Tochter sehen und begrüßen. Das Geld hat Rita später dann doch angenommen, auch das war für Paul in seiner Sterbestunde eine Genugtuung.

Paul war komisch aber auf seine Art herzlich und ein guter Freund. Er Ruhe in Frieden.

Mit Rita habe ich später ein paar Mal telefoniert, dabei ist es aber geblieben. Die andere Tochter habe ich nie gesehen.

Sabine(?) hat in Wolfsburg bei VW gearbeitet. Sie hat es zum Kfz-Meister gebracht und ist zu VW Mexiko gegangen. Dort hat sie Jahrelang gearbeitet. Sie war ein liebes und gutes Mädchen. 

Abendschule

Weihnachten mit den früheren Nachbarn Familie Pilny (Bärbel, Regine, Christa und Mutter)
Weihnachten mit Familie Pilny, Bärbel, Regine und Christa mit Mutter. Vater war Kriegsblinder.  
Ich war in die Mittlere, die schöne Regine verliebt. Ich glaube mein Bruder auch.

 In der Uniform der Bergmanns-Schule
Wir Geschwister, ich in der Schul-Uniform der Bergmann-Schule. Im Hintergrund, 
unser Radio, der Stolz unserer Schwester.

Nach Ende der Berufsschule habe ich am Abendgymnasium das Abitur gemacht und das Grubensteiger -Patent erworben. Hier kam mir das Regime etwas entgegen. Ich musste nur noch 42 Stunden in der Woche arbeiten. An drei Tagen in der Woche konnten wir Abendschule-Schüler, die Arbeit zwei Stunden früher beenden. Man musste dafür eine Bescheinigung der Schule vorlegen. Trotzdem wieder Diskriminierung. Die Repatrianten, die diese Abendschule besucht haben, wurden Übertage eingesetzt, hatten leichte Büro-Hilfsarbeiten zu verrichten. Wir, zwei Autochthonen mussten weiterhin die schwere Knochenarbeit Untertage verrichten. Wie sich später gezeigt hatte, war ich eine Art "Versehen", ich hätte nicht zugelassen werden dürfen am Abendgymnasium. Einmal wegen der Abstammung und weiter wegen meiner politischen Einstellung. Meine Freunde haben nachgeholfen.

Die Schule bekam Order, alle Zuwanderer durchzulassen, unabhängig davon, wie schlecht sie gewesen sind. Aus diesen Absolventen wurde die Kader, das Aufsichtspersonal rekrutiert. Es mussten alles Polen sein. Einer wurde regelrecht durch die Prüfung geschubst. Er hat bestanden!

Der Schuldirektor sagte mal zu der Sekretärin, das würde nichts ausmachen, aus diesen Leuten sollten auch keine Wissenschaftler werden. Heute würde man sagen: die Quote. In USA mit Farbigen, in Deutschland die mit Zuwanderern. Positive Diskriminierung!(???) (Wir werden uns noch wundern! Wiederholt sich für mich die Geschichte?)

 

"Meine" Stenkohlengrube
"Meine" Grube
"Hedwigwunsch" (von 1861)  (heute die erste private Zeche in Polen).

 

Ein Problem war, den Förderschacht rechtzeitig zu Personenbeförderung zu erreichen. Der Arbeitsplatz Untertage war ein paar Kilometer weit entfernt. Nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten wurden Personen befördert. Die Schale (der "Aufzug") fuhr dann langsamer, als bei der Kohle Förderung. Mit der Kohle-Förderung, volle Kohlenwagen rauf, leere herunter, ging es über 1.000 m "im freien Fall", mit dem entsprechendem Bremsvorgang. Da sind die heutigen Attraktionen, "nichts dagegen". Um den Schacht (den "Aufzug" nach oben) rechtzeitig zu erreichen, sind wir auf den Förderbändern gelaufen.

Diese Förderbänder, (Bandförderer) aus Gummi auf Rollen, waren löcherig, es gab Risse und Schlitze. Diese Schlitze/Risse waren immer längs angeordnet. Wir versuchten den Fuß weitgehend schräg zu setzen.

Beim Laufen auf diesen Bändern konnte der Fuß durch einen solchen unsichtbaren Schlitz durchrutschen und konnte dann nicht mehr zurückgezogen werden. Zunächst wurde der Fuß mehrfach gebrochen, um dann am Ende des Förderbandes, von der Umlenk- bzw. Spannrolle abgetrennt zu werden. Es gab sehr viele solcher Unfälle. Einen habe ich mit angesehen. Ein Arbeiter ist beim Reinigen der Umlenkrolle, vom Band am Ärmel erfasst worden und wurde hineingezogen. Der rechte Arm wurde abgetrennt. Er hat diesen abgetrennten Arm mit der linken Hand aufgenommen und ist zum Förderschacht gegangen. Unter Schock, hat er kein Blut verloren und keine Schmerzen verspürt.

In meiner Abteilung war der Flöz so niedrig, dass man nur im Liegen auf den Bändern mitfahren konnte. Hier war die Gefahr, dass man mit dem Kopf an die (herabgesenkte) Decke stieß und sich das Genick brechen konnte.

Es war streng verboten auf den Bändern zu reisen. Die Arbeitsnorm (wir haben im Akkord gearbeitet) war so hoch gesetzt, dass wir bis zuletzt vor Ort gearbeitet haben und um dann noch rechtzeitig zu Personenbeförderung (Fahrung) da zu sein, mussten wir auf diesen Bändern rennen. Das Nichterfüllen der gesetzten Arbeitsnorm, konnte auch als Sabotage ausgelegt werde. Es war gefährlich

 

Bergbau - Mystik

Dieser Bergmann ist "fertig"
Durst

Der Weg "Untertage" war für mich vorgezeichnet und ohne Alternative. Als Autochthon und sehr arm. Die "Vornehmen" (also de Zuwanderer) wurden "Geistige Arbeiter", Angestellte, möglichst nicht auf der Grube, die anderen wurden "physische Arbeiter" und die ganz unten, in der Grube. "Grubenarbeiter" war ein Schimpfwort (Grubniok). Als unser Bruder geheiratet hat, hat die Schwiegermutter in spe großen Wert darauf gelegt, dass sein Beruf, "Schlosser", in der Kirche genannt wurde. Heinz hat später auch Untertage gearbeitet, meistens in Spätschicht, beim Vorbereiten des Kohlenabbaus für die nächste Frühschicht. Später wurde Heinz Sprengmeister, das ist der, der das Dynamit einsetzt, für die Sprengungen.

Die Schwiegermutter "in Spe" hat auch den Pfarrer befragt, was für eine Familie wir denn so seien. Hier hat mich Hochwürden sehr enttäuscht. Hochwürden haben Rache geübt und uns in den schwärzesten Farben dargestellt, die die Hölle so zu bieten hat.

Die Sprengungen waren sehr gefährlich, man sollte sich dabei weit genug vom Sprengungs-Ort entfernen . Bedingt durch die hohen Arbeits-Normen, wurde es nicht befolgt. Wir sind ein paar Meter weit weg und haben uns so gut es ging geschützt. Ein Mal bekam ich auch eine Ladung auf meinen Rücken ab. Einige kleine blauen Stellen vom eingelagertem Kohlenstaub, sind als Natur-Tattoos immer noch zu sehen. Auch sonst finden sich einige blau vom Kohlenstaub eingefärbte Narben von Unfällen an meinem Körper.

Die "Berufsschule für Bergbau" hat ein Lehrgeld gezahlt, und im dritten, letzten Schuljahr verhältnismäßig viel. Mit vollendetem 16 Lebensjahr durfte man in die Grube, Untertage  einfahren. Am 2.1.1957 wurde ich 16 Jahre alt, es war ein Montag und an diesem Tag bin ich auch "eingefahren". Es war ein einmaliges Erlebnis. Diese Stille, diese absolute (ägyptische) Dunkelheit. Die Stille wurde von Wassertropfen und von Stöhnen der Hölzer unterbrochen. Gelegentlich gab es einen Knall, wie beim Donner, (Bergschlag). Man hat sich daran bald gewöhnt. Ein schönes Gefühl war die "Sicherheit", die die Tiefe der Erde "Im Schoß der Mutter Erde", immerhin waren wir über 1.000 m tief, vermittelt hat. Besonders genossen habe ich die Feuerwachen am Sonntag. Am Sonntag wurde keine Kohle gefördert, deshalb musste ständig jemand unter Tage Kontrollgänge absolvieren. Man war alleine, es war wie in der Kirche. Durch die Sonntagsschichten, ich hatte an bis 50 Sonntagen im Jahr gearbeitet, konnte man den Verdienst etwas aufbessern. Urlaub und sonstige Erholung gab es nicht. Die 14 Tage Tarifurlaub wurden für Krankheiten genutzt. Man konnte sich den Urlaub auch auszahlen lassen. Es war eine Art Weihnachtsgeld, hatte aber an keinem Tag im Jahr frei. Der 1. Mai war ein Feiertag, wir mussten aber zu den Umzügen unter Zwang gehen.
Ich war im betrieblichen Alpinen-Verein (Tatra) und dort wurden regelmäßig sportliche Klettertouren veranstaltet. Wir wurden mit einem alten Militärlaster in die Berge gefahren. Das gab ein wenig Abwechslung.

Ich habe mich gerne, wenn bei einer Havarie alles stehen blieb und wir eine erzwungene Arbeitspause hatten, in alten, vergessenen und verlassenen Gängen herumgetrieben. Es war sehr sehr gefährlich, jeder Zeit hätte die Decke einstürzen können - ich wäre für die Ewigkeit verschollen. Ich musste mich durch sehr enge Spalte durchzwängen. Heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich nur einen solchen engen Spalt sehe. Zum Beispiel in Krakau auf dem Turm zum Wawel (das Königsschloss) muss man durch einen solchen engen Spalt. Mit über 20 Jahren hat es mir nichts ausgemacht. Mit fast 60 Jahren musste ich umkehren.


Frauen im Bergbau


Aus der kommunistischen Propaganda. Arbeiterin.

  
Lange vor Beginn meiner Bergmannkarriere hat die Sowjetunion eine völlige Gleichstellung von Mann und Frau auch im Bergbau verfügt (wohl wegen Mangels an Arbeitskräften). Es war eine verrückte Zeit. In diesem Flöz (mehr als 1.000 m tief), war es sehr warm. Die Kumpel arbeiteten nur in Gummistiefeln und mit einem Helm als Kopfschutz. Mehrmals täglich mussten die Fußlappen ausgewrungen werden und der Schweiß aus den Stiefeln geschüttet werden. Sonst waren alle oft ganz nackt. Es gab 2x pro Schicht schwarzen Ersatzkaffee zu trinken. An den Geschmack kann ich mich noch jetzt erinnern.

Ob es die verzweifelte Lage war, auf jeden Fall die Moral (und damit die Arbeitsmoral) waren dahin. Pärchen haben sich in entlegen Ecken aufgehalten, es wurde kaum gearbeitet. Ich weiß noch, dass diese Frauen "sehr scharf" auf uns, Auszubildende, alle so 16,17,18 Jahre alt, waren. Es war aber vor meiner Zeit.

Mit den Frauen sind auch die Karbid-Lampen verschwunden. Es war offenes Feuer und deshalb sehr gefährlich. In einen Behälter mit den Karbid-Brocken, tröpfelte Wasser. Die Anzahl der Tropfen konnte mit einer Schraube reguliert werden. Ich kann mich noch an Arbeiten mit diesen Carbid-Lampen gut erinnern. Es ist Karbid (CAC2 ), das mit Wasser Acetylen-Gas ergibt. Ein brennbares Gas.

Ethin ist ein brennbares Gas, das früher aus Kalziumcarbid (CaC2) und Wasser hergestellt wurde. Es wurde in Carbidlampen verbrannt und diente Bergleuten zur Beleuchtung.  

CaC2          

+

H2O      

=>

 C2H2      

+

 Ca(OH)2

C2H2     

+

O2     

=>

CO2  

+

H2O

(Da das Gas bei der Carbidlampe mit hoher Geschwindigkeit durch eine enge Düse ausströmt, vermischt es sich gut mit Luft und verbrennt ohne Ruß.)

 

In der "Waschkaue" wurde vor Schichtbeginn und nach Schichtende sich umgezogen. Später wurde unterschieden nach "Weiß Kaue", für die sauberen Sachen und "Schwarz-Kaue", für die schmutzigen Arbeitssachen. Unter der (sehr hohen) Decke waren Hacken angebracht, die man herunterlassen konnte. An einer Eisenkette, die mit einem Vorhängeschloss gesichert worden ist. Die Kleider, morgens die Straßenkleider, abends die Arbeitssachen, wurden so "kunstvoll" drapiert, dass es wirklich aussah, als hingen dort Menschen. Die Älteren haben sich immer wieder einen Spaß erlaubt, in dem sie den Neuen, besonders den Kongresspolen, erzählten, es seien Tote, die durch Unfälle ums Leben gekommen sind. Diese jungen Zuwanderer aus den Bergen, "Gorrollä", waren sehr naiv und rückständig. Einer wollte den Wasserhahn aus der Wand abschrauben, und ihn nachhause nehmen, damit seine Mutter nicht mehr das Wasser aus dem weit entfernten Brunnen holen müsse. Sie waren rückständig, aber herzlich und anständig. Es waren Ausländer, die unsere Sprache nicht verstanden haben. Wir haben in Oberschlesien "Wasserpolnisch" gesprochen. Die Deutsche Sprache wurde uns verboten, die Sprache der Fremden wollten wir nicht annehmen - wir haben uns eine eigene Sprache geschaffen: Wasserpolnisch. Deutsche Begriffe wurden mit einer polnischen Endung versehen: "Mytzka" war demnach eine Mütze. "Kartofflä" waren die Kartoffel (poln.: ziemniaki), "Schemua" eine Semmel (poln. bouka). Polnische Begriffe wiederum mit einer deutschen Endung versehen. Wie ein Ostfriese in Ober-Bayern, so haben sich diese Zuwanderer in Schlesien gefühlt. 

Ich war immer wieder erstaunt, welche Dankbarkeit sie mir entgegen brachten, für eine einfache Einladung zum Abendessen zu uns nachhause. Es gab ja nur Brote mit Margarine und Tee. Meine Geschwister waren sehr gesellig und hatten sich auf diese Besuche gefreut.

So wurde der Pole Bronisław I l s k i mein bester Freund (und mein Beschützer). "Bronek" ist leider schon vor Jahren tödlich Untertage verunglückt  
In der Waschkaue haben alle gemeinsam geduscht (einige Hundert Männer). Wir waren von Kopf bis Fuß voll mit Kohlenstaub eingeschwärzt. Wir bildeten große Ringe, in dem einer dem anderen den Rücken waschen konnte. Der Erste in der Reihe, dem Letzten in der Reihe. Der Ring wurde geschlossen. Es
sah sehr lustig aus. Hier kann man sich das selber ausmalen, wie dort Frauen hineingepasst haben. Es war trotzdem sehr taktvoll dort, bekam einer von uns Jungs, beim Duschen eine Erektion, wurde taktvoll hinweggesehen.

Als Berufsschüler mussten wir durch alle Abteilungen hindurch. In den ersten zwei Schuljahren Übertage, durch verschiedene Werkstätten. Im dritten Lehrjahr Untertage. In einer Abteilung (Flöz) war es sehr warm, in einer anderen, weiter oben, hat es in Strömen "geregnet" und es war sehr kalt. Wir mussten in Regenmänteln arbeiten. Der Dauerregen war das schlimmste!

In "meiner" Abteilung war es sehr niedrig, ca. 1,50 m. Wir haben auf den Knien rutschend gearbeitet, an unseren Arbeitsort gelangten wir auf Bändern liegend, diese waren extra für Personenbeförderung gedacht. De Arbeitsgeräte, z.B. die Kohlenschaufel, hatten extra kurze Stiele.

Im Westen hatten die Sicherheitsvorkehrungen hohen Stellenwert. Zum Beispiel für die Band-Fahrung, trugen die Kumpel einen Kristall am Körper. Die Förderbänder verfügten über Erkennungsvorkehrungen, die dieses Förderband sofort stoppten, wenn der Kumpel nicht rechtzeitig vor Bandende abgesprungen ist (sonst wäre er in den Kohlenbunker gefallen).

Die Arbeit selber war sehr schwierig. Eine Knochenarbeit. Kam es bei Havarie oder Unfall zum Stillstand, fielen wir einfach auf die Steine hin und waren sofort eingeschlafen. Nach der Schicht waren wir zu schwach, um den Suppenlöffel zu halten. Es wurde in drei schichten gearbeitet, zu 8 Stunden. In der Frühschicht wurde Kohle abgebaut und heraufbefördert. in der Spätschicht wurden die Maschinen nach vorne verlegt, an die Kohle-Wand. Das Förderband wurde verlegt und der frei gewordene Raum mit (früher Holz) Eisenstempeln (Pfosten aus Eisen) abgestützt. Es war sehr schwierig, auf den Knien rutschend die schweren Eisenstempel zu bewegen. Zwei Arbeiter haben eine 50 kg schwere Doppel- T -Eisenschiene an die Decke gehalten, während ein Dritter den Stempel darunter (mit einem Ruck) setzen musste. Die Nachtschicht hat den dann leeren Raum dahinter (etwa 20 m tief, 200 m lang) mit Versatz versehen müssen. Als Versatz nahm man Steine, die aufgeschichtet wurden, bzw. es wurde Sand hinein gespült, von Übertage, mit sehr hohem Druck. Eine andere, sehr gefährliche Art war, die Decke kontrolliert zum Einsturz zu bringen, Bruch. Durch die aufgeschichteten Steine hat sich die Decke über dem Bruch selber abgestützt.

Wollte die Decke mal nicht einstürzen, musste mit Dynamit nachgeholfen werden.

So sieht ein "Bruch" aus
So sieht ein "Bruch" aus

Die Polen haben am Anfang nicht geglaubt, dass sie über eine längere Zeit die Herren in Schlesien (und Preußen) bleiben würden. Die vertriebenen Polen aus dem Osten (aus Lemberg "Lwów", "L´viv") wollten gar nicht bleiben, sondern haben von einer Rückkehr nachhause geträumt. Ihnen wurde ein Besuch pro Jahr gestattet. Ein Arbeitskollege, Vertriebener aus Lemberg, war zu Beginn des Jahres in seiner Heimatstadt zu Besuch. Mitte des Jahres lag seine Mutter auf dem Sterbebett und verlangte ihn zu sehen. Es wurde ihm verwehrt! Er durfte nicht an das Sterbebett der Mutter, denn er hatte für dieses Jahr sein Besuchsrecht ausgeschöpft. Das er geweint und geschimpft hat, muss nicht extra erwähnt werden.

Die Polen wollten maximalen Profit aus dem Oberschlesischen Kohlenabbau herausholen. So lange ihnen noch alles gehörte! Es wurde deshalb ein Raubabbau betrieben. Die Kohlenschichten direkt unter der Stadt wurden abgebaut. Die Folgen spürt man heute noch in Hindenburg. Die Stadt sinkt jährlich um etwa 2 cm, mit allen Folgen, die sich daraus ergeben (Bergschäden). Eine andere Folge war, dass wir auf eine verbrecherische Art ausgebeutet worden sind. Es ging darum, möglichst billig, möglichst viel Kohle zu fördern. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden völlig missachtet. Im "Versatz" wurde auf gleiche Weise vorgegangen. Die Norm war so hoch gesetzt, dass wir mogeln mussten. Nicht der ganze Raum wurde mit Steinen verfüllt, sondern eine Mauer vor diesen leeren, zu verfüllenden Raum gesetzt. Auch aus dieser Tatsache ergeben sich "Bergschäden". Um die Arbeiter maximal auszubeuten, mussten sie einigermaßen gut ernährt werden. In Schlesien gab es deshalb gelegentlich sogar Fleisch zu essen. Die Versorgung war ungleich besser, als im restlichen Land. Wer immer wieder die gesetzte Arbeits-Norm übererfüllte konnte auch ein Motorrad erstehen. Wir sagten:

"der Bergmann lebt nur kurz, aber dafür gut".

Nach meiner erfolgreichen Flucht, habe ich in Deutschland (West) zunächst im Bergbau Fuß fassen wollen. Ich war als Aufsichtshauer in einer Kohlengrube in Gelsenkirchen -Bismarck untergekommen. Es hat sich sehr bald gezeigt, dass es nicht das gewesen ist, was ich mir in der Freiheit erträumte. Ich wollte an die Universität!

"Geholfen" bei meiner Entscheidung den Bergbau zu verlassen hat ein Arzt (der Vertrauensarzt), so wie der Obersteiger Löwe. Der Obersteiger hatte was gegen Flüchtlinge aus Schlesien und der Arzt wollte mir den Magen, wegen Magengeschwüren weg operieren.

Ich bin heute Chemiker und mein Magen ist immer noch ganz. (Es waren auch nicht Magengeschwüre, sondern Zwölffingerdarm- Geschwüre!)

Die zweite Gruppe der Zuwanderer umfasste die vertriebenen Polen aus den polnischen Ostgebieten. Wie bekannt, hat Stalin Polen nach Westen hin verschoben. Natürlich hat Stalin mehr im Osten von Polen abgeschnitten, als im Westen dazugegeben. Die Staatsgrenzen Polens waren nach dem Krieg ca. 500 km kürzer, als vor dem Krieg. Es waren alles ganz nette Menschen, die nur eins wollten: zurück nach Lemberg (Lwów, L´viv). Diese Menschen glaubten nicht, Schlesien würde "für immer" polnisch bleiben. Darunter hatte ich viele Freunde, z.B. den Bronislaw I l s k i. Ihm konnte ich wirklich vertrauen, mehr noch, als den "unsrigen". Viele meldeten sich freiwillig zu der "ORMO" (Freiwillige Reserve der Miliz).

Viele von den "unsrigen", haben sich als Stiefellecker der neuen Herren gezeigt. Sie wollten polnischer als Polnisch erscheinen. Leider sehe ich diese Drecksäcke heute in Deutschland mit deutschem Pass herumlaufen. Da kann man das Kotzen kriegen!

Die dritte Gruppe der Zuwanderer bildeten verarmte Polen aus dem Hinter- land, sowie "verdiente" Partisanen und Parteifunktionäre, die großzügig be- lohnt worden waren. Belohnt mit Posten und/bzw. mit den Deutschen geraubtem Hab und Gut.

Berufsschule

Wer keinen Hauptschulabschluss vorweisen konnte, musste ein Vorbereitungsjahr absolvieren. Dass hieß für mich, vier Jahre Berufsschule. Es kam nur die Bergbauschule in Betracht, denn dort gab es ein Ausbildungsgeld. Im 3. Lehrjahr sogar recht viel Geld. Darüber hinaus eine Schuluniform, also Kleidung. Auf dem Bild links, trägt der Peter Gansiniec die Uniformjacke. Das 3. Lehrjahr wurde auch für die Rente angerechnet, leider von der SPD in der Bundesrepublik nicht mehr anerkannt.

Die Ausbildung selber war gut und problemlos. Abgeschlossen wurde mit "Lehrhauer". So etwas wie Geselle. Der "Hauer" wäre demnach ein Meister. Der "Aufsichtshauer" war schon Angestellter (Geistiger Arbeiter - in Polen stand das im Personalausweis, ob man Arbeiter oder Angestellter gewesen ist. Die "Angestellten" wurden z.B. von der Miliz bei Kontrollen besser behandelt.)

Die Arbeit in der Grube Unter Tage, ich bin an meinem 16. Geburtstag eingefahren, am 2.1.1957 6:00 früh, war sehr gefährlich und sehr schwer. Begonnen wurde um 6 Uhr früh, man musste da schon Unter Tage sein, Ausfahren durfte man erst nach 14 Uhr. Um 6 Uhr wurde die Seilfahrt nach Untertage eingestellt (Umgestellt auf Kohle), um 14 Uhr wurde mit der Seilfahrt nach Übertage begonnen. 
Die erste Einfahrt in die Grube, in die Tiefe war schon dramatisch.

Es ging im freien Fall über 1.000 Meter in die Tiefe. Ich kam in eine Abteilung, in der es sehr niedrig gewesen ist. Wir mussten die ganze Schicht auf den Knien absolvieren. Es gab dazu Knieschoner, die völlig unzureichend gewesen sind. Sie schützten nur vor Abschürfungen. Durch den vermehrten Druck auf die Menisken, sind bei mir jetzt Schäden aufgetreten (Risse im Hinterhorn des Innenmeniskus. Es ist eine Berufskrankheit, die Berufskrankheit Nr. 2102 Meniskusschäden nach mindestens 3 jähriger Arbeit Unter Tage). 
Ich bekam von dieser Haltung, bei der der Magen immer so gedrückt wurde, Magengeschwüre. Es war zum Heulen.

 

Unsere Schule
Die Berufsschule für Bergbau in Hindenburg Nord-Ost (Biskupitz)

Die Ausbeutung

Es war ein ausgemachter Schwindel mit der Übererfüllung der Arbeitsnorm um 1.300 %. (Nach sowjetischem Muster des Stachanow, wurde der Repatriant Wincenty Pstrowski vorgeschickt. (In der DDR hat es zum 17.Juni geführt!) Trotzdem wurden wir an dieser Norm gemessen. Es hieß, doppelte Arbeit, für die Hälfte des Lohnes. Viele von unseren Leuten sind an dieser Arbeitsnorm zugrunde gegangen. Hinzukam, dass die Versorgung mit Lebensmitteln sehr schlecht war. Wer eine Familie zu versorgen hatte, wie Cousin Willi (Krause), der musste 16 Stunden täglich arbeiten. Willi hat sich zu Tode gearbeitet. 8 Stunden auf der Grube, weitere 8 Stunden beim Juden in der Werkstatt in Hindenburg. (Cousine Charlotte wollte unbedingt noch eine Tochter, zu ihren zwei Söhnen. Es wurde ein Junge. Tante Valy, ihre Mutter, bissig: "Hat dich so der A....gejuckt? Musste das sein? Drei Kinder?". Die feine Dame der Familie konnte auch ordinär werden. Sie selbst hatte nur ein einziges Kind. Sie war mit ihrem Schwiegersohn nicht einverstanden. Für ihre einzige Tochter wollte sie etwas besseres, als einen Arbeiter. Sie wohnten anfangs in einer Ein-Zimmer-Wohnung zu dritt. Die Wohnung gehörte der Tante Valy, was sie auch immer wieder erwähnt hat. "Geh ´mal raus Willy und schau mal was auf dem Türschild drauf steht". Sie mussten immer betteln, dass  Tante sie mal im Zimmer alleine läst. "Was, Schon wieder?" 

Jahre später bekamen sie endlich eine eigene Wohnung, mit einem dazugehörendem Garten. 

Ein "typischer Einkauf" aus diesen Tagen: 100 gr. Margarine, 50 gr. Marmelade, 100 gr. Zucker und 3 Zigaretten. Gegessen wurden Pellkartoffeln mit dem Wasser von eingelegten Heringen. Oder Brot mit Maggi beträufelt.

Eine 6 Tage Woche zu 8 Stunden täglicher Arbeitszeit war vorgeschrei- ben. Die Betriebe haben Abteilungen "Arbeitsdisziplin" geführt. Wer drei Tage im Monat gefehlt hatte, wurde vor Gericht angeklagt und abgeurteilt, "wegen Bummelantentum". Die Abgeurteilten wurden am Pranger mit Bild und voller Adresse ausgestellt.

Die Betriebe hatten einen eigenen Betriebsarzt, der die strikte Anweisung hatte, nicht mehr als die ihm zugewiesenen Fehlzeiten wegen Krankheit pro Jahr zuzulassen. Hatte dieser Arzt dagegen verstoßen, wurde er entlassen. Das führte dazu, dass so mancher von uns mit Fieber und Schüttelfrost in die Grube einfahren musste. Ich hatte eine chronische Gastritis, die auch zu Geschwüren geführt hatte. "Rollkuren und Arbeitsfähig" - das war die Antwort des Betriebsarztes.

Wer ernsthaft erkrankte, der musste seinen Tarifurlaub für die Gesundung verwenden. Gegen Jahresende war die Chance krankgeschrieben zu werden größer, als zum Jahresbeginn. Kam es zu Beginn des Jahres zu einem dieser spektakulären Grubenunglücke, die relativ häufig vorkamen, unsere Grube war die tiefste und gefährlichste des gesamten Bergbaus, die Sicherheitsvorkehrungen schlecht bzw. gar nicht vorhanden, auch wegen der hohen Arbeitsnormen, so war die Chance krankgeschrieben zu werden gleich Null.

Für den Samstag wurde später ein 6 Stunden Arbeitstag eingeführt. Von uns Schlesiern hat man aber verlangt, 8 Stunden zu arbeiten und diese zwei Stunden Mehrarbeit, für den Wiederaufbau von Warschau freiwillig zu spenden.

Polen schuldet mir den Lohn von ca. 700 Arbeitsstunden, denn Warschau wurde aus anderen Geld-Quellen (der BRD) wiederaufgebaut.

Ab Mitte 1945 arbeiteten die über 104 Steinkohlengruben für die Polen / Russen. Sie Förderten über 95 Mio. Tonnen Steinkohle (Deutscher Stein- kohle), lieferten die 15 Stahlwerke 2,4 Mio.: Tonnen Stahl (Deutschen Stahl) pro Jahr. Bezahlt wurden wir für unsere Arbeit mangelhaft.

Wenn, dann schuldet Polen den Deutschen Billionen US-$ !

Wir Schlesier, die Autochthonen, waren Arbeitssklaven und Gefangene des polnischen Staates.

"Polenhilfe" der Sowjets.

Die Sowjets haben Schlesien für sich ausgebeutet, mit Hilfe der polnischen Machthaber. Sowohl die schlesische Landwirtschaft, wie auch die schlesische. Industrie.
Probleme bereitete ihnen der Abtransport der "Beute-Güter" in das Landesinnere.

Die Gleise waren in Russland breiter, als in Europa üblich. Dazu hat man sich folgende Geschichte erzählt.
Bim Gleisbau fragte der Vorarbeiter den russischen Ingenieur, ob die Gleise etwa breiter angelegt werden sollen. Er antwortete unwirsch und ordinär mit einer Gegenfrage "Na huj szersze?" Eine Redewendung, die man auch so verstehen konnte, aber nicht so gemeint war: "um eine "Schwanz-Länge" breiter" ("Huj", ordinär für Penis)
Richtig gedeutet und übersetzt meinte er, "Warum, zum Schwanz, breiter?". Der Vorarbeiter nahm Maß, und ließ die Gleise 14 cm breiter legen, als in Europa.

Es wurden in Kattowitz Eisenbahnwaggons mit Kartoffeln beladen. Die polnische Aufsichtsperson vergaß dabei seine Aktetasche im Inneren des Waggons.

Monate später wurde Hilfe aus dem "Bruderland", der Sowjetunion angekündigt. Mit Musik wurde der Zug abgewartet, es wurden große Lobesreden auf die Sowjetunion und deren Hilfsbereitschaft gehalten. Beim Ausladen der Waggons wurde die vergessene Aktentasche wiedergefunden. Die Sowjets schickten einfach den Zug zurück, deklariert als Hilfe. Die Kartoffel waren inzwischen verfault.

Diese Geschichte habe ich oft erzählt. Sie wurde auch protokolliert im Dossier über mich und mir vorgehalten.

Auch ein anderer Witz über den "Generalissimus Stalin" wurde festgehalten.
Als Stalin mal wieder "die Schrauben" angezogen hat, die Norm erhöhen ließ, ließ er einen Passanten in Moskau zu sich holen. Er fragte ihn: "Ich habe die Norm kräftig erhöht. Wie geht es dir dabei". "Sehr gut, Generalissimus Stalin". Stalin weiter: "und wenn ich die Norm noch weiter erhöhe? "Dann wird es mir noch viel besser gehen". Stalin: "So, so. Gut. Was bist du denn von Beruf?. Die Antwort: "Totengräber, Generalissimus".

 

Vae Victis!

Wehe den besiegten!!!

Alexej G. Stachanow (1905 - 1977) im September 1935 in einer einzigen Nachtschicht 102 Tonnen Steinkohle eigenhändig aus einem Schacht im ukrainischen Donezgebiet ...

 

Der "Kuba"...

Kuba nannten wir meinen Jugendfreund. Er lebte mit seiner älteren Schwester Stefi und seiner bettlägerigen Mutter in einer Einzimmer/Küche Wohnung ohne Bad im Hinterhof. Die Frau Schneider war schon seit Jahren ans Bett gefesselt. Wir, drei Geschwister ohne Eltern, sind ins Vorderhaus zugezogen, ich in der 2.Hälfte der 4. Grundschulklasse damals. Im Vorderhaus, im Burek- Haus wohnte im 2. Stock der Zahnarzt Chlapik mit seiner Praxis, weiter der "General der  (Pfadfinder) Harcerze" Herr Hajduk mit Familie, Ehefrau und den Kindern Bolek und Regine. Im Hinterhof wohnte der Jan Kulawik, mit Mutter und Tante, direkt über dem Kuba. Jan und Bolek waren jünger als ich. Uns gegenüber wohnte die Schwester des Hausbesitzers, Frau Böse. So hieß sie, so war sie auch (zumindest zu uns).
Im Hinterhof links wohnte über dem Pferdestall, eine Mutter mit drei Söhnen. Frau Pyrdok, eine kleine schmächtige, aber resolute Person. Die Söhne hatten Angst vor ihrer Mutter. Es waren ungekrönte "Haldenkönige", sie lebten von den auf der Halde geklaubten Kohlen.
In der Schule war Kuba, eigentlich Herbert Schneider, ein sehr guter Schüler.  Er wusste immer alles, half mir auch ab und an bei meinen Schulaufgaben.
Über den Vater hat man sich abenteuerliche Geschichten erzählt. Ob er noch am Leben war, wussten wir nicht.

Mit meinen Geschwistern, ca. 1955. In Bureks Garten. Im Hintergrund sieht man die "Neue Kirche".
Mit meinen Geschwistern

Kuba war Spastiker. Der Geburtshelfer hat zu lange gezögert. 
Er konnte nur sehr mühsam Worte bilden (Pöööeeitttteää, waaaaaartttmaaaaaa auuuuwwwff miiichch, soll heißen Peter, warte mal auf mich) unter heftigem Speichelfluss. Weil er nur langsam, unbeholfen gehen konnte, hat er unsere Clique (die Bande) sehr gebremst.  Ich musste die Kumpels bestechen, damit er mit uns herumstreichen durfte. Hatte ich nichts wertvolles anzubieten, musste Kuba für die Clique irgendetwas ekelhaftes tun. Es war ihm egal, er wollte mit uns über die Felder (eigentlich über die brennende/qualmende Bergehalde) ziehen. Mein Jugendfreund Albert (Alo, "der Rothaarige") war auch oft mit von der Partie. Ich freue mich nachträglich für jedes Mal, dass Kuba auf mein Betreiben hin, mitmachen durfte. 
Für ihn war es das Größte.
Kuba war für uns schon ein "Erwachsener", gehörte gar nicht zu uns. Es hat meine Freunde irritiert, dass ein Erwachsener mit uns Kindern unsere Streiche mitmachen wollte. Diese Streiche waren eben gegen die Erwachsenen gerichtet.

Die Bande...

Zu unserer Bande gehörte z.B. der Adolf Primus. Der Standartscherz aller Lehrer war: "Primus, dein Name heißt "Der Erste". Du bist aber der Letzte". Adolf ist drei Mal sitzen geblieben und war der älteste von uns allen. Weil wir beiden immer wieder den Unterricht gestört haben, mussten wir in der letzten Bank sitzen. Links, am Fenster, war die Bankreihe für Mädchen, die Jungs saßen rechts. Adolf hat mir beigebracht, wie man mit den Ohren wackelt. Wir haben auch verschiedene (lebensgefährliche) Mutproben durchgeführt. So z. B. im Winter. Mit Schnee wurde eine Stelle an der Hand gefroren (unempfindlich gemacht), in dem immer wieder neuer Schneeklumpen an die selbe Stelle gedrückt wurde, um dann mit einer Rasierklinge bearbeitet zu werden. Krankmeldung! Ein anderes "Kunststück" war, ein Geldschein fest an den Handballen gedrückt, mit einer brennenden Zigarette durchzubrennen. Ich habe heute noch an einer Hand eine runde Brandnarbe (den Geldschein habe ich gewonnen!)
Auf die Hochspannungsmaste sind wir geklettert, auf dem Brückengeländer der Eisenbahn- bzw. Autobahnbrücke balanciert. Das einzige "kriminelle" war, mit kleinen Steinchen die unten vorbeifahrenden Autos zu bewerfen. Es waren aber nur ganz kleine Steine! Wir waren nicht kriminell. Nie, zu keiner Zeit. Zu unseren Vergehen zählte:
Obst klauen von den Obstbäumen in den Gärten, vorzugsweise in dem großen Garten des Hochwürden der katholischen Kirche (Mundraub). In der Bäckerei wurde um 4 Uhr früh das Brot fertig gebacken. Der Bäcker öffnete die Bäckerei, damit die Brote abkühlen konnten. Dort haben wir uns dann ein warmes, frischgebackenes Brot gestohlen. Man musste aber sehr früh aufstehen! In den Kellern der Häuser standen Fässer mit eingelegtem Sauerkraut. Zum Sattessen sind wir über die Kellerfenster eingestiegen. Diesem sauerkraut verdanken wir unser Überleben!
Eine besondere Mutprobe war, zwischen die Eisenbahnschienen, mit dem Gesicht nach unten liegend, fest an den Boden gepresst, den Zug über sich rüberrollen zu lassen. Ein einmaliges Gefühl.
Eine andere, ungefährliche "Mutprobe", die höchstens eine Ohrfeige einbrachte, wenn man sich nicht rechtzeitig wegduckte, war, einen älteren Mann nach dem "Feuer" zu fragen. Mit einer Zigarette im Mund: "Entschuldigung. Haben Sie Feuer?" Oder eine Frau ansprechen, höflich: "Entschuldigung. Darf ich sie mal was fragen?". Wenn sie bejahte, kam die Frage: "Darf ich ihnen ein Kind machen?". Es konnte dafür heftige Ohrfeigen geben. Die Erwachsenen fühlten sich damals für alle Kinder verantwortlich.
Der gefährlichste Spielplatz war ein stillgelegter Wetterschacht der Grube gewesen (für die Luftzufuhr Unter Tage). Er war ein paar Hundert Meter tief. Heruntergeworfene Steine konnte man  beim Aufprall unten nicht hören. Die Leitern (Fahrten) an der Schacht-Seite waren völlig morsch. Die Fahrten wurden für Reparatur/Kontrollen, oder als Fluchtweg gedacht. Wir wollten heruntersteigen, haben uns aber dann doch nicht getraut.

Der stillgelegte, nicht gesicherte Wetterschacht
Die Leiter in die Tiefe des Schachtes.

Adolfs Mutter, Frau Primus, hatte einen Klumpfuß, war aber eigentlich nett. Seine kleineren Schwestern, haben uns Jungs gerne beim Baden zugeschaut. Aus der Kammer gingen Fenster ins Bad. Sie hatten eine Wohnung mit Bad. Hatten wir zwar auch, wir hatten aber das Bad mit noch einer Familie zu teilen, und der Zugang war über deren Wohnung. Es war uns unangenehm. 
Die Familie Primus stritt um den Titel der "Haldenkönige" mit der Familie Pyrdok. Frau Pyrdok, ein kleines Frauchen regierte mit eiserner Hand über drei erwachsene Söhne.  "Haldenkönig" wurde der, der die meisten Steinkohlebrocken "Zydy" sammeln konnte. Die Grube hat Steine, die als Abfall angefallen sind aus Eisenbahnwaggons (Kohlen-Loren) auf die Halde geschüttet. Darunter befanden sich aber auch Steinkohle- Brocken, die in der "Sortownia" (Trennung vom tauben Gestein: Sortieren) übersehen wurden. Die galt es dann geschickt, ohne von den herabstürzenden Steinen erschlagen zu werden, zu sammeln. Sobald der Zug oben angekommen ist und die Loren ausgekippt wurden, stürzte sich die Meute den Hang hinauf, mit einem Kartoffel- Sack in der Hand, den Kohlebrocken entgegen. Die geübten erkannten schon von Weiten die leichteren Kohle-Brocken am Herabrollen. Es  gab sehr oft Unfälle, auch Tödliche. Die gesammelten Kohlen konnten dann verkauft werden. Hunderte Familien lebten von der Halde. 
Durch Selbstentzündung schwelten die Kohlen in der Tiefe der Halde, über die Halde zog ein giftiger, gelblicher, stinkender Rauch. Die Halde war unser Spiel- und Tummelplatz. Die Grubenverwaltung hat versucht, durch Ablöschen mit Wasser, diese innere Glut zu besiegen. Das war falsch, denn durch dieses Wasser wurde erst Recht die Selbstentzündung provoziert. Es war sehr warm auf dieser Halde. Das wurde auch immer wieder Obdachlosen zum Verhängnis. Sie erstickten im Schlaf an diesen Gasen, die schwerer als die Luft, am Boden sich ansammelten, in Mulden und anderen Vertiefungen.
Reichlich Spielzeug lieferte die überall herumliegende Munition samt Waffen. Ich besaß einen Karabiner mit "Seitengewehr" einem Stilett, dass auf den Karabiner aufgesteckt werden konnte. Die Gewehr-Munition haben wir geöffnet, das Geschoss, die Kugel mit einer Zange abgenommen. Das in der Patrone befindliche Schieß-Pulver wurde gesammelt und verschiedene Feuerwerks- Körper gebastelt. Ein Mal kam es beim Ausklopfen des Pulvers aus der Hülse zur Verpuffung auf dem Fensterbrett. Es kann sein, dass Adolf "nachgeholfen" hat. ich hatte keine Augenbrauen mehr. 
Mit 12 Jahren haben wir uns, Adolf und ich, (Adolf war schon fast 15) eine Flasche Obst-Wein besorgt und sie leergetrunken. Meine erste Begegnung mit dem Alkohol. Wir haben, angetrunken, unsere Waffen geschultert und sind "Patrouille" durch den Ort gelaufen. Für lange Zeit waren wir das Gesprächsthema Nr. eins.
Weiter gehörte dazu der "Schmerock", Horst Buchta, mit Schmerbauch und Hühnerbrust. Er war sehr dick, und hatte dementsprechend unter uns zu leiden. Horst hatte eine ältere und eine jüngere Schwester, die Inge und die Irene. Die Jüngere musste immer dann auf den Pulleimer in der Küche, wenn wir Jungs zu Besuch dort waren. Sie zog dabei ihren Schlüpfer zur Seite. 
Wir Jungs, hatten eine Stelle an der Hauswand draußen, von der wir immer wieder Brocken von Putz "weggepinkelt" haben. Wenn einer von uns musste, rief er "Pinkeln fängt an! Wer nicht mitpinkelt, ist kein Mann". Jeder von uns wollte und musste dann mitmachen.
Die ältere Schwester Inge, war damals "voll in der Pubertät". Sie suchte jemand für "das erste Mal". Wir, die Freunde des Bruders waren für sie nicht gut genug. Sie hat sich einen älteren Mann ausgesucht, der ihr eine Armbanduhr und ein neues Kleid dafür schenkte. Pragmatikerin!
In der Kellerwohnung im Hause der Familie Buchta, wohnte ein einsamer älterer Mann. Es hieß, er sei verrückt. Seine Notdurft hat er immer in eine Waschschüssel verrichtet und Horst hat es mir mal gezeigt, wir haben uns auf die Lauer gelegt, wie er versucht hat, die "Brocken" mit Hilfe eines Feuerhacken über das Waschbecken im Flur zu zerkleinern und wegzuspülen.
Der Jüngste im Bunde war der "Henna". Seine Mutter war eine Trinkerin, noch recht jung und nicht hässlich. Alleinerziehend, ohne Arbeit. Damit Henna mit uns ziehen durfte, konnte er sich damit einkaufen, indem er uns seiner Mutter, wenn sie wieder total betrunken im Zimmer schlief, erlaubte unter den Rock zu gucken. Henna holte mich immer wieder zur Hilfe, wenn es hieß, seine betrunkene Mutter mit dem Schubkarren nach Hause zu bringen. Sie lag dann irgendwo, in der Nähe der Kneipe am Borsigwerk und schlief. Seine Mutter war ständig unterwegs, Geld für Wodka zu besorgen. Sie wollte Vorschuss, auf irgendwelche Waren, die sie zu besorgen versprach. 
Weiter zählte dazu der "rote Alo", Alo, der "Rotfuchs". Rothaarige wurden damals verfolgt. Alberts Vater war Kriegsversehrter (Bein amputiert). Immer wieder war der Stumpf entzündet, weil die Prothese nicht richtig passen wollte.  Die Entzündungen hat sein Vater mit Blutegeln behandelt. Ich half dem Alo beim sammeln der Blutegel. 
Alo´s Bruder Fritz (gen. der Bolle, aus dem Lied "Fritze Bollmann wollte angeln..") war ein guter Schachspieler. Dass ich trotzdem als 12jähriger gegen ihn eine Schachpartie gewinnen konnte, hat meine Leidenschaft für dieses Spiel geweckt. Durch ein "Parallel-Spiel", ich hatte schwarz.
Das war der "harte Kern" der Bande.

Herbert Schneider

Kuba musste seiner Mutter das Essen bereiten, sie füttern, vor allem aber musste er seine Mutter aus dem Bett heben, um sie auf den Pull-Eimer (Pinkeleimer, nicht etwa ein Toilettenstuhl – so etwas gab es für arme Leute nicht) zu setzen. Es war ein emaillierter Eimer, der vor Benutzung zu einem Drittel mit Wasser befüllt wurde.

Regelmäßig rutsche dem Kuba die schwere Mutter aus den Armen, wobei alle Beiden, mitsamt Eimer sowie Inhalt hinfielen und auf dem Boden liegen blieben, bis seine Schwester aus der Arbeit nach hause kam. Manchmal konnte ich helfen die Frau Sch. wieder ins Bett zu hieven. Kuba hat mit einem Wischlappen versucht die Spuren zu beseitigen, was ihm aber nicht  gelingen wollte. 
Noch schlimmere Haue (Prügel) bezog Herbert, wenn er mit uns gezogen ist und nachdem seine Mutter vergeblich nach ihm gerufen hatte, sie das Bett beschmutzte. "Herbert", "Herbert", diese Rufe höre ich noch heute. Sie waren unsere Nachbarn über 10 Jahre lang!

Es gab Prügel dafür für meinen Freund Kuba.

Beeindruckt hat mich immer wieder ein Porzellanring, der mit der Milch mitgekocht wurde. Dieser Porzellanring verhinderte, dass die Milch überkochte. Durch klappern signalisierte der Ring, dass die Milch nun fertig gekocht war. Es war wie ein Zauber für mich. So konnte der Spastiker Kuba Milch kochen, ohne dass diese überlief, was mir ohne Ring nie gelingen wollte.

Kuba hatte zwei Leidenschaften: Rauchen und Selbstbefriedigung. Bei dem zweiten Hobby, dem er immer wieder nachging, waren seine Handbewegungen fließend, gar nicht mehr fahrig abgehackt. Herbert hat immer Mitmacher gesucht: "ggomm, wwiirr wwwwichsennn....Jaah?. " Wir waren aber noch Kinder, Kuba für uns schon Erwachsen. Es war uns unangenehm. Wir sind da lieber unter uns geblieben, es war nur ein Spiel für uns, bei Kuba war es Ernst.

Rauchen durfte er drei Zigaretten täglich. Seine Schwester hat jeden Tag die Zigaretten im Päckchen nachgezählt. Die Zigarettenschachtel befand sich  im Küchenschrank zwischen dem Tellerstapel. Kuba bot mir immer wieder auch eine zum Rauchen an. Ich wusste nicht, dass er dafür regelmäßig heftige Prügel bezog, denn er durfte ja nur drei Zigaretten täglich rauchen. St. hätte auch das Päckchen mitnehmen können und nur die drei Zigaretten da lassen. Es war für sie aber ein probates Zuchtmittel. Sie hatte ja dann einen Grund, den Kuba heftig durchzuprügeln. War sie eine böse Frau? Ich weiß es nicht. Einmal hat sie auch mich, mit irgendeinem Gegenstand heftig verprügelt (besser: Zusammengeschlagen). Sie meinte, dass ich den Kuba verführe wie ein richtiger Junge Streiche zu machen und herumzuziehen.

Als junge Frau musste sie für die bettlägerige Mutter und den behinderten Bruder alleine sorgen; von einer eigenen Familie konnte sie nicht mal träumen. Welcher Mann würde sich das antun, und eine Frau mit solch´ einer Belastung nehmen? Außerdem gab es keine Männer zum Heiraten damals.

Vielleicht rührte auch daher die Härte, mit der sie auf den Kuba immer wieder eindrosch.

Kuba war mein Freund.

Als die Mutter endlich gestorben war, ich war da schon weggezogen, hat seine Schwester ihn in ein Behindertenheim gesteckt.

Herbert war sehr intelligent, sensibel, es muss eine Qual für ihn gewesen sein, unter den geistig Behinderten zu leben. Von seinem Vater haben wir nie etwas zu hören bekommen. Ich glaube, er ist im Krieg gefallen.

Mein Freund Kuba nahm mit 30 Jahren den Strick und erhängte sich in diesem Behindertenheim.

Ich habe ihn, den Kuba aber nicht vergessen. Herbert Sch., der Spastiker lebt in meiner Erinnerung weiter. 

Kuba war mein Freund.

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Bergehalde

Eine Begehalde     Brennende Bergehalde

   

Auf qualmender Halde werden Kohlen geklaubt! (Aus der WAZ: Im Ruhrgebiet, 17.01.1951)


"Das Betreten der Bergehalde ist wegen der damit verbundenen Lebensgefahr verboten" steht auf großen Tafeln auf den Zugangswegen zu einer großen Halde im Stadtgebiet, auf der ständig gekippt wird. Die ausgefahrenen Karrengleise in den verschlammten Wegen beweisen, dass dieses Verbotsschild keine allzu große Wirkung ausübt. Die Tatsache, dass eine ungeheizte Wohnung reichlich ungemütlich um diese Jahreszeit ist, beeinflusst die frierenden Menschen weit mehr als die Schilder. Die Zechenverwaltung weiß das und duldet stillschweigend das Kohlenklauben auf ihrer sogenannten Steinhalde. Die Leute, die in abenteuerlicher Kleidung auf der Halde herumkrabbeln, wühlen nicht hier, um Kohlen zu verkaufen, sondern weil sie sich keine kaufen können. Da ist ein Bauarbeiter, dessen Baustelle stillgelegt ist, da sind Invaliden, Kriegsversehrte, alte Frauen und auch junge. Ein Mann legt gerade einen Kohlensack über den Rahmen seines Fahrrades "Dafür habe ich den ganzen Vormittag gebraucht", sagt er...
Die Leute, die sich auf den Halden mühselig ihren Hausbrand zusammenkratzen, klettern nicht auf der brennenden Halde umher, weil sie zu geizig sind, den Kohlenhändler zu bezahlen.
"Wir können uns keine kaufen", sagt verbittert ein Invalide. "Auch wenn die Händler tonnenweise Kohlen hätten. Wir haben einfach nicht das Geld dazu.

 

Die Flucht

      Rückkehr nach ca. 32,5 Jahren. Als Sieger!        
25.12.64 - 29.6.97 

Es war kurz vor Weihnachten 1964. Ich hatte im Januar  im 2. Bildungsweg das Abitur gemacht, sowie zugleich das Steigerpatent erworben (an der Technischen Universität Gleiwitz). Schon die feierliche Diplom-Ausgabe war recht dramatisch. Die Behörden hatten verordnet, dass alle deutschen Namen zu polnisieren seien. Aus meinem Namen sollte dieses "th" durch einfaches "t" ersetzt werden, sowie das "y" durch "j" (Rathay zu Rataj). Man musste sich schriftlich dazu verpflichten und entsprechende Schritte (Namensänderung rechtzeitig vor der Prüfung beantragen) einleiten. Es war Voraussetzung zu Zulassung zu Abiturprüfung. 
(Einer von uns hat sich geweigert dieser Namensänderung zuzustimmen. Er wurde von der Prüfung ausgeschlossen. Er hat auf das Abitur verzichtet. Leider habe ich seinen Namen vergessen. Hochachtung!)
Ich hatte mit unserer Schul-Sekretärin ein kleines Verhältnis und konnte sie überreden, eine Ausnahme zuzulassen. Der Direktor, ein scharfer Hund und Deutschenhasser, sollte nicht zu dieser Diplom Austeilung erscheinen. Außerdem war es bei mir nicht so dramatisch, denn fonethisch gab es eigentlich keinen Unterschied. Eigentlich, denn wirklich versuchten die Polen auch dieses "h" auszusprechen: "Rat-hay". Mit dem "Ypsilon" (i-Grek, wie die Polen sagen) hatten sie noch mehr Probleme, wird es doch als kurzes "e" gesprochen. "Rathay" heißt dann: Rat-ha-e. Man muss wissen, dass die polnische Schriftsprache sehr jung ist. Erst gegen 1550 wurde durch den Poeten M. Rej in polnisch geschrieben ("Wir Polen sind keine Gänse, wir haben unsere eigene Sprache", oder abgewandelt: "Wir Polen sind keine Gänse, aber wir gackern viel"). Es wird dort versucht, alle Buchstaben auszusprechen. Eben, keine Schrift-Tradition. (Man kann von einer Polen-Namen-Manie sprechen. Alle Namen müssen polnisiert werden. Was kann der arme Chopin (Schopen, Nasallaut) für seinen französischen Namen? Seine Eltern haben ihn in Frankreich gezeugt. Zufällig kam er in Polen zur Welt. Jetzt wird er Chopin, ohne Nasal-Laut gerufen "Cho" wie Hoppla, "pin" wie Pinsel.)
Der Direktor war aber dann doch da und hat die Verteilung der Zeugnisse persönlich vorgenommen. Wir haben unruhig gesessen und gewartet, bis ziemlich am Ende der Buchstabe "R" aufgerufen wurde. Das entsetzte Gesicht, als er meinen Namen in unpolnischer Art gelesen hat, werde ich nie vergessen. Er hat getobt, wollte die Sekretärin fristlos entlassen.  Sie hatte aber auch ihre Partei-Freunde. Sie durfte bleiben. 
Dann kam der Druck vom Arbeitgeber, in die kommunistische Partei einzutreten. Durch einen Freund, der in der Partei einen hohen Posten inne hatte, ist es mir trotzdem gelungen, wenigstens noch die obligate "Sprengmeister Prüfung" abzulegen. Es war ein Sprengmeister - Lehrgang in Königshütte. Dieser Lehrgang war Voraussetzung für den Steiger - Beruf.

  Der politische Druck  ging weiter. Es wurden politische Äußerungen von mir gesammelt, ein Dossier angelegt. Ich wurde beobachtet, ausspioniert, von der Miliz und besonders von der "ORMO" (freiwillige Reserve der Miliz) schikaniert. Von Agenten die versucht haben sich als Freunde auszugeben, wurde ich zu  systemfeindlichen Äußerungen provoziert. Zum Glück hat mich mein Freund, der Pole Bronislaw I l s k i gemahnt, vorsichtig zu sein "die planen was gegen dich". Der Staatsanwalt hat sich eingeschaltet, ich wurde vorgeladen. Meine Weigerung in die Partei einzutreten, wurde ausgelegt als "subversives" Verhalten. Zusammen mit verschiedenen, kleineren politischen Delikten (Deutsche Radiosender Hören, Besitz Deutscher Bücher, Deutsch sprechen), sowie einem gescheiterten Fluchtversuch (mit ca. 16 Jahren wollten mein Freund Alo (Albert Krawczyk, früher: Kühn) und ich, über das Dreiländer-Eck, Tschechien/DDR/BRD in die Bundesrepublik fliehen; bereits nach ein paar km Wegstrecke in den Bergen hat uns ein Einheimischer den Grenzern gemeldet, wir wurden festgenommen) hat man mir 5 Jahre Gefängnis in Aussicht gestellt. Unter einem fadenscheinigem Grund wurde ich fristlos entlassen. 

 Nach einem halben Jahr Zwangspause vom Bergbau und Arbeit als Chemikant in einer chemischen Fabrik, dort wurde das Teer, das bei der Verkokung der Steinkohle anfällt, destilliert, von hier datiert meine Liebe zu Chemie, konnte ich in einem anderen Steinkohlebergwerk anheuern. An der selben Grube, an der mein Vater zuletzt als Aufseher gearbeitet hat. Beruflich war nur der niedrigste Posten eines Aufsehers drin (Nadgórnik), "Aufsichtshauer".

Eine Rechnung hatten die örtlichen kommunistischen Behörden mit mir noch offen. Sie ahnten es, es war ein Trick. Sie konnten es sich nicht vorstellen, wie es mir gelungen ist, bei der Musterung eine "Kategorie B, Untauglich in Friedenszeiten", zu erreichen.

Bei der Musterung zum polnischen Militär habe ich mich blind gestellt. Ich wusste, dass ich, komme was da wolle, nicht zum Militär wollte. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Es war mir egal. Ich wollte nicht, dass ich im militärischen Konfliktfall, auf Deutsche schießen müsste.
Auch den übergroßen Buchstaben "E" auf der medizinischen Lesetafel habe ich "nicht gesehen". Der untersuchende Arzt wurde wütend.
Ich sollte zum Garnisonarzt nach Gleiwitz zu extra Untersuchung für Simulanten. Ich hatte Angst. Was wird mich dort erwarten?
Schon die Begrüßung war bedeutungsvoll. "So, du siehst also nichts!", meinte bissig der Militär-Augenarzt.

Dann schaute er in meine Augen. Den Gesichtsausdruck, die Enttäuschung in seinem Gesicht, werde ich nie vergessen. Ich wusste nur, dass ich kurzsichtig war. Dass ich aber auch an "grauem Star", an Katarakt leide, wusste damals niemand. Diese Kristalle in meinen Augenlinsen haben mich gerettet. Ich wurde vom militärischen Dienst befreit.

Die Musterung selber war wie wahrscheinlich bei jedem Militär. Als Schreibkräfte wurden wieder Abiturientinnen bestellt. Die Mädchen saßen, mehr oder weniger "gleichgültig" schauend und wir, nackt, vor den Tischen, mehr oder weniger verlegen blickend. Bücken! Po-Backen auseinander! Kurze, scharfe Kommandos, dann durfte man sich wieder anziehen.

Ich sollte später aber zum Betriebsarzt, um meine Tauglichkeit für die Untertage Arbeit als Gruben-Steiger zu bestätigen. Jetzt wusste ich, dass ich auch hier "Untauglich" war. Es wäre eine Katastrophe. Es war mein Beruf. Wo sollte ich sonst arbeiten?

Mein polnischer Freund, Bronislaw I l s k i hat mir geholfen. Zu dieser Augenuntersuchung kam er einfach mit. Als mein Name aufgerufen wurde, ist Bronek aufgestanden und hat an Stelle meiner die Untersuchung absolviert. Er hatte Angst, viel Angst. Er hat es aber getan, er war ein guter Freund. 
Mir ist ein wahres Kunststück gelungen. Für den Militär-Dienst untauglich, für die Arbeit Untertage aber tauglich!

  Da kam die Nachricht, dass Bekannte, zwei Brüder mit ihren Ehefrauen eine Flucht über Jugoslawien planten, gerade recht. Sie planten eine 6 Tage Reise "Sylvester in Belgrad" zur Flucht in den  Westen zu nutzen. Diese Reise  wurde vom Reisebüro "Orbis" in Kattowitz organisiert. Also, ab nach Kattowitz, die Reise buchen. Es war der letzte Tag für die Reisebuchung. Um die Familie zu schonen, wurde das Sold-Buch, so wie der Personalausweis und sonstige Ausweise zurückgelassen. Bei Mitnahme der Dokumente wurde Spionage Unterstellt. Möglich wurde dieser "Ausflug in die Freiheit" nur deshalb, weil kein Reisepass beantragt werden musste. Der Reiseleiter hatte ein Dokument (Sammel-Pass) für alle Reisenden. Einen individuellen Reisepass hätte ich niemals bekommen. Weil kein Reisepass beantragt werden musste, erfuhren die Behörden von meinem "Ausflug" nichts.

  Dann hieß es Abschied "für immer" nehmen, tatsächlich für fast 33 Jahre!
Alle Freunde und Verwandten wurden nacheinander besucht und im Vertrauen einigen wenigen die Fluchtabsicht mitgeteilt. Leid hat es mir getan, meine Büchersammlung (etwa 500 Bücher) zurücklassen zu müssen. Ich vermisse sie heute noch. Alle persönlichen Gegenstände mussten zurückgelassen werden. Alles war für immer verloren, Geschenke, Erinnerungstücke, Kleidung. Gegenstände, die nichts mit der Urlaubsreise zu tun hatten, durften nicht mitgenommen werden. Es könnte Misstrauen erregen. 
Die Vergangenheit existierte nicht mehr. was das heißt, kann nur der Beurteilen, der es durchmachen musste. Es ist, wie nach einem großen Feuer.

  Mein Cousin Dieter gab mir ein Stück Zahngold (etwa 3 Gr.) mit auf die Reise. Es war mir aber zu riskant, dieses Stück Zahngold über die Grenzen zu schmuggeln. Es wurde noch in Gleiwitz verkauft, und für dieses Geld zusammen mit meinen restlichen Zloty (das polnische Geld musste ausgegeben werden) eine einfache Armbanduhr, sowie einen eleganten Hut erstanden.

  Mein Freund, der Pole und Parteibonze Bronislaw I l s k i hat mich begleitet. Er hat beim Abschied geweint vor Sorge und Trauer für immer seinen Freund zu verlieren. Dann ging auch schon die Zugreise nach Jugoslawien los.

(Bronek war ebenfalls Grubensteiger. Er hat ebenfalls keine Zusatzschicht, keine Sonntagsschicht versäumt. Er wollte Geld verdienen, um seinem Bruder ein Studium zu ermöglichen. Nach meiner Flucht durfte ich zu ihm keinen Kontakt aufnehmen. Später musste ich leider erfahren, dass er untertage tödlich verunglückt ist. Das hat mich schwer getroffen. Wie gerne hätte ich ihm für seine Hilfe und seine Freundschaft gedankt.)

Die Reise

  Im Zug hat sich schnell herumgesprochen, dass die eine Hälfe der etwa 30 Reisenden zum Handeln und die andere um zu Fliehen unterwegs waren.

  Elektrisiert hat uns die Meldung, dass ein Miliz in Zivil unter den Reisenden war. Ein etwa 40jähriger Pole Mikolai hat sich als Miliz zu erkennen gegeben. Er fragte mich immer wieder, wir zwei waren die einzigen Alleinreisenden, wie ich meinte, hinterhältig, "ob man die Reise nicht auch zu Flucht nutzen könnte". Ich habe mich dumm gestellt. 
"Aber warum denn, die Errungenschaften des Sozialismus!", und "Der imperialistische Westen!". "Niemals!".

  Irgendwann kamen wir in Belgrad an. Gleich am ersten Abend nutzten wir die Chance zur Flucht. Nach dem Studium einer Landkarte, beschlossen wir nach Österreich zu gehen. Leider hatten wir keinerlei Papiere dabei. Unsere Pässe hatte der Reiseleiter, das heißt, die waren gar nicht mit, der Reiseleiter hatte nur diesen Sammelpass für uns alle.

  Mein Taschengeld in Dinar reichte gerade so, um eine Fahrkarte, einfach, an die Österreichische Grenze, über Laibach, Ljubljana, zu lösen. Wir wollten über die Berge nach Österreich zu Fuß fliehen! 
Mit einer Seilbahn fuhren wir in die Berge, Richtung Freiheit. Am Bahnhof in Laibach hat man mir die Handschuhe gestohlen. Wir hatten keine Verpflegung mit. Der Hunger war unerträglich. Die Brüder hatten je eine Orange mit. Aus Höflichkeit musste ich das mir angebotene Stück ablehnen. Ich rieche diese Orangen immer noch.

  Es war eine Illusion, wie sich herausstellte. Mindestens 1,5 m Schnee lag da; wir hatten keine angemessene Kleidung.

  So weit kam es aber gar nicht, denn von den Begleitern, es waren die zwei Brüder mit ihren Ehefrauen, bekam einer der Brüder einen Nervenzusammenbruch. "Wenn sie uns erwischen! Ich bringe mich um! Ich will zurück", es half nichts. Nicht unser Bitten, nicht die Beschimpfung durch seine Ehefrau. Wenn ich so recht überlege, seine Weigerung kam uns recht. Wir anderen waren nur zu feige, unsere Angst zu gestehen.

  Wir fuhren also zurück. Das heißt, ich musste noch irgendwas verkaufen, um die Zugfahrkarte zurück nach Belgrad zu lösen. Ich habe auf der Straße meine Armbanduhr an einen Passanten verkauft. Dann ging es zurück. Das ganze hat drei Tage gedauert. Unsere "Flucht" war schon bemerkt worden, unsere Sachen aus den Hotelzimmern bei der polnischen Botschaft deponiert. Es wurde vertuscht und ein fadenscheiniger Grund für unsere Abwesenheit angenommen. Unsere Rückkehr bewirkte eine allgemeine Erleichterung bei der Reiseleitung.

  Die Ehefrau des "feigen" Bruders wollte sich mit einer Niederlage nicht zufrieden geben. "Peter", sagte sie zu mir, "komm, wir beiden hauen alleine ab". "Wir lassen die zurück". "Wir schaffen das". Na gut, aber wie? Wir fuhren zum Belgrader Flughafen und haben Lufthansa Piloten abgefangen, um sie zu beknieen uns mitzunehmen. Sie hätte alles für diesen Piloten getan – aber umsonst. Inzwischen waren die 6 Tage vergangen, wir sollten die Rückreise antreten. Sie gab mir ihren Ring, "Peter, falls Du doch noch fliehen willst....". Dieser Ring hat mir tatsächlich weiter geholfen.

  Abends ging es dann mit gepackten Koffern zum Bahnhof. Der Zug stand schon bereit, es war schon dunkel, es muss der 1.1.65 gegen 21:00 gewesen sein. Den Sylvester hab ich wohl erschöpft verschlafen.

  Kurz vor dem Einstieg in den Zug kam mir der Gedanke, wenn du jetzt  zurückfährst, dann "ist es das gewesen". "Eine Niederlage!" Aus und vorbei! Ich wollte doch nicht mehr zurück!  "Nein, das durfte nicht sein. Niemals zurück. Lieber sterben!"
Kurz nach links und rechts geschaut, und anstatt in den Zug einzusteigen, unter dem Zug durch, auf die andere Bahnsteigseite, raus aus dem Belgrader Bahnhof und weit weg. Niemand hat's bemerkt. Meinen Koffer gab ich dem Vormann in der Schlange: "Halt mal kurz, ich hol Zigaretten". Er nahm den Koffer mit in das Abteil.

  Ich lief etwa eine Stunde auf den Strassen, immer weg vom Bahnhof. Nur weit weg! Von fast panischer Angst getrieben.

  Der Reiseleiter hat meine Abwesenheit erst nach 6 Stunden Zugfahrt bemerkt. Der Koffer war da, ich aber nicht! Er soll fürchterlich getobt haben. Er konnte die jugoslawischen Behörden nicht mehr über meine Flucht informieren.

  Zuerst musste ich Geld beschaffen. Dazu hatte ich ja den Ring. In einer Kneipe zeigte ich der Kellnerin diesen Ring, und tatsächlich, sie kaufte mir diesen Ring ab. Das Geld reichte für eine Zugfahrkarte und für drei Tassen Kaffee. 

  Ich war nun in Jugoslawien, in Belgrad, allein, ohne Papiere, ohne Geld, mit unzureichender Kleidung, völlig auf mich gestellt. Ein Illegaler.

  Die Zugreise ging diesmal an die italienische Grenze, an den Grenzort SEZANA. Bis zu Grenze waren von dort vielleicht 8 km, bis nach Triest, dort wollte ich hin, etwa 25 km. Für das letzte Geld eine Tasse Kaffee getrunken und dabei die Gäste im Cafe beobachtet. Ich dachte mir, dass mir ein Italiener helfen könnte. So war es dann auch. Da stand ein kleiner italienischer Wagen, zu dem ein  junger, gut gekleideter  Mann ging.

  Ich konnte nur ein paar Brocken Englisch, ein paar Brocken Französisch und etwas mehr Deutsch. 
Ich hab's auf Italienisch versucht: "Buon Giorno. Sono Polacco, Signore!". Für Polen haben die Italiener mehr übrig als für Deutsche, dachte ich.

  Umberto Birrolla, so hieß dieser freundliche Student aus Italien, war zum Tanken da. Als Triestiner besaß er einen Dauer-Passierschein. Seine Angst durch Kontakt mit einem Flüchtling diesen wertvollen Passierschein zu verlieren, war groß. Der Treibstoff war in Jugoslawien viel billiger zu haben.

  Umberto wusste sofort was mit mir los war. Die Kleidung völlig unangemessen zur Winterzeit: 
Halbschuhe, Anzug, kein Mantel, keine Handschuhe, aber diesen eleganten Hut am Kopf.

  Er sagte, dass er mich gerne abends möglichst nah zu Grenze (bis an etwa 500 m) heranbringen würde. Er darf aber nicht halten auf der Strecke, ich müsste aus dem fahrenden Auto springen.

  So geschah es denn auch. Umberto wurde langsamer, ich öffnete die Beifahrertür und ließ mich herausfallen, herausrollen, wie in den Filmen in den Straßengraben, den eleganten Hut fest in der Hand haltend. Umberto ist weitergefahren, ich blieb noch ruhig liegen bis es dunkler wurde und ging dann parallel zur Grenze etwa 2,5 km nach Nord-West. Als ich das Gefühl hatte weit genug entfernt von der Strasse zu sein, machte ich um 90 Grad eine Wende und ging über die Grenze nach Italien. So ganz sicher war mir nicht, dass die Richtung auch stimmte und dass es auch die Grenze war..


In Italien

Es war der 2.1.1965 mein 24. Geburtstag.

  Meine Hoffnung war, dass durch die Feiertage die Grenze nicht so dicht besetzt sein würde, und die Grenzer noch nicht ganz nüchtern. Nach einer Zeitlang kam ein Streifen freies Feld – das hätte die Grenze sein können. Aus Aufregung hat sich mein Darm gemeldet – es half nichts, die Natur verlangte ihr Recht. Es war sehr gefährlich, denn der Geruch "nach Mensch" hätte mich verraten können. Ich bin deshalb ein paar Hundert Meter zurückgegangen.

  Da war ein tiefes Loch in einem kleinem Wäldchen. Als ich dieses Loch bemerkt habe, es war vielleicht 6 m tief und 20 m weit, bin ich auch schon heruntergefallen. Zumindest für den eigentlichen Zweck war es gut geeignet. Der Weg wieder nach oben war sehr beschwerlich, die Wände waren sehr steil. Schon fast oben, ist mir mein eleganter Hut wieder ins Loch heruntergefallen. Ich musste diesen Weg runter und wieder rauf um meinen Hut zu holen. (Ich hätte mir auch die Kochen brechen können. Das wäre es dann gewesen. Dort hätte mich niemand gefunden. Niemand hätte mich in dieser Gegend vermutet. Ich wäre für immer verschollen geblieben.)

  Endlich war ich der Meinung, die Grenze hinter mir gelassen zu haben. Sicher war ich mir aber nicht! Das Dümmste wäre jetzt, ungeduldig, sich zu früh zu zeigen. Und was, wenn es noch jugoslawisches Gebiet war? Dann wäre alles umsonst gewesen, alles verloren gewesen.

  Ich bin bis auf etwa 150 m an die Strasse herangegangen. Gelegentlich fuhr ein Auto Richtung Italien. Zerschunden, blutig, schmutzig, hungrig, halb erfroren, hat es schon viel Überwindung gekostet, nicht auf die Strasse zu gehen. Zum Glück lag gar kein Schnee da.

  Nach weiteren 2 Stunden Fußmarsch, nachts im unwegsamen Gelände, bin ich dann doch auf die Strasse. Sich ein Bein zu brechen, oder zu Tode stürzen... Kam ein Fahrzeug, versteckte ich mich im Graben.

  Nach weiteren ca. 2 Stunden Fußmarsch kam eine Tanksstelle, und wie ich sehen konnte, war es eine italienische Tankstelle. Der Tankwart hat hinter seiner Panzerglasscheibe geschlafen. Er wurde wach auf mein klopfen hin; er hat sofort gewusst, was mit mir los gewesen ist. Auf meine Rufe hin: "Italia? Italia?"  Bestätigte  er freundlich "Si, si! Italia" und wünschte mir alles Gute im Neuen Jahr. "Viva Italia!" Ich habe ein paar Minuten getanzt und vor Glück laut gelacht.

  Dieses unbeschreibliche Gefühl, es doch geschafft zu haben war diese Strapazen wert.

Asylant

  Die Stadt Triest unten im Tal, war zu sehen als eine riesige rote Lichtsäule am Himmel. Der Weg abwärts, wieder ca. 6 Stunden Fußmarsch, war nur noch reine Freude, obwohl meine Füße blutig gescheuert waren. Ich lief nur noch auf rohem Fleisch. Es waren Halbschuhe, zum Abtanzen gedacht.

  Auf der Straße habe ich versucht eins der wenigen Fahrzeuge in Richtung Triest zu stoppen. Vielleicht das 10. Auto hat angehalten und mich die letzten  km, bis vor die Polizeidirektion mitgenommen. Ich war so erschöpft, dass ich an die Fahrt keine Erinnerung habe. Ich muss eingeschlafen sein.

  Gegen 9 Uhr Vormittags am 3.1.1965 stand ich vor der Polizeidirektion Triest. Auch heftiges Klopfen hat nichts bewirkt, das Gebäude war fest verrammelt. Der Autofahrer musste weiter, er bedeutete mir dort zu warten, irgendwann machen die schon auf.

  Ich saß wie ein Häufchen Unglück, erfroren, blutig, schmutzig und fürchterlich hungrig und müde auf der Treppe. Da kam ein Italiener in Busfahreruniform auf mich zu. Er wusste sofort was los ist, und auf mein "Sono politico rifugiato (politischer Flüchtling)",  öffnete er seine Geldbörse. Es war ihm peinlich, denn er hatte nur ein 500 Lire Geldstück dabei. Er zeigte auf ein Cafe an der Ecke, und bedeutete mir, dass es bald öffnet und ich ein Kaffee dort trinken kann. Das Geld (1,00 DM entsprach 900 Lire) reichte für eine Tasse. Der Kellner dort hat mir noch eine zweite Tasse Kaffee ohne Bezahlung eingeschenkt. (Diese Münze, sowie diese zweite Tasse Espresso,  habe ich bis jetzt sicherlich schon ein Tausend Mal zurückgegeben! Und ich zahle immer noch zurück.)

  Da kam eine Frau auf mich zu, die auch Deutsch sprechen konnte. Wer sie herbeigeholt hat weiß ich nicht, vielleicht der Busfahrer oder auch der Autofahrer, der mich dorthin brachte.  Sie war fürchterlich aufgeregt und hat mit mir gegen die Eingangstür heftig geklopft. Niemand hat aufgemacht. Sie ist schimpfend weg – es dauerte nicht lange, da kam ein Jeep mit vier Carabinieri, die mich dann mit Handschellen mitgenommen haben. Eigentlich wurde ich verhaftet, und zunächst in Carantena (in eine Gefängniszelle) für vier Wochen gesteckt. Ich hatte ja keinerlei Papiere bei mir.

  Wie mir später der Umberto berichtet hat – der Umberto gab mir noch in Sezana  seine Triester Telefonnummer, diese hab ich auf meine Arme und Beine als einzelne Zahlen geschrieben (sollte ich gefangen werden, durften die jugoslawischen Behörden keinen Hinweis auf ihn erhalten) gehörte diese Frau dem  Stadtrat an. Sie hat ein riesiges "Fass aufgemacht", denn das ganze Polizeipräsidium war noch besoffen und Polizeiarbeit hat einfach nicht stattgefunden. Diese Geschichte ging dann durch die italienische Presse, als Polizeiskandal.

  Den Umberto habe ich nach diesem Telefongespräch, leider nicht mehr gesehen.

  Nach täglichen Verhören und vier Wochen Carantena, ich hatte ja keine Dokumente bei mir(!), wurde ich in das Asylantenlager gebracht und durfte einen Antrag auf Asyl stellen. Das Lagergelände  zu verlassen war uns verboten. Aber die enge Gefängniszelle war Vergangenheit. Die Beamten fragten immer wieder, wer mir die italienischen Sätze beigebracht hat, und was ich in Italien tun sollte! 
Das Lager war ein sehr großes leeres 4 stöckiges Fabrikgebäude mit großem Innenhof. In die leeren Fabrikhallen waren Holzverschläge mit metallenen Etagenbetten eingebaut. Wir waren etwa 5.000 Asylanten dort. Die Fenster ohne Scheiben, es gab keine Heizung. Die Toiletten, es waren französische Toiletten, ein Loch im Boden, waren entsprechend (gegen 3:00 Uhr nachts, konnte die Toilette benutzt werden). Es war kein ausreichender Sichtschutz vorhanden. 

  Es haben sich nationale Gruppen gebildet, wir Deutschen waren die größte Gruppe, dann kamen die Ungarn (mit einer Familie habe ich mich angefreundet), Rumänen und andere. Die Ungarische Familie hatte schon die Ausreise nach Australien perfekt und sind kurz darauf abgereist. Mein ungarischer Freund, seine Schwester hat sich in mich verliebt, schenkte mir sein 5,00 DM Stück. Mein erstes "Westgeld". In einer Bank bekam ich dafür einen ganzen Haufen Lire (für richtige Zigaretten) ausgezahlt. 
Die Jugoslawen zählten nicht, es waren fast alles Prostituierte und Diebe, die auch immer wieder zurückgeschickt wurden.

  Meine größte Überraschung war der Polnische Miliz Mikolai aus dem Zug, aus unserer Reisegruppe, vor dem wir so viel Angst gehabt haben. Er hatte eine gut organisierte Fluchtmöglichkeit über die Adria nach Triest per Schiff. Er wollte uns alle mitnehmen, na ja, was soll's. Er sagte mir, dass er fast verzweifelt wäre, weil wir nicht verstehen wollten, was er meinte, obwohl er immer deutlicher wurde; er hatte Angst alleine in den unbekannten fremden Westen zu gehen. Mit mir gezählt, ist es drei Personen gelungen zu fliehen.

  Ich war seine Rettung. Er ging dann nach Hamburg zu seiner Deutschen Freundin (eine Spätaussiedlerin, aus Liebe ist er ihr gefolgt). Wir haben später Postkarten ausgetauscht. Ich war im Lager sein Dolmetscher. Auch für die anderen reichte mein Englisch. Ich wurde eine Art Lagersprecher. Eine berühmte Schauspielerin war auch dabei. Als Privilegierte wurde sie "krankgeschrieben" und durfte im Lagerlazarett auf ihre Asylverhandlung warten. Ich habe sie gerne besucht, denn das Essen war dort ungleich besser und sie hat für mich immer etwas beiseite gelegt. Ab und zu gab sie mir auch eine von ihren Zigaretten. Leider ist sie bald in die USA abgereist.
Einer aus unserer Gruppe bekam einen Magengeschwürdurchbruch. Ich musste mit in das Trierer Krankenhaus in die "Seconda Chirurgica", wo er notoperiert wurde, um zu dolmetschen. 

  Sehr wichtig für mich war, meine Feinde über die erfolgreiche Flucht zu informieren. Die Postkarte mit "Herzliche Grüße aus Italien" an eine Freundin, die Sofia, Tochter des Parteisekretärs adressiert, hat "wie eine Bombe eingeschlagen".  
Das aller erste aber war, diesen eleganten Hut wegzuwerfen! Es war meine erste, und bis heute einzige Kopfbedeckung..

  Wir Asylanten bekamen zwei Mahlzeiten täglich. Morgens eine Schüssel mit Kaffee und ein Stück Weißbrot dazu. Nachmittags grünen (roten) Salat und Pasta. An Kleidern hatte ich nur das, was ich am Körper hatte. Im Waschraum konnten wir auch von Hand Wäsche waschen (kaltes Wasser!). Die meisten von uns hatten keine Wäsche zum Wechsel, ich natürlich auch nicht – das heißt, bis die Unterhose trocknete, musste man ohne herumlaufen oder auf das Waschen verzichten. für uns, junge Männer war das kein großes Problem. Die Frauen hatten ihre Probleme.

  Ich war zu dieser Zeit ein starker Raucher. Deshalb war es auch die schlimmste Zeit für mich. Wir haben Kippen gesammelt, den Resttabak herausgekrümelt und mit Zeitungspapier geraucht. Als Nichtraucher wäre dieser Zeit vielleicht noch etwas romantisches abzugewinnen gewesen.

  Spaß haben die Spaziergänge in der Stadt mit Mikolai gemacht. Nachdem mein Asylantrag angenommen worden war, durfte ich auch dieses Lager für Spaziergänge verlassen. Der Milizionär Mikolai war zwar schon 45 Jahre alt, aber aus einem hinterpolnischen Dorf (kein Schlesier). Ich musste ihm erklären was eine Banane ist ("co to jest, banan?" Was ist das, eine Banane?) und so weiter. Er war wie ein Kind, dem man alles erklären muss (darf).

  Außer diesen zwei Mahlzeiten täglich bekamen wir gar nichts, rein gar nichts. Kein Taschengeld, keine Kleidung, keine Seife. Einmal pro Woche durften wir einen Brief schreiben. Er wurde dann von der Lagerverwaltung frankiert. Nach Hause habe ich sicherheitshalber nicht geschrieben.
Es bestand die Möglichkeit, im Hafen Eisenbahnwaggons mit (polnischem!) Pferdemist zu entladen. Wir konnten unsere Kleider ja nicht waschen, der Gestank war kaum auszuhalten.

Die Flucht ging weiter

  Nach zwei Monaten kam meine Gerichtsverhandlung, bei der über meinen Asylantrag entschieden werden sollte. Als Wunschland habe ich die Bundesrepublik angegeben.  Die Vorgespräche mit dem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Triest waren wenig erfreulich. Für ihn war Schlesien polnisch und nichts als polnisch, folglich die Bewohner Polen, folglich ich ein Pole.

  Der Richter hatte von ihm eine entsprechende Empfehlung, dass heißt, mir wurde die Zuteilung "Asyl in Deutschland" verweigert. Ich sollte entweder in die USA, oder nach Australien. (Die Italiener bekamen Prämien von diesen Ländern, wenn gesunde, gebildete Asylanten dorthin geschickt wurden.) Ich habe Australien gewählt (wegen der Ungarn (der Ungarin) ich hatte eine Kontaktadresse von ihnen bekommen).

  Nach meinem Brief an meinen Vetter Werner in Mainz(!), hat dieser die Botschaft in Rom sowie das Generalkonsulat in Mailand informiert. Werner hat auch die Familie in Deutschland mobilisiert. Mein Vetter Carl, ein Musiker aus Frankfurt a. M. schickte mir daraufhin 100,00 DM zu. Die Flucht musste fortgesetzt werden.

Ab da ging's bergauf.

  Ende Februar flüchtete ich aus Triest nach Mailand, ich besaß immer noch keinerlei Dokumente. Triest zu verlassen war uns Asylanten nicht gestattet. Der Generalkonsul (genauer: der Vizekonsul Friedrich Garbers) in Mailand bekam heftige Bauchschmerzen, gab mir dann aber doch ein Darlehen von 16.000 Lire (=102,10 DM)  für eine Fahrkarte nach Nürnberg sowie einen Ersatzpass. Es war eine illegale Handlung gegen die Asylbestimmungen in Italien. Es hat  einige Überredungskünste erfordert. Eine Frau im Konsulat, an die ich mich nicht mehr genau erinnern kann, hat mir dabei geholfen. Vielen Dank, dieser Frau. Die Briefe von meinen Vettern Werner und Carl, haben ebenfalls etwas geholfen.

  In Nürnberg hat schon der Verfassungsschutz auf mich gewartet. Ich wurde mit einem PKW am Bahnhof abgeholt. Sie gaben mir neue Kleider, ein Hotelzimmer mit BAD! und eine Nummer. Man wurde nur über diese Nummer angesprochen. Nach drei Monaten die erste Möglichkeit sich richtig zu waschen. Nach drei Tagen Befragung durch den Geheimdienst, bekam ich die Zuweisung nach Osthofen. Dort wurde ich registriert und durfte nach Mainz zu meinem Vetter Werner Sowa. Am Übernächsten Tag hatte ich meine Anstellung bei (damals) Jenaer Glaswerk als Schmelzgehilfe. Ein Bett hatte ich im Arbeiter-Wohnheim in Gonsenheim: Heidesheimer Str. 17, im Doppelzimmer.

– und das war's!

  Ein Jahr später besuchte ich diesen Itaker, der sich Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland nannte, in Triest. Meinen Bundesdeutschen Pass hat er ungläubig in den Händen betrachtet. Es ging nicht in seinen Schädel, dass ein Schlesier Deutscher ist. Es war mir aber die Reise Wert. Ich war in Triest noch als "untergetaucht", als "vermisst" geführt. Es war mir auch wichtig, für weitere Flüchtlinge aus Schlesien, in Triest ein besseres Klima zu schaffen.
Umberto Birrolla wollte sich mit einem Deutschen nicht treffen. Mein Trick, mit "Sono polacco" war doch richtig. Wer weiß, ob er einem Deutschen hätte helfen wollen.

Nachsatz

  Der Versuch, diesen Fluchtweg ein 1/2 Jahr später mit einem Pärchen noch mal zur Flucht zu nutzen, ist schief gegangen. Wir wurden von Hunden aufgespürt und von den Grenzern festgesetzt. Ich wurde zu 2 Wochen Arrest und zu 50.000 Dinar Strafe verurteilt. In meinen Pass kam der Vermerk: "Einreiseverbot", und "Das Land muss innerhalb 24 Stunden verlassen werden". Eine Ausweisungsverfügung.

  Um das Geld zu beschaffen, habe ich meine Manschettenknöpfe auf der Strasse verkauft. Mein ganzes Bargeld ging auf die Strafe drauf. Ich stand nun vor dem Problem, ohne Geld von Italien nach Mainz zu gelangen.

  Die Freunde wurden zurück nach Polen geschickt. Es war die falsche Jahreszeit, oder wir wurden beobachtet und "verpfiffen", ich weiß es nicht.

Lageplan der Grenze zu Italien

 

(Besonderen Dank schulde ich meiner Schwester, die beim Zusammentragen der Reisekosten geholfen hat, und mir auch sonst den Rücken frei gehalten hat. Sie hatte auch die Folgen meiner Flucht zu erdulden, in Form von Schikanen der Behörden. Sie hatte ihren Arbeitsplatz verloren, musste  in einer anderen Firma Hilfsarbeiten verrichten  Weiter meinem Vetter Dieter, die Armbanduhr, für sein Zahngold erworben, hat mir auch geholfen. Der Ehefrau des einen Bruders, die mir ihren Ring gegeben hat. Dann meinem Vetter Werner in Mainz sowie meinem Vetter Carl in Frankfurt.)


In West-Deutschland

.......das Chemie-Diplom an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz erworben. Zuerst musste aber in Göttingen am Gymnasium eine Sonder-Prüfung abgelegt werden, um die Deutsche Hochschulreife zu erlangen. Das polnische Abiturzeugnis wurde damals im Westen nicht anerkannt. Wir haben ein Jahr lang die Schulbank gedrückt. Es war ein netter, lustiger Haufen, aus allen Ländern Ost-Europas. 
So habe ich zwei Mal die Abitur-Prüfung ablegen müssen. 1964 in Polen, 1967 in Göttingen.
In Göttingen trafen sich Abiturienten aus verschiedenen Ländern. Zum Beispiel der ungarische Jude, Tibor Gulyasz, der jetzt als Multimillionär in den USA lebt. (Ich habe Tibor, mit dem ich befreundet gewesen bin, wir haben beide während des 6-tage Krieges gebangt, in den Staaten angerufen. Ich hätte es lieber nicht tun sollen!). Auch eine Jüdin aus der damaligen Tschechoslowakei war dabei. Ihre Familie bekam 80.000,00 DM Starthilfe. Finanziell gehörten sie zu einer ganz anderen Klasse als wir, die anderen. Während wir z.B. für 2,50 DM gejobbt haben, war Tibor mit einem Mercedes mit Edel-Pelzen unterwegs. Er bekam 5.000,00 DM dafür. Kathi aus Prag, hat sich mit dem Andreas (heute Frauenarzt) angefreundet, was bei ihrer Familie zum Alarm geführt hat. Sie haben, glaube ich, trotzdem geheiratet. Ich habe ebenfalls dort meine spätere Ehefrau kennen gelernt. Sie kam aus Stuttgart (Spätaussiedlerin aus dem Banat, Jugoslawien), das war für mich der Grund, mich in Tübingen um einen Studienplatz zu bemühen. Ich fuhr nach Tübingen, nach Abzug der Fahrtkosten, blieben mir 20,00 DM übrig. Das war mein Kapital, der Grundstock für das Studium der Biochemie in Tübingen.
In Tübingen angekommen, habe ich auf dem Bahnhof geschlafen. Der Bahnhof wurde ab 1:00 bis 4:00 geschlossen. Man musste sich verstecken, sonst wurde man weggeschickt. Ich lag auf der Bank, hinter dem Tisch versteckt. Der Kontrolleur, der die Hallen abschritt auf der Suche nach "Pennern", hat mich zwar gesehen, aber immer übersehen. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Bald war ich auch ein "Penner". Die Solidarität unter den Pennern war sehr groß. Man bekam Tipps, wo und wie man Schnorren kann, bei welchem Pfarrer es sich lohnte, anzuklopfen, bei welchen wieder nicht. Sozialhilfe gab es damals noch nicht. Wer kein Geld hatte, musste arbeiten, oder hungern.
Meine Freundin aus Göttingen, meine spätere Ehefrau hat mich mit Lebensmitteln über Wasser gehalten. (Meine Postkarten, mit dem Absender "Unter der Neckarbrücke", hatten entsprechende Wirkung auf diese mitleidigen Menschen, ihre Familie gehabt.)

Mein Antrag auf Stipendium wurde abgelehnt. Zufällig traf ich auf dem Amt im Treppenhaus einen Amtsleiter/Politiker(?), der, nach dem er sich meine Geschichte angehört hatte, zu einer anderen Erkenntnis gekommen ist. Er ist mit mir in das Sekretariat zurück gegangen und auf sein Betreiben hin wurde mein Antrag doch noch genehmigt.
Ab da ging's bergauf!

Das gehört aber nicht hierher!

Liebenhain OS
Heute: Barut-Liebenhain

Bei Tante Gela und Onkel Rufin

In Tantes Garten, Sommer 1941
Sommer 1941, Liebenhain

Mit Cousine Charlotte
Mit Cousine Charlotte Krause

Hindenburg OS


Jan. 1942


1944

 

 


1950

 

Hindenburg-Biskupitz OS


1951

 

Berufsschule. Ausflug Wieliczka
Ausflug nach Wieliczka, 1956

Abschlußklasse, Berufsschule, 1958
Abschlußklasse, 1958

Herr Burek, Beuthenerstr. 75
Beuthener Str. 75, Herr Burek

Fronleichnam-Altar
Fronleichnam 

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1963

BRD ab März 1965

In der BRD. Zivill-Soldat bei der US-Army
Zivil-Soldat, 1966, US-Army