Die Jugend Freund Kuba Die Flucht Zwangsarbeiter
Mein Elternhaus
Was mich das Leben gelehrt
hat?
Als Deutscher darf man kein Mitleid erwarten. Von niemandem. Ähnlich einem
verwundeten Raubtier. Niemals um Hilfe bitten! Nicht jammern!
Nicht weinen! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!
Ich bin in Hindenburg O/S geboren. Wo liegt
Hindenburg O/S? In Oberschlesien. Nach Osten hin, fast
waagerecht von Mainz aus. Hindenburg ist nach dem Plebiszit die südöstlichste Stadt des früheren Deutschland.
(Plebiszit von
1921. Übrigens: Die pol. Seite hat verlangt und durchgesetzt, dass nur in Oberschlesien
geborene, an der Abstimmung teilnehmen dürfen. Der vermeintliche Vorteil, wurde
für die pol. Seite zum Nachteil.) Auf betreiben
Frankreichs
wurde Oberschlesien
geteilt, in Deutsch - Oberschlesien und Polnisch -
Oberschlesien (in Ost-OS und West-OS). Bis dahin haben Deutsche und Polen in
Frieden und Freundschaft zusammen gelebt. Durch diese drei "Schlesischen Aufstände"
(1919 - 1921) kam Hass auf! Frankreich hat den Hass nach OS gebracht. Ab etwa 1865 sind viele
polnische Fremdarbeiter nach Ost-OS eingewandert. Um 1900 bildeten sie sogar die
Mehrheit der Bevölkerung dort. Bis zu diesen "Aufständen"
(heute sagt man: "Terror-Angriffe", siehe Nord-Irland, das
Baskenland und andere), war OS neben Preußen
ein Musterbeispiel für funktionierendes Multikulti.
Ohne
Volksabstimmung und unter Protest seiner Bevölkerung wurde 1920 das wegen
seiner Steinkohlevorkommen wirtschaftlich bedeutende 286
km² große Hultschiner Ländchen der Provinz Schlesien an die
Tschechoslowakei abgetreten. Das Gebiet eurde zwei unterschiedlichen
Verwaltungsgebieten zugeteilt, bis auf 2 Schulen wurden alle deutschen Schulen
geschlossen.
(Es war eine Provokation Deutschlands und die Teilung
Oberschlesiens widerrechtlich. Diese Provokationen gingen
weiter, sogar bis ins Jahr 1967. (9.9.1967, besucht de Gaulle Hdbg. Er sagt
dabei: "Zabrze ist die schlesischste Stadt Schlesiens und die polnischste
Stadt Polens".
Wie viele Städte hat er denn verglichen? Wie viele gesehen, um einen solchen
Vergleich anzustellen? Es war, es sollte sein: PROVOKATION ! "Niech
żyje Zabrze, najbardziej śląskie ze śląskich miast i najbardziej
polskie z polskich miast"
Die Einstellung Frankreichs zu Polen
“Umso größer wir Polen auf Kosten Deutschlands machen, umso sicherer können
wir sein, dass Polen Deutschlands Feind bleiben wird.”--- Polen soll einen
breiten Korridor mit Danzig erhalten, außerdem einen Streifen Ostpreußens und
ganz Oberschlesien).
Die Einstellung der Polen zu den Deutschen, verdeutlicht dieser Spruch:
"Póki świat światem, nie będzie Polak Niemcowi bratem". Übersetzt:
"So lange die Welt besteht, so lange wird sich der Pole mit dem Deutschen
nicht verbrüdern".
("Die
mit Inkrafttreten der Genfer Konvention am 15. 6. 1922 vollzogene Teilung
Oberschlesiens zerschnitt das dicht besiedelte Industrierevier aufs
empfindlichste und schuf trotz der Bestimmungen der Konvention schwierige
wirtschaftliche und soziale Probleme. Der wertvollste Teil des Industriegebietes
fiel an Polen: 53 der 67 Steinkohlengruben, etwa 9/10 der Kohlenvorräte, 11 von
16 Zink- und Bleierzgruben, der größte Teil der Bleierzvorkommen, alle Blei-
und Zinkhütten und damit auch die Schwefelsäurefabriken, alle Eisenerzgruben,
fünf von acht Eisenhüttenwerken (mit 22 von 37 Hochöfen, 2/3 der
Roheisenproduktion). Am 9. 7. 1922 übernimmt die deutsche Verwaltung wieder den
Deutschland belassenen Teil des Abstimmungsgebietes. In einer Abstimmung vom 3.
9. 1922 sprechen sich über 90% der Oberschlesier für ein Verbleiben
Oberschlesiens bei Preußen aus; nur eine Minderheit verlangt ein eigenes Land
Oberschlesien innerhalb des Deutschen Reiches."
Pariser Vorortverträge: Ende des 1. WK, am 28.7.1919 unterzeichnet. Das
Deutsche Reich soll allein schuld gewesen sein. Gebietsverluste: an Polen,
Westpreußen und Ost-Oberschlesien (nach Abstimmung). Millionen von Deutschen
lebten nun in Polen. Der amerikanische Journalist Henry Louis Menken, der 1938
diese Gebiete besucht hatte, schrieb: "Polen konzentriere sich darauf, die
Deutschen Bürger auszuplündern und zu unterdrücken". Zu diesem Zwecke
ist Polen 1934 aus dem Abkommen mit dem Völkerbund zum Schutz der Deutschen Bevölkerung
ausgestiegen.
Der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen ging von Polen aus, von den Franzosen
geschürt.
MELDUNG: 29.6.1922 / Bei Zusammenstößen mit französischen
Besatzungstruppen werden in der oberschlesischen Stadt Hindenburg 20
Menschen getötet. Anlass waren Aktionen deutscher Jugendlicher gegen die
alliierten Soldaten. )
Die neue Grenze wurde willkürlich mitten durch
Bauernhöfe und mitten durch Dörfer gezogen. Es kam vor, dass die Stallungen
hinter der Grenze lagen, in Polen, das Wohnhaus dagegen in Deutschland.
Die Heimatstadt unserer Eltern, Ruda OS, wurde zum "Ausland".
Unsere Sippschaft ist nach Hindenburg, nach Deutschland gezogen. Man
kann sagen, dass unsere Familie zwei mal vertrieben worden ist. Nach
1922 und dann nach 1945. Die Großeltern hatten in Ruda OS, Hindenburger
Str. 18, eine Schuhmacher-Werkstatt.

Opa Martin Hajduk, Oma Philomene Opiolka
Unsere Schwester ist noch in Ruda geboren. Unser Bruder Heinz "im Exil", bei Onkel Rufin und Tante Gela (Angela), auf dem Land (in Liebenhain, Krs Groß-Strehlitz). Der Autor dann schon in Hindenburg OS.
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Mainz |
Hindenburg O/S |
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Mainz - Hindenburg O/S (heute Zabrze) |
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Entfernung Luftlinie |
752 km |
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Entfernung Autobahnen |
836 km |
Die Gemeinde Hindenburg war bis 1915 mit über 60.000 Einwohnern, das größte
"Dorf" Europas. Dieses Dorf hieß "Zabrze" (erste Erwähnung
um 1305, als Zadbre/Cuncindorf). 1915 wurde Zabrze zu Gemeinde und in Hindenburg O/S umbenannt. 1922 bekam die
Gemeinde Hindenburg O/S die Stadtrechte verliehen. Die Stadt Hindenburg
O/S hat nie Zabrze geheißen. Eine Stadt Zabrze gab es erst ab Mai 1946.
Bis Dato, bis Mai 1946 existierte die Stadt Hindenburg OS.
Die Kronprinzenstraße ist wahrscheinlich
die längste Straße Europas. Auf jeden Fall, ist sie mit 9,5 km die längste
Straße im heutigen Polen. Angelegt etwa 1880 zu einer Prachtstraße, mit prächtigen
Bürgerhäusern, verläuft sie von West nach Ost, etwa parallel zu der
Reichsautobahn
(Geschichte),
die eine Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und Oberschlesien sein sollte.
Hindenburg,
Stadt der Gruben und Hütten
Die Reichsautobahn, von Hitler gebaut, gedacht vom Ruhrgebiet nach Oberschlesien, nicht fertig gestellt, war bis in die 90 Jahre neben der "Berlinka", die einzige Autobahn Polens.
Ca. 1790 wurde eine Steinkohlengrube, in damals Zabrze, errichtet. Sie wurde Anfang 1800 zu der größten Grube der Welt, mit ca. 9.500 Bergleuten und einer Fördermenge von fast 3.5 Mio. Tonnen Kohle jährlich. Sie wurde "Königin-Luise" getauft. August Borsig, der in Hindenburg-Nordost die Arbeiter-Siedlung Borsigwerk errichten ließ, gründete die "Hedwigwunsch" Grube, "meine" Grube. Sein Sohn Albert gründete eine Eisenhütte mit zwei Hochöfen. Später noch ein Walzwerk.
1867 kam die Grube "Ludwigsglück", auf der unser Vater später gearbeitet hat, und 1876 die Grube Borsig. 1872 wurden die ersten Siemens Martin-Öfen in Betrieb genommen die allerersten in Deutschland
Ich kann mich kaum an meine Eltern erinnern. An meine Großeltern habe ich gar keine
Erinnerung.
Die Großeltern:
Mütterlicherseits: Opa Martin Hajduk aus Ruda O/S,
Schumachermeister mit eigener Schuhfabrik, katholisch, Oma, Filomene
(geb. Opielka). Sie hatten 10 Kinder:
Gertrud, Alfons, Angela, Alois, Edmund, Paul, Richard, Valerie, Martha, Helene.
Die Hajduks, bis 1980 alle Schuhmachermeister, stammen aus
Himmelwitz, bzw.
Kottulin.
Abstammung.
Väterlicherseits: Opa Heinrich Rathay aus Ruda O/S, evangelisch. Zur
Oma fehlen mir die Geburtsdaten. Hedwig Caroline-Mathilde Unverricht.
Abstammung. Sie stammen aus den Orten
Deutsch-Lauden und
Kreisewitz
Sie hatten 5 Kinder:
Ernestine, Elfriede, Wilhelm, Georg, Margarete.
Die Gertrud hat sich einen Skandal geleistet. Sie ist den Liebesschwüren eines
jungen Zahnarztes, aus einer reichen jüdischen Familie erlegen. Er, der Dr.
Bonk versprach
ihr neben der ewigen Liebe auch die Ehe. Als sie schwanger wurde, stimmte plötzlich
alles nicht mehr. Kein Wort mehr von Liebe. Mein Cousin Paul wurde geboren (19xx).
Die jüdische Familie hat die Alimente auf einmal, für 18 Jahre im Voraus, In
GOLD, ausgezahlt. Jetzt rissen sich alle um das uneheliche Kind Paul. Wer den Paul
hatte, hatte auch die Hand auf dem Mündel-
Gold. Es war um so mehr wert, als
damals Papier-
Geld immer mehr an Wert verlor. Tante Gertrud hat diese Schande
nicht lange überlebt. Sie hat Selbstmord begangen, offiziell hieß es:
Blutvergiftung.
Opa Martin Hajduk übernahm das Gold und den Paul und hat ihn zum
Schuhmachermeister ausgebildet. (Zum Paul später mehr.)
(Diese Scheine befinden sich in meinem Besitz.)
In dieser schweren Zeit, (1931 bis 1933, 6 Millionen ohne Arbeit) wurde auch unser Vater arbeitslos. Die
Familie ist nach Liebenhain gezogen, dort hat Vater mit seinem Schwager, dem Onkel
Rufin im Wald gearbeitet. Unser Bruder ist dort, in Liebenhain geboren. Es war ein so strenger
Winter 1932, dass mit der Taufe gewartet werden musste.
Unsere Eltern sind nicht mehr zurück nach Ruda, es war "Ausland"
geworden, sondern sind 1934 in die
neugebauten Häuser in der Kampfbahnallee nach Hdbg. gezogen. Ab 1934 wurde alles
besser! Es gab wieder Arbeit, es ging aufwärts.
Ich habe mich oft gefragt, was meine Eltern bewogen hat, mitten im Krieg (1940)
sich noch ein Kind zu leisten. Meine Mutter war katholisch, es gab aber immerhin
eine 8 jährige Baby-Pause.
Ich bin meinen Eltern dankbar für
das mir geschenkte Leben. Trotz aller Widrigkeiten, die besonders diese
"Befreiung", "fu_cking Liberation" mir beschert hat, war es ein interessantes, durch
Überlebenskampf geprägtes Leben. Wie Inhaltsleer, fad, unnütz, doch
das Leben der heutigen, bundesrepublikanischen Jugend ist.
Die Erinnerungen an meine Eltern sind untrennbar
verbunden mit einer bösen Weihnachtsgans, einem Sturm- Gewehr, sowie einem
Puddingtopf bei einer Nachbarin. Auch eine brennende Mülltonne und die
Pockenimpfung spielen eine Rolle. So wie die Fliegeralarme und der Einmarsch der
Russen.
Wir wohnten im 4. Stock, in einer 4 Zimmerwohnung mit Balkon, Kampfbahnallee 53 (heute F. Roosevelta, (früher Sosnitzer Str.)), in Hindenburg OS, unweit der St. Josephskirche, an der Hauptstraße nach Gleiwitz.
Meine Familie
Die Weihnachtsgans.
Diese
Weihnachtsgans, lebend besorgt, sollte zu Weihnachten 1944 ihr Leben lassen. So lange noch wurde sie in unserer Toilette gehalten und
gemästet.

Meine Geschwister Heinz und Ingrid, 1942
Diese Gans hat es auf
mich abgesehen, sie war ein Stückchen größer als ich, der fast
4jährige, jüngster von drei Kindern. Ich hatte mächtig Respekt vor
diesem Ungeheuer. Sie residierte hinter der Kloschüssel, von dort hatte
sie eine gute Übersicht. Die Gans war sehr mager und musste erst durch
Mästen auf das richtige Schlachtgewicht gebracht werden. Diese
Weihnachtsgans war das letzte Festessen (mit Satt essen) auf Jahrzehnte
hinaus.(1) Es gab weiter Mohnklöße so wie Marzipanklöße, schlesische
Spezialitäten, die unsere
Mutter bereitet hat. Ich sehe meine Mutter die Marzipan-Klöße
vorzubereitend, sie streut Kakao-Pulver drauf.
Nach diesem Weihnachtessen kam das Elend (die "Befreiung"), es wurde nur noch gehungert und gehungert. Mein Bruder war fast 13 Jahre alt, meine Schwester 15,5.
Mein Vater
wurde nicht zu Wehrmacht eingezogen. Er war Grubenaufseher, von Beruf
Former, auf der Grube unentbehrlich. Er hat bis Jan. 1945 auf der
Steinkohlengrube "Ludwigs-Glück" gearbeitet..
Vor Weihnachten 1944 hat er ein Volkssturm- Gewehr
(Karabiner) nach Hause mitgebracht. Wir haben uns mit diesem Gewehr
hinter die Couch gehockt und Angriff- Abwehr gespielt. Das ist die
einzige, schwache, sehr schwache Erinnerung an meinen Vater. Nach diesen
Weihnachten 1944, hat niemand mehr von uns unseren Vater gesehen. Lebendig
nicht und tot auch nicht. (2
Weihnachten haben die Eltern mit mir "Guckkuck" gespielt. Ich stehe hinter dem Türpfosten versteckt und rufe laut lachend "Guckkuck!". Das war das letzte unbeschwerte Lachen auf Jahrzehnte hinaus.
Fest in meiner Erinnerung ist das Impfen gegen Pocken verankert. Der Arzt hat mich gelobt, ich war das einzige Kind, das nicht geweint hat und meine Eltern waren stolz auf mich. Ich meine, mich an das Impfen selber zu erinnern. Pockenimpfen wurde am 8.4.1874 zu Pflicht, geimpft wurde kurz vor erreichen des 2. Lebensjahres! (1970 in Deutschland abgeschafft.)
"Die brennende Mülltonne" - es war eine Mülltonne aus Zink, in der irgendjemand ein Feuer abgebrannt hat. Diese Tonne wurde glühend heiß; ich wurde auf diese Tonne rittlings gesetzt. Auf einem Bein ist heute noch eine Handtellergroße Brandnarbe zu sehen.
Mein Bruder sollte auf mich aufpassen. Als seine Freunde ihn riefen, er soll mit ihnen durch die Felder ziehen, nahm er mich kurzerhand mitsamt Kinderwagen mit. Einige Male haben die Jungs mich unterwegs verloren. Ein anderes Mal, beim Baden im See, fiel ich Kopfüber ins Wasser. Irgendjemand konnte mich grad noch so, an der Windel herausziehen.
Unsere Nachbarin Frau Jontschyk, hat mich in ihre Küche geholt, auf den Tisch am Fenster gesetzt und ich durfte den Puddingtopf auslecken. Mit Frau Jontschyk haben wir unseren Balkon geteilt. Im Treppenhaus Gegenüber wohnte die Familie Schütze mit dem etwa gleichaltrigen Joachim.
Zu Frau Schütze hat
man sich folgende Geschichte erzählt. Zu Ostern wurden die Mädchen
und jungen Frauen, je nach dem, entweder mit einem Eimer Wasser
(reinigendes Osterwasser), oder
mit einigen Spritzern teuren Parfüms überrascht. Als unser Bruder
Heinz noch nicht richtig sprechen konnte und ein paar Spritzer Parfüms
Frau Schütze verehrt hat, fragte er Monate später: "Frau Schütze,
"Jiicht das bepitschte noch?"
Weiter sind in
meinem Gedächtnis eingebrannt die Fliegeralarme: "Schnell,
schnell, runter in den Keller, die Bomber sind da". Es herrschte
eine fürchterliche, angst- durchsetzte Atmosphäre. Wir mussten die 4
Stockwerke runter rennen, um im Keller Schutz zu suchen. Und das im
Dunkeln, denn es herrschte Verdunkelungspflicht. Später blieben wir
einfach im Keller wohnen, im Waschraum, zusammen mit anderen Familien. Bei einem bestimmten Flugzeugtyp
habe ich heute noch, fast 60 Jahre danach beklemmende Gefühle, bzw. Alpträume. Zum Glück flogen diese Bomber, es waren viermotorige
Maschinen ("Fortress", "Liberator"), über
Hindenburg hinweg. Bombardiert wurden die Synthesewerke in
Heydebreck so wie die Treibstofflager dort. Aus dem Ruhrgebiet wurden
erst kürzlich Spezialmaschinen hergeholt. Diese fielen dann den Russen
in die Hände. Möglich wurde die Bombardierung Oberschlesiens erst,
nachdem Italien die Fronten gewechselt hat. Anfang Juni 44 wurde Rom
besetzt und auch die nördlichen Flugfelder dort. Bis zum 6.7.44 war
Oberschlesien der "Luftschutzbunker Deutschlands". Am 6.7.44
fielen die ersten Bomben englischer Geschwader auf die Hydrierwerke bei
Blechhammer, auf die Stickstoffwerke (der IG-Farben), so wie die
Treibstoff-Synthese-Anlagen. Es wurden dort monatlich 50.000 Liter
Treibstoff produziert.
Von Italien aus war Oberschlesien für diese Maschinen erreichbar geworden. Hindenburg O/S wurde nur wenig (etwa zu 8 %) zerstört. Die Arbeit in den Gruben war zur keinem Zeitpunkt unterbrochen. Obwohl die Schäden so gering waren, die Stadt Mainz war z.B. zu 80 % zerstört, haben es die neuen Herren nicht geschafft: 60 Jahre nach dem Krieg, sind immer noch Kriegsschäden sichtbar.
Das rascheln und rattern der Panzerketten auf den Straßen und die Angst- schreie: "Die Russen sind da, die Russen kommen", ist ein weiteres Kriegsgeräusch, das fest eingebrannt ist. Unsere Schwester wurde als "alte Frau" verkleidet, mit Kohlenstaub wurde ihr Gesicht geschwärzt, um sie "unattraktiv" zu machen. Es war naiv, denn die Russen haben die Frauen "genommen", egal ob Kind oder alte Frau, egal, ob hässlich oder hübsch. Und immer zu Mehreren, entwürdigend. "Frau, komm!", war der Fluch, das Schlimmste, was ein Mädchen, was eine Frau damals hören konnte. Sie benutzten die Frauen, wie man heute die Gummipuppen von Beate Use benutzt. So wie man heute den Stöpsel aus diese Gummipuppe nach Gebrauch zieht und die Luft herauslässt, so ließen die Russen die Seelen dieser Frauen (oft durch Kolbenschlag oder Gewehrkugel) heraus.
Besonders tragisch für
die jungen Mädchen, wohlbehütet, noch nicht aufgeklärt, noch
Jungfrau. Es war die brutalst- mögliche Aufklärung, durch gleich mehrere Russen (Sowjets,
ich hoffe, es waren nur wenige Russen dabei) nacheinander und öffentlich.
Wie die Tiere, waren sie, die Rotarmisten. Nein, Korrektur, nicht wie die Tiere. Dieser
Vergleich würde die Tiere beleidigen. Sie haben gewütet, wie die
Tataren, zu Zeiten des Mongolen Dschingis Khan. (Dschingis Khan:
"Das höchste Glück des Mannes ist, seine Feinde zu zerschlagen,
sie vor sich herzujagen, ihnen all ihren Besitz zu entreißen, in Tränen
die Wesen zu sehen, die ihnen teuer sind und ihre Frauen und Töchter
in seine Arme zu drücken.")
Heute wird von "Rache" der Sowjets gesprochen. "Die
Sowjets haben Rache geübt". Das müssten mir aber unsere Linken
erklären.
Rache: Ein SS-Mann soll ein kleines russisches Mädchen vergewaltigt
haben. Nun wird Rache geübt und zigtausend Deutscher kleiner Mädchen
vergewaltigt? Rache an den kleinen Mädchen? Was haben die denn damit
zu tun? Wer kann mir diese Logik erklären?
Der Unterschied zu Wehrmacht, wie ich den sehe: die
"Verbrechen" der Wehrmacht waren die sog. Kollateralschäden,
wie später durch die USA in Vietnam, in Kosovo, in Afghanistan,
heute in Irak. Die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die wirklich schlimm
waren, waren Strafaktionen nach Überfällen von Terroristen (damals
nannte man sie "La Résistance" bzw. "Partisanen").
Den Partisanen waren die Konsequenzen ihres Tuns sehr wohl bekannt.
Sie haben bewusst den Tod ihrer Landsleute in Kauf genommen. Diese
Strafaktionen bleiben aber trotzdem ein Verbrechen. Israel führt ähnliche
Strafaktionen nach einem Selbstmord-Attentat durch. Die
Besatzungstruppen in Irak nach einem Bomben-Anschlag. Ich sehe da keinen
Unterschied. (Z. B. am 19.1.04 Bombardierung von Libanon, als
"Rache")
Zum Glück
für uns sind die Russen über Gleiwitz, am 23.1.45 Gegen 14:00 Uhr
(Gleiwitz: < 200.000 E.) gekommen. Der Hass hat sich dort entladen. In
Gleiwitz haben die Sowjets gewütet wie die Wilden. Vergewaltigt wurde
alles, was weiblich war: Kind, Mädchen, Frau, Greisin. Die
Vergewaltigten sollten sich in den Krankenhäusern melden, dort wurden
spezielle Dienste eingerichtet. Es gab Scheiden- Spülungen, sie
konnten so den Sowjet-Schmutz aus dem Körper waschen. Eine "postkoitale
Empfängnisverhütung". Die Mädchen hatten schlimme Verletzungen
erlitten. Viele haben diese schlimmen Vergewaltigungen
nicht überlebt. Es wird von einem Mädchen berichtet, die 128
Mal vergewaltigt worden ist. Die Sowjets standen Schlange, wobei die
ungeduldigen, den, der dran war an der Hose zogen: "Mach´ mal,
ich will auch noch". Nach dem 15 Russen ist sie ohnmächtig
geworden. Die Familienmitglieder haben gezählt, wie oft sich die
Russen bedient haben.
In Hindenburg
(>200.000 E.) musste erst die Potenz der Russen aufgeladen werden.
In
Hindenburg, in den südlichen Vororten, wurde alles, was sich auf den
Strassen befand erschossen. Auch der Onkel Viktor, der von der Arbeit
mit einem Arbeitskollegen nachhause unterwegs gewesen ist, (beide durch
Genickschuss!). Tante Valy (Valerie) ist ihn suchen gegangen, nach dem
er von der Arbeit nicht nachhause gekommen ist. Sie wusste nicht, wurde
er verschleppt, wie sein Schwager? Nach ca. einem Monat, also etwa im
Februar/März, als die Schneeschmelze eingesetzt hat, etwa auf dem
halben Weg sah sie aus dem Schnee im Straßengraben einen Arm herausragen. Als wollte der Onkel zeigen, "hier liege ich".
Sie hat den steifgefrorenen Onkel Viktor auf einen Karren geladen und
nachhause gefahren. Es gab absolut keinen Grund, den Onkel und seinen
Arbeitskollegen zu ermorden.
Er war zur falschen Zeit, am falschen Ort. Er wurde einfach so abgeknallt, wie man einen Hasen schießt. Bum, und eine Witwe mit einer Halbwaise waren da. Bum, und unsere Cousine Charlotte wurde zu Halbwaise. An diesem Tag ist Onkel Viktor einen anderen, wie er meinte sicheren Weg nachhause gegangen. (Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis Tante Valy den Onkel Viktor gefunden hat. Sie ist nacheinander alle Wege abgegangen, die man gehen konnte, um von Onkels Arbeitsstätte nachhause (Borsig-Werk) zu gelangen.) Er hat sich geirrt. Bei Anna-Segen (eine Siedlung) hat ihn die Russenkugel ereilt - Genickschuss!. Wer weiß, er wäre sonst verschleppt worden, vielleicht wurde ihm ein Schicksal erspart, das seinen Schwager, unseren Vater voll getroffen hat.
Das Zentrum der Stadt Hindenburg wurde zunächst nicht besetzt, die Sowjet-Armee zog weiter in Richtung Hindenburg-Südost. Dort stand der Rest der 17. Armee die heftigen Widerstand leistete.
Die
Brutalität, die in Gleiwitz gezeigt wurde, wurde später in Hindenburg
noch übertroffen. Es wurde Vergewaltigt, Gemordet und
Geplündert. Tausende Hindenburger Männer (16 bis 60 Jahre alt) wurden
eingefangen und zu
Zwangsarbeit verschleppt. (Siehe Ausstellung im Museum Zabrze, in Aprl
2005, bzw. das Buch: "śląska tragedia w Zabrzu w 1945",
Zabrze 2005. ISBN: 83-88427-34-2)
Am sichersten
hatten es noch die Soldaten an der Front. Der einzige Bruder meines
Vaters, Onkel Wilhelm, hat den Krieg als Soldat gut überstanden. Ein Mal
war er verschüttet gewesen und wurde gerade noch gerettet. Ihm wurde
der Frieden, die "Befreiung" zum Verhängnis. Er kam in britische Gefangenschaft. Nach
seiner Aussage wäre es ihm einigermaßen "gut ergangen", wenn
er "den Mund gehalten hätte", wenn er sich "zurückgehalten hätte". Onkel Wilhelm wurde 1950 aus der
Gefangenschaft nach Westdeutschland entlassen. Er kam nach Kassel. Seine
Familie, Tante mit Cousine Helga waren hinter dem "Eisernen
Vorhang" in Oberschlesien. Weder konnte er zu ihnen, noch seine
Familie zu ihm, in den Westen kommen. Sie blieben getrennt. Irgendwann
hatte er auch eine neue Partnerin und lebte mit ihr im schönen
Häuschen, bis, ja bis 1957 seine Ehefrau mit meiner Cousine Helga vor
der Türe standen. Wen sollte Onkel Wilhelm zurückweisen, die Freundin
oder die Ehefrau? Zwei Frauen Freundin und Ehefrau, das Trauma der
5jährigen Gefangenschaft bei den "Tommys", das war zuviel,
Onkel Wilhelm hat sich für Selbsttötung (Erhängen) entschieden.
Den krieg hat der Onkel einigermaßen überstanden. Der (falsche)
Frieden wurde ihm zum Verhängnis. Leider hat Onkel Wilhelm nicht daran gedacht, was er seiner einzigen
Tochter damit angetan hat.
Ähnlich ist es der
Familie der Schwiegereltern meines Bruders ergangen. Ehefrau mit Tochter
Helga blieb in Schlesien, der Ehemann und Vater (der Maler Domanski)
wurde in den Westen entlassen und blieb in Bochum hängen. Irgendwann
hatte er auch eine neue Partnerin. Die zwei Frauen hinter dem
"eisernen Vorhang", blieben verbittert zurück. Die Eheleute
haben ihre Verbitterung in das Grab mitgenommen.
Unser Cousin Werner Sowa war bei der Luftwaffe.
Unteroffizier, mit Auszeichnungen. Auch er hat den Krieg und die zweijährige
Gefangenschaft bei den "Thomys" gut überstanden. Nach seiner
Freilassung kam er über Danzig, wo er seine Frau wieder gefunden hat, nach Hindenburg. Werner und Agathe hatten drei Söhne, zwei sind verstorben, der jüngste
Sohn, Klemens, lebt heute ebenfalls in Mainz.
Werners einziger Bruder Günther, der lustigste aus der ganzen Sippschaft, ist in Tschechien, in den letzten Kriegstagen, als 19jähriger gefallen. (Hier hat sich wieder eine "Volksweisheit" bestätigt. "Den Guten ruft unser Herr sofort zu sich, in den Himmel, dem Bösen gibt er Zeit, sich zu bessern". Werner hat seinen jüngeren Bruder um mehr als 50 Jahre überlebt. (Zu Werner später)
Die "Befreiung". Fuc_king Liberation. Die
Russischen Horden kommen!
www.swg-hamburg.de/Geschichtspolitik/BEFREIUNG
"Nach Beginn der großen Offensive vom
Baranow- Brückenkopf aus (12. 1. 1945) stießen die übermächtigen
sowjetrussischen Streitkräfte rasch westwärts vor. Am 19. 1. erreichten sie im
Raum Guttentag—Kreuzburg die schlesische Grenze, ihre Panzerspitzen bildeten
nur wenige Tage später Brückenköpfe am linken Oderufer bei Steinau und
Brieg.
Ende Januar hatten die Sowjetrussen fast das ganze rechtsodrige Schlesien
besetzt, das oberschlesische Industrierevier war ihnen nach einem Umfassungsmanöver
beinahe unzerstört in die Hände gefallen. Die Oderfestungen Glogau und
Breslau
wurden am 12. bzw. 16. 2. eingeschlossen; jene hielt sich bis zum 1.4., diese
sogar bis zum 6. 5. Schon am 25. 2. aber hatten Stoßkeile der sowjetrussischen
Armeen die Lausitzer Neiße erreicht. Die Front verlief am 8.5.1945 von der
Neiße nördlich Görlitz etwa über Lauban, Löwenberg, Striegau, Strehlen,
Neisse, Jägerndorf, Troppau, Hultschin nach Teschen."
Mit dem Einmarsch der Sowjetarmee begann für
uns Oberschlesier der Krieg.
Den Krieg, mit allen seinen Gräueln, brachte erst die sog. "Befreiung". Bis zum Jan. 1945 bekamen wir nicht viel
mit vom Krieg. Die Rationierung der knappen Lebensmittel erinnerte
an Krieg, sonst nichts. Vater hatte eine kleine Gruppe russischer
Kriegsgefangener, die zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren zu betreuen.
Obwohl die Lebensmittel für alle knapp waren, hat Mutter immer auch Butterbrote
für "seine Russen" mitgegeben. An einem geheimen Platz, im Holzstapel,
war das Versteck für diese Butterbrote. Besonders tragisch, dass die Russen
dann ganz anders, mit Vater als Zwangsarbeiter
umgegangen sind.
Für viele russische Zwangsarbeiter, war es ebenfalls eine "fuc_king
Liberation". Stalin hat sie verhaften lassen und in Lager verbringen
lassen, wo sie wirkliche Zwangsarbeit zu verrichten hatten. Ein Schicksal ist
mir persönlich bekannt. Der Ukrainer hat den Platz, des im Krieg gefallenen
Deutschen Bauern eingenommen. Auch bei der Bäuerin im Bett; er zeugte mit ihr
ein Kind. Dann kam die "Befreiung".
Für Stalin waren es "Drückeberger", Kollaborateure, die sich im Feindesland "gut gehen ließen", während die anderen kämpfen
mussten. Etwa 80% der "Befreiten" kommen in Lager, bzw. in Verbannung
nach Sibirien.
Erst im Jahre 1971 haben wir vom Tod unseres Vaters erfahren.
Bis dahin war der Tod Georg Rathay´s, zumindest für seine Familie, die Rathays, die
Evangelischen ein düsteres Geheimnis.
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Als es dann so weit war, die Nachricht vom Ableben
unseres Vaters zugestellt, war es schon ohne Belang. Belanglos.
Unsere Schwester hatte Angst
vor Vaters Rückkehr, d.h. Angst vor der Frage: "Wo ist die Helene?",
"Wo ist Mutter"?
Tante Gela (Angela) war die drittälteste von 10 Geschwistern, unsere Mutter Lene (Helene), die Jüngste. Beide
haben an einem Tag geheiratet (16.4.28 in Ruda O/S). Es war eine Doppelhochzeit.
Der Volksmund sagt, dass bei einer Doppelhochzeit die
Jüngere Schwester zuerst sterben wird. Bei meiner Mutter traf es auch zu. Sie
ist 35 Jahre früher gestorben, als ihre 5 Jahre ältere Schwester.
Nach der Vertreibung aus unserer Wohnung
sind wir zunächst in dieses Dorf
"Liebenhain" (687 Einwohner) gekommen. (1932 ist unser Bruder dort
geboren.) Aus irgendeinem Grund, jemand
soll gehört haben, wie Tante Gela gesagt haben soll: "versteck´ die
Butter, die Lene kommt"- Auf jeden Fall haben wir Liebenhain verlassen und
sind in ein Nachbardorf "Hohenwalde" (394 Einwohner) umgezogen. Ein
paar km Nordwest, zu entfernten Verwandten.
Kurz danach wurde unsere Mutter
dort erschossen (am Sonntag, den 4.9.1945). Wie und wieso, es gibt mehrere Theorien, wissen wir nicht.
Alle anderen waren in der Kirche, zum Gottesdienst. Nur
ich, damals 4,5 Jahre alt, war dabei gewesen. Habe aber keine Erinnerung an
diese Untat.
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Monat November 1945
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Ich kann mich an den Transport der Schwerverletzten auf einem einfachen Pferde- Leiterwagen, über holprige Strassen erinnern. Ich sehe noch, wie der Wagen mit Stroh ausgelegt wird. Es war bitter kalt.

Die Fahrstrecke zu den
Krankenhäusern.
Die großen Kreuze markieren die
Städte, Groß- Strehlitz, bzw. Andreashütte.
Ich glaube es waren Soldaten, die in den
Wäldern Jagd auf "Werwolf"- Mitglieder gemacht haben
("Werwolf" war der gescheiterte Versuch, eine nationale Partisanen- Bewegung
aufzubauen. Es ist nie dazu gekommen). Auf der Suche
nach Lebensmitteln....(?). Es könnten aber auch Plünderer und Vergewaltiger
gewesen sein. Ich war alleine mit meiner Mutter im Haus geblieben.
Die anderen waren in der Kirche (Entfernung ca. 5 km)
Die Fahrt in das Krankenhaus war eine Odyssee! Zunächst ging die Fahrt nach Nordost, in das näher (ca. 8 km) gelegene Krankenhaus in Andreashütte. Dort lagen polnische Verwundete, unsere Mutter wurde abgewiesen. Sie wollten dort keine Deutsche dulden. Nun ging es zurück, nach Südwest, vorbei am Ausgangspunkt Hohenwalde, in das von der Andreashütte, ca. 20 km weit entfernte Krankenhaus in Groß Strehlitz.
Die Fahrt mit der Schwerverletzten, auf einem einfachen Pferdewagen, ging über 30 km. Die Wunde schlecht versorgt, eine Bäuerin hat sie verbunden, stark blutend. Das war wohl das Todesurteil für unsere Mutter. Der Arzt in Groß Strehlitz, ein Deutscher, soll gesagt haben: "wir müssen diese Frau retten. Es ist eine Mutter von drei Kindern". Nach 4 Tagen war unsere Mutter verstorben (am Freitag, 9.11.1945). Wäre unsere Mutter in dem Krankenhaus in "Andreas-Hütte" nicht abgewiesen worden..... Es war Mord, die Schwerverletzte abzuweisen!
Es war Mord, die Schwerverletzte
wegzuschicken! Wenn wir auch nicht wissen, wer die Helene Karoline angeschossen
hat, so wissen wir doch, wer mindestens genau so schuld am Tod ist: die Polen in
Andreashütte!
Polen (nicht "Die Polen") haben meine Mutter ermordet.
Russen (nicht "Die Russen") meinen Vater. 2,5 Jahre später.
Ich erinnere noch das Krankenzimmer und dass meine Mutter auf mich Einredet. Es war im Fieber gesprochen, ich habe nichts verstanden. Ich wusste, dass es wichtig ist; ich wollte mir alles merken. Ich habe aber nichts verstanden, ich war zu aufgeregt. Das waren die letzten Worte meiner Mutter an mich und ich habe nichts verstanden. Ich weiß nicht, was sie mir sagen wollte.
Mein Bruder stand in der Tür und hat geweint. Das Zimmer war hell, durch das Fenster sah man den Spätherbst.
Wahrscheinlich sagte unsere Mutter, wir sollen auf unseren Vater warten, "jetzt, nach dem der Krieg beendet ist, wird alles bald gut werden"(?).
Den Leichenwagen habe ich gut in Erinnerung, ich durfte oben,
beim Kutscher sitzen. Es war Dienstag, der 13.11.1945. Aufgebahrt wurde unsere
Mutter wieder in Liebenhain, bei Tante Gela,
im kleinen Zimmer. Sie lag in einem
schlichten Sarg, der aus einfachen Holzbrettern zusammen gezimmert
worden war. Als "letztes Hemd" diente ein altes Nachthemd. Astern
waren der Blumenschmuck, die Blumen sollten das schlichte Nachthemd
verdecken.
(
Unsere Schwester mag Astern bis heute nicht leiden.)
Von dort ging auch der Trauerzug, in das ca. 5 km weit entfernte Himmelwitz, auf den dortigen Friedhof. Es war ein ergreifendes Ereignis für alle. Der Totengräber konnte sich noch nach 18 Jahren an dieses Begräbnis erinnern (vor meiner Flucht habe ich dieses Grab besucht, um Abschied zu nehmen und mit dem Totengräber gesprochen. Wir haben dieses Grab später für eine Verwandte freigegeben).
Unsere Mutter hat einen, wie damals üblich, Mieder getragen. Die Kugel drang von der Hüfte her in den Bauchraum ein. Auf diesem Wäschestück konnte man das Einschuss-Loch sehen, so wie die Blutspuren. Ich habe es voller Ehrfurcht immer wieder betrachtet, wie eine Reliquie.
In unsere (vollmöblierte) Wohnung in Hindenburg durften wir nicht mehr zurück. Dort gab es noch Lebensmittel und warme Kleidung
Dort haben jetzt die Fremden, die Zuwanderer aus Polen gewohnt Gorole, przybysze. Alle meine Spielsachen und Anziehsachen waren in dieser Wohnung. Die polnischen Herren haben drei Waisenkindern verwehrt nach Hause zu gehen. Wir Kinder mussten auf der Straße bleiben, ohne unsere Sachen. Diese Polen haben drei Waisenkinder beraubt und im Winter auf die Straße gesetzt!!
Unsere Nachbarn aus der Nummer 55 (Kampfbahnallee 55), die Frau Steiner war hochschwanger, wurden aus ihrer Wohnung direkt vertrieben. Eines Tages hat es gegen die Tür geklopft. Es waren zwei bewaffnete Polen (Milizen), die ein älteres polnisches Ehepaar als die neuen Besitzer dieser Wohnung vorstellten.
Die hochschwangere Frau Steiner (ihr Ehemann war interniert, verschleppt) musste mit ihren Kindern ihre Wohnung sofort verlassen, sie durften nichts mitnehmen. Was mit dieser Schwangeren geschehen sollte, wo sie hinsollte, interessierte dieses FROMME polnische Ehepaar nicht. Sie bekamen diese Wohnung "zugeteilt" und nahmen sie wie selbstverständlich in Besitz mit allem, was in dieser Wohnung sich befand. Wie muss man sich da fühlen? Fremde Wäsche, fremde Bilder an den Wänden, das Spielzeug der vertriebenen Kinder. Es waren fromme Menschen, die sehr oft die Kirche aufgesucht haben!
Frau Erika Steiner, damals 19 Jahre alt, bekommt heute noch beim Erzählen feuchte Augen. (Sie hat es mir beim Hindenburger Heimattreffen 2003 berichtet.)
Unsere Wohnung wurde bei Abwesenheit "in Beschlag genommen". Wir durften nicht mehr hinein. Alles, was sich in unserer Wohnung befand, wurde jetzt Eigentum der polnischen Zuwanderer.
Die Kindheit
Unsere Mutter ist mit uns aufs Land geflüchtet, zu unserer Tante Gela. Unsere Wohnung in Hindenburg (Oberschlesien) in der Kampfbahnallee 53, war geputzt, im Keller waren Kohlevorräte sowie ein Kartoffelvorrat angelegt. Die Bettwäsche frisch gewaschen und gebügelt. In diese Wohnung wurden Polen einquartiert. Eine fremde polnische Familie wohnte nun in unserer Wohnung, benutzte unsere Sachen, aß unsere Kartoffel, heizte mit unseren Kohlen. Fremde Kinder spielten mit meinen Spielsachen, schaukelten auf meinem Schaukelpferd. Ich durfte keine Spielsachen mitnehmen, das hat mir sehr wehgetan. Meine älteren Geschwister hatten viel mehr zu verlieren. Wir waren alle plötzlich ohne Vergangenheit. Es gab keine Andenken mehr, keine Geschenke, z.B. von Freunden, oder Weihnachts-/Geburtstagsgeschenke, keine Erinnerungs- Photos. Die Vergangenheit existierte nicht mehr. (20 Jahre später habe ich nach der Flucht in den Westen, erneut meine Vergangenheit verloren.)
Wir Geschwister wurden getrennt. Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie Starzinsky), Heinz zu Onkel Paul (Paul Sch.),
d.h. zunächst kam er auf einen Bauernhof, und ich blieb bei Tante Gela und Onkel Rufin. Für mich eine besonders schlimme Zeit. Mutter tot, Vater nicht da, verschleppt nach Russland und jetzt auch noch meine Geschwister weg.
In dieser Zeit, über ca. 5 Jahre haben wir uns kein einziges Mal gesehen. Wir sind quasi als Einzelkinder aufgewachsen. Es waren "nur" ca. 40 km dazwischen, aber für uns Kinder nicht zu überwinden. Deutsche durften nicht ins Landesinnere reisen. Nur in Richtung Westen durften Deutsche reisen, ohne Recht auf Rückkehr. Durch weiße Armbinden, die sie tragen mussten, waren sie zu erkennen. Erst 1950/51 kamen wir wieder zusammen. Ein richtiges "Brüder-Verhältnis" ist nie entstanden. Wir blieben uns fremd. Für Besuche musste man diese 40 km zu Fuß zurücklegen.
Es hat dann Jahre gedauert, bis
wir die Herausgabe unserer Möbel einklagen konnten. Eine Tante hat sich dieser
Sache für uns angenommen. Wir wurden inzwischen zu polnischen Staatsbürgern
gemacht "Verifiziert" (ohne gefragt zu werden). Diese Wohnungs-Besatzer hatten dann nur die Küche und die Bettwäsche
herausgegeben. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Waschmaschine (ein
"Schwenker" und weitere Gegenstände
wurden einbehalten. Die herausgeklagten Sachen waren total verwanzt und kaum zu
gebrauchen. Wir hatten aber nichts anderes. Wanzen wurden unsere Bettgenossen.
Die Tapete über meinem Bett, war voller roter Flecken, vom Blut der zerdrückten Wanzen. Gewohnt haben wir zu dieser Zeit,
1951/52, zu dritt in einer feuchten
Einzimmer/Küche-Kellerwohnung ohne Heizung, in der Florian Str. 11 ((Ulica
Floriana), Vermieter Fam. Chwalczyk.). Es war sehr kalt und feucht in dieser Wohnung,
ich bekam Tuberkulose. Mein
Bruder hat sich meine Eigenschaft, Körperwärme schnell zu entwickeln sehr
gelobt. Diese Eigenschaft besitze ich noch heute.
Die Schule
Die Dorfschule in Liebenhain, das dann Barut genannt wurde, war in Ordnung. Die Lehrerin,
entweder Jadwiga Zwolinska, oder Bronka, hat uns gut geführt. Die ersten zwei Klassen habe ich dort
besucht. Die 3. Klasse in Hindenburg O/S (Zabrze) war ebenfalls sehr
angenehm. Ich war Klassenbester und Klassensprecher. Erst der Wechsel mitten im Schuljahr an
die Schule in einem Vorort von Hindenburg (Nordost), Biskupitz (Biskupice) brachte
den Einbruch.
In der Schule in Hdbg war ich zum zweiten mal verliebt. Ich wusste wo sie
wohnte, im 2. Stock, mit Balkon. Ich stand oft auf der anderen Straßenseite,
hoffend, sie kommt zufällig herunter. Leider musste ich dann die Schule
wechseln.
Meine Lehrer dort waren
ehemalige Partisanen (nach heutigem Sprachgebrauch: TERRORISTEN), die zu Lehrern
ernannt wurden. "Przybysze", Gorole genannt. Deren vornehmste Aufgabe war, uns Autochthon das
Deutschsein auszutreiben. Wie so oft bei Zwang, ist es absolut nicht gelungen. Im
Gegenteil, diese Bestrebungen haben aus uns stolze Deutsche hervorgebracht. Dass
ich "Stolz bin, ein Deutscher zu sein" verdanke ich diesen Bestrebungen und einer
Nachbarin aus der Florianstraße. Sie hat mit mir über die Deutschen und
Deutschland gesprochen und die wahren Gründe des Krieges. Sie sagte mir
z.B., dass die Deutschen in diesen Krieg gezwungen wurden. Zum Beispiel auch
wegen der vorbereiteten Vertreibung der Sudetendeutschen, vorbereitet,
lange vor Ausbruch des 2. WK.
Sie sagte, dass die USA durchaus die Möglichkeit hatten, Auschwitz zu
verhindern. Sie haben Auschwitz jedoch als Grund für einen Überfall
Deutschlands benötigt (ähnlich dem Vorwand: Massenvernichtungswaffen im Irak)
und deshalb nichts unternommen.
Sie sagte mir, dass Deutschland den Krieg Mitte 1944 beenden wollte. Aber
besonders die Engländer wollten die totale Vernichtung Deutschlands und nahmen
die ca. 20 Mio. Toten in Kauf.
Sie sagte mir, "Vorsicht, es wird viel gelogen werden".
Nach der Schule durfte ich sie manchmal besuchen, bekam immer
etwas zu essen von ihr. Sie wohnten im
1. OG in diesem Haus. Sie hat das korrigiert, was die Lehrer uns über die
Deutschen und Deutschland so erzählt haben. Kurz darauf wurden sie vertrieben,
aber alles, was sie mir erzählt hat, ist geblieben.
Im Westen ist man da subtiler und effektiver vorgegangen. Viele Westdeutsche verleugnen ihre Abstammung und "schämen sich, Deutsche zu sein". Ich muss aber den Polen bescheinigen, dass sie uns nicht als Verbrecher, sondern als unterlegene, gleichwertige Gegner gesehen haben. Mit Auschwitz und Holocaust und Gaskammern kam das alles erst viel viel später. Damals war Auschwitz noch kein "Vernichtungslager für Juden". Es wurde später vereinnahmt.
Eine berechtigte Frage könnte
lauten, warum haben wir Polen nicht verlassen? Unser Vater wurde am 29.1.1945
als Zwangsarbeiter nach Russland (genauer Ukraine) verschleppt. Unsere Mutter
wollte aber nicht, dass unser Vater, sollte er zurückkommen, uns nicht wieder
findet. Deshalb sind wir in Schlesien geblieben. Im Nov. 1945 wurde unsere
Mutter erschossen, unser Vater kam nicht zurück. Sie wussten von dem Tod des
jeweils anderen nicht. War das ein kleiner Trost, in der Sterbestunde? Vater
konnte hoffen, dass sich Mutter um uns kümmern würde. Die einzige
Gefangenenpost-Karte hat er an die Mutter adressiert. Obwohl Mutter schon seit
zwei Jahren tot gewesen ist.
Für uns drei,
jetzt Vollwaisen, 4,5 / 13 / 16, war eine Ausreise unmöglich. Wir wurden
Gefangene und Sklaven der Polen. Zunächst mussten wir die Sprache der neuen
Herren erlernen. Der erste Satz, der mir beigebracht wurde, lautete: "ich
bin ein polnischer Pollak". Mein Bruder hatte, durch den Krieg bedingt, etwa
6 Jahre ordentlichen, Deutschen Schulunterricht. Meine Geschwister besuchten die
Zedlitz-Schule in der Zedlitzstraße (heute Królewska) 1944 wurde dort ein
Lazarett eingerichtet, die Schule musste umziehen. Unsere Schwester hatte eine
abgeschlossene deutsche Schulbildung. Alle mussten jetzt Polnisch lernen. Meine
Geschwister gingen
freiwillig in
die Schule, ohne Anmeldung, saßen ganz hinten in der letzten Schulbank und
haben zugehört. Kinder lernen schnell. Es hat dann sogar für Büroarbeit
gereicht. Ingrid war im Lohnbüro der Grube beschäftigt. Heinz hat im
"Institut für chem. Kohleveredelung" Schlosser gelernt.
Die Zedlitz - Schule, 1938 - 1940
Die Männer waren verschleppt
oder getötet worden. Wir Kinder mussten mit den Frauen zusammen arbeiten. Zu
meinen Aufgaben, ich war kaum 5 Jahre alt, zählte, die Ziege, die viel größer
und stärker war als ich, zu hüten, Wintervorräte an Heu (Wrzos = Erika) für
die Ziege anzusammeln. Holzspäne für das Feuer-Entfachen zu sammeln, so wie
Pilze und Beeren der Saison zu sammeln.
Tante hat mich auch für ihre Fußpflege benutzt. Sie hat ihre Füße im Eimer
mit Wasser eingeweicht und ich musste mit einem Messer, mit dem Messerrücken
die Hornhaut von den Fersen abschaben. Es war eklig. Der Hof war zu kehren.
Tante Gela hatte viele Legehennen, aber ohne
Hahn. Die Hennen sollten Eier legen! Wurde eine trotzdem "gluckig",
sie legte dann keine Eier mehr, war "heiß", hatte Tante ein probates
Mittel dagegen. Die "heiße" Henne wurde in kaltes Wasser in einen
Eimer, immer wieder getaucht, bis sie, die Henne, "abkühlte".
War ein Huhn zu schlachten, war ich freiwillig dabei. Es war
sehr einfach. Das Huhn im festen Halt an den Beinen, den Kopf auf den Hackklotz
gelegt und schnell mit dem Beil zugeschlagen. Faszinierend für mich war, dass
dieses Huhn noch relativ lange, kopflos mit schlapp herunterhängendem Hals,
herumgeflattert ist. Man ließ es herumflattern, damit es ausbluten konnte.
Karnickel wurden geschlachtet, in dem man mit einem Knüppel hinter die Ohren schlug, sie wurden dabei an den Hinterläufen gehalten, Mit dem Messer wurde die Kehle geöffnet, und das Bauchfell aufgeschlitzt. Jedes Mal kamen in einer ganzen Batterie, die Hasenbohnen aus dem Darm. Dann wurde das Fell abgezogen und auf Hölzer gespannt zum Trocknen. Fahrende Händler haben diese abgeholt.
Ich habe "anatomische Studien" an diesen Objekten betrieben. Es war spannend.
Tiere um sie zu Essen umbringen, hat mir nicht das Geringste
bedeutet. Bei der Bekämpfung der Spatzenplage, konnte ich aber nicht mitmachen.
Nester wurden ausgehoben, die kleinen Vögel gegen die Hauswand geklatscht,
oder, waren sie größer, der Kopf abgedreht. Mein Vetter war ganz eifrig dabei.
Ich konnte nicht mitmachen. Es gab so viele Spatzen, dass das ganze Dorf auf
diese Weise vorgegangen ist.
Wir haben Fluss-Krebse gefangen. Entweder man stocherte blind mit der Hand am
Ufer unter Wasser und hoffte einen zu ertasten, oder man legte Netzfallen aus.
Wirkungsvoll, als Köder waren Frösche. Den Fröschen wurde die Haut abgezogen.
Lebten die Frösche noch, um so größer der Fang. Die krebse konnten dem Geruch
nach frischem Fleisch nicht widerstehen. Hier musste ich passen.
Die Krebse wanderten lebend im Kochtopf mit heißem Wasser. Man musste nur noch
die mittlere Schwanz-Schuppe herausdrehen (ob vor dem Kochen, oder nachher?), an
dieser Schuppe hing ein langer dünner Darm.
Wir haben uns (mein Vetter Dieter und ich, Dieter ist 6 Jahre älter) öfters eine Kartoffelsuppe mit Taubeneinlage gekocht. Zuerst haben wir es mit Spatzen versucht - es gab aber nichts zu knabbern daran. Ich kann mich heute noch, an diesen guten Geschmack der Kartoffelsuppe erinnern!
Die Ziege sollte am Straßenrand grasen. Sie wollte aber lieber das saftige Grün der angrenzenden Bauernfelder äsen. Hindern konnte ich sie daran nicht. Sie hat mich einfach mitgeschleift. Wurden wir dabei erwischt, gab's Ärger. Kamen wir zu früh zurück, gab's ebenfalls Ärger. Wann es zurück in den Stall ging, bestimmte die Ziege.
Die Ausflüge in den Hochwald (Hochwalder Forst / Toster Forst) um Waldfrüchte zu sammeln, waren zwar gefährlich, aber für mich immer ein schönes Erlebnis. Mindestens drei Mal habe ich mich im Wald verlaufen. Ausdehnung des Hochwaldes, ca. 20 x 40 km. Niemand hätte mich dort wieder gefunden. Es wäre mein Tod gewesen. Onkel Rufins Belehrungen auf die Umgebung zu achten, haben mich immer nachhause finden lassen. Meine Tante hat mich aber trotzdem immer wieder in den Hoch-Wald geschickt. Ich hatte eine 3 Liter Kanne dabei, die mit Waldfrüchten zu füllen war.
Ein mal habe ich den ganzen Tag im Wald verträumt. Ich lag auf dem Rücken, habe in den Himmel geschaut und überlegt, woher der Wind kommt. Neben mir sonnte sich eine Schlange. Wer macht den Wind? Gegen Abend war die Kanne immer noch leer. In der kindlichen Naivität, habe ich die Kanne mit Gras gefüllt und oben ein wenig Beeren draufgelegt. Tante war, als sie die volle Kanne sah, hocherfreut. Natürlich hat sie bald gemerkt, womit die Kanne wirklich gefüllt war. Sie hat fürchterlich getobt und mich bestraft. Der Onkel kam aber zufällig dazu - seit dieser Zeit musste ich nicht mehr mit dieser 3 L. Kanne in den Wald. In der Vollsaison gingen wir in ganzen Trupps in den Hochwald zum Blaubeeren sammeln. Es ging dann Kilometer weit in den Hochwald hinein. Manche hatten einen selbstgefertigten Kamm zum Ernten der Beeren dabei.
Im Sommer gehörte auch zu meinen Aufgaben, den Wasserbehälter im Garten mit Wasser zu füllen. Von der Wasserpumpe im Hof wurde eine Rinne herübergelegt. Jedes Mal waren meine Handflächen voller Blasen. Zum Waschen gab es im Sommer wie im Winter nur Brunnenwasser. Die Pumpe, regelmäßig eingefroren, musste erst aufgetaut werden. Das Wasser natürlich eisig kalt.
Eine Strafe der Tante hat mich besonders getroffen. Es war Weihnachten 1947 (oder 48?). Es sollte Geschenke geben. Mein Vetter hat mich zwar im Vorfeld geärgert: "Du kriegst nichts. Du bist böse". Ich hab's ihm nicht geglaubt. Dann kam die Bescherung. Für mich gab es ein Nest mit Kartoffelschalen und Holzkohlestückchen aus der Ofenasche. Ich hab lange gewartet, ob nicht doch noch was kommt; aber es ist dabei geblieben. Es ist meiner Tante wirklich gelungen mich empfindlich zu treffen. Ich fühle diese Enttäuschung noch heute.
Onkel Rufin war diese Weihnachten nicht zu hause.
(Was war mit der Tante Gela geschehen? Ihre Schwester Lene wurde aus ihrer Wohnung mit ihren drei Kindern vertrieben und hat allen Besitz verloren, hatte nur das, was sie und ihre drei Kinder auf ihren Körpern trugen. Ihre Schwester Lene hat ihren Mann und Beschützer verloren, Georg wurde zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt.
Tante Gela hat ihre Schwester weggeschickt, nicht bei sich aufnehmen wollen. Wir mussten auf einen Bauernhof, in ein paar km weiter gelegenes Dorf ziehen. Dort kam ihre Schwester, unsere Mutter, ein paar Monate später ums Leben. Zurückkehrt ist ihre Schwester als Tote, dann durfte sie das kleine Zimmer belegen, durfte im kleinen Zimmer aufgebahrt werden.
Hat Tante Gela sich schuldig gefühlt am Tod ihrer Schwester? Wurde sie durch meinen ständigen Anblick daran erinnert? War es die Vergewaltigung durch die neun Rotarmisten und die Gräuel, die sie im Dorf an ihren Nachbarn Mitansehen musste? Oder alles das zusammen?
Tante Gela war sicher keine böse Frau. Die Umstände haben sie so hart werden lassen.
Ihr Mann, Onkel Rufin in einem Erdloch im Wald versteckt, sie alleine mit ihrem 10 jährigem Sohn, kaum Lebensmittel für sich und dann noch 4 Esser zusätzlich. Schuld an Allem, war die Art der "Befreiung"!)
Onkel Rufin hat mit mir gerne Karten gespielt. Es waren deutsche Karten, die Farben: Eichel, Grün, Herz, Schell. Sein Spruch, wenn er "Grün" (Pik) ausspielen musste, lautete: "Grün! Scheißen die Gänse im Monat Mai". Er hat Scherze mit seiner Glatze gemacht, hat erzählt, wie die Läuse verzweifelt versuchen sich an der Glatze festzuhalten. Den "schwarzen Peter" haben wir gerne gespielt und "Mensch-Ärgere-Dich-Nicht".

Rechts Eltern daneben, in der Mitte Tante und Onkel
Mit 6 Jahren musste ich auch auf die Felder und richtige
"Männerarbeit" verrichten. Zum Beispiel den Pferdewagen lenken, die
Ernte einfahren, die Wiesen Mähen, das Heu zum Trocknen wenden, das trockene
Heu aufhäufen, die Heu-Haufen mit dem Pferdewagen aufsammeln auf den Hof
bringen in der Scheune ablegen. Weiter die Tiere
füttern, den Stall ausmisten.
Der Bauernhof, auf dem ich arbeiten musste, gehörte der Familie A., in die eine
Schwester meiner Mutter eingeheiratet hat. Sehr angenehm war an dieser
Tätigkeit, die um 4 Uhr Früh begonnen hat, dass man sich mit den Tieren satt
essen konnte. Sie bekamen gestampfte Pellkartoffeln als Futter. Ich kann mich
heute noch an den Geruch der frisch gekochten Kartoffeln erinnern. Eine der
Hof-Legehennen hatte für ihr Eiergelege einen "Geheimplatz", der nur
mir bekannt war. Es gab fast jeden Morgen ein rohes Ei zum Austrinken. Christa
hat nach diesem Ei gesucht, ich war immer schneller als sie. Auf den
Feldern konnte man die Kühe direkt in den Mund melken. Man hat sich dazu unter
die Kuh gelegt. Wahrscheinlich habe ich mir dabei die TB geholt, oder es war
doch die Unterernährung und die katastrophalen hygienischen Verhältnisse.
Meine erste Liebe, die Alicia, gehörte zu diesem Bauernhof.
Sie war die Tochter des Bauern Hans. Das Mitte-Kind (Christa, Alicia, Johann). Ein Bruder des Bauern, der Franz, war Händler und Kneipier. Er war Metzger, Wirt und Eigentümer der einzigen Dorfschänke wie auch der Dorfmetzgerei. In der Schänke war ein Billardtisch, ein Klavier und ein großer Saal für Versammlungen. Meinen ersten Kinofilm habe ich dort gesehen.
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Alicia hat mich immer wieder in dunkle Ecken, bzw. auf den Heuboden gezogen. Ich
sollte Doktor spielen. Wir waren gleichaltrig, trotzdem wusste ich damals nicht
wirklich, was sie von mir wollte. Ein mal hat sie ihr Höschen nicht wieder
gefunden. Es gab mächtig Ärger. Ihre ältere Schwester, Christa hat sie
verpfiffen.
Bauer Hans und sein Bruder Franz waren interniert. Auf dem Hof waren
nur Frauen und wir Kinder.
Wir, Alicia und ich, haben uns später fast jedes
Jahr in den Sommerferien gesehen. Später (mit etwa 8 Jahren), als ich schon ahnte, worauf es
ankommt, lauerte ich vor dem Küchenfenster, um Alicia beim Baden am Sonnabend
zuzuschauen. Hat sie mich bemerkt, ist sie immer aufgestanden aus der Wanne, um
nach der Seife zu greifen.
Es hätte aus uns was werden können. Aber dann kam meine Flucht in den Westen. Leider ist Alicia sehr früh an einem Kopftumor verstorben. Ich hätte sie so gerne noch einmal gesprochen. Bei meinem Abschiedsgespräch vor der Flucht, habe ich mich nicht getraut, ihr die wahren Absichten meiner Reise nach Jugoslawien mitzuteilen. Danach gab es dazu keine Gelegenheit mehr. Ich wollte ihr erklären, warum ich ihr damals die Wahrheit über meine "Flucht auf immer" verschwiegen habe. Hoffentlich hat es sie nicht besonders schwer getroffen. Ich wollte verhindern, dass sie zu Mitwisserin wurde. Sie hat später einen Fernfahrer geheiratet. Kinder hatten sie keine. Es war meine erste große Liebe. Ihr "erstes Mal" hatte sie aber mit einem Dorftrottel im Getreidefeld. Natürlich wurden sie dabei erwischt (oder er hat damit rumgeprahlt) und war dem Spot des ganzen Dorfes ausgesetzt. Ich empfand keine Schadenfreude dabei.
Dass sie verstorben ist, bevor wir miteinander gesprochen haben, dass sie nicht gewartet hat, nehme ich ihr übel! Nach meiner Republikflucht gab es keine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Es war praktisch ausgeschlossen, dass wir noch mal zusammen kommen. Schreiben durfte ich nicht, das könnte Probleme mit den Behörden bringen.
Es waren vier Brüder die dieses Dorf beherrschten. Hans war
der Großbauer, Franz, kinderlos, der Wirt, Händler und Fleischer, Rufin mein
Onkel der Förster des Grafen und Elektromeister, zuletzt der Anton,
Kriegsversehrt mit nur einem Arm. Ich habe ihm bewundernd bei der Morgentoilette
zugeschaut, wie geschickt er alles mit nur einem Arm verrichten konnte. Bürste,
Seife und anderer Gegenstände, hatten einen Saugfuß.
Er hatte
drei Töchter, an eine Ehefrau kann ich mich nicht erinnern.
Mein Bruder Heinz war älter, kräftiger. Er wurde wirklich ausgebeutet. Er musste "wie ein Erwachsener" schuften. Ein anderer Onkel, der Onkel Paul Sch. (Vaters Schwester, Marta) hat ihn "befreit". Er hat ihn in seine Familie (4 Kinder) aufgenommen und zum Schlosser ausbilden lassen. (Warum hat Onkel Paul nicht mich aufgenommen? Den kleinsten?) Ich blieb 3 Jahre dort im Dorf, die 1. und 2. Schulklasse habe ich dort besucht. Geschlafen habe ich über dem Stall, im Heu. Der Stall befand sich gegenüber dem Wohnhaus.
Schön war es, vor dem Einschlafen dem Chor der Hofhunde im Dorf zu lauschen. Einer hat angeschlagen und dann gings es reihum - einer nach dem anderen. War es im Winter besonders kalt und war Onkel da, durfte ich auch im Haus schlafen. Auf einem alten Sofa wurde für mich gebettet. Tante Gela kam vor dem Einschlafen immer nachsehen, ob meine Arme über der Bettdecke liegen. "Die Mutter Gottes mag es nicht, wenn kleine Jungs die Hände unter der Bettdecke halten".
Diese Zeit war von Hunger und Entbehrungen geprägt. Verletzungen wurden mit Urin desinfiziert und mit Kräutern (Aloe Vera) geheilt. Ich bin vom Dach des Schuppen herunter gesprungen, direkt auf ein Brett mit einem rostigen Nagel. Der Nagel ging durch meinen Fuß hindurch. Urin heilt und desinfiziert. Ich musste mir selber helfen, sonst wäre ich noch bestraft worden. Einen Arzt hätte es auch nicht gegeben. Meine Hauptmahlzeit war eine immer angebrannte, dünne Suppe aus der Volksspeisung. Diese Suppe wurde in der Schule ausgegeben. Bevor ich eingeschult wurde, wartete ich schon ungeduldig, bis mein Cousin aus der Schule kam und diese Suppe im Becher mitbrachte. Manchmal hat er die Hälfte unterwegs verschüttet. Ob er wirklich wie er manchmal behauptete, hineingespuckt hat, will ich lieber nicht wissen.
Verschiedene Naturfrüchte wurden konsumiert. Z. B. auch das
"Johannisbrot", Sauerampfer, Maiskolben, oder was gerade reif gewesen
ist. Gerne wurden die Weißkraut Köpfe direkt vom Feld im Liegen
"herausgefressen". Vom Zahnfleisch sind Blutspuren drauf geblieben.
Der Bauer hat gerätselt, welches "Tier" diesen Fressschaden wohl
angerichtet hat? In dieser Zeit wurde der Grundstein für die später erkannte,
offene TB bei mir gelegt. Wahrscheinlich durch die (ungewaschenen) Feldfrüchte
der gedüngten Felder bekam ich Würmer. Auch ein Bandwurm hat sich bei mir
eingenistet. Eine Zeitlang haben wir jeden Tag eingelegte Heringe gegessen, d.h.
ich das Heringswasser, angereichert mit Zwiebelringen und sauren Gurken. Pellkartoffel
gab's dazu. Es wurde ungemütlich für diesen Bandwurm, er hat sich von selbst
verabschiedet. Für mich war es dramatisch. Unterwegs in den Wald um Waldfrüchte
zu sammeln, merkte ich ein seltsames jucken, da hinten. ich griff da hin - da
war was! Ich zog daran und hatte in der Hand ein ca. 1 m langes Ungeheuer. ich
schleuderte das weg und rannte fort, immer tiefer in den Wald, von Panik
getrieben. Ich wusste nicht, was das war. Den Bandwurm wurde ich aber los.
Angenehm waren die vielen Gespräche mit meinem Onkel
Rufin. er hat mir mit 5 Jahren das lesen und Rechnen beigebracht. Auf dem
Heuboden waren verschiedene Deutsche Bücher, eine Enzyklopädie, so wie einige
Jahrgänge der Zeitschrift "Die Gartenlaube".
In der Dorfschule, es gab nur eine Klasse für alle Kinder, habe ich, während die anderen Erstklässler das ABC laut nachsprechen mussten, (auf Polnisch: "Abecadlo z pieca spadlo, A, zlamalo nózke....", übersetzt: "Das ABC ist vom Ofen gefallen. Das "A" hat sich ein Beinchen gebrochen....") die Geschichten aus den Lesebüchern der höheren Klassen gelesen. Ich war für die Dörfler ein "Wunderkind". Einmal hat sich ein Dorfjunge aus der höheren Klasse besonders dumm beim laut Lesen angestellt. Da hat die Lehrerin mich vorlesen lassen. "So musst du lesen können" sagte sie. Ich war noch keine 7 Jahre alt. Später, in der 6. Klasse (oder 7.?) habe ich den Lesewettbewerb, als bester der Schule gewonnen. Zu den Landesmeisterschaften wurde aber ein Kind eines Repatrianten geschickt. Das war nichts für einen Autochthon. Das hat mich schwer getroffen. Das war die erste Diskriminierung der Deutschen in Schlesien, die mich persönlich getroffen hat. (3)
Sehr oft sind wir in die Wälder um zu Wildern gegangen (Onkels Bruder, der Franz, war ja Fleischer!), oder auch nur so in die Natur. Um vier Uhr Früh sind wir los. Ich wartete schon ungeduldig unten, bis Onkel aus dem Haus herauskam. Ich musste ja nur die Leiter vom Heuboden heruntersteigen. Onkel ging voran und ich habe versucht, hinter ihm gehend, in seine Fußstapfen zu treten. Unterwegs zeigte mir der Onkel interessante Pflanzen und wie man die Vögel am Singen identifiziert. Auch wie man durch Beobachten der Umgebung sich helfen kann: z.B. ein Flugzeug, flog jeden Tag um 10 Uhr über den Wald (Uhrzeit). Moos an Bäumen von einer Seite, die Himmelsrichtungen, u. w. m.
Es wurden Fallen aufgestellt, bzw. Fischreusen für den
Fischfang ausgelegt (im staatlichen Fischzucht-Teich!). Flusskrebse gefangen.
Diese wurden lebend in kochendes Wasser geworfen, nachdem die mittlere
Schwanz-Schuppe herausgerissen wurde.
Kräuter haben wir gesammelt und dann getrocknet. Für sein Rheuma wurde eine
Tinktur bereitet. Man füllte eine Flasche mit ein wenig Zucker, legte diese in
einen Ameisenhaufen mit roten Waldameisen. Waren genug Ameisen in dieser
Flasche, wurde mit Alkohol (Spiritus) aufgegossen und die Flasche verschlossen.
Onkel Rufin hat öfters die Tante in ihrer Strenge gebremst.
Ich verdanke ihm alles.
Später, als ich die Abendschule besucht habe, wurde ich für die Tante zu einer
Art Favorit. Ich hatte das Recht bekommen, in der "guten Stube" zu
rauchen. Als einziger überhaupt. Tante Gela hat nach meinem Abschied die
Gardinen abgehängt, um sie zu waschen.
Der Onkel hatte damals schwere Asthma. Ich höre heute noch seine Hustenanfälle.
Natürlich durfte er nicht rauchen. Es war für ihn aber eine kleine Abwechslung,
in seinem zu Ende gehendem leben. "Peter" sagte er, wenn die Tante
nicht zugegen war, "bitte mir eine Zigarette an!". Ich rief dann laut,
so dass die Tante Gela es hören musste, "Onkel, rauch doch mal eine mit
mir". Dann durfte er auch eine rauchen.
Mit meinem Cousin Dieter hat sich eine Freundschaft entwickelt. Er war damals Betriebselektriker
im Hindenburger Kraftwerk. Er hatte eine weite Anreise. Zuerst mit dem Moped
nach Groß Strehlitz (ca. 11 km), dann mit der Eisenbahn, ca. 40 km und zuletzt
mit dem Bus. Bei Schichtwechsel von Nachtschicht zu Spätschicht, oder von der
Frühschicht zu Nachtschicht, war die Zeit zu kurz, um nachhause zu fahren.
Dieter kam dann zu uns in die Wohnung. Wir saßen beide über einer Weltkarte
und haben geträumt von Reisen in Fremde Länder. Zu dieser Zeit war absolut ausgeschlossen,
dass einer von uns jemals ins Ausland würde reisen dürfen. Absolut
ausgeschlossen!
Onkel Rufin erkrankte an Magenkrebs. Er sollte operiert werden, aber die Kranken
mussten selber für Blutkonserven sorgen. So lange musste mit der Operation
gewatet werden. Unsere ganze Familie, mich eingeschlossen, ist nach Groß
Strehlitz in dieses Krankenhaus gereist, um Blut zu spenden. Es war mir eine
besondere Freude, Onkel Rufin diesen Gefallen zu tun.
Bei dieser Gelegenheit hat sich herausgestellt, die Blutuntersuchung bei Dieter
hat es gezeigt, dass Dieter ernsthaft erkrankt gewesen ist. Sein Blut konnte
nicht verwendet werden, Dieter musste sofort im Krankenhaus bleiben, für
mehrere Monate.
Dort hat er seine spätere Ehefrau kennen gelernt, die in diesem Krankenhaus
beschäftigt gewesen ist (sie hat in seiner Karteikarte gesehen, dass er im
besten Alter ist, unverheiratet gewesen ist und einen guten Beruf hatte). Sie
sind heute noch verheiratet und haben zwei Söhne.
Onkel Rufin hat diese Operation nicht überlebt.
In den Sommerferien wurde ich
immer wieder auf einen Bauerhof geschickt, um meinen Lebensunterhalt zu
verdienen. Mit neun Jahren musste ich das erste Mal alleine mit der Eisenbahn
hinreisen. Ich war stolz auf mich. Leider hatte ich nie Geld mitbekommen für
die Heimreise. ich musste es mir dann erbetteln. Die Arbeit war hart, es wurde alles ohne
Maschinen verrichtet. Die Heuwiesen mussten gemäht werden und das feuchte Gras
in der Sonne mit einem Rechen zum Trocknen immer wieder gewendet werden. War es trocken
genug, wurde aufgehäuft und die Heuhaufen mit einem Leiter- Pferdewagen
aufgesammelt und auf den Hof gefahren. Im Hof wurde mit Mistgabeln der Wagen
entladen, in dem große Büschel hoch bis zu der "Fichla", einer
niedrigen Öffnung, oben in der Scheune, wo das Heu gelagert wurde als
Wintervorrat, gereicht wurden.
Bei der Getreideernte war die Arbeit noch schwieriger. Mit einer Sense wurde das
Getreide gemäht, hinter den Mähern gingen die Frauen, die gebückt, mit einer
Sichel in der Hand, immer so viele Getreide aufgenommen haben, dass es für eine
"Puppe" reichte. In der Mitte wurden die Puppen festgebunden,
ebenfalls mit einem Bündel dieses Getreide. Mehrere Puppen wurden aneinander
gelehnt zu größeren Einheiten zusammengestellt und mit einem Pferdewagen abgeholt.
Jedes größere Dorf verfügte über eine gemeinsame Dreschmaschine. Angetrieben
wurde sie über einen breiten Riemen vom Tracktor.
Das Plumps-Klo
Hinter dem Brennholz-Schuppen war
das Plumpsklo. Onkel hat zwei Öffnungen für die Sitzungen angebracht. Eine
große und eine kleine, für Kinder. Die Fäkalien Grube musste regelmäßig
entleert werden, es war Dünger für die Rhabarberbeete. Im Winter wuchs ein
gefrorener „Mann" in die Höhe. Dieser musste dann mit einem schweren
Gegenstand "umgehauen" werden. Onkel Rufin hat mir von einem Geist
erzählt, der manchmal in der Grube die Po´s abwischen würde. Ein Mal wollte
er ihn auch sehen und hat sich mit seinem Glatzkopf über die Kinderöffnung
hinuntergebeugt. Der Geist meinte es ist ein weiterer Po und hat über seine
Glatze gewischt.
Die Tante hatte zwei ihrer drei Kinder verloren. Der Erstgeborene ist ertrunken, die Tochter Rita an Blinddarmentzündung, durch die Dummheit des Arztes verstorben. Sie hat dann ihr einziges noch verbliebenes Kind, meinen Cousin Dieter mit Liebe und Fürsorge fast erdrückt.
1949 (oder 50?) sind wir drei Geschwister zusammengekommen und in diese Kellerwohnung in Hindenburg gezogen. Dort habe ich das halbe 3. Schuljahr absolviert. Den Rest der Hauptschule (ohne Abschluss!) dann in Biskupitz (Hindenburg Nordost, Schule Nr. 21).
Als Kind
Ich habe weder ein Roller, Fahrrad, noch Rollschuhe, bzw. Schlittschuhe oder gar Ski besessen. Ich kann mich an keinen einzigen Schwimmbadbesuch erinnern. Wir haben kein einziges mal Urlaub gemacht.
((1) (Weihnachten1945 waren wir drei Halbwaisen und wurden getrennt. Vater wurde Zwangsarbeiter in der Ukraine, Mutter lebte nicht mehr. Unsere Schwester Ingrid kam zu Tante Valy (Valerie), die gerade Witwe geworden ist. Bruder Heinz wurde Landarbeiter bei der Familie des Bauern Hans A. und ich blieb bei Tante Gela (Angela)
(2) (Anm. vom 15.10.03. Sollte sich das Grab unseres Vaters auffinden lassen, werde ich eine Rückführung veranlassen. Eine Heimholung nach 60 Jahren. Er wollte nachhause. Alleine ist es ihm nicht gelungen, also müssen wir das jetzt übernehmen. Überführung nach Himmelwitz (Jemielnica), dort wo unsere Mutter bestattet worden ist. Möglich wäre auch die Stadt Hindenburg, bzw. die Stadt Ruda, seiner Geburtsstadt. Ruda wurde 1921, nach dem Plebiszit Polen zugesprochen. Mein Vater beherrschte deshalb auch die polnische Sprache.)
(3) (Die "Gutmenschen" in der Bundesrepublik werden jetzt sagen, "das war positive Diskriminierung".)
Die Russen wurden "heiß" gemacht. Heiß auf Deutschland, deutsche Schätze und Deutsche Frauen. Die Politoffiziere der Sowjets schulten die Rotarmisten entsprechend. Die Rotarmisten sollten besonders hart gegen die "Kapitalisten" vorgehen. Zu erkennen waren diese Kapitalisten an dem Besitz einer Uhr oder eines Fahrrades.
Die Rotarmisten sagten "Patschkoj pajdiom w germanij" - "Warte, wenn wir in Deutschland sind!".
Auf die Deutschen Frauen hat die Rotarmisten besonders der jüdische Schriftsteller Ilija Ehrenburg gehetzt. Nachfolgend zwei Artikel aus der "Prawda":
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"Töte!" "Von jetzt an ist das Wort 'Deutscher' für
uns der schlimmste Fluch. Von jetzt an läßt das Wort 'Deutscher' das
Gewehr von alleine losgehen. Ilja Ehrenburg (in Prawda) |
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(07.05.2005 15:34:56) |
Die Jugend
Nach der fast vollständigen Vertreibung der einheimischen Bevölkerung aus Oberschlesien, mussten die freigewordenen Wohnungen und Häuser und Bauernhöfe, mit neuen Bewohnern besiedelt werden. Dazu wurden großartige Rückführungsaktionen für Repatrianten (Rückkehrer nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt) gestartet. Es handelte sich um Polen, die vor Jahrzehnten in den Westen ausgewandert waren. Vornehmlich nach Frankreich sowie nach Belgien in den dortigen Bergbau. Viele sind unterwegs in Westfallen im Bergbau "hängen" geblieben. Die polnischen Behörden haben dazu Werber in die Bergbaugebiete Frankreichs und Belgiens geschickt.
Allen Repatrianten wurden von den Werbern voll funktionierende Bauernhöfe von vertriebenen Deutschen, mit gefüllten Kornspeichern sowie mit Kühen und Pferden im Stall zugesagt.
Es war Betrug, denn für alle gab es das nicht. Außerdem waren die Vorräte längst aufgebraucht, die Tiere aufgegessen. Die besten Bauernhöfe, haben die Funktionäre für sich beschlagnahmt. Viele dieser Repatrianten waren sehr verbittert, aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr. Sie haben uns oft von ihrem Leben in Frankreich, bzw. in Belgien berichtet. Wir konnten es nicht glauben, so paradiesisch schien es gewesen zu sein. Manche haben dabei geweint und waren voller Wut auf sich selber. Sie hatten viele Vorteile, wurden privilegiert, aber ein Ersatz, für das, was sie zurückgelassen haben, war es keinesfalls.
War eine ausgesuchte Wohnung /
Bauernhof noch mit Deutschen belegt, wurden diese in extra dafür eingerichtete Lager
verfrachtet oder einfach auf die Strasse gesetzt. Und das im strengen Winter
1945 (im Jan. 45 bis -22o C, bis 40 cm Schnee). Es gab mindestens
2.500 dieser Lager, die oft Todeslager gewesen waren. Bei bestimmten Lager-
Kommandanten konnte man auch von Vernichtungslagern sprechen, vom Holocaust an
der deutschen Bevölkerung. Siehe Prozess gegen Gemborski. (Vor
dem Woiwodschaftsgericht in Oppeln
wurde am Freitag, dem 27. Januar 2001, der Mordprozess gegen den ehemaligen
Kommandanten des Aussiedlungslagers Lamsdorf, Czeslaw Geborski, eröffnet. Die
Bezirksstaatsanwaltschaft beschuldigt den heute 76jährigen der geistigen
Urheberschaft von 48 Fällen von Totschlag zu tragen)
Die Deutschen mussten weiße Armbinden
tragen. Zugreisen in das Landesinnere waren den Deutschen untersagt. Nur in
Richtung Westen durften Deutsche reisen.
Die Vertreibung war nicht vollständig. Im Gegenteil, Facharbeiter durften das Land nicht verlassen. Die Steinkohle musste weiter gefördert werden, der Stahl produziert werden. Nur in dem Maße, wie Migranten, Zuwanderer aus Belgien/Frankreich diese Arbeiten übernehmen konnten, wurden Deutsche Facharbeiter ausgesiedelt.
Diese Migranten (gen. "Repatrianten") genossen
Sonderrechte, zuungunsten der Autochthonen (Autochthon:
griechisch für Eingeborener, Unterschied zu Zugewandert / Ausländer).
Jedes Jahr mussten wir Kinder in den Schulklassen ein Formular ausfüllen, in
dem angekreuzt werden musste: Autochthon: Ja/Nein. Diese Fragen nach
"Autochthon" waren notwendig, nachdem die deutschen Namen in polnische
geändert werden mussten. So hieß mein Freund "Kühn" nachher "Krawczyk".
Mein Name polnisch geschrieben "Rataj" klang russisch.
("Rataj" ist in der russischen Sprache ein "bewaffneter
Reiter"). Ein anderer, "Schütze" wurde übersetzt in "Strzelec",
usw.
Die Diskriminierung habe ich persönlich in der 6. (oder 7.?) Schulklasse
erfahren, als nach dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, ein Kind eines
Repatrianten zum Landes-Wettbewerb geschickt wurde.
Ich war mit einem Migranten-"Repatrianten" -Jungen angefreundet. Es war der Luboń (Lüboh), der in meine Klasse ging. In diese klasse ging auch der "Dreifinger". Bieniok (oder Chmielok?) (Eis-Bieniok). Sohn des Eis-Café - Zuckerwarenfabrikbesitzers. Sein Onkel (oder war das sein Vater?) hat uns Kinder gerne bei der Bonbonherstellung eingespannt. Er hat uns auf eine unverschämte Weise ausgebeutet. Ganzen Nachmittag, bis abends für eine Handvoll Bonbons mussten wir arbeiten. Es galt, eine Pressmaschine mit einer Kurbel zu drehen. Oben, in den Trichter, kam die Zuckermasse, unten fielen dann die Bonbons heraus. Der Onkel galt als Schrullig. Er wähnte sich einen Opernsänger und hat auf der Straße, oder in der Straßenbahn laut Arien geträllert.
"Dreifinger" hatte
an der rechten Hand, von Geburt an, nur drei Finger. Über seinen Onkel verfügte
er über Unmengen an Schokolade so wie an Süßigkeiten und konnte uns
verschiedentlich einsetzen. Zum Beispiel sollte ich für eine Tafel Schokolade
auf den Hochspannungsmast klettern. Ich glaube, er hat gehofft, dass ich
herunterfalle. Zunächst hat er sich geweigert, die Schokolade herauszurücken,
nachdem ich gesund wieder herunter gekommen bin. Es hat ihm nicht bekommen! Die
Schokolade haben wir uns dann geteilt.
Er erzählte uns lustige Geschichten aus den niederen Schulklassen. Es wurden
Finger bei kleinen Rechenaufgaben eingesetzt. "Wie viele Finger hast du,
Bieniok? Zähl mal". "Acht, Herr Lehrer."
Die Freundschaft mit dem Luboń ist nicht gut ausgegangen. Es drohte ihm das Sitzen bleiben, er hatte Angst und hat überlegt, von zu Hause wegzulaufen. "Kommst Du mit?", er hatte Angst alleine wegzulaufen. Als es dann so weit war, das schlechte Zeugnis ausgehändigt, hat mein Luboń erzählt, ich hätte ihn dazu angestiftet, abzuhauen. Er wollte damit vom Zeugnis ablenken. Es gab ein riesiges "Tamtam". Ich sollte von der Schule gewiesen werden. Eine Lehrerin hat sich der Sache angenommen und es aufgeklärt. Später wurde er von mir dafür verprügelt.
Deutsch sprechen verboten
( Dokument
przechowywany jest w Archiwum Akt Nowych
(mikrofilm 2152/ 5. sygn. 295/X - 40. k 26.27).
Hindenburg Nordost. Biskupitz.
Wir haben in dieser
Kellerwohnung in Hindenburg gehaust, bis unser Bruder seine Ausbildung beendete
und eine Anstellung als Schlosser im "Institut für chem.
Kohleveredelung" angetreten ist. Sein Meister hat uns in dieser Keller-
Wohnung besucht. Er war entsetzt und weil gerade eine Betriebswohnung frei
geworden ist, hat er diese Wohnung an ihn vermittelt. Wir durften sofort
umziehen. Er besorgte einen alten Laster, mit dem wir mit unseren Habseligkeiten
umziehen konnten. Ich sehe mich noch, auf diesem Laster sitzend.
Diese Wohnung in einem Vorort von Hindenburg O/S, Nordost, in der
Beuthenerstr. 75, im 1. OG. (Biskupitz, der älteste Stadtteil, erste Erwähnung
aus 1280).
Zwei Zimmer mit Küche
waren für uns, den Rest dieser Wohnung bewohnten zwei andere Familien, mit
jeweils einem Kleinkind. Die Wohnung war sehr komfortabel. Ein langer Korridor,
"Entree", links und rechts die Zimmer. In der Küche ein großer Küchenofen,
Gas-Anschluss (Das Gas kam von der Grube, von der Kokerei und hat nichts
gekostet). Vor dem Haus war die Straßenbahnhaltestelle, etwas weiter die
Bushaltestelle. Gegenüber die Kneipe "Urban". Links Gegenüber war
ein öffentliches Pissoir. Ein rundes, niedriges Gebäude. Dort residierte eine
Toilettenfrau, die wir gelegentlich geärgert haben.
Ich musste leider mitten im Schuljahr die Schule wechseln. Es blieb für mich
nicht ohne Folgen. In der Schule in Hindenburg war ich Klassensprecher, in
dieser neuen Schule wurde ich nicht mehr heimisch.
Endlich hatte ich ein eigenes Bett. Der Vermieter, der Großbauer Herr Burek,
war über diese Mieter, zwei Heranwachsende und ein Kind gar nicht erfreut. Er
hat uns all die Jahre schikaniert. Es war ein vornehmes Haus. Ein Zahnarzt (Herr
Chlapik) hatte dort seine Praxis. Der General der "Jungen Pioniere",
die in Polen "Harcerze" heißen, hat dort ebenfalls gewohnt.
Ich bekam vom Herrn Burek so manche Ohrfeige, aber mit Schmackes, dass es mich
zu Boden geworfen hat. Immer stellvertretend für die anderen, z.B. für den
Sohn des "Generals". An ihn hat er sich nicht getraut. Er war brutal
auch zu den Tieren. Ein mal hat er seinen Hofhund zum Krüppel getreten. Herr
Burek war "praktizierender Bauer", er hatte Kühe, einen Zuchtbullen,
Pferde und einen Pferde- Knecht. Dieser Pferdeknecht, der nie
gesprochen hat, hat regelmäßig seinen Wochenlohn in der Kneipe gegenüber,
"Bei Urban" in Wodka investiert. Er schlief dann im Stall, unter
seinen Pferden.
Für uns war es günstig, wir konnten unsere Matratzen regelmäßig mit frischem
Stroh füllen.
Dieser Zuchtbulle, zu dem immer wieder Kühe zum Decken gebracht wurden, hinten
im Hof hinter dem Stall, hat mir geholfen den Jan Kulawik aufzuklären. Er, der
11jährige wurde von Mutter und Tante verhätschelt. Sie badeten ihn jeden
Samstag in der Küche in einer Zinkbadewanne. Sie erzählten ihm vom
Klapperstorch. Ich wollte ihn aufklären, aber er hat es mir nicht geglaubt. da
traf es sich gut, dass gerade eine Kuh zum Decken in den Hof getrieben wurde.
Von einem Flurfenster oben, hatte man guten Einblick auf das Geschehen. Jan war
erschüttert. Seine kleine Welt ist zusammengebrochen. Er hat seiner Mutter Vorwürfe
gemacht, weil sie ihn angelogen habe. Die Konsequenz war, dass er mit mir nicht
mehr spielen durfte. Später habe ich gehört, dass ein älterer Schwuler dem
Janek ein Fahrrad geschenkt haben soll.
Gerne denke ich an die Besuche des Neffen der Zahnarzt-Familie Chlapik zurück.
Er besaß einen "Stabil-
Metallbaukasten", mit dem er nichts anzufangen wusste. War er zu Besuch
da, durfte ich mit diesem Baukasten spielen. Es waren Teile aus Metall, mit
richtigen Schrauben und Muttern. Es war immer das Größte für mich.
Direkt vor unserem Haus, in "Mitte- Biskupitz" war die Straßenbahn-Haltestelle.
Im Haus selber waren Lebensmittelgeschäfte untergebracht. Leider auch ein
Fischladen! "Frische Fische(?)". Wir hatten keine Mieter unter uns und
konnten bei Partys ordentlich abtanzen (meine Geschwister, später auch ich).
Zum Tanzen wurde der Holzboden mit Wachskerzen-Schnipseln behandelt. Mein Bruder
besorgte ein altes Grammophon und ich war der Platten- Aufleger.
In der Küche war ein Kohleofen, mit einem Aufbau, wie es die russischen Wohnöfen
hatten. Nur nicht so groß. Auf den sibirischen Öfen konnte die ganze Familie
Platz finden. Sie schliefen auch auf diesen Öfen. Unser Ofen hatte genug Platz
für mich. Ich konnte, oben sitzend, ein Buch lesen. Dieser Ofen musste aber
erst angefeuert werden. Geheizt wurde mit Steinkohle, zum Feuerentfachen wurden
Holzsplitter benötigt. Mehrmals habe ich versucht mit Zeitungspapier die Kohlen
anzuzünden. Es war kein Kleinholz da. Es ging leider nicht. Auch mit einer
Gasflamme die Kohlen anzuzünden ging nicht. Ich musste dann frieren, bis meine
Geschwister nachhause kamen. Meine Geschwister arbeiteten auf der Grube
und bekamen "Deputat-Kohle" zugewiesen. Acht Tonnen Kohle jährlich, 6
To. in Natura, zwei To. ausgezahlt, wir konnten ein Wenig davon weiter
verkaufen. Herr Burek hat mit seinem Pferdewagen diese Kohlen angefahren und
kippte die Ladung auf den Bürgersteig vor dem Haus. Mit Eimern haben wir diesen
Kohlehaufen, immer eine Tonne, in den Keller tragen müssen. Im zweiten Zimmer,
das früher das Wohnzimmer dieser 6-Zimmer - Wohnung gewesen ist, war ein hoher
Kachelofen. Manchmal am Sonntag und immer zu hohen Feiertagen, wurde angeheizt.
Es war schön.
Jeden Morgen war diese Wohnung "sau-kalt". Es war ein Problem, vor der
Schule im eiskalten Wasser sich zu waschen. Es gab Morgens nichts Warmes zu
trinken.
Die Küche hatte einen kleinen Balkon zum Hof. Die Balkontür
war undicht, in kalten Wintern war alles in der Küche eingefroren. Die Kälte
war unerträglich. Erst nach zwei Stunden lieferte der Küchenofen ein
wenig Wärme. Auch das hatte Einfluss auf meine Tuberkulose. Irgendwann ist es
jemandem aufgefallen, ich wurde zu Untersuchung zum Röntgen geschickt.
Ergebnis: offene TB.
Mit einigen anderen betroffenen Schülern wurden wir in die Berge ins Sanatorium
für 6 Wochen geschickt. Dort konnte ich das erste mal nach dem Krieg mich satt
essen. Die TB ist ausgeheilt, im Röntgenbild sieht man heute einige
"verkalkte Stellen" in der linken Lungenspitze.
Bei jeder Röntgen-Untersuchung,
werde ich heute auf die fünf gebrochenen und schlecht abgeheilten Rippen
angesprochen. Kann von den Milizen, bzw. den ORMO stammen. Genau lässt sich das
heute nicht mehr sagen.
Die Familie meiner Mutter war sehr gesellig und gastfreundlich. Gerne erinnere
ich mich an die Geburtstage und sonstige Familienfeste. Es gab Klöße, entweder
"polnische" "halb-und-halb", zur Hälfte rohe und
gekochte Kartoffel, oder "Gummi-Klöße", nur gekochte Kartoffel
und Karnickel-Fleisch. Vetter Willy hatte immer Stall-Hasen in Zucht.
Bei ganz besonderen Anlässen gab es Bohnenkaffe. Die Kaffee-Bohnen wurden
peinlich genau pro Tasse Kaffee abgezählt und in einer Kaffeemühle, die am Türpfosten
angebracht war, gemahlen. War das ein Duft. Es gab immer Nachtisch, Pudding mit
Vanillesoße, mit selbst gesammelten Himbeeren. Die Geburtstags-Torte, immer
10-Stöckig war der Höhepunkt. Ich denke gerne an die Einladungen zu Cousine
Charlotte. Gelegentlich ärgerte mich Cousine Charlotte, die Lotte: "Na
Peter? Weißt du schon, wo zu du ihn hast?"
Die Familie meines Vaters hat sich völlig zurückgehalten Ich bin nie
eingeladen worden, mit mir haben sie nicht gesprochen, als wäre ich nicht
existent. Ich habe es nie verstanden.
Im Sommer habe ich auch für den Bauer Burek gearbeitet. 4 Stunden Kühe hüten
für ein 1/2 Liter Milch. Als ich den Lohn auf einen ganzen Liter erhöhen
wollte, durfte ich nicht mehr kommen.
Alo (Albert Krawczyk, früher Kühn), mein Schulfreund, hatte einen festen Job
als Kühe Hüter bei Bauer Grabka. Er wurde von den anderen Kindern verspottet,
als "Krowiarz" von (Krowa=Kuh). Mein Hinweis, dass er eigentlich ein
Cowboy wäre, konnte ihn nicht trösten. Die Familie Krawczyk hatte fünf
Kinder, der Vater war Kriegsversehrt, Bein amputiert.
Alo´s Mutter hatte nichts gegen Zigaretten rauchen. Das haben wir immer
bewundert. Wir mussten es heimlich tun.
Bald nach
Einzug in diese neue Wohnung musste Heinz zum Militär. Es muss eine grausame
Zeit für ihn gewesen sein. Auf die Deutschen hatten die dort ein besonderes
Auge. Es war nicht nur das Essen, jeden Tag Graupe (Kasza: "Kasza,
kasza, Polska nasza"), sondern der militärische Drill.
Es war verboten, zum Gottesdienst eine Kirche aufzusuchen. In der Urlaubszeit
war verboten den Urlaubsort zu verlassen. Verboten wurde auch, während der 3-jährigen
Militärzeit die Uniform gegen Zivilkleidung zu tauschen. Auch während des
Urlaubes nicht. Sie haben versucht, die verhasste Uniform, wenigstens für ein
paar Tage abzulegen. Die örtlichen Behörden wurden über den Urlauber
informiert und haben unangemeldete, plötzliche Kontrollen durchgeführt.
Gegen diese Vorschriften hat unser Bruder immer wieder verstoßen. Sie sind in
einer kleinen Gruppe Sonntags über den Zaun aus der Kaserne geflohen, um am
Gottesdienst teilzunehmen. Es blieb nicht ohne Folgen. Er wurde vor das Militärgericht
gestellt und abgeurteilt. Er wurde zu einer hohen Strafe verurteilt. Nach 4,5
Jahren kam er, seelisch gebrochen aus dem Militärdienst zurück. Ich bin stolz
auf meinen Bruder, dass er sich nicht hat brechen lassen.
Wäre er mit Auszeichnungen, mit Orden, oder einem höheren Dienstgrad zurückgekommen,
hätte ich mich für Heinz geschämt. Er hat Widerstand geleistet, wenn auch nur
passiv. Er wurde nicht zum "sozialistischen Mustersoldaten". Das Kalkül
der polnischen kommunistischen Machthaber, ist nicht aufgegangen.
Er hat nie über diese Zeit gesprochen.
Heinz hat eine kurze Zeit, bis zu seiner Hochzeit bei uns gewohnt. Er hat sich
eine alte Militärmaschine, eine DKW, ein Motorrad besorgt, es flott gemacht.
Ein Mal hat er mir eine Aufgabe gestellt, nicht annehmend, dass ich sie löse.
"Wenn du dieses Getriebe zusammenbaust, kriegst du Geld fürs Kino".
nach zwei Stunden hatte ich das Getriebe zusammengebaut. Sauer wurde ich, dass
Heinz dann sein Wort nicht gehalten hat.
Auf Ausflügen mit einem Freund in die Umgebung (Dorfmädchen aufreißen), hat
er seine spätere und heutige Ehefrau Helga kennen gelernt. Sie sind dann in
eine gemeinsame Wohnung gezogen.
Wenn man die Jahre zusammenzählt, die wir Geschwister zusammengelebt haben,
dann sind es mit meinem Bruder nur ganz wenige gewesen.
Neue Schuhe
Die einzige gute Erinnerung an meine Schulzeit waren neben dem Gewinn des Vorlese-Wettbewerbs, die neuen Schuhe, das einzige "Geschenk" der Polen an das Autochthon-Kind. Einer Lehrerin ist aufgefallen, dass die Sohle an meinem rechten Schuh schon zur Hälfte abgelöst gewesen ist. Ich musste diese Schuhsohle mit einem Bindfaden an den Fuß festbinden, um nicht zu stolpern. Außerdem waren beide Schuhsohlen durchgewetzt, löcherig. Bei Regen und bei Schnee, waren die Füße immer nass. Diese Lehrerin hat bewirkt, dass die Schule mir neue Schuhe geschenkt hat.
In der Schule wurde viel geprügelt
und bestraft. Eine der Strafen war, in der Reihe der Mädchen zu sitzen (es war
eher angenehm für mich!). Die andere Strafe war ein Verbot an die anderen Schüler,
mit der/dem Schuldigen in den Pausen zu sprechen/zu spielen. In der Ecke stehen
oder knien war auch eine übliche Bestrafung. Der Schuldirektor hat vom
Rohrstock gerne und oft Gebrauch gemacht. Auf die ausgestreckte, flache Hand.
Bis es Blasen gezogen hat.
Eine besonders brutale Lehrerin, die mich wieder schlagen wollte, wurde von mir
mit einem Fausthieb niedergestreckt. Ich sollte, wieder mal, von der Schule
gewiesen werden.
Das Goldkettchen
Mit etwa 10 bis 11 Jahren, wurde ich und ein gleich alter Freund verdächtigt, ein Goldkettchen gestohlen zu haben. Wir waren es nicht gewesen.
Wir wurden verhaftet, abgeführt und einzeln in eine dunkle Arrestzelle gesteckt. Nach Stunden, wir sollten wohl "weichgekocht" werden, wurden wir, wieder einzeln zu Verhören geholt. Ich sollte zugeben, die Kette gestohlen zu haben.
Um nachzuhelfen, wurde ich mit dem Gummiknüppel geschlagen. Aus Angst und Aufregung habe ich Deutsch nach Mama und Papa geschrieen. Dadurch wurden die Schläger mit dem Gummiknüppel heftiger. Zwei erwachsene Milizen und ein etwa 10jähriges Kind !
Ich bin sicher, die Schläge mit dem Gummiknüppel galten dem Autochthon- Kind.
Irgendwann durften wir wieder nach hause gehen. Ich habe nie darüber gesprochen.
Einige Monate davor hatte ich
meine erste Begegnung mit der polnischen Bürgermiliz. Ein Freund rief uns eines
Tages zusammen. "Ein Luftballon, ein Luftballon". Es war ein
westlicher Propaganda- Luftballon, der Flugblätter abgeworfen hatte. Ein paar
davon konnte ich aufsammeln. Es waren Karikaturen drauf, an eine kann ich mich
noch erinnern.
Verspottet wurde Stalins Agrarwirtschaft. Ein sowjetischer Vollernter, ein
"Kombajn" war darauf abgebildet. Vorne wurde Korn gemäht, hinten
vielen die fertig gebackenen Brote heraus.
Wir wurden einzeln von den Milizionären aufgespürt, die Flugblätter wurden
uns abgenommen, wir wurden abgemahnt.
Bevor die Störsender
aufgestellt und in Betrieb genommen wurden, konnte man den Propaganda -Sender
der Briten, den BBC, in Deutsch und/oder in Polnisch hören.
Es gab dann in den Medien Aktionen dagegen. Ein Spottvers kam in Umlauf, etwa
so: "Słuchaj, słuchaj Bibisyna...", übersetzt "Höret, höret
diesen Bibisohn....". Es war unter Strafe verboten, diesen Sender zu hören.
An eine einzige UNRA -Paket Sendung kann ich mich erinnern. Wir waren zu langsam und zu schwach, um etwas zu ergattern. Danach wurden diese Sendungen von den Behörden abgelehnt: "sozialistische Menschen haben es nicht nötig, von Kapitalisten Lebensmittel anzunehmen". Wir durften hungern.
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Das
"Erziehungslager"
Mit 10, 11 oder auch
12 Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, wurde ich mit einer Gruppe
fremder Jugendlicher an die Ostsee in ein "Jugendlager"
verschickt, das einzige Kind unter Jugendlichen. Ich wollte nicht
dorthin. Gesagt wurde mir, es ist ein Ferien-Sommerlager. Am Bahnsteig
war ich als einziger alleine, ohne Begleitung. Die Fahrt selber, mit der
Eisenbahn, die eine Dampf-Lok antrieb, war sehr spannend. Ich steckte
die ganze Fahrt über meinen Kopf aus dem Fenster, bis meine Augen
voller Ruß- und Aschepartikel waren. Ich habe die Gegend beobachtet,
die Fahrt genossen. Ein riesen Lärm hat
mich richtig wach gemacht. "Er hat mein Bett vollgepinkelt!"
der Junge vom unterem Bett. Ich bekam als Kleinster das obere Bett vom
Etagenbett. Der Lager-Kommandant war da. Eine Köchin kam herbeigeeilt,
eine Einheimische, Deutsche Ostpreußin. "Er ist doch eine
Vollwaise, er kann doch nichts dafür". Der Lager-Kommandant:
"Das kriege ich auch noch hin. Er bleibt da oben schlafen das
wollen wir doch mal sehen!". Es blieb natürlich bei diesem einen
Mal. |
Zigeuner
Schräg gegenüber in der Beuthener Str. in Biskupitz,
wohnte die Familie meines Schulfreundes, die Familie Primus. Es war für
damalige Zeit ein modernes, mehrstöckiges Wohnhaus. Die Wohnungen verfügten über
ein Bad, die Toiletten, WC´s, waren im Treppenhaus, zwischen den Etagen. Es
waren Bürgerhäuser. Am "Ende Biskupitz" (Biskupitz war ein Stadtteil
von Hindenburg) war die Arbeitersiedlung "Borsigwerk".
Dort waren die Toiletten außerhalb, im Hof, es gab auch keine Bäder. Gebadet
wurde am Samstag in Zink- Badewannen. Zuerst die Kinder, nacheinander, zuletzt
der Vater, dem die Mutter den Rücken gewaschen hat. Es war die Zeit für Zärtlichkeiten,
nach dem Bade.
Am "Anfang- Biskupitz", südlich, war die Siedlung
"Anna-Segen". Dort wurde Onkel Viktor im Graben, steifgefroren, mit
Genickschuss hingestreckt, gefunden.
Die kommunistische Regierung hat damals eine Domestizierung der Zigeuner verfügt.
Sie durften nicht mehr reisen, bekamen eine Wohnung, von vertriebenen Deutschen,
zugewiesen, sie sollten Sesshaft gemacht werden. Eine solche Familie bewohnte
eine dieser Wohnungen im 2. Stock, über der Familie Primus Wir haben uns dort
oft herumgetrieben, denn die Kinder liefen im Sommer auch nackt herum, auch die
Mädchen, was für uns sehr aufregend war. Es war nicht üblich, auch kleine
Kinder nackt zu zeigen.
Adolf Primus hat uns auch die Toilette vorgeführt, die diese Familie benutzen
sollte. Diese Menschen benutzten die Toilette, in dem sie mit den Füssen AUF
die Kloschüssel stiegen und alles auf den Boden, neben die Kloschüssel fallen
ließen. Nach dem sie wieder ausgezogen sind, die Regierung hat bald dieses
Programm aufgegeben, sah man das ganze Ausmaß der Bescherung. Alles, was in
dieser Wohnung brennbar war, wurde im Ofen verheizt. Die Zwischentüren, die
Holzdielen vom Fußboden, die Fensterbretter, die Kleiderschranktüren. Die
polnische Regierung ist mit dem Versuch der Domestizierung der Zigeuner grandios
gescheitert .
Die Juden
In der Schule lernten wir auch
über die Judenverfolgung. Es hat mich sehr bewegt und ich habe den Pfarrer zu
diesem Thema befragt. Ich wollte wissen, warum die Juden verfolgt werden. Die
Antwort unseres Pfarrers hat mich überzeugt.
Er sagte, die Juden hätten das größte Verbrechen begangen, dass Menschen
begehen können, nämlich sie haben GOTT GETÖTET. Außerdem, sagte der Pfarrer,
Die Juden würden den Messias nicht anerkennen, weil Jesus ALLE Menschen erlösen
wollte. Sie warteten aber darauf, dass ein Messias kommen würde, um NUR die
Juden zu erlösen.
Im Ort gab es einen Juden-Friedhof. Es war eine der schlimmsten Mutproben,
nachts auf diesen Friedhof zu gehen und dort irgendetwas anzustellen. Einmal
begegnete uns ein Jude dort, am Friedhof. Wir sind in Panik weggerannt.
Auf die grausame Verfolgung angesprochen, sagte der Pfarrer zu mir: "die
Natur ist grausam. Die Menschen sind Natur, sie müssen manchmal auch grausam
sein". Vom Holocaust wusste man damals nichts.
Kinderspiele
Ein neues Spiel wurde kreiert. Es hieß, heimgekehrte US-Kriegsgefangene hätten es mit gebracht. Genannt haben wir es "Klippa", was so viel heißt, wie "Dummkopf".
Benötigt wurde ein an beiden
Seiten angespitztes, rundes, ca. 20 cm langes Holzstück. Weiter ein Schläger,
das war ein flaches Holzstück, an der Schlagseite breiter. Ähnlich einem großen
Kochlöffel, wie man sie beim Wäschekochen benutzte.
Es galt, durch Schlag auf das eine Ende des "Klippa", dieses in die Höhe
zu schleudern und dann mit einem zweiten Schlag in der Luft zu treffen, um es in
ein Ziel zu bringen. Mit möglichst weinigen Schlägen.
Ein anderes Spiel für Jungen war mit Münzen. Eine Münze lag von einer Wand entfernt, als "Basis" auf dem Boden. Jetzt musste man, mit einer anderen Münze, die man in der Hand haltend, mit dem Rand gegen die Wand schleuderte die Basis-Münze treffen. Die Münze sollte von der Wand abprallen und die am Boden liegende Münze, wenigstens mit dem Rand überlagern. Ist es gelungen, durften alle, bereits am Boden liegende Münzen als Gewinn eingesammelt werden.. Abwechselnd schleuderte ein jeder Spieler seine Münzen gegen die Wand. Hat keiner die Basis-Münze direkt getroffen, hat am Ende (wenn alle Münzen im Feld lagen), der jenige Spieler gewonnen, alle Münzen für sich einsammeln dürfen, deren Münze am nächsten der Basis- Münze zu liegen kam. Es wurde peinlich genau gemessen.
In der Schule wurde "Schiffe versenken" gespielt. Natürlich auch Schach, oder Fußball.
Mädchen spielten mit einem kleinen Ball. Sie standen nahe einer Hauswand und warfen diesen Ball gegen diese Wand. Der ball musste nach einem bestimmten Muster, mal mit der einen, mal mit der anderen Hand aufgefangen werden. Verschiedene "Kunststücke" wurden gezeigt. Der Ball konnte auch mit dem Kopf, mit der Faust zurückgeworfen werden. Über den Rücken an die Wand geworfen werden.
Bei Mädchen war "Völkerball" sehr beliebt, so wie auf der Straße, das "Klassen- Spiel" "Himmel und Hölle" Mit Kreide malten sie Kästchen auf den Beton, dann warfen sie ein Stein in ein immer weiter entferntes Kästchen und hüpften auf einem Bein hinterher. Sie durften dabei nicht mit dem zweiten Bein aufkommen, bzw. mit dem Hüpfbein die Linien berühren, bzw. mussten den Stein genau ins Kästchen werfen.
Gemeinsame Spiele waren
"verstecken" und "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann".
Silvester-Knaller. Wir bastelten uns eigene Knaller zum Silvester. Die
Stromleitungen in den Häusern waren "auf Putz" gelegt. Zur
Befestigung wurde in die Wand ein Loch getrieben, in dieses dann ein Holzstück
eingegipst. In dieses Holzstück schlug man einen angespitzten Metalldübel mit
einem Innengewinde, in das die Befestigungsschraube eingeschraubt wurde. Diese
Metall-Dübel waren uns wichtig. Wir rissen kurzer Hand die Leitungen von der
Wand mitsamt dem Dübel. Er wurde abgeschraubt und in ein handliches,
faustgerechtes Holzstück geschlagen. Meistens splitterte dabei unser Holzstück,
es wurde dann mit Draht umwickelt, zur Verfestigung. In die Öffnung des Dübels,
dort wo die Schraube eingedreht wurde, haben wir Streichholz- Köpfe
abgestreift. Die Öffnung musste zu drei Viertel gefüllt sein. Mit einem Nagel
mit breiten Kopf, wie die Papp- Nägel einen hatten wurde verschlossen.
Zum Knallen schlug man diesen Nagel, in dem man gegen eine Wand schlug, hinein.
Es gab einen großen Knall.
Manche haben es zu großen Fertigkeit gebracht, besaßen "kunstvoll"
geschnitzte Holzstücke.
Es war kindlicher Vandalismus, in allen Häusern, in den Fluren hingen die
Stromleitungen frei an der Wand. Besonders effektvoll knallte es in unserer
Einfahrt, was mir immer Ohrfeigen vom Herrn Burek einbrachte.
Der 2 jährige Hindenburg/Ruda- Krieg.
Plebiszit in Schlesien. 1921 wurde eine Abstimmung über ganz Oberschlesien durchgeführt. Die Unruhen "Schlesische Aufstände" genannt, gingen auf Betreiben Frankreichs zurück. Frankreich wollte das Deutsche Reich schwächen, in dem das größte Industriegebiet der Welt, Oberschlesien, dem Deutschen Reich entrissen werden sollte. Es ist nicht ganz gelungen. Die französische Regierung hat den Terrorismus in OS unterstützt.
Mit Geldern der franz.
Regierung wurden drei "Schlesische Aufstände" organisiert. Die
"Aufständischen" (eigentlich Terroristen) verübten verschiedene
Terror- Anschläge. Zu Legende wurde die Schlacht um den "Heiligen Berg
Oberschlesiens" den Anna-Berg (Der Anna selbdritt gewidmet. Anna
selbdritt:
Darstellung der heiligen Anna mit ihrer
Tochter Maria und dem Jesuskind, seit dem 13. Jh. in Deutschland bekannt; berühmteste
Gestaltung durch Leonardo da Vinci (1501/1507).).
Die Schlacht wurde gewonnen, die letzten Aufständischen aus einer Kloaken-
Grube, wo sie sich versteckt hatten, herausgeholt. Die polnische Regierung
stellt es heute verfälscht dar.
Eine riesige Propaganda "pro Polnisch" ist angelaufen. Besonders ein
Reichstagabgeordneter und Mitglied des Preußischen Landtags (1903-1918)
"Pan Korfanty" (Wojciech Korfanty, 1873 - 1939) ist hervorgetreten. Er
hat jedem, der für Polen votiert, eine Kuh versprochen. Er wurde auch deshalb
als "Korfanty Krowa" (Krowa=Kuh) verspottet.
Obwohl die Abstimmung über das ganze Oberschlesien durchgeführt wurde, wurden, wieder durch Frankreich, die Gebiete, die viele polnische Zuwanderer verzeichneten und deshalb mehrheitlich für Polen gestimmt haben, abgetrennt. Niemand bekam diese versprochene Kuh!
Die neue Grenze im Osten ging direkt hinter unserer Stadt, Hindenburg. Hindenburg wurde zu einer Grenzstadt. Das wurde niemals vergessen. Die "neue Grenze" wurde quer durch Bauernhöfe gezogen. Wohnhaus in Deutschland, die Stallungen in Polen.
Die nächste "polnische Stadt" wurde Ruda. Meine Eltern, beide aus Ruda stammend, sie haben sich dort kannengelernt, dort geheiratet, unsere Schwester ist dort geboren, sind nach Hindenburg gezogen. Sie wurden zwei Mal vertrieben. Zumindest trifft es auf unsere Schwester zu. Sie musste 1922 ihre Geburtsstadt Ruda verlassen und dann auch Oberschlesien.
1955 wurde ein großer "Krieg" ausgerufen. Die Kinder und Jugendlichen aus Hindenburg, gegen die "polnischen" aus Ruda. Mit Steinen haben wir die gegnerischen "Stellungen" beworfen und dann gestürmt. Es ging zuweilen blutig zu (Kopfwunden vom Steinwurf, Knochenbrüche von Stürzen). "Heute ist Krieg, gehen wir hin?" Ich war sehr eifrig dabei, eine Zeitlang im Rang eines "Offiziers".
Es wurden Gefangene genommen.
Es war gefährlich, sowohl für die aus Ruda, sich in Hindenburg alleine zu
bewegen, wie auch umgekehrt, für die "Deutschen" aus Hindenburg,
alleine nach Ruda zu gehen.
Wir haben uns Steinschleudern gebastelt. Besonders gut waren die, die den
Zug-Gummi aus Auto-Schläuchen hatten.
Kurzsichtigkeit
Ein Problem für mich stellte meine Kurzsichtigkeit dar. Zunächst wusste niemand von dieser Tatsache; ich auch nicht. Wir, meine Freunde Adolf, Heinz und ich, saßen in der letzten Schulbank hinten in der Klasse. Ich konnte von dort nicht lesen, was an der Tafel vorne geschrieben stand. Gelegentlich sollte ich laut von der Tafel vorlesen. Mein Gedächtnis war so gut, dass ich auswendig wusste, was dort stand. Gelegentlich musste mir der Adolf vorsagen. Entweder, der Adolf war so schlecht im lesen, oder er hat sich ein Scherz erlaubt, sagte mir Sachen vor, die nicht auf der Tafel standen.
Die Lehrer meinten, ich mache mich über sie lustig. Irgendwann ist es der Mathelehrerin aufgefallen. Ich musste in die erste Schulbank nach vorne wechseln. Schlagartig haben sich meine Leistungen gebessert. Auf Betreiben dieser Lehrerin, bekam ich eine Brille. Tante Valy, die Grande Dame unserer Familie hat mich zum Optiker begleitet. Für mich war es, wie in eine andere Welt eingetaucht. Diese Farben, diese Bäume und so weiter.
Lesen
Meine große Leidenschaft war das Lesen. Nachdem mir mein Onkel Rufin mit etwa 4 Jahren das Lesen beigebracht hat, auf mein Betreiben, "Onkel, was ist das hier, diese Brille?", gemeint war der Buchstabe "g" in der Zeitung, der mich an eine Brille erinnerte. Ich habe mir die Zeitung genau angesehen und war erstaunt, dass es keine Bilder gab und Onkel so lange hineingeschaut hat. Auf der Suche nach diesen „Bildern", ist mir der Buchstabe „g" aufgefallen. Das war der Anfang. Nachdem der Onkel mir diesen Buchstaben "g" erklärt hatte, wollte ich wissen, was denn die anderen Zeichen bedeuten. Nach ein paar Tagen konnte ich lesen. Diese Leidenschaft hat mich nicht mehr losgelassen.
Die Schulbibliothek, ab der
dritten/vierten Schulklasse, hatte ich bald "leergelesen". Die
Kinderabteilung der Stadtbibliothek war ebenfalls bald ausgelesen. Die
Bibliothekarin musste mir Bücher aus der Erwachsenenabteilung ausleihen.
"Kind, was soll ich dir geben?" Es war nicht ganz unproblematisch.
Eins dieser Bücher aus der Erwachsenenabteilung hat mich noch lange beschäftigt.
Eine Szene konnte ich damals nicht verstehen, nicht richtig verarbeiten. Es
waren Mönche, die eine Orgie gefeiert haben. Auf dem Altar saß ein nackte Frau
mit weit geöffneten Beinen. Links und rechts waren brennende Kerzen und
zwischen den Beinen der Kelch mit Mess-Wein.
Märchen waren die allerbeste Lektüre. Und Tiergeschichten, mit "sprechenden" Tieren. Nach ""Dr. Dolittle". Ein polnischer Kinderbuch-Autor hat es sehr gekonnt kopiert. Seine Hauskatze, sein Haushund hatten lustige Abenteuer zu bestehen.
In der 7. Hauptschulklasse war Emile Zola mein Favorit. Ein Mal habe ich "Germinal" mit in die Schule genommen um meinen Kumpels einige "kernige" Abschnitte vorzulesen. Bei diesem Naturalisten finden sich einige Stellen, die pubertierende Jugendlichen interessieren.
In der Pause, ich blieb im Klassenzimmer um zu lesen, kam die Biologielehrerin herein und wollte sehen was ich da lese. Dieses Buch kannte sie als einziges. Sie war sehr erstaunt, dass ich bereits alle anderen, wie "Nana", neben "Germinal", auch "Die Erde" u.a. gelesen habe. Diese Lehrerin hat mich dann beobachtet und ein wenig gefördert. Sie war sehr jung und neu an der Schule, viel konnte sie nicht bewirken.
Als sie im Lehrerkollegium berichtet hatte, dass ich Emile Zola lese, wussten die anderen Lehrer nicht, wer Zola ist.
Eine Eigenheit ist zu dieser (sehr netten) Lehrerin zu berichten. Sie hatte öfters Probleme mit dem Gummi an ihrem Schlüpfer. Nach dem dieser Gummi mal wieder gerissen war, hat sie jemanden von uns, immer einen Jungen, zu sich nach hause geschickt, ihr aus dem Wäscheschrank neue Unterhose zu holen. Sie hat nur ein paar Hundert Meter weit weg gewohnt (Borsig-Werk). Ich gehörte nicht zu diesen Auserwählten Jungen. Man muss sagen, dass es wirklich ein Kreuz mit den Gummis, in Socken, Strümpfen und Unterhosen gewesen ist.
Die Unterhosen waren nicht zum Vorzeigen. Es waren "Liebestöter", Boxershorts- artig, mit breitem Bein. Eine Einlage hätte sich keine Sekunde lang halten können. Damenhygiene: es wurde gebunden. Heißt es deshalb "die Binde"? Die "Binden" wurden jeden Monat frisch gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.
Für Männer eigentlich gesund, frei abgehangen ist besser als eng abgelegt.
Die Strumpf- bzw. Sockenhalter
haben das Blut abgeschnürt. Später kamen dann die Strumpfhosen. Eine Freundin,
die Sofia, hatte als erste eine grüne Strumpfhose. War die stolz!
Mein größter Favorit war Gustav Freitag und sein "Soll
und Haben". Dieses Werk hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe es in
Deutsch gelesen, es hat Monate gedauert. Dieses Werk hat heute noch einen
Ehrenplatz in meinem Bücherregal.
Meine Leseleidenschaft hat dazu geführt, dass ich den langweiligen Schulunterricht geschwänzt habe. Die Schularbeitsbücher habe ich in ein paar Wochen zu Beginn eines Schuljahres selber durchgearbeitet.
Meine Geschwister sind sehr früh
zur Arbeit und ich sollte allein in die Schule gehen. Ich bin aber lieber da
geblieben, um zu lesen. Die Schule hat daraufhin einen "Abhol-Dienst"
eingerichtet, der mich abholen sollte. Der Schuldirektor war etwas irritiert,
als man ihm berichtet hatte, dass ich immer ein Buch lesend vorgefunden wurde.
Er hatte mich eher im Bett, noch schlafend vermutet.
Im Winter war es auch die unerträgliche Kälte daran schuld. Das Wasser in der
Schüssel war gefroren. Es hat viel Überwindung gekoste, aus dem warmen Bett zu
steigen.
Ich konnte von den Büchern nicht lassen. Auch zu Schlafenszeit nicht. Eine Nacht durchzulesen, war nichts besonders. Mein Bruder Heinz wollte mir das Lesen in der Nacht abgewöhnen und hat die Sicherung ausgedreht. Ich habe bei Kerzenlicht weiter gelesen. Ein Mal bin ich dabei eingeschlafen. Nächsten Morgen war am Nachtschrank im Holz eine von der Kerze eingebrannte schwarze Stelle zu sehen. Es hätte zum Wohnungsbrand kommen können.
Ich bin völlig aufgegangen in
den Rollen meiner Helden. Ständig träumend, deren Heldentaten im Kopf
nachspielend, passierte mir immer wieder, dass ich mein Ziel verfehlt hab. Aus
der Schule nachhause, es waren nur ein paar Hundert Meter, lief ich oft an
unserem Haus vorbei. Es konnte passieren, dass ich wie ein Pendel, immer wieder
am Haus vorbeilief.
Die russische Literatur:
Lev Tolstoi: "Anna karenina", "Krieg und Frieden". Ivan
Turgeniew: "Väter und Söhne". Fjodor Dostojewski: "Die Brüder
Karamasov", "Der Idiot", "Der Spieler". Michail
Scholochow: "Der stille Don".
Polnische Literatur:
Jan Kochanowski. Mikolaj Rej. W.S. Rejmont: "In der Opiumhöhle",
"Chlopi" (Die Bauern). H. Sienkiewicz: Trilogie: "Ogniem i
mieczem (Mit Feuer und Schwert), "Quo Vadis", "W pustyni i w
puszczy", "Potop" (Die Sintflut) S. Zeromski: "Ludzie
bezdomni".
Stendhal: "Rot und Schwarz". Balzac: "Die dreißigjährige
Frau".
Jack London. Kanadas Indianer, die Inuit, Irokesen. Oder die Lappen und Samen.
Iglu, Hundeschlitten und die Kajaks. Sie wurden im Einerkajaks wasserdicht, zu
einer Einheit eingebunden. Kippten sie um, mussten sie sich wieder mit einem
gekonnten Schwung aufrichten. Sie hatten keine eigenen Begriffe für Mord,
Diebstahl oder Eifersucht. kam ein Gast, durfte er auch mit der Frau des
Gastgebers schlafen. Die Kinder, sofern welche davon hervorgingen, waren
"Kinder der Freundschaft".
Die Kinder wurden in ihre Pelzkleidung im Winter eingenäht. Diese Menschen aßen
den Fisch roh, so dass das Fischfleisch, noch zuckend, den Gaumen kitzelte. Die
Seife, die die Zivilisation ihnen brachte, wurde gegessen.
In einer Episode, wurde ein alter blinder Mann von seiner Familie zurückgelassen.
Seine Enkelin sollte Holz, für das Feuer, das, solange es brannte die hungrigen
Wölfe zurückhielt, sammeln. Es fällt der Enkelin schwer, sie fragt: "Ist
es genug?". der alte Mann antwortet, "ja, genug". Er weiß, jedes
Stück Holz verlängerte sein leben etwas. Die Familie enternt sich, die Wölfe
nähern sich.
Oder diese: ein alter Mann ruft seine Familie zusammen und erklärt, dass er
sich verabschieden will. Irgendwann später hilft ein Verwandter nach, in dem er
ein Kissen auf das Gesicht des alten Mannes gepresst hält.
Eine Mutter ist durch die Wildnis mit ihrem Kind unterwegs. Sie hungern, sie könnte
Fische fangen, hat aber keinen geeigneten Köder. Sie schneidet ein Stückchen
Fleisch von ihrem Fuß ab, um einen Köder zu bekommen. (In meiner Fantasie, war
es meine Mutter.).
Die Bibel
Mein großer Wunsch war gewesen, die Bibel zu lesen. Im Religionsunterricht war ich "Hochwürdens-Bester", Pfarrers Liebling. Ich hatte keine Probleme mit dem Verständnis und dem Auswendiglernen. Das heißt, ein Bild des Pfarrers hat mir Probleme bereitet. Um die Vernunft zu erklären, also das, was den Menschen von den Tieren unterscheidet zeichnete er folgendes Bild. Der Mensch verfügt über eigenen Willen, das Tier nicht. Wenn ein Tier satt ist, dann hört es auf mit der Nahrungsaufnahme, dem Fressen. Der Mensch kann aber weiter essen.
Das schien mir eher umgekehrt zu beweisen, dass die Tiere vernünftiger sind als Menschen.
Der Pfarrer war mit mir sehr zufrieden und hat mich öfters zu Vorführungen meines Wissens in die höheren Religionskurse mitgenommen. Er wollte mich für ein Priesterseminar vorbereiten.
Meine damals tiefe Religiosität
mag folgendes unterstreichen. Zu der Ersten Heiligen Kommunion sollte man nüchtern
erscheinen. Ich war an diesem Morgen sehr aufgeregt. Für die danach geplante
Einladung zum Essen, wurde auch ein Kompott vorbereitet. Die Schüsseln standen
am Fensterbrett, ich konnte nicht wiederstehen und habe daran genascht.
Als die anderen Kinder zum Altar gingen um die Kommunion zu empfangen, blieb ich
in der Bank sitzen. Auch noch ein Mädchen, mit dem selben Problem ist sitzen
geblieben. Wir haben vor Enttäuschung geweint.
Wir durften am nächsten Tag, bei der Hochmesse die Kommunion empfangen.
Ein Problem war oft für mich, die Hostie nach Empfang im Mund, nicht mit den Zähnen
zu berühren. Man sollte ja nicht in den Leib Christi hineinbeißen.
Nach dieser Ersten Heiligen Kommunion durften wir lange Hosen tragen. Bis dahin,
waren kurze Hosen zu tragen.
Bis mein Wunsch die Bibel zu lesen immer penetranter wurde. Damals war die Bibel noch ein "verbotenes Buch". Der Pfarrer war entsetzt über meinen Wunsch. Ich wollte und konnte nicht einsehen, dass man mir diese Lektüre verwehrt. Auf der Suche nach der Bibel kam ich zu Nietzsche und Voltaire. Das war der Anfang vom Ende meiner Religiosität. Ich ging nicht mehr zu Beichte, begann zu Zweifeln. Die (falsche) Reaktion "meines" Pfarrers hat diesen Prozess beschleunigt.
Die Beichte war eine
langweilige Angelegenheit. Immer das selbe. Man sollte folgende Fragen:
"Habe ich. alleine, oder mit anderen zusammen, Unzüchtige Handlungen
begangen?" (Gemeint war, Selbstbefriedigung, pol.. sagten wir "Konia
bic", "Das Pferd schlagen". Natürlich, ja. "Hast du
gelogen?" Klar, immer wieder die Lehrer belogen, wegen der nicht gemachten
Hausaufgaben.
Als Buße: "Vier Ave Maria beten und drei Vaterunser".
Aber erst mit fast 16 Jahren,
ich kann mich noch heute daran genau erinnern, sagte ich laut, aber zögerlich:
"Es gibt keinen Gott!". Ab da wurde ich Atheist. Und alles nur, weil
ich die Bibel nicht lesen sollte. (In über 30 Ländern in der Welt, ist die
Bibel noch heute verboten.)
Auch folgendes hat zum kritischen Religionsverständnis geführt. Unsere Familien waren zerstritten. Die Rathay´s waren evangelisch, die Hajduk´s, Familie meiner Mutter katholisch. Eine Mischehe kam damals nicht in Betracht, also hat mein Vater konvertiert. Das hat ihm seine Familie nicht verzeihen können.
Ich bin von einem Freund mal angesprochen worden, der ein Mädchen kennen gelernt hat, die auch Rathay (Helga Rathay) hieß. Sie wohnte im selben Ort, im Borsig-Werk, einer Siedlung, ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass eine gleichalte Cousine von mir, ein paar Strassen weiter weg wohnte. Und das wegen dem Gegensatz evang./kath. Das hat mir auch zu schaffen gemacht.
Ich rechne es meinem Vater hoch an, dass ER den Bruch mit seiner Familie eingegangen ist, um meiner Mutter ihre Familie zu erhalten.
Ich war hochbegabt und für die Lehrer, fast alle Deutschenhasser, fast alle alte verdiente Partisanen ein "rotes Tuch". Der schlimmste dieser Lehrer war ein alter Partisan (Terrorist), der mit dem Vornamen "Kajetan" hieß. Wegen seiner Haarfarbe war er für uns der "Siwek", der "Graue", genauer: "Grauling". Außerdem hatte er fürchterlichen Mundgeruch. Hinzu kam meine Weigerung zu den "jungen Pionieren" (Harcerze) beizutreten. Die Schulen haben untereinander gewetteifert, welche 100% Beteiligung ihrer Schüler erreicht. Wir waren zwei von der ganzen Schule, die sich bis zuletzt geweigert haben den "Harcerze" beizutreten. In unserem Haus wohnte der General der Jungen Pioniere. Auch er wurde eingeschaltet und hat versucht, auf mich Druck auszuüben. Ohne Erfolg, wie ich heute mit Stolz Festellen darf.
Durch die große Langeweile im Unterricht, wurden meine Leistungen immer schlechter. Das hat schließlich zum Sitzen bleiben geführt und in der Konsequenz, zum Abgang von der Hauptschule ohne Abschluss. (Es ist traurig zu wissen, dass auch heute noch, in der Bundesrepublik, 40 Jahre nach meinem Schicksal, hochbegabte Kinder ein ähnliches Schicksal erleiden müssen.)
Ein weiteres Ärgernis waren die "freiwilligen" Geldsammlungen der Schüler für den "Wiederaufbau von Warschau". An den Wänden hingen Grafiken, die den jeweiligen Stand angezeigt haben. Ich war immer wieder der einzige Schüler, der kein Geld beigebracht hat (ich hatte kein Geld und wollte aber auch nicht zahlen). Und meine Klasse war die einzige, die keine 100 %ige Beteiligung der Schüler aufweisen konnte.
Einige Lehrerinnen haben meine
Hochbegabung erkannt und haben sich bei Lehrerkonferenzen heftige Wortgefechte
geliefert. Für die übrigen Lehrer war ich der schlechteste Schüler, für zwei
Lehrerinnen (Biologie und Mathematik) der Beste Schüler. Meine Aufsätze waren
immer die besten der Klasse.
Die Pubertät
Ich war deutlich früher dran, als meine Schulfreunde. In der Musikstunde durfte ich mit Adolf den Unterricht verlassen. Im Ferienlager sollte ich bei den Erwachsenen duschen, weil meine gleichaltrigen Freunde immer aufgeregt gekuckt haben.
Die Mädchen haben unser verändertes Verhalten nicht richtig einordnen können. Es gab viele Missverständnisse. Es gab "sanfte sexuelle Belästigungen".
In den Geschichtsbüchern gab es Abbildungen von nackten, griechischen Kämpfern. Wir haben in den Pausen, heimlich, die Bücher der Mädchen auf diesen Seiten geöffnet. Gerne haben wir den Mädchen die BH´s aufgemacht. Mit einem Griff!
Auf die Schuhe haben wir kleine Spiegel gelegt, um dann unter die Röcke zu gucken. Wir haben den Unterricht gestört, um in die Mädchenreihe strafversetzt zu werden.
Ich war immer verliebt, sehr ritterlich und ein eifriger Beschützer der Mädchen, die das immer schamlos auszunutzen wussten.. Das hat mir auch mal den Titel "Stärkster der Schule" eingebracht. Bis dahin war der Heinz, der Sohn des Kapellmeisters der Stärkste in der Schule. Als er mal ein Mädchen schubste, und ich ihn zurechtgewiesen habe, musste eine Entscheidung her. Es hat sich rumgesprochen: "Nach der Schule Entscheidungskampf: Heinz gegen Peter, im Pausenhof".
Draußen, auf der Straße war es nicht "harmlos". Ich erinnere einen ca. 40 jährigen Schwulen, mit folgender Masche: angeblich hatte er "volle Hände" und bat dann Jungs ihm zu helfen. Sie sollten in die rechte Hosentasche greifen und je nach der Situation, den Schlüssel, eine Münze, oder sonst was herausholen. In der Hosentasche war aber ein großes Loch. Die Jungs bekamen ganz was anderes zu fassen. Einige von unseren Freunden habe gerne und ausdauernd "nach der Münze gesucht". Meine Freunde und ich haben ihn mit Steinen beworfen und immer wieder vertrieben.
Im Hinterhof eines Hauses war eine Schusterwerkstatt. Dort sah man immer Mädchen rein und raus gehen. Ich weiß nur, dass der Schuster kleine Holzfiguren geschnitzt und verschenkt hat. Zog man bei dieser Hlzfigur an den Beinen (der Hose), sprang ein Phallus hervor. Diese Hose konnte man rauf und runter bewegen.
Im Bahnwärterhäuschen sah
ich öfters kleine Mädchen spielen. Damit sie sich die Kleidchen nicht
beschmutzten, sollten sie diese ausziehen. Im Gedächtnis ist mir geblieben eine
magere, etwa 5jährige, in viel zu großem Schlüpfer mit einem Loch in der
Unterhose.
Eine 12jährige aus unserer parallel Klasse wurde schwanger. Wir haben sie
danach nicht mehr gesehen. was aus ihr geworden ist, wussten wir nicht.
Ich ging in die Schule Nr. 21 in "Mitte Biskupitz", neben dem Rathaus.
Direkt daneben war eine Schule für geistig Behinderte. Es hat uns irritiert und
provoziert, dass die viel größeren aber geistig Behinderten Jugendlichen sich
nicht gewehrt haben. Wir haben sie verfolgt und gequält. Die Schulleitung hat
schließlich eine Versetzung des Schulbeginns um eine halbe Stunde verfügt. Sie
konnten dann ungestört ihre Schule erreichen und in den Schulpausen waren sie
von uns zeitlich getrennt.
Meine Lehrer drohten mir immer: "du kommst auf die Dummen-Schule, oder
wirst höchstens ein Straßenkehrer". Straßenkehrer war das niedrigste,
das geringste, was man erreichen konnte. meinten die Lehrer.
Die Schultoiletten sahen fürchterlich aus. Zumindest die Toilette für Jungs,
im Erdgeschoss. An der Pinkel-Rinne musste man eine trockene Stelle zum
Hinstellen suchen. Es gab kein Papier in den Klos. Zu Beginn eines Schuljahres
war alles gereinigt worden, alles sauber, aber nicht lange.
Die Jungs "halfen" sich, es war kein Papier zu Reinigung da, in dem
sie mit dem Hintern am Türpfosten rutschten. Waren diese zu verschmutzt, nahmen
sie ihre Finger und wischten diese dann "sauber" an den Fliesen der Wände
ab. Ähnlich machen das die Affen im Zoo, wie ich es mal bebachten konnte. Ich
hatte nicht weit nach hause und konnte in der großen Pause daheim auf die
Toilette. "Musste" ich mal in der Schule, dann versuchte ich mich in
die Lehrer-Toilette m 2. Stock zu schleichen. Es war den Schülern verboten,
diese aufzusuchen. Dort gab es immer Papier, es waren Zeitungen, die in
handliche Stücke zerschnitten waren. Oft lagen dort deutsche Bücher aus. Diese
habe ich dann gerettet und nachhause genommen. Auch wenn schon ein paar Seiten
gefehlt haben. Toilettenpapier in Rollen gab es damals nicht.
Dieser Usus, Zeitungspapier auf dem Klo zu gebrauchen, hat einen Standartwitz
bei Gesellschaften gebracht:
der "Witzbold" kündigte ein Kunststück an. Er bat einen aus dem
Kreis, ein Stück Papier möglichst klein zu falten. Er war immer noch nicht
zufrieden, faltete es aus und befahl "Weiter, noch kleiner
falten". Als er dann endlich zufrieden war, sagte er "so, jetzt ist es
weich genug. Jetzt kann ich auf die Toilette gehen. Danke".
Im Kiosk kaufte man alte Zeitungen und abends wurde daraus ein Vorrat an
Klo-Papier angelegt, für die ganze Woche.
Stalins Tod. Das Wunder von Bern
Am 5.3.1953 war ich in der Pause unterwegs nachhause, um etwas zu holen, oder die Toilette aufzusuchen. Plötzlich heulten die Sirenen los, alles musste 3 Min. lang stehen bleiben: Wer nicht stillstand, wurde bestraft, die Miliz hat alles genau beobachtet. Stalin war gestorben! Für 3 Minuten musste alles ruhen. Ich hatte Angst, nicht rechtzeitig zum Unterricht zurückzukommen und habe mich mit kleinen seitlichen Schrittchen vorwärts gearbeitet.
Wir hatten ein kleines
Detektor-Radio, dass wir selber gebastelt haben. Man musste auf einem Kristall
mit einem Draht herumstochern. Damit konnten wir auch Deutsche Sender empfangen.
Als dieses "Wunder von Bern"
(4.6.1954) stattfand, hielten mein Bruder Heinz und ich unsere Ohren an dieses
Detektor-Radio. Die Freude war riesengroß. Nur in der Schule durfte ich meine
Freude nicht zeigen. In der Schule hieß es dann, die Deutschen hätten die
Ungarn mit "Mercedesse" bestochen und nur deshalb gewonnen.
Tadeusz
Unsere Schwester war mit einem Polen befreundet, mit dem Thaddäus Siudaj.. Er
war ein herzensguter junger Mann, der auch auf unserer Zeche gearbeitet hat. In
den Sommerferien, ich war vielleicht 15 Jahre alt, nahm er mich in sein Dorf, in
Ostpolen, direkt an der russischen Grenze gelegen, mit. Das Dorf war noch nicht
elektrifiziert, es gab nur ein einziges batteriebetriebenes Radio dort.
Die Dorfbewohner waren sehr nett, manchmal zu nett zu mir. Zu Begrüßung, wenn
wir eine Bauernfamilie besucht haben, gab es Rührei mit Speck, aus 48 Eiern und
einen Liter Wodka dazu. Man musste da mittrinken und essen, sonst wären sie
beleidigt gewesen.
Sie fragten mich über das Leben in Schlesien aus, waren ungläubig, als ich über
WC´s, die in der Wohnung waren berichtete. Auch über die Straßenbahn und die
Autobusse musste ich erzählen.
Tadeusz wollte sein Elternwohnhaus ausbessern. Es war aus dicken, 4 cm dick,
Holzbohlen gefertigt. Das Dach war mit Stroh gedeckt. Die untersten Holzbohlen
wurden morsch und mussten ausgetauscht werden. Auch das Dach, die
Strohbedeckung, musste erneuert werden.
Wir fuhren also mit dem Pferdewagen in den Wald, nicht ohne vorher von der
Mutter, mit einem halben Wasserglas Wodka verabschiedet zu werden. Zur Mundspülung,
wie sie sagte. Wir hatten ein Gerät mit, die "Lada"
("Lade", aus dem Deutschen "Laden").
Wir suchten einen geeigneten Baum aus, fällten diesen, entfernten die Äste und
mit Hilfe der "Lada" wurde der Baumstamm auf den Pferdewagen geladen.
Im Hof war ein Mannshohes Gestell aufgebaut. Der Baumstamm kam oben drauf, mit
einer rußgeschwärzten Richtschnur, wurden im Abstand von 4 cm gerade Linien
markiert. Die Schnur wurde fest gespannt, in der Mitte hochgezogen und möglichst
senkrecht haltend, wieder losgelassen. Sie hinterließ eine Spur von Ruß.
Mit einer senkrecht Säge, zwei Mann, jeweils links und rechts unten, einer
oben, wurde exakt entlang dieser Linien gesägt und so die benötigten Bohlen, 4
cm dick, 20 cm hoch und 600 cm lang, gewonnen.
Hatten wir genügend Bohlen gefertigt, wurde das ganze Haus angehoben. Hier
mussten mehrere Männer aus dem Dorf mithelfen. An den oberen Bohlen, an der
Hauswand, wurden kleine Vertiefungen geschlagen. In diese dann schräg
angesetzt, große, dicke Stangen gesetzt. Nun wurden diese Stangen, auf
untergesetzten Bretten, mit "Hau-Ruck" vorwärts getrieben, Dadurch
die Wand angehoben und wir konnten die unterste, morsche Bohle herausnehmen. Die
neue Bohle wurde eingesetzt und das Haus herunter gelassen.
Zu zweit, mit Hilfe anderer wo es unumgänglich war, ist es uns gelungen, das
Haus zu erneuern, das Dach neu zu decken.
Baum fällen, aufladen, in den Hof fahren, aufs Gestell bringen, zersägen,
"Schwalben-Ecken" einsägen, Haus anheben und Bohlen austauschen. das
hat mir imponiert. Sieben Bäume haben wird gefällt.
Die Dorfbewohner fragten mich immer wieder: "Wie heißt das in eurer
Sprache?" Sie meinten auf Deutsch. Für sie bestand nicht der kleinste
Zweifel, dass Schlesien Deutschland ist. Deren Feinde waren die Russen, nicht
wir Deutsche.
Ein paar alte Bücher fanden sich dort, sie wurden komplett, bei kerzenlicht
ausgelesen. Z. B. "Znachor" (Der Heilpraktiker). Es handelte von einem
jungen, begabten Chirurgen, den eifersichtige Kollegen (oder seine Ehefrau?),
durch gedungene Mörder überfallen lassen. Er erleidet eine schwere
Kopfverletzung und verliert sein Gedächtnis. Der Überfall ereignete sich auf
einer weiten Landreise. Ein Bauer findet ihn, pflegt ihn gesund. Er bleibt auf
dessen Hof und arbeitet dort als Knecht. Seine medizinischen Kenntnisse sind
noch vorhanden und er kann sie verschiedentlich, erfolgreich einsetzen. Es
spricht sich rum er wird zum "Znachor". Am Ende heilt er das verkrüppelte
Bein des Bauernsohns, gegen den Rat des dortigen Ortarztes, der dieses Bein
verpfuscht hat. Der Junge wird gesund, kann wieder laufen, er wird aber
angeklagt. Vor Gericht gestellt, wird er erkannt als der verschwundene, berühmte
Chirurg. Eigentlich eine billige Schnulze.
Hatten wir beim Hausbau etwas Zeit, half ich auch bei der Landwirtschaft aus. Es
war sehr heiß, wir Männer waren mit nackten Oberkörpern bei der Arbeit, die
Frauen versuchten ebenfalls alles überflüssige abzulegen. Die Mutter, ein
magere Frau, hatte ein ärmelloses Hemdchen an, seitlich weit ausgeschnitten
Immer wieder rutschte ihr eine Brust "ins Freie", die sie dann mit
einer Handbewegung wieder ins Hemd schob.
Sie erzählte, dass, als sie die kleine Schwester stillte, ihr Sohn, der
Tadeusz, damals schon 5 jährig auch gerne an ihrer Brust getrunken hat.
Sie waren alle voller Lob, wegen meiner großes Geschicklichkeit bei der
Landarbeit. ich hatte aber auch eine gute Schule in Barut und in Hohenwalde, als
Kind.
Korn gemahlen wurde mit einem großen Mühlstein, den eine eingespannte Kuh,
immer im Kreis gehend, antrieb.
Es war viel und schwere Arbeit zu verrichten, aber doch ein befriedigendes
Ferien-Erlebnis. Es wäre noch besser gewesen, wenn die Dorf-Schönheiten mich
in Ruhe ließen. So oft, eigentlich nie, kam kein Fremder von so weit her in ihr
Dorf. Auch deshalb, weil es in der Grenzzone lag. Nur mit einer besonderen
Genehmigung konnte man dort einreisen. Wir mussten uns auch bei der dortigen
Miliz anmelden und bei Abreise wieder abmelden.
Gewaschen haben wir uns im nahen Fluss.
Ich wurde richtig "Wodkafest".
Blutspende!
Mit 18 Jahren durfte man Blutspenden. Als Belohnung gab es ein Bon, den man im nahe gelegenem Restaurant z.B. "Hotel Präsident", früher "Admiralspalast" gegen ein Mittagessen einlösen konnte.
Zur Zulassung als Spender, musste man eine Bescheinigung über eine Untersuchung
beim Hautarzt/Venerologen (Geschlechts-Krankheiten) vorlegen. Wir empfanden es
als Schikane. Alle vier Wochen haben wir gespendet und alle vier Wochen mussten
wir diese Prozedur über uns ergehen lassen.
Die Ärztin, eine junge Frau: "Hose ausziehen! Unterhose auch". "Näher kommen, noch Näher". "Umdrehen, bücken, Pobacken auseinander". "Jetzt umdrehen". Für die, die nicht beschnitten waren: "Vorhaut herunterziehen, umdrehen". "In Ordnung, anziehen.".
Beim ersten mal war es für
mich recht unangenehm. Die Ärztin hat es bemerkt: "Na, schämst du dich
?".Ich darauf: "wenn sie sich ebenfalls ausziehen würden, wäre es für
mich angenehmer". Sie wieder: "soll ich dich auf den gynäkologischen
Stuhl setzen?" Ich glaube, sie hat es nicht wirklich vor gehabt. Ich habe
aber sicherheitshalber nichts mehr gesagt.
Gut war, dass wir nie warten mussten, auch wenn das Wartezimmer voll gewesen
ist. Die Blutspender wurden sofort dran genommen.
Der tiefere Sinn dieser
Untersuchung ist mir bis heute verborgen geblieben. Fest steht, wir Blutspender
hatten keinen guten Ruf.
Eine ähnlich verlaufende Untersuchung, war die Musterung zum Militärdienst.
Als Schreibkräfte wurden junge Mädchen, kurz nach dem Abitur, bzw. schon junge
Studentinnen eingesetzt. Sie saßen an Tischen in einem großen Raum wir wurden
hereingerufen, mussten uns völlig nackt ausziehen, wurden von den Mädchen
befragt, dann war der Arzt dran, mit der oben beschriebenen Prozedur.
Ich war ein eifriger Blutspender und habe bis heute, dann schon im Westen, nach
meiner Flucht, mehr als 300 Liter Blut gespendet. Ich soll eine seltene
Blutgruppe haben: "B negativ, abc". Öfters musste ich zu
Direktspende, bei Babys mit Rhesus-Faktor - Unverträglichkeit (auch im Westen,
in Mainz, z.B. an Weihnachten, bzw. einmal zum Silvester und weil ich schon
etwas Alkohol getrunken hatte, schickten sie ein Taxi, um mich zu holen. Der
Arzt meinte dann, "der Alkohol im Blut, wird den Patienten aufmuntern. Es
wird ihm gut tun".).
Die Universitätsklinik in Hindenburg hatte einen guten Ruf. Ein Kumpel von uns, der auch Untertage gearbeitet hat, hat eine Ärztin geheiratet. Das konnten wir nicht verstehen, was wollte die denn von einem Untertage-Arbeiter? An die Studentinnen kamen wir, Grubenarbeiter nicht heran. ich habe nie eine zu sehen bekommen.
Es gab einen Kellner in diesem Restaurant, der uns die Bons abgekauft hat. Für dieses Geld konnte man einen viertel Liter Wodka kaufen.
Die Bergleute haben viel Wodka getrunken. Sie suchten darin Vergessen, eine Ablenkung vom schweren Los.
In den Sammelstellen für leere Flaschen, gab es ein wenig Geld für jede abgegebene intakte Flasche, den Flaschenpfand. Es gab einen Witz zum Thema Alkoholismus: Die Kinder, sehr hungrig, betteln den Vater: an: "Vater, geht Wodka kaufen, damit wir für das Pfand für die leere Flasche etwas Brot kaufen können".
Der Lohn wurde wöchentlich in Bar ausgezahlt (später alle zwei Wochen). Die Ehefrauen standen vor dem Zechen-Tor, um die Ehemänner mit dem Lohn abzufangen. Die cleveren Ehemänner entwischten oft durch ein Seitentor, oder warteten versteckt, bis die Ehefrau aufgegeben hatte. Unsere Schwester arbeitete bei dieser Zeche im Lohnbüro und hat auch die Lohnauszahlungen vorgenommen. Sie kannte schon die "Säufer" und hat, immer wenn es möglich war, an die Ehefrauen direkt ausgezahlt, obwohl die Ehemänner keine Vollmacht ihnen erteilt haben. Es gab manchmal Ärger mit dem Vorgesetzten deswegen.
Nicht alle waren Säufer, es gab auch viele, die dem Kartenspiel, dem Pokern verfallen waren. Die Pokerspieler lauerten schon in der Nähe um die Spielsüchtigen abzufangen.
Die Ehefrauen nahmen oft die Kinder mit, um damit moralischen druck auf ihre Männer auszuüben und sie zu bewegen, nachhause und nicht in dei Kneipe zu gehen. Das schwere trostlose Leben, hat die Männer dazu gemacht.
Die Kliniken hatten an diesen
Tagen zwei Arten von Verletzungen zu behandeln. Die Trinker steckten die
Wodka-Flasche in die Hosentasche hinten. Wenn sie hinfielen, verletzten sie sich
den Hintern. Viele sind von der immer überfüllten Straßenbahn gefallen (mit
der Flasche in der A....tasche). Um doch noch mitgenommen zu werden, stellte man
sich auf die Kupplung hinten, manchmal zu Dritt, bzw. hing mit einem Bein am
Einstiegsbrett, eine Hand am Haltegriff aussen.
Die andere Verletzung kam durch den Versuch die Wodka-Flasche ohne Korkenzieher
zu öffnen. Man schlug mit der flachen Hand, so oft auf den Boden der Flasche,
bis der Korken herauskam. Bei der schlechten Qualität der Flasche kam es oft
vor, dass die Flasche unter den Schlägen zerbrach. Es gab dann diese
"typische" Verletzung des rechten Arms. Die Ärzte behandelten diese
verletzten Säufer mit diesen Verletzungen nicht besonders vorsichtig.
In den Gasstätten, wenn man Wodka bestellt hatte stellte die Bedienung eine Literflasche und ein 100 ml Glas auf den Tisch. Bier war ungenießbar, genau so wie der Wein, Obstwein. Abscheulich!
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Mein Cousin Paul Hajduk Der weiter oben, in "Das Elternhaus" erwähnte Paul war unehelich geboren. Ich nehme an, dieser Umstand hat sein ziemlich verpfuschtes Leben beeinflusst. Zunächst abgelehnt, dann nachdem das Mündel-Gold ausgezahlt wurde, von allen sehr begehrt. Ausgebildet zum Schuhmachermeister, hat er unsere Schuhe repariert. Er wohnte in einer kleinen Wohnung in Hindenburg-Mitte. Als Kind habe ich Paul gerne besucht. Es waren aber auch nur wenige Male, eben dann, wenn es galt Schuhe zur Reparatur zu bringen. Ich habe seine Geschicklichkeit bewundert, er hat mir jeden seiner Handgriffe erläutert, erklärt, wie diese Schuhmacher Geräte funktionieren. Man hat sich eine traurige Geschichte seiner Ehe erzählt. Angeblich hat ihn seine Frau, die Anni, nur geheiratet (1937?), um den Namen Hajduk zu erlangen, denn ihr Geliebter hieß ebenfalls Hajduk. Als Paul nach dem Krieg nach Hause gekommen ist, fand er dort den "anderen" und seine Frau hat ihn, Paul, weggeschickt. Er durfte gehen. Ob es sich wirklich so abgespielt hat, weiß ich nicht. Sie bekamen zwei Töchter, ob auch Paul der Vater war, wurde angezweifelt. Er glaubte jedenfalls fest daran. Auf jeden Fall war die Älteste von ihm. Wir haben oft über seine Kinder gesprochen. Die Mutter der Mädchen hat jeglichen Kontakt unterbunden. Sein größter Wunsch war gewesen, seine Kinder zu sehen. (ich bin stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, wenn auch nach Jahrzehnten, ein Treffen mit seiner Ältesten zu arrangieren. Eine meiner wenigen "guten Taten". Er hat sein ganzes Leben unter der Trennung gelitten. Später dazu mehr.) Er kam uns gerne in
Biskupitz besuchen, brachte dann z.B. einen Fisch zum braten mit.
Ungehalten hat er reagiert, wenn unsere Schwester diesen Fisch
"zerbraten" hat. Die Pfanne war zu klein, um den Fisch
ordentlich zu wenden. Die Stücke waren immer zerfallen. Er hatte später eine Freundin, die Maria, ebenfalls eine etwas verunglückte Beziehung. Maria führte einen Blumen-Laden in Hdbg-Mitte. Völlig unerwartet wurde Paul die Ausreise in den Westen gestattet. Vielleicht deshalb, weil er offiziell als Arbeitslos galt. Die Schuh-Werkstatt war in seiner Wohnung privat. Paul hat alle seine Möbel, seinen ganzen Besitz der Maria vermacht und ist ausgereist. Jahre später klingelt es an unserer Wohnungstür in Biskupitz, Paul stand da: "Guck nicht so blöd!" Er ist wieder aus dem Westen zurückgekommen. Die polnische Regierung wollte es propagandistisch ausschlachten, aber Paul hat nicht mitgemacht. Ich glaube, Maria war über seine Rückkehr nicht besonders erbaut. Er hatte Geld mitgebracht und viele "gute Sachen" aus West-Deutschland. Jetzt wollten alle den Paul bei sich aufnehmen. Cousine Charlotte ha das Rennen gemacht und ihn aufgenommen. Es war zu wenig Platz in dieser kleinen Wohnung, sobald alles aufgebracht war, musste Paul gehen. er fand einfach nirgendwo seinen Frieden, ein Zuhause. Paul behauptete, das Essen dort war zu spärlich und zu schlecht. Charlotte "Lotte" wiederum, Paul hätte sich wie ein Pascha aufgeführt. Wie er das geschafft hat, erneut eine Ausreise nach West-Deutschland zu erlangen, wissen wir nicht. In West-Deutschland kam er nach Peine, zu Cousine Erna. Erna Wydra, Tochter der Schwester Vaters, der Ernestine, soll die Lieblings Nichte unserer Mutter gewesen sein. Sie war leicht behindert, hatte einen Klumpfuss. Paul wurde dort ebenfalls nicht glücklich. Er hauste in einer heruntergekommen Wohnung. Ein ausgebauter Autositz war sein "Sessel", es war unglaublich schmutzig in dieser Wohnung. Ernas Tochter, die damals 12jährige Sabine(?) hatte als ein einzige Kontakt zu Paul. Sie sorgte in ihrem beschränktem Rahmen für Paul. Paul kam oft zu uns nach Mainz zu Besuch. Unsere kleine Tochter war ganz vernarrt in Paul. "Onkel Paul! Onkel Paul" ging es die ganze Zeit. Er war ziemlich hilflos dem Kind gegenüber. Wir saßen manchmal die ganze Nacht zusammen und haben über meine Elter gesprochen. Er hatte eine innige Beziehung zu seiner Tante, meiner Mutter. Meine Eltern mochten den Paul. Einmal haben wir Paul auch in Peine besucht. Nicht nur den Paul, auch die Cousine Erna und Heinrich ihren Mann. Ernas Wohnung machte auf mich einen düsteren Eindruck. Die Zimmer voller altmodischer Möbel, man konnte sich kaum darin bewegen. Paul "Zuhause" war die reinste Katastrophe. Meine Frau durfte dort aufräumen, ihr hat er es gestattet. Mit Hilfe der Sabine(?) wurde gründlich sauber gemacht, Gardinen wurden aufgehängt . Man erzählte sich, Paul hat viel Geld gespart und sein geiz hindere ihn, es für sich sinnvoll einzusetzen. Ich wusste, dass er für seine Töchter gespart hat. Er hatte später eine Freundin, mit der er auch mal nach Mainz gekommen ist. Sie war sehr "sauber", wie sie immer betont hat, sie hat jeden Tag ihren Schlüpfer gewaschen und auf der Heizung im Wohnzimmer getrocknet. Sie hat mich bearbeitet, ich solle doch Paul dazu bewegen, sein Geld in neue Möbel zu investieren. Ich wusste aber, es soll für seine Töchter als Erbe bleiben. Es hat sie gewurmt, dass sie nicht genau wusste, wie viel Geld Paul hatte. Paul hat testamentarisch verfügt, ich solle das Geld erben. Als er wieder Mal zu Besuch nach Mainz gekommen ist, habe ich nach seinen Kindern geforscht. Es war gar nicht schwer sie zu finden. Gerade mal 90 km von Mainz entfernt, in Koblenz lebten die jungen Frauen. Ich glaube auch seine geschiedene Frau, die Anni, hat ebenfalls dort gelebt. Telefonisch ist es mir gelungen, ein Treffen mit der Ältesten Tochter, der Rita zu arrangieren. ich werde es nie vergessen, wie Paul und ich auf dem Mainzer Hbf auf die Ankunft des Zuges aus Koblenz gewartet haben. Paul war sehr aufgeregt, hat gezittert. Dann war es so weit, Rita ist aus dem Zug ausgestiegen. wer wen wie erkannt hat, weiß ich nicht mehr. Es war eine recht Kühle Begegnung, aber immerhin, Paul durfte seine Tochter sehen und begrüßen. Das Geld hat Rita später dann doch angenommen, auch das war für Paul in seiner Sterbestunde eine Genugtuung. Paul war komisch aber auf seine Art herzlich und ein guter Freund. Er Ruhe in Frieden. Mit Rita habe ich später ein paar Mal telefoniert, dabei ist es aber geblieben. Die andere Tochter habe ich nie gesehen. Sabine(?) hat in Wolfsburg bei VW gearbeitet. Sie hat es zum Kfz-Meister gebracht und ist zu VW Mexiko gegangen. Dort hat sie Jahrelang gearbeitet. Sie war ein liebes und gutes Mädchen. |
Abendschule
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Wir Geschwister, ich in der Schul-Uniform der
Bergmann-Schule. Im Hintergrund,
unser Radio, der Stolz unserer Schwester.
Nach Ende der Berufsschule habe ich am Abendgymnasium das Abitur gemacht und das Grubensteiger -Patent erworben. Hier kam mir das Regime etwas entgegen. Ich musste nur noch 42 Stunden in der Woche arbeiten. An drei Tagen in der Woche konnten wir Abendschule-Schüler, die Arbeit zwei Stunden früher beenden. Man musste dafür eine Bescheinigung der Schule vorlegen. Trotzdem wieder Diskriminierung. Die Repatrianten, die diese Abendschule besucht haben, wurden Übertage eingesetzt, hatten leichte Büro-Hilfsarbeiten zu verrichten. Wir, zwei Autochthonen mussten weiterhin die schwere Knochenarbeit Untertage verrichten. Wie sich später gezeigt hatte, war ich eine Art "Versehen", ich hätte nicht zugelassen werden dürfen am Abendgymnasium. Einmal wegen der Abstammung und weiter wegen meiner politischen Einstellung. Meine Freunde haben nachgeholfen.
Die Schule bekam Order, alle Zuwanderer durchzulassen, unabhängig davon, wie schlecht sie gewesen sind. Aus diesen Absolventen wurde die Kader, das Aufsichtspersonal rekrutiert. Es mussten alles Polen sein. Einer wurde regelrecht durch die Prüfung geschubst. Er hat bestanden!
Der Schuldirektor sagte mal zu der Sekretärin, das würde nichts ausmachen, aus diesen Leuten sollten auch keine Wissenschaftler werden. Heute würde man sagen: die Quote. In USA mit Farbigen, in Deutschland die mit Zuwanderern. Positive Diskriminierung!(???) (Wir werden uns noch wundern! Wiederholt sich für mich die Geschichte?)
Ein Problem war, den Förderschacht rechtzeitig zu Personenbeförderung zu erreichen. Der Arbeitsplatz Untertage war ein paar Kilometer weit entfernt. Nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten wurden Personen befördert. Die Schale (der "Aufzug") fuhr dann langsamer, als bei der Kohle Förderung. Mit der Kohle-Förderung, volle Kohlenwagen rauf, leere herunter, ging es über 1.000 m "im freien Fall", mit dem entsprechendem Bremsvorgang. Da sind die heutigen Attraktionen, "nichts dagegen". Um den Schacht (den "Aufzug" nach oben) rechtzeitig zu erreichen, sind wir auf den Förderbändern gelaufen.
Diese Förderbänder, (Bandförderer) aus Gummi auf Rollen, waren löcherig, es gab Risse und Schlitze. Diese Schlitze/Risse waren immer längs angeordnet. Wir versuchten den Fuß weitgehend schräg zu setzen.
Beim Laufen auf diesen Bändern konnte der Fuß durch einen solchen unsichtbaren Schlitz durchrutschen und konnte dann nicht mehr zurückgezogen werden. Zunächst wurde der Fuß mehrfach gebrochen, um dann am Ende des Förderbandes, von der Umlenk- bzw. Spannrolle abgetrennt zu werden. Es gab sehr viele solcher Unfälle. Einen habe ich mit angesehen. Ein Arbeiter ist beim Reinigen der Umlenkrolle, vom Band am Ärmel erfasst worden und wurde hineingezogen. Der rechte Arm wurde abgetrennt. Er hat diesen abgetrennten Arm mit der linken Hand aufgenommen und ist zum Förderschacht gegangen. Unter Schock, hat er kein Blut verloren und keine Schmerzen verspürt.
In meiner Abteilung war der Flöz so niedrig, dass man nur im Liegen auf den Bändern mitfahren konnte. Hier war die Gefahr, dass man mit dem Kopf an die (herabgesenkte) Decke stieß und sich das Genick brechen konnte.
Es war streng verboten auf den Bändern zu reisen. Die Arbeitsnorm (wir haben im Akkord gearbeitet) war so hoch gesetzt, dass wir bis zuletzt vor Ort gearbeitet haben und um dann noch rechtzeitig zu Personenbeförderung (Fahrung) da zu sein, mussten wir auf diesen Bändern rennen. Das Nichterfüllen der gesetzten Arbeitsnorm, konnte auch als Sabotage ausgelegt werde. Es war gefährlich
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Bergbau - Mystik |
Der Weg "Untertage" war für mich vorgezeichnet und ohne Alternative. Als Autochthon und sehr arm. Die "Vornehmen" (also de Zuwanderer) wurden "Geistige Arbeiter", Angestellte, möglichst nicht auf der Grube, die anderen wurden "physische Arbeiter" und die ganz unten, in der Grube. "Grubenarbeiter" war ein Schimpfwort (Grubniok). Als unser Bruder geheiratet hat, hat die Schwiegermutter in spe großen Wert darauf gelegt, dass sein Beruf, "Schlosser", in der Kirche genannt wurde. Heinz hat später auch Untertage gearbeitet, meistens in Spätschicht, beim Vorbereiten des Kohlenabbaus für die nächste Frühschicht. Später wurde Heinz Sprengmeister, das ist der, der das Dynamit einsetzt, für die Sprengungen.
Die Schwiegermutter "in Spe" hat auch den Pfarrer befragt, was für eine Familie wir denn so seien. Hier hat mich Hochwürden sehr enttäuscht. Hochwürden haben Rache geübt und uns in den schwärzesten Farben dargestellt, die die Hölle so zu bieten hat.
Die Sprengungen waren sehr gefährlich, man sollte sich dabei weit genug vom Sprengungs-Ort entfernen . Bedingt durch die hohen Arbeits-Normen, wurde es nicht befolgt. Wir sind ein paar Meter weit weg und haben uns so gut es ging geschützt. Ein Mal bekam ich auch eine Ladung auf meinen Rücken ab. Einige kleine blauen Stellen vom eingelagertem Kohlenstaub, sind als Natur-Tattoos immer noch zu sehen. Auch sonst finden sich einige blau vom Kohlenstaub eingefärbte Narben von Unfällen an meinem Körper.
Die "Berufsschule für
Bergbau" hat ein Lehrgeld gezahlt, und im dritten, letzten Schuljahr verhältnismäßig
viel. Mit vollendetem 16 Lebensjahr durfte man in die Grube, Untertage
einfahren. Am 2.1.1957 wurde ich 16 Jahre alt, es war ein Montag und an diesem
Tag bin ich auch "eingefahren". Es war ein einmaliges Erlebnis. Diese
Stille, diese absolute (ägyptische) Dunkelheit. Die Stille wurde von
Wassertropfen und von Stöhnen der Hölzer unterbrochen. Gelegentlich gab es
einen Knall, wie beim Donner, (Bergschlag).
Man hat sich daran bald gewöhnt. Ein schönes Gefühl war die
"Sicherheit", die die Tiefe der Erde "Im Schoß der Mutter
Erde", immerhin waren wir über 1.000 m tief, vermittelt hat. Besonders
genossen habe ich die Feuerwachen am Sonntag. Am Sonntag wurde keine Kohle gefördert,
deshalb musste ständig jemand unter Tage Kontrollgänge absolvieren. Man war
alleine, es war wie in der Kirche. Durch die Sonntagsschichten, ich hatte an bis
50 Sonntagen im Jahr gearbeitet, konnte man den Verdienst etwas aufbessern.
Urlaub und sonstige Erholung gab es nicht. Die 14 Tage Tarifurlaub wurden für
Krankheiten genutzt. Man konnte sich den Urlaub auch auszahlen lassen. Es war
eine Art Weihnachtsgeld, hatte aber an keinem Tag im Jahr frei. Der 1. Mai war
ein Feiertag, wir mussten aber zu den Umzügen unter Zwang gehen.
Ich war im betrieblichen Alpinen-Verein (Tatra) und dort wurden regelmäßig
sportliche Klettertouren veranstaltet. Wir wurden mit einem alten Militärlaster
in die Berge gefahren. Das gab ein wenig Abwechslung.
Ich habe mich gerne, wenn bei einer Havarie alles stehen blieb und wir eine erzwungene Arbeitspause hatten, in alten, vergessenen und verlassenen Gängen herumgetrieben. Es war sehr sehr gefährlich, jeder Zeit hätte die Decke einstürzen können - ich wäre für die Ewigkeit verschollen. Ich musste mich durch sehr enge Spalte durchzwängen. Heute bekomme ich Beklemmungen, wenn ich nur einen solchen engen Spalt sehe. Zum Beispiel in Krakau auf dem Turm zum Wawel (das Königsschloss) muss man durch einen solchen engen Spalt. Mit über 20 Jahren hat es mir nichts ausgemacht. Mit fast 60 Jahren musste ich umkehren.
Lange vor Beginn meiner
Bergmannkarriere hat die Sowjetunion eine völlige Gleichstellung von Mann und
Frau auch im Bergbau verfügt (wohl wegen Mangels an Arbeitskräften). Es war
eine verrückte Zeit. In diesem Flöz (mehr als 1.000 m tief), war es sehr warm.
Die Kumpel arbeiteten nur in Gummistiefeln und mit einem Helm als Kopfschutz.
Mehrmals täglich mussten die Fußlappen ausgewrungen werden und der Schweiß
aus den Stiefeln geschüttet werden. Sonst waren alle oft ganz nackt. Es gab 2x
pro Schicht schwarzen Ersatzkaffee zu trinken. An den Geschmack kann ich mich
noch jetzt erinnern.
Ob es die verzweifelte Lage war, auf jeden Fall die Moral (und damit die Arbeitsmoral) waren dahin. Pärchen haben sich in entlegen Ecken aufgehalten, es wurde kaum gearbeitet. Ich weiß noch, dass diese Frauen "sehr scharf" auf uns, Auszubildende, alle so 16,17,18 Jahre alt, waren. Es war aber vor meiner Zeit.
Mit den Frauen sind auch die Karbid-Lampen verschwunden. Es war offenes Feuer und deshalb sehr gefährlich. In einen Behälter mit den Karbid-Brocken, tröpfelte Wasser. Die Anzahl der Tropfen konnte mit einer Schraube reguliert werden. Ich kann mich noch an Arbeiten mit diesen Carbid-Lampen gut erinnern. Es ist Karbid (CAC2 ), das mit Wasser Acetylen-Gas ergibt. Ein brennbares Gas.
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Ethin ist ein brennbares Gas, das früher aus Kalziumcarbid (CaC2) und Wasser hergestellt wurde. Es wurde in Carbidlampen verbrannt und diente Bergleuten zur Beleuchtung.
(Da das Gas bei der Carbidlampe mit hoher Geschwindigkeit durch eine enge Düse ausströmt, vermischt es sich gut mit Luft und verbrennt ohne Ruß.) |
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In der "Waschkaue" wurde vor Schichtbeginn und nach Schichtende sich umgezogen. Später wurde unterschieden nach "Weiß Kaue", für die sauberen Sachen und "Schwarz-Kaue", für die schmutzigen Arbeitssachen. Unter der (sehr hohen) Decke waren Hacken angebracht, die man herunterlassen konnte. An einer Eisenkette, die mit einem Vorhängeschloss gesichert worden ist. Die Kleider, morgens die Straßenkleider, abends die Arbeitssachen, wurden so "kunstvoll" drapiert, dass es wirklich aussah, als hingen dort Menschen. Die Älteren haben sich immer wieder einen Spaß erlaubt, in dem sie den Neuen, besonders den Kongresspolen, erzählten, es seien Tote, die durch Unfälle ums Leben gekommen sind. Diese jungen Zuwanderer aus den Bergen, "Gorrollä", waren sehr naiv und rückständig. Einer wollte den Wasserhahn aus der Wand abschrauben, und ihn nachhause nehmen, damit seine Mutter nicht mehr das Wasser aus dem weit entfernten Brunnen holen müsse. Sie waren rückständig, aber herzlich und anständig. Es waren Ausländer, die unsere Sprache nicht verstanden haben. Wir haben in Oberschlesien "Wasserpolnisch" gesprochen. Die Deutsche Sprache wurde uns verboten, die Sprache der Fremden wollten wir nicht annehmen - wir haben uns eine eigene Sprache geschaffen: Wasserpolnisch. Deutsche Begriffe wurden mit einer polnischen Endung versehen: "Mytzka" war demnach eine Mütze. "Kartofflä" waren die Kartoffel (poln.: ziemniaki), "Schemua" eine Semmel (poln. bouka). Polnische Begriffe wiederum mit einer deutschen Endung versehen. Wie ein Ostfriese in Ober-Bayern, so haben sich diese Zuwanderer in Schlesien gefühlt.
Ich war immer wieder erstaunt, welche Dankbarkeit sie mir entgegen brachten, für eine einfache Einladung zum Abendessen zu uns nachhause. Es gab ja nur Brote mit Margarine und Tee. Meine Geschwister waren sehr gesellig und hatten sich auf diese Besuche gefreut.
So wurde der Pole Bronisław
I l s k i mein bester Freund (und mein Beschützer). "Bronek" ist
leider schon vor Jahren tödlich Untertage verunglückt
In der Waschkaue haben alle gemeinsam geduscht (einige Hundert Männer). Wir
waren von Kopf bis Fuß voll mit Kohlenstaub eingeschwärzt. Wir bildeten große
Ringe, in dem einer dem anderen den Rücken waschen konnte. Der Erste in der
Reihe, dem Letzten in der Reihe. Der Ring wurde geschlossen. Es sah
sehr lustig aus. Hier kann man sich das selber ausmalen, wie dort Frauen
hineingepasst haben. Es war trotzdem sehr taktvoll dort, bekam einer von uns
Jungs, beim Duschen eine Erektion, wurde taktvoll hinweggesehen.
Als Berufsschüler mussten wir durch alle Abteilungen hindurch. In den ersten zwei Schuljahren Übertage, durch verschiedene Werkstätten. Im dritten Lehrjahr Untertage. In einer Abteilung (Flöz) war es sehr warm, in einer anderen, weiter oben, hat es in Strömen "geregnet" und es war sehr kalt. Wir mussten in Regenmänteln arbeiten. Der Dauerregen war das schlimmste!
In "meiner" Abteilung war es sehr niedrig, ca. 1,50 m. Wir haben auf den Knien rutschend gearbeitet, an unseren Arbeitsort gelangten wir auf Bändern liegend, diese waren extra für Personenbeförderung gedacht. De Arbeitsgeräte, z.B. die Kohlenschaufel, hatten extra kurze Stiele.
Im Westen hatten die Sicherheitsvorkehrungen hohen Stellenwert. Zum Beispiel für die Band-Fahrung, trugen die Kumpel einen Kristall am Körper. Die Förderbänder verfügten über Erkennungsvorkehrungen, die dieses Förderband sofort stoppten, wenn der Kumpel nicht rechtzeitig vor Bandende abgesprungen ist (sonst wäre er in den Kohlenbunker gefallen).
Die Arbeit selber war sehr schwierig. Eine Knochenarbeit. Kam es bei Havarie oder Unfall zum Stillstand, fielen wir einfach auf die Steine hin und waren sofort eingeschlafen. Nach der Schicht waren wir zu schwach, um den Suppenlöffel zu halten. Es wurde in drei schichten gearbeitet, zu 8 Stunden. In der Frühschicht wurde Kohle abgebaut und heraufbefördert. in der Spätschicht wurden die Maschinen nach vorne verlegt, an die Kohle-Wand. Das Förderband wurde verlegt und der frei gewordene Raum mit (früher Holz) Eisenstempeln (Pfosten aus Eisen) abgestützt. Es war sehr schwierig, auf den Knien rutschend die schweren Eisenstempel zu bewegen. Zwei Arbeiter haben eine 50 kg schwere Doppel- T -Eisenschiene an die Decke gehalten, während ein Dritter den Stempel darunter (mit einem Ruck) setzen musste. Die Nachtschicht hat den dann leeren Raum dahinter (etwa 20 m tief, 200 m lang) mit Versatz versehen müssen. Als Versatz nahm man Steine, die aufgeschichtet wurden, bzw. es wurde Sand hinein gespült, von Übertage, mit sehr hohem Druck. Eine andere, sehr gefährliche Art war, die Decke kontrolliert zum Einsturz zu bringen, Bruch. Durch die aufgeschichteten Steine hat sich die Decke über dem Bruch selber abgestützt.
Wollte die Decke mal nicht
einstürzen, musste mit Dynamit nachgeholfen werden.
Die Polen haben am Anfang nicht geglaubt, dass sie über eine längere Zeit die Herren in Schlesien (und Preußen) bleiben würden. Die vertriebenen Polen aus dem Osten (aus Lemberg "Lwów", "L´viv") wollten gar nicht bleiben, sondern haben von einer Rückkehr nachhause geträumt. Ihnen wurde ein Besuch pro Jahr gestattet. Ein Arbeitskollege, Vertriebener aus Lemberg, war zu Beginn des Jahres in seiner Heimatstadt zu Besuch. Mitte des Jahres lag seine Mutter auf dem Sterbebett und verlangte ihn zu sehen. Es wurde ihm verwehrt! Er durfte nicht an das Sterbebett der Mutter, denn er hatte für dieses Jahr sein Besuchsrecht ausgeschöpft. Das er geweint und geschimpft hat, muss nicht extra erwähnt werden.
Die Polen wollten maximalen Profit aus dem Oberschlesischen Kohlenabbau herausholen. So lange ihnen noch alles gehörte! Es wurde deshalb ein Raubabbau betrieben. Die Kohlenschichten direkt unter der Stadt wurden abgebaut. Die Folgen spürt man heute noch in Hindenburg. Die Stadt sinkt jährlich um etwa 2 cm, mit allen Folgen, die sich daraus ergeben (Bergschäden). Eine andere Folge war, dass wir auf eine verbrecherische Art ausgebeutet worden sind. Es ging darum, möglichst billig, möglichst viel Kohle zu fördern. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden völlig missachtet. Im "Versatz" wurde auf gleiche Weise vorgegangen. Die Norm war so hoch gesetzt, dass wir mogeln mussten. Nicht der ganze Raum wurde mit Steinen verfüllt, sondern eine Mauer vor diesen leeren, zu verfüllenden Raum gesetzt. Auch aus dieser Tatsache ergeben sich "Bergschäden". Um die Arbeiter maximal auszubeuten, mussten sie einigermaßen gut ernährt werden. In Schlesien gab es deshalb gelegentlich sogar Fleisch zu essen. Die Versorgung war ungleich besser, als im restlichen Land. Wer immer wieder die gesetzte Arbeits-Norm übererfüllte konnte auch ein Motorrad erstehen. Wir sagten:
"der Bergmann lebt nur kurz, aber dafür gut".
Nach meiner erfolgreichen Flucht, habe ich in Deutschland (West) zunächst im Bergbau Fuß fassen wollen. Ich war als Aufsichtshauer in einer Kohlengrube in Gelsenkirchen -Bismarck untergekommen. Es hat sich sehr bald gezeigt, dass es nicht das gewesen ist, was ich mir in der Freiheit erträumte. Ich wollte an die Universität!
"Geholfen" bei meiner Entscheidung den Bergbau zu verlassen hat ein Arzt (der Vertrauensarzt), so wie der Obersteiger Löwe. Der Obersteiger hatte was gegen Flüchtlinge aus Schlesien und der Arzt wollte mir den Magen, wegen Magengeschwüren weg operieren.
Ich bin heute Chemiker und mein Magen ist immer noch ganz. (Es waren auch nicht Magengeschwüre, sondern Zwölffingerdarm- Geschwüre!)
Die zweite Gruppe der Zuwanderer umfasste die vertriebenen Polen aus den polnischen Ostgebieten. Wie bekannt, hat Stalin Polen nach Westen hin verschoben. Natürlich hat Stalin mehr im Osten von Polen abgeschnitten, als im Westen dazugegeben. Die Staatsgrenzen Polens waren nach dem Krieg ca. 500 km kürzer, als vor dem Krieg. Es waren alles ganz nette Menschen, die nur eins wollten: zurück nach Lemberg (Lwów, L´viv). Diese Menschen glaubten nicht, Schlesien würde "für immer" polnisch bleiben. Darunter hatte ich viele Freunde, z.B. den Bronislaw I l s k i. Ihm konnte ich wirklich vertrauen, mehr noch, als den "unsrigen". Viele meldeten sich freiwillig zu der "ORMO" (Freiwillige Reserve der Miliz).
Viele von den "unsrigen", haben sich als Stiefellecker der neuen Herren gezeigt. Sie wollten polnischer als Polnisch erscheinen. Leider sehe ich diese Drecksäcke heute in Deutschland mit deutschem Pass herumlaufen. Da kann man das Kotzen kriegen!
Die dritte Gruppe der Zuwanderer bildeten verarmte Polen aus dem Hinter- land, sowie "verdiente" Partisanen und Parteifunktionäre, die großzügig be- lohnt worden waren. Belohnt mit Posten und/bzw. mit den Deutschen geraubtem Hab und Gut.
Wer keinen Hauptschulabschluss vorweisen konnte, musste ein Vorbereitungsjahr absolvieren. Dass hieß für mich, vier Jahre Berufsschule. Es kam nur die Bergbauschule in Betracht, denn dort gab es ein Ausbildungsgeld. Im 3. Lehrjahr sogar recht viel Geld. Darüber hinaus eine Schuluniform, also Kleidung. Auf dem Bild links, trägt der Peter Gansiniec die Uniformjacke. Das 3. Lehrjahr wurde auch für die Rente angerechnet, leider von der SPD in der Bundesrepublik nicht mehr anerkannt.
Die Ausbildung selber war gut und problemlos. Abgeschlossen wurde mit "Lehrhauer". So etwas wie Geselle. Der "Hauer" wäre demnach ein Meister. Der "Aufsichtshauer" war schon Angestellter (Geistiger Arbeiter - in Polen stand das im Personalausweis, ob man Arbeiter oder Angestellter gewesen ist. Die "Angestellten" wurden z.B. von der Miliz bei Kontrollen besser behandelt.)
Die Arbeit in der Grube Unter
Tage, ich bin an meinem 16. Geburtstag eingefahren, am 2.1.1957 6:00 früh, war
sehr gefährlich und sehr schwer. Begonnen wurde um 6 Uhr früh, man musste da
schon Unter Tage sein, Ausfahren durfte man erst nach 14 Uhr. Um 6 Uhr wurde die
Seilfahrt nach Untertage eingestellt (Umgestellt auf Kohle), um 14 Uhr wurde mit
der Seilfahrt nach Übertage begonnen.
Die erste Einfahrt in die Grube, in die Tiefe war schon dramatisch.
Es ging im freien Fall über
1.000 Meter in die Tiefe. Ich kam in eine Abteilung, in der es sehr niedrig
gewesen ist. Wir mussten die ganze Schicht
auf den Knien absolvieren. Es gab dazu Knieschoner, die völlig unzureichend
gewesen sind. Sie schützten nur vor Abschürfungen. Durch den vermehrten Druck
auf die Menisken, sind bei mir jetzt Schäden aufgetreten (Risse im Hinterhorn
des Innenmeniskus. Es ist eine Berufskrankheit, die Berufskrankheit Nr. 2102
Meniskusschäden nach mindestens 3 jähriger Arbeit Unter Tage).
Ich bekam von dieser Haltung, bei der der Magen immer so gedrückt wurde,
Magengeschwüre. Es war zum Heulen.

Die Berufsschule für Bergbau in Hindenburg
Nord-Ost (Biskupitz)
Die Ausbeutung
Es war ein ausgemachter Schwindel mit der Übererfüllung der Arbeitsnorm um 1.300 %. (Nach sowjetischem Muster des Stachanow, wurde der Repatriant Wincenty Pstrowski vorgeschickt. (In der DDR hat es zum 17.Juni geführt!) Trotzdem wurden wir an dieser Norm gemessen. Es hieß, doppelte Arbeit, für die Hälfte des Lohnes. Viele von unseren Leuten sind an dieser Arbeitsnorm zugrunde gegangen. Hinzukam, dass die Versorgung mit Lebensmitteln sehr schlecht war. Wer eine Familie zu versorgen hatte, wie Cousin Willi (Krause), der musste 16 Stunden täglich arbeiten. Willi hat sich zu Tode gearbeitet. 8 Stunden auf der Grube, weitere 8 Stunden beim Juden in der Werkstatt in Hindenburg. (Cousine Charlotte wollte unbedingt noch eine Tochter, zu ihren zwei Söhnen. Es wurde ein Junge. Tante Valy, ihre Mutter, bissig: "Hat dich so der A....gejuckt? Musste das sein? Drei Kinder?". Die feine Dame der Familie konnte auch ordinär werden. Sie selbst hatte nur ein einziges Kind. Sie war mit ihrem Schwiegersohn nicht einverstanden. Für ihre einzige Tochter wollte sie etwas besseres, als einen Arbeiter. Sie wohnten anfangs in einer Ein-Zimmer-Wohnung zu dritt. Die Wohnung gehörte der Tante Valy, was sie auch immer wieder erwähnt hat. "Geh ´mal raus Willy und schau mal was auf dem Türschild drauf steht". Sie mussten immer betteln, dass Tante sie mal im Zimmer alleine läst. "Was, Schon wieder?"
Jahre später bekamen sie endlich eine eigene Wohnung, mit einem dazugehörendem Garten.
Ein "typischer Einkauf" aus diesen Tagen: 100 gr. Margarine, 50 gr. Marmelade, 100 gr. Zucker und 3 Zigaretten. Gegessen wurden Pellkartoffeln mit dem Wasser von eingelegten Heringen. Oder Brot mit Maggi beträufelt.
Eine 6 Tage Woche zu 8 Stunden täglicher Arbeitszeit war vorgeschrei- ben. Die Betriebe haben Abteilungen "Arbeitsdisziplin" geführt. Wer drei Tage im Monat gefehlt hatte, wurde vor Gericht angeklagt und abgeurteilt, "wegen Bummelantentum". Die Abgeurteilten wurden am Pranger mit Bild und voller Adresse ausgestellt.
Die Betriebe hatten einen eigenen Betriebsarzt, der die strikte Anweisung hatte, nicht mehr als die ihm zugewiesenen Fehlzeiten wegen Krankheit pro Jahr zuzulassen. Hatte dieser Arzt dagegen verstoßen, wurde er entlassen. Das führte dazu, dass so mancher von uns mit Fieber und Schüttelfrost in die Grube einfahren musste. Ich hatte eine chronische Gastritis, die auch zu Geschwüren geführt hatte. "Rollkuren und Arbeitsfähig" - das war die Antwort des Betriebsarztes.
Wer ernsthaft erkrankte, der musste seinen Tarifurlaub für die Gesundung verwenden. Gegen Jahresende war die Chance krankgeschrieben zu werden größer, als zum Jahresbeginn. Kam es zu Beginn des Jahres zu einem dieser spektakulären Grubenunglücke, die relativ häufig vorkamen, unsere Grube war die tiefste und gefährlichste des gesamten Bergbaus, die Sicherheitsvorkehrungen schlecht bzw. gar nicht vorhanden, auch wegen der hohen Arbeitsnormen, so war die Chance krankgeschrieben zu werden gleich Null.
Für den Samstag wurde später ein 6 Stunden Arbeitstag eingeführt. Von uns Schlesiern hat man aber verlangt, 8 Stunden zu arbeiten und diese zwei Stunden Mehrarbeit, für den Wiederaufbau von Warschau freiwillig zu spenden.
Polen schuldet mir den Lohn von ca. 700 Arbeitsstunden, denn Warschau wurde aus anderen Geld-Quellen (der BRD) wiederaufgebaut.
Ab Mitte 1945 arbeiteten die über 104 Steinkohlengruben für die Polen / Russen. Sie Förderten über 95 Mio. Tonnen Steinkohle (Deutscher Stein- kohle), lieferten die 15 Stahlwerke 2,4 Mio.: Tonnen Stahl (Deutschen Stahl) pro Jahr. Bezahlt wurden wir für unsere Arbeit mangelhaft.
Wenn, dann schuldet Polen den Deutschen Billionen US-$ !
Wir Schlesier, die
Autochthonen, waren Arbeitssklaven und Gefangene des polnischen Staates.
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"Polenhilfe" der Sowjets. Die Sowjets haben
Schlesien für sich ausgebeutet, mit Hilfe der polnischen Machthaber.
Sowohl die schlesische Landwirtschaft, wie auch die schlesische.
Industrie.
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Vae Victis!

Alexej G. Stachanow (1905 - 1977) im September 1935 in einer einzigen Nachtschicht 102 Tonnen Steinkohle eigenhändig aus einem Schacht im ukrainischen Donezgebiet ...
Der "Kuba"...
Kuba nannten wir meinen
Jugendfreund. Er lebte mit seiner älteren Schwester Stefi und seiner
bettlägerigen Mutter in einer Einzimmer/Küche Wohnung ohne Bad im Hinterhof.
Die Frau Schneider war schon seit Jahren ans Bett gefesselt. Wir, drei
Geschwister ohne Eltern, sind ins Vorderhaus zugezogen, ich in der 2.Hälfte der
4. Grundschulklasse damals. Im Vorderhaus, im Burek- Haus wohnte im 2. Stock der
Zahnarzt Chlapik mit seiner Praxis, weiter der "General der
(Pfadfinder) Harcerze" Herr Hajduk mit Familie, Ehefrau und den Kindern Bolek
und Regine. Im Hinterhof wohnte der Jan Kulawik, mit Mutter und Tante, direkt
über dem Kuba. Jan und Bolek waren jünger als ich. Uns gegenüber wohnte die
Schwester des Hausbesitzers, Frau Böse. So hieß sie, so war sie auch
(zumindest zu uns).
Im Hinterhof links wohnte über dem Pferdestall, eine Mutter mit drei Söhnen.
Frau Pyrdok, eine kleine schmächtige, aber resolute Person. Die Söhne hatten
Angst vor ihrer Mutter. Es waren ungekrönte "Haldenkönige", sie
lebten von den auf der Halde geklaubten Kohlen.
In der Schule war Kuba, eigentlich Herbert Schneider, ein sehr guter
Schüler. Er wusste immer alles, half mir auch ab und an bei meinen
Schulaufgaben.
Über den Vater hat man sich abenteuerliche Geschichten erzählt. Ob er noch am
Leben war, wussten wir nicht.
Kuba war Spastiker. Der
Geburtshelfer hat zu lange gezögert.
Er konnte nur sehr mühsam Worte bilden (Pöööeeitttteää, waaaaaartttmaaaaaa
auuuuwwwff miiichch, soll heißen Peter, warte mal auf mich) unter heftigem
Speichelfluss. Weil er nur langsam, unbeholfen gehen konnte, hat er unsere
Clique (die Bande) sehr gebremst. Ich musste die Kumpels
bestechen, damit er mit uns herumstreichen durfte. Hatte ich nichts
wertvolles anzubieten, musste Kuba für die Clique irgendetwas ekelhaftes tun.
Es war ihm egal, er wollte mit uns über die Felder (eigentlich über die
brennende/qualmende Bergehalde) ziehen. Mein Jugendfreund Albert (Alo, "der
Rothaarige") war auch oft mit von der Partie. Ich freue mich nachträglich
für jedes Mal, dass Kuba auf mein Betreiben hin, mitmachen durfte.
Für ihn war es das Größte.
Kuba war für uns schon ein "Erwachsener", gehörte gar nicht zu uns.
Es hat meine Freunde irritiert, dass ein Erwachsener mit uns Kindern unsere
Streiche mitmachen wollte. Diese Streiche waren eben gegen die Erwachsenen
gerichtet.
Die Bande...
Zu unserer Bande gehörte z.B.
der Adolf Primus. Der Standartscherz aller Lehrer war: "Primus, dein Name
heißt "Der Erste". Du bist aber der Letzte". Adolf ist drei Mal
sitzen geblieben und war der älteste von uns allen. Weil wir beiden immer
wieder den Unterricht gestört haben, mussten wir in der letzten Bank sitzen.
Links, am Fenster, war die Bankreihe für Mädchen, die Jungs saßen rechts.
Adolf hat mir beigebracht, wie man mit den Ohren wackelt. Wir haben auch
verschiedene (lebensgefährliche) Mutproben durchgeführt. So z. B. im
Winter. Mit Schnee wurde eine Stelle an der Hand gefroren (unempfindlich
gemacht), in dem immer wieder neuer Schneeklumpen an die selbe Stelle gedrückt
wurde, um dann mit einer Rasierklinge bearbeitet zu werden. Krankmeldung!
Ein anderes "Kunststück" war, ein Geldschein fest an den Handballen
gedrückt, mit einer brennenden Zigarette durchzubrennen. Ich habe heute noch an
einer Hand eine runde Brandnarbe (den Geldschein habe ich gewonnen!)
Auf die Hochspannungsmaste sind wir geklettert, auf dem Brückengeländer der
Eisenbahn- bzw. Autobahnbrücke balanciert. Das einzige "kriminelle"
war, mit kleinen Steinchen die unten vorbeifahrenden Autos zu bewerfen. Es waren
aber nur ganz kleine Steine! Wir waren nicht kriminell. Nie, zu keiner Zeit. Zu
unseren Vergehen zählte:
Obst klauen von den Obstbäumen in den Gärten, vorzugsweise in dem großen
Garten des Hochwürden der katholischen Kirche (Mundraub). In der Bäckerei
wurde um 4 Uhr früh das Brot fertig gebacken. Der Bäcker öffnete die
Bäckerei, damit die Brote abkühlen konnten. Dort haben wir uns dann ein
warmes, frischgebackenes Brot gestohlen. Man musste aber sehr früh aufstehen!
In den Kellern der Häuser standen Fässer mit eingelegtem Sauerkraut. Zum
Sattessen sind wir über die Kellerfenster eingestiegen. Diesem sauerkraut
verdanken wir unser Überleben!
Eine besondere Mutprobe war, zwischen die Eisenbahnschienen, mit dem Gesicht
nach unten liegend, fest an den Boden gepresst, den Zug über sich rüberrollen
zu lassen. Ein einmaliges Gefühl.
Eine andere, ungefährliche "Mutprobe", die höchstens eine Ohrfeige
einbrachte, wenn man sich nicht rechtzeitig wegduckte, war, einen älteren Mann
nach dem "Feuer" zu fragen. Mit einer Zigarette im Mund:
"Entschuldigung. Haben Sie Feuer?" Oder eine Frau ansprechen,
höflich: "Entschuldigung. Darf ich sie mal was fragen?". Wenn sie
bejahte, kam die Frage: "Darf ich ihnen ein Kind machen?". Es konnte
dafür heftige Ohrfeigen geben. Die Erwachsenen fühlten sich damals für alle
Kinder verantwortlich.
Der gefährlichste Spielplatz war ein stillgelegter Wetterschacht der Grube
gewesen (für die Luftzufuhr Unter Tage). Er war ein paar Hundert Meter tief.
Heruntergeworfene Steine konnte man beim Aufprall unten nicht hören. Die
Leitern (Fahrten) an der Schacht-Seite waren völlig morsch. Die Fahrten
wurden für Reparatur/Kontrollen, oder als Fluchtweg gedacht. Wir wollten
heruntersteigen, haben uns aber dann doch nicht getraut.

Die Leiter in die Tiefe des Schachtes.
Adolfs Mutter, Frau Primus,
hatte einen Klumpfuß, war aber eigentlich nett. Seine kleineren Schwestern,
haben uns Jungs gerne beim Baden zugeschaut. Aus der Kammer gingen Fenster ins
Bad. Sie hatten eine Wohnung mit Bad. Hatten wir zwar auch, wir hatten aber das
Bad mit noch einer Familie zu teilen, und der Zugang war über deren Wohnung. Es
war uns unangenehm.
Die Familie Primus stritt um den Titel der "Haldenkönige" mit der
Familie Pyrdok. Frau Pyrdok, ein kleines Frauchen regierte mit eiserner Hand
über drei erwachsene Söhne. "Haldenkönig" wurde der, der die
meisten Steinkohlebrocken "Zydy" sammeln konnte. Die Grube hat Steine,
die als Abfall angefallen sind aus Eisenbahnwaggons (Kohlen-Loren) auf die Halde
geschüttet. Darunter befanden sich aber auch Steinkohle- Brocken, die in der
"Sortownia" (Trennung vom tauben Gestein: Sortieren)
übersehen wurden. Die galt es dann geschickt, ohne von den herabstürzenden
Steinen erschlagen zu werden, zu sammeln. Sobald der Zug oben angekommen ist und
die Loren ausgekippt wurden, stürzte sich die Meute den Hang hinauf, mit einem
Kartoffel- Sack in der Hand, den Kohlebrocken entgegen. Die geübten erkannten
schon von Weiten die leichteren Kohle-Brocken am Herabrollen. Es gab sehr
oft Unfälle, auch Tödliche. Die gesammelten Kohlen konnten dann verkauft
werden. Hunderte Familien lebten von der Halde.
Durch Selbstentzündung schwelten die Kohlen in der Tiefe der Halde, über die
Halde zog ein giftiger, gelblicher, stinkender Rauch. Die Halde war unser Spiel-
und Tummelplatz. Die Grubenverwaltung hat versucht, durch Ablöschen mit Wasser,
diese innere Glut zu besiegen. Das war falsch, denn durch dieses Wasser wurde
erst Recht die Selbstentzündung provoziert. Es war sehr warm auf dieser Halde.
Das wurde auch immer wieder Obdachlosen zum Verhängnis. Sie erstickten im
Schlaf an diesen Gasen, die schwerer als die Luft, am Boden sich ansammelten, in
Mulden und anderen Vertiefungen.
Reichlich Spielzeug lieferte die überall herumliegende Munition samt Waffen.
Ich besaß einen Karabiner mit "Seitengewehr" einem Stilett, dass auf
den Karabiner aufgesteckt werden konnte. Die Gewehr-Munition haben wir
geöffnet, das Geschoss, die Kugel mit einer Zange abgenommen. Das in der
Patrone befindliche Schieß-Pulver wurde gesammelt und verschiedene Feuerwerks-
Körper gebastelt. Ein Mal kam es beim Ausklopfen des Pulvers aus der Hülse zur
Verpuffung auf dem Fensterbrett. Es kann sein, dass Adolf
"nachgeholfen" hat. ich hatte keine Augenbrauen mehr.
Mit 12 Jahren haben wir uns, Adolf und ich, (Adolf war schon fast 15) eine
Flasche Obst-Wein besorgt und sie leergetrunken. Meine erste Begegnung mit dem
Alkohol. Wir haben, angetrunken, unsere Waffen geschultert und sind
"Patrouille" durch den Ort gelaufen. Für lange Zeit waren wir das
Gesprächsthema Nr. eins.
Weiter gehörte dazu der "Schmerock", Horst Buchta, mit Schmerbauch
und Hühnerbrust. Er war sehr dick, und hatte dementsprechend unter uns zu
leiden. Horst hatte eine ältere und eine jüngere Schwester, die Inge und die
Irene. Die Jüngere musste immer dann auf den Pulleimer in der Küche, wenn wir
Jungs zu Besuch dort waren. Sie zog dabei ihren Schlüpfer zur Seite.
Wir Jungs, hatten eine Stelle an der Hauswand draußen, von der wir immer wieder
Brocken von Putz "weggepinkelt" haben. Wenn einer von uns musste, rief
er "Pinkeln fängt an! Wer nicht mitpinkelt, ist kein Mann". Jeder von
uns wollte und musste dann mitmachen.
Die ältere Schwester Inge, war damals "voll in der Pubertät". Sie
suchte jemand für "das erste Mal". Wir, die Freunde des Bruders waren
für sie nicht gut genug. Sie hat sich einen älteren Mann ausgesucht, der ihr
eine Armbanduhr und ein neues Kleid dafür schenkte. Pragmatikerin!
In der Kellerwohnung im Hause der Familie Buchta, wohnte ein einsamer älterer
Mann. Es hieß, er sei verrückt. Seine Notdurft hat er immer in eine
Waschschüssel verrichtet und Horst hat es mir mal gezeigt, wir haben uns auf
die Lauer gelegt, wie er versucht hat, die "Brocken" mit Hilfe eines
Feuerhacken über das Waschbecken im Flur zu zerkleinern und wegzuspülen.
Der Jüngste im Bunde war der "Henna". Seine Mutter war eine
Trinkerin, noch recht jung und nicht hässlich. Alleinerziehend, ohne Arbeit.
Damit Henna mit uns ziehen durfte, konnte er sich damit einkaufen, indem er uns
seiner Mutter, wenn sie wieder total betrunken im Zimmer schlief, erlaubte unter
den Rock zu gucken. Henna holte mich immer wieder zur Hilfe, wenn es hieß,
seine betrunkene Mutter mit dem Schubkarren nach Hause zu bringen. Sie lag dann
irgendwo, in der Nähe der Kneipe am Borsigwerk und schlief. Seine Mutter war
ständig unterwegs, Geld für Wodka zu besorgen. Sie wollte Vorschuss, auf
irgendwelche Waren, die sie zu besorgen versprach.
Weiter zählte dazu der "rote Alo", Alo, der "Rotfuchs".
Rothaarige wurden damals verfolgt. Alberts Vater war Kriegsversehrter (Bein
amputiert). Immer wieder war der Stumpf entzündet, weil die Prothese nicht
richtig passen wollte. Die Entzündungen hat sein Vater mit Blutegeln
behandelt. Ich half dem Alo beim sammeln der Blutegel.
Alo´s Bruder Fritz (gen. der Bolle, aus dem Lied "Fritze Bollmann wollte
angeln..") war ein guter Schachspieler. Dass ich trotzdem als 12jähriger
gegen ihn eine Schachpartie gewinnen konnte, hat meine Leidenschaft für dieses
Spiel geweckt. Durch ein "Parallel-Spiel", ich hatte schwarz.
Das war der "harte Kern" der Bande.
Herbert Schneider
Kuba musste seiner Mutter das Essen bereiten, sie füttern, vor allem aber musste er seine Mutter aus dem Bett heben, um sie auf den Pull-Eimer (Pinkeleimer, nicht etwa ein Toilettenstuhl – so etwas gab es für arme Leute nicht) zu setzen. Es war ein emaillierter Eimer, der vor Benutzung zu einem Drittel mit Wasser befüllt wurde.
Regelmäßig rutsche dem Kuba
die schwere Mutter aus den Armen, wobei alle Beiden, mitsamt Eimer sowie Inhalt
hinfielen und auf dem Boden liegen blieben, bis seine Schwester aus der Arbeit
nach hause kam. Manchmal konnte ich helfen die Frau Sch. wieder ins Bett zu
hieven. Kuba hat mit einem Wischlappen versucht die Spuren zu beseitigen, was
ihm aber nicht gelingen wollte.
Noch schlimmere Haue (Prügel) bezog Herbert, wenn er mit uns gezogen ist und
nachdem seine Mutter vergeblich nach ihm gerufen hatte, sie das Bett
beschmutzte. "Herbert", "Herbert", diese Rufe höre ich
noch heute. Sie waren unsere Nachbarn über 10 Jahre lang!
Es gab Prügel dafür für meinen Freund Kuba.
Beeindruckt hat mich immer wieder ein Porzellanring, der mit der Milch mitgekocht wurde. Dieser Porzellanring verhinderte, dass die Milch überkochte. Durch klappern signalisierte der Ring, dass die Milch nun fertig gekocht war. Es war wie ein Zauber für mich. So konnte der Spastiker Kuba Milch kochen, ohne dass diese überlief, was mir ohne Ring nie gelingen wollte.
Kuba hatte zwei Leidenschaften: Rauchen und Selbstbefriedigung. Bei dem zweiten Hobby, dem er immer wieder nachging, waren seine Handbewegungen fließend, gar nicht mehr fahrig abgehackt. Herbert hat immer Mitmacher gesucht: "ggomm, wwiirr wwwwichsennn....Jaah?. " Wir waren aber noch Kinder, Kuba für uns schon Erwachsen. Es war uns unangenehm. Wir sind da lieber unter uns geblieben, es war nur ein Spiel für uns, bei Kuba war es Ernst.
Rauchen durfte er drei Zigaretten täglich. Seine Schwester hat jeden Tag die Zigaretten im Päckchen nachgezählt. Die Zigarettenschachtel befand sich im Küchenschrank zwischen dem Tellerstapel. Kuba bot mir immer wieder auch eine zum Rauchen an. Ich wusste nicht, dass er dafür regelmäßig heftige Prügel bezog, denn er durfte ja nur drei Zigaretten täglich rauchen. St. hätte auch das Päckchen mitnehmen können und nur die drei Zigaretten da lassen. Es war für sie aber ein probates Zuchtmittel. Sie hatte ja dann einen Grund, den Kuba heftig durchzuprügeln. War sie eine böse Frau? Ich weiß es nicht. Einmal hat sie auch mich, mit irgendeinem Gegenstand heftig verprügelt (besser: Zusammengeschlagen). Sie meinte, dass ich den Kuba verführe wie ein richtiger Junge Streiche zu machen und herumzuziehen.
Als junge Frau musste sie für die bettlägerige Mutter und den behinderten Bruder alleine sorgen; von einer eigenen Familie konnte sie nicht mal träumen. Welcher Mann würde sich das antun, und eine Frau mit solch´ einer Belastung nehmen? Außerdem gab es keine Männer zum Heiraten damals.
Vielleicht rührte auch daher die Härte, mit der sie auf den Kuba immer wieder eindrosch.
Kuba war mein Freund.
Als die Mutter endlich gestorben war, ich war da schon weggezogen, hat seine Schwester ihn in ein Behindertenheim gesteckt.
Herbert war sehr intelligent, sensibel, es muss eine Qual für ihn gewesen sein, unter den geistig Behinderten zu leben. Von seinem Vater haben wir nie etwas zu hören bekommen. Ich glaube, er ist im Krieg gefallen.
Mein Freund Kuba nahm mit 30 Jahren den Strick und erhängte sich in diesem Behindertenheim.
Ich habe ihn, den Kuba aber nicht vergessen. Herbert Sch., der Spastiker lebt in meiner Erinnerung weiter.
Kuba war mein Freund.
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Bergehalde
Auf qualmender Halde werden Kohlen geklaubt! (Aus der WAZ: Im Ruhrgebiet, 17.01.1951)
"Das Betreten der Bergehalde ist wegen der damit
verbundenen Lebensgefahr verboten" steht auf großen Tafeln auf den
Zugangswegen zu einer großen Halde im Stadtgebiet, auf der ständig gekippt
wird. Die ausgefahrenen Karrengleise in den verschlammten Wegen beweisen, dass
dieses Verbotsschild keine allzu große Wirkung ausübt. Die Tatsache, dass eine
ungeheizte Wohnung reichlich ungemütlich um diese Jahreszeit ist, beeinflusst
die frierenden Menschen weit mehr als die Schilder. Die Zechenverwaltung weiß
das und duldet stillschweigend das Kohlenklauben auf ihrer sogenannten
Steinhalde. Die Leute, die in abenteuerlicher Kleidung auf der Halde
herumkrabbeln, wühlen nicht hier, um Kohlen zu verkaufen, sondern weil sie sich
keine kaufen können. Da ist ein Bauarbeiter, dessen Baustelle stillgelegt ist,
da sind Invaliden, Kriegsversehrte, alte Frauen und auch junge. Ein Mann legt
gerade einen Kohlensack über den Rahmen seines Fahrrades "Dafür habe ich
den ganzen Vormittag gebraucht", sagt er... Die Flucht
Rückkehr nach ca. 32,5
Jahren. Als Sieger! Es war kurz vor Weihnachten 1964. Ich hatte im Januar
im 2. Bildungsweg das Abitur gemacht, sowie zugleich das Steigerpatent erworben
(an der Technischen Universität Gleiwitz). Schon die feierliche Diplom-Ausgabe
war recht dramatisch. Die Behörden hatten verordnet, dass alle deutschen Namen
zu polnisieren seien. Aus meinem Namen sollte dieses "th" durch
einfaches "t" ersetzt werden, sowie das "y" durch
"j" (Rathay zu Rataj). Man musste sich schriftlich dazu
verpflichten und entsprechende Schritte (Namensänderung rechtzeitig vor der
Prüfung beantragen) einleiten. Es war Voraussetzung zu Zulassung zu
Abiturprüfung. Der politische Druck ging weiter. Es wurden
politische Äußerungen von mir gesammelt, ein Dossier angelegt. Ich wurde
beobachtet, ausspioniert, von der Miliz und besonders von der "ORMO"
(freiwillige Reserve der Miliz) schikaniert. Von Agenten die versucht haben sich
als Freunde auszugeben, wurde ich zu systemfeindlichen Äußerungen
provoziert. Zum Glück hat mich mein Freund, der Pole Bronislaw I l s k i
gemahnt, vorsichtig zu sein "die planen was gegen dich". Der
Staatsanwalt hat sich eingeschaltet, ich wurde vorgeladen. Meine Weigerung in
die Partei einzutreten, wurde ausgelegt als "subversives" Verhalten.
Zusammen mit verschiedenen, kleineren politischen Delikten (Deutsche Radiosender
Hören, Besitz Deutscher Bücher, Deutsch sprechen), sowie einem gescheiterten
Fluchtversuch (mit ca. 16 Jahren wollten mein Freund Alo (Albert Krawczyk,
früher: Kühn) und ich, über das Dreiländer-Eck, Tschechien/DDR/BRD in die
Bundesrepublik fliehen; bereits nach ein paar km Wegstrecke in den
Bergen hat uns ein Einheimischer den Grenzern gemeldet, wir wurden
festgenommen) hat man mir 5 Jahre Gefängnis in Aussicht gestellt. Unter einem
fadenscheinigem Grund wurde ich fristlos entlassen. Eine Rechnung hatten die örtlichen kommunistischen
Behörden mit mir noch offen. Sie ahnten es, es war ein Trick. Sie konnten es
sich nicht vorstellen, wie es mir gelungen ist, bei der Musterung eine
"Kategorie B, Untauglich in Friedenszeiten", zu erreichen. Dann schaute er in meine Augen. Den Gesichtsausdruck, die
Enttäuschung in seinem Gesicht, werde ich nie vergessen. Ich wusste nur, dass
ich kurzsichtig war. Dass ich aber auch an "grauem Star", an Katarakt
leide, wusste damals niemand. Diese Kristalle in meinen Augenlinsen haben mich
gerettet. Ich wurde vom militärischen Dienst befreit.
Die Musterung selber war wie wahrscheinlich bei jedem
Militär. Als Schreibkräfte wurden wieder Abiturientinnen bestellt. Die
Mädchen saßen, mehr oder weniger "gleichgültig" schauend und wir,
nackt, vor den Tischen, mehr oder weniger verlegen blickend. Bücken! Po-Backen
auseinander! Kurze, scharfe Kommandos, dann durfte man sich wieder anziehen. Da kam die Nachricht, dass Bekannte, zwei Brüder
mit ihren Ehefrauen eine Flucht über Jugoslawien planten, gerade recht.
Sie planten eine 6 Tage Reise "Sylvester in Belgrad" zur
Flucht in den Westen zu nutzen. Diese Reise wurde vom
Reisebüro "Orbis" in Kattowitz organisiert. Also, ab nach
Kattowitz, die Reise buchen. Es war der letzte Tag für die Reisebuchung. Um die
Familie zu schonen, wurde das Sold-Buch, so wie der Personalausweis und sonstige
Ausweise zurückgelassen. Bei Mitnahme der Dokumente wurde Spionage Unterstellt.
Möglich wurde dieser "Ausflug in die Freiheit" nur deshalb, weil kein
Reisepass beantragt werden musste. Der Reiseleiter hatte ein Dokument
(Sammel-Pass) für alle Reisenden. Einen individuellen Reisepass hätte ich
niemals bekommen. Weil kein Reisepass beantragt werden musste, erfuhren die
Behörden von meinem "Ausflug" nichts.
Dann hieß es Abschied "für immer"
nehmen, tatsächlich für fast 33 Jahre! Mein Cousin Dieter gab mir ein Stück Zahngold
(etwa 3 Gr.) mit auf die Reise. Es war mir aber zu riskant, dieses Stück
Zahngold über die Grenzen zu schmuggeln. Es wurde noch in Gleiwitz verkauft,
und für dieses Geld zusammen mit meinen restlichen Zloty (das polnische Geld
musste ausgegeben werden) eine einfache Armbanduhr, sowie einen eleganten Hut
erstanden.
Mein Freund, der Pole und Parteibonze Bronislaw I l
s k i hat mich begleitet. Er hat beim Abschied geweint vor Sorge und Trauer für
immer seinen Freund zu verlieren. Dann ging auch schon die Zugreise nach
Jugoslawien los.
(Bronek war ebenfalls Grubensteiger. Er hat ebenfalls
keine Zusatzschicht, keine Sonntagsschicht versäumt. Er wollte Geld verdienen,
um seinem Bruder ein Studium zu ermöglichen. Nach meiner Flucht durfte ich zu
ihm keinen Kontakt aufnehmen. Später musste ich leider erfahren, dass er
untertage tödlich verunglückt ist. Das hat mich schwer getroffen. Wie gerne
hätte ich ihm für seine Hilfe und seine Freundschaft gedankt.) Im Zug hat sich schnell herumgesprochen, dass die
eine Hälfe der etwa 30 Reisenden zum Handeln und die andere um zu Fliehen
unterwegs waren. Elektrisiert hat uns die Meldung, dass ein Miliz in
Zivil unter den Reisenden war. Ein etwa 40jähriger Pole Mikolai hat sich
als Miliz zu erkennen gegeben. Er fragte mich immer wieder, wir zwei waren die
einzigen Alleinreisenden, wie ich meinte, hinterhältig, "ob man die Reise
nicht auch zu Flucht nutzen könnte". Ich habe mich dumm gestellt. Irgendwann kamen wir in Belgrad an. Gleich am
ersten Abend nutzten wir die Chance zur Flucht. Nach dem Studium einer
Landkarte, beschlossen wir nach Österreich zu gehen. Leider hatten wir
keinerlei Papiere dabei. Unsere Pässe hatte der Reiseleiter, das heißt, die
waren gar nicht mit, der Reiseleiter hatte nur diesen Sammelpass für uns alle. Mein Taschengeld in Dinar reichte gerade so, um
eine Fahrkarte, einfach, an die Österreichische Grenze, über Laibach,
Ljubljana, zu lösen. Wir wollten über die Berge nach Österreich zu Fuß
fliehen! Es war eine Illusion, wie sich herausstellte.
Mindestens 1,5 m Schnee lag da; wir hatten keine angemessene Kleidung. So weit kam es aber gar nicht, denn von den
Begleitern, es waren die zwei Brüder mit ihren Ehefrauen, bekam einer der
Brüder einen Nervenzusammenbruch. "Wenn sie uns erwischen! Ich bringe mich
um! Ich will zurück", es half nichts. Nicht unser Bitten, nicht die
Beschimpfung durch seine Ehefrau. Wenn ich so recht überlege, seine Weigerung
kam uns recht. Wir anderen waren nur zu feige, unsere Angst zu gestehen. Wir fuhren also zurück. Das heißt, ich musste
noch irgendwas verkaufen, um die Zugfahrkarte zurück nach Belgrad zu lösen.
Ich habe auf der Straße meine Armbanduhr an einen Passanten verkauft. Dann ging
es zurück. Das ganze hat drei Tage gedauert. Unsere "Flucht" war
schon bemerkt worden, unsere Sachen aus den Hotelzimmern bei der polnischen
Botschaft deponiert. Es wurde vertuscht und ein fadenscheiniger Grund für
unsere Abwesenheit angenommen. Unsere Rückkehr bewirkte eine allgemeine
Erleichterung bei der Reiseleitung. Die Ehefrau des "feigen" Bruders wollte
sich mit einer Niederlage nicht zufrieden geben. "Peter", sagte sie zu
mir, "komm, wir beiden hauen alleine ab". "Wir lassen die
zurück". "Wir schaffen das". Na gut, aber wie? Wir fuhren zum
Belgrader Flughafen und haben Lufthansa Piloten abgefangen, um sie zu beknieen
uns mitzunehmen. Sie hätte alles für diesen Piloten getan – aber umsonst.
Inzwischen waren die 6 Tage vergangen, wir sollten die Rückreise antreten. Sie
gab mir ihren Ring, "Peter, falls Du doch noch fliehen willst....".
Dieser Ring hat mir tatsächlich weiter geholfen. Abends ging es dann mit gepackten Koffern zum
Bahnhof. Der Zug stand schon bereit, es war schon dunkel, es muss der 1.1.65
gegen 21:00 gewesen sein. Den Sylvester hab ich wohl erschöpft verschlafen. Kurz vor dem Einstieg in den Zug kam mir der
Gedanke, wenn du jetzt zurückfährst, dann "ist es das
gewesen". "Eine Niederlage!" Aus und vorbei! Ich wollte doch
nicht mehr zurück! "Nein, das durfte nicht sein. Niemals zurück.
Lieber sterben!" Ich lief etwa eine Stunde auf den Strassen, immer
weg vom Bahnhof. Nur weit weg! Von fast panischer Angst getrieben. Der Reiseleiter hat meine Abwesenheit erst nach 6
Stunden Zugfahrt bemerkt. Der Koffer war da, ich aber nicht! Er soll
fürchterlich getobt haben. Er konnte die jugoslawischen Behörden nicht mehr
über meine Flucht informieren. Zuerst musste ich Geld beschaffen. Dazu hatte ich
ja den Ring. In einer Kneipe zeigte ich der Kellnerin diesen Ring, und
tatsächlich, sie kaufte mir diesen Ring ab. Das Geld reichte für eine
Zugfahrkarte und für drei Tassen Kaffee. Die Zugreise ging diesmal an die italienische
Grenze, an den Grenzort SEZANA.
Bis zu Grenze waren von dort vielleicht 8 km, bis nach Triest, dort wollte ich
hin, etwa 25 km. Für das letzte Geld eine Tasse Kaffee getrunken und dabei die
Gäste im Cafe beobachtet. Ich dachte mir, dass mir ein Italiener helfen
könnte. So war es dann auch. Da stand ein kleiner italienischer Wagen, zu dem
ein junger, gut gekleideter Mann ging. Ich konnte nur ein paar Brocken Englisch, ein paar
Brocken Französisch und etwas mehr Deutsch. Umberto Birrolla, so hieß dieser freundliche
Student aus Italien, war zum Tanken da. Als Triestiner besaß er einen
Dauer-Passierschein. Seine Angst durch Kontakt mit einem Flüchtling diesen
wertvollen Passierschein zu verlieren, war groß. Der Treibstoff war in
Jugoslawien viel billiger zu haben. Umberto wusste sofort was mit mir los war. Die
Kleidung völlig unangemessen zur Winterzeit: Er sagte, dass er mich gerne abends möglichst nah
zu Grenze (bis an etwa 500 m) heranbringen würde. Er darf aber nicht halten auf
der Strecke, ich müsste aus dem fahrenden Auto springen. So geschah es denn auch. Umberto wurde langsamer,
ich öffnete die Beifahrertür und ließ mich herausfallen, herausrollen, wie in
den Filmen in den Straßengraben, den eleganten Hut fest in der Hand haltend.
Umberto ist weitergefahren, ich blieb noch ruhig liegen bis es dunkler wurde und
ging dann parallel zur Grenze etwa 2,5 km nach Nord-West. Als ich das Gefühl
hatte weit genug entfernt von der Strasse zu sein, machte ich um 90 Grad eine
Wende und ging über die Grenze nach Italien. So ganz sicher war mir nicht, dass
die Richtung auch stimmte und dass es auch die Grenze war.. Meine Hoffnung war, dass durch die Feiertage die
Grenze nicht so dicht besetzt sein würde, und die Grenzer noch nicht ganz
nüchtern. Nach einer Zeitlang kam ein Streifen freies Feld – das hätte die
Grenze sein können. Aus Aufregung hat sich mein Darm gemeldet – es half
nichts, die Natur verlangte ihr Recht. Es war sehr gefährlich, denn der Geruch
"nach Mensch" hätte mich verraten können. Ich bin deshalb ein paar
Hundert Meter zurückgegangen. Da war ein tiefes Loch in einem kleinem Wäldchen.
Als ich dieses Loch bemerkt habe, es war vielleicht 6 m tief und 20 m weit, bin
ich auch schon heruntergefallen. Zumindest für den eigentlichen Zweck war es
gut geeignet. Der Weg wieder nach oben war sehr beschwerlich, die Wände waren
sehr steil. Schon fast oben, ist mir mein eleganter Hut wieder ins Loch
heruntergefallen. Ich musste diesen Weg runter und wieder rauf um meinen Hut zu
holen. (Ich hätte mir auch die Kochen brechen können. Das wäre es dann
gewesen. Dort hätte mich niemand gefunden. Niemand hätte mich in dieser Gegend
vermutet. Ich wäre für immer verschollen geblieben.) Endlich war ich der Meinung, die Grenze hinter mir
gelassen zu haben. Sicher war ich mir aber nicht! Das Dümmste wäre jetzt,
ungeduldig, sich zu früh zu zeigen. Und was, wenn es noch jugoslawisches Gebiet
war? Dann wäre alles umsonst gewesen, alles verloren gewesen. Ich bin bis auf etwa 150 m an die Strasse
herangegangen. Gelegentlich fuhr ein Auto Richtung Italien. Zerschunden, blutig,
schmutzig, hungrig, halb erfroren, hat es schon viel Überwindung gekostet,
nicht auf die Strasse zu gehen. Zum Glück lag gar kein Schnee da. Nach weiteren 2 Stunden Fußmarsch, nachts im
unwegsamen Gelände, bin ich dann doch auf die Strasse. Sich ein Bein zu
brechen, oder zu Tode stürzen... Kam ein Fahrzeug, versteckte ich mich im
Graben. Nach weiteren ca. 2 Stunden Fußmarsch kam eine
Tanksstelle, und wie ich sehen konnte, war es eine italienische Tankstelle. Der
Tankwart hat hinter seiner Panzerglasscheibe geschlafen. Er wurde wach auf mein
klopfen hin; er hat sofort gewusst, was mit mir los gewesen ist. Auf meine Rufe
hin: "Italia? Italia?" Bestätigte er freundlich "Si,
si! Italia" und wünschte mir alles Gute im Neuen Jahr. "Viva Italia!"
Ich habe ein paar Minuten getanzt und vor Glück laut gelacht. Dieses unbeschreibliche Gefühl, es doch geschafft
zu haben war diese Strapazen wert. Asylant Die Stadt Triest unten im Tal, war zu sehen als
eine riesige rote Lichtsäule am Himmel. Der Weg abwärts, wieder ca. 6 Stunden
Fußmarsch, war nur noch reine Freude, obwohl meine Füße blutig gescheuert
waren. Ich lief nur noch auf rohem Fleisch. Es waren Halbschuhe, zum Abtanzen
gedacht. Auf der Straße habe ich versucht eins der wenigen
Fahrzeuge in Richtung Triest zu stoppen. Vielleicht das 10. Auto hat angehalten
und mich die letzten km, bis vor die Polizeidirektion mitgenommen. Ich war
so erschöpft, dass ich an die Fahrt keine Erinnerung habe. Ich muss
eingeschlafen sein. Gegen 9 Uhr Vormittags am 3.1.1965 stand ich vor
der Polizeidirektion Triest. Auch heftiges Klopfen hat nichts bewirkt, das
Gebäude war fest verrammelt. Der Autofahrer musste weiter, er bedeutete mir
dort zu warten, irgendwann machen die schon auf. Ich saß wie ein Häufchen Unglück, erfroren,
blutig, schmutzig und fürchterlich hungrig und müde auf der Treppe. Da kam ein
Italiener in Busfahreruniform auf mich zu. Er wusste sofort was los ist, und auf
mein "Sono politico rifugiato (politischer Flüchtling)",
öffnete er seine Geldbörse. Es war ihm peinlich, denn er hatte nur ein 500
Lire Geldstück dabei. Er zeigte auf ein Cafe an der Ecke, und bedeutete mir,
dass es bald öffnet und ich ein Kaffee dort trinken kann. Das Geld (1,00 DM
entsprach 900 Lire) reichte für eine Tasse. Der Kellner dort hat mir noch eine
zweite Tasse Kaffee ohne Bezahlung eingeschenkt. (Diese Münze, sowie diese
zweite Tasse Espresso, habe ich bis jetzt sicherlich schon ein Tausend Mal
zurückgegeben! Und ich zahle immer noch zurück.) Da kam eine Frau auf mich zu, die auch Deutsch
sprechen konnte. Wer sie herbeigeholt hat weiß ich nicht, vielleicht der
Busfahrer oder auch der Autofahrer, der mich dorthin brachte. Sie war
fürchterlich aufgeregt und hat mit mir gegen die Eingangstür heftig geklopft.
Niemand hat aufgemacht. Sie ist schimpfend weg – es dauerte nicht lange, da
kam ein Jeep mit vier Carabinieri, die mich dann mit Handschellen mitgenommen
haben. Eigentlich wurde ich verhaftet, und zunächst in Carantena (in eine
Gefängniszelle) für vier Wochen gesteckt. Ich hatte ja keinerlei Papiere bei
mir. Wie mir später der Umberto berichtet hat – der
Umberto gab mir noch in Sezana seine Triester Telefonnummer, diese hab ich
auf meine Arme und Beine als einzelne Zahlen geschrieben (sollte ich gefangen
werden, durften die jugoslawischen Behörden keinen Hinweis auf ihn erhalten)
gehörte diese Frau dem Stadtrat
an. Sie hat ein riesiges "Fass aufgemacht", denn das ganze
Polizeipräsidium war noch besoffen und Polizeiarbeit hat einfach nicht
stattgefunden. Diese Geschichte ging dann durch die italienische Presse, als
Polizeiskandal. Den Umberto habe ich nach diesem Telefongespräch,
leider nicht mehr gesehen. Nach täglichen Verhören und vier Wochen Carantena,
ich hatte ja keine Dokumente bei mir(!), wurde ich in das Asylantenlager
gebracht und durfte einen Antrag auf Asyl stellen. Das Lagergelände zu
verlassen war uns verboten. Aber die enge Gefängniszelle war Vergangenheit. Die
Beamten fragten immer wieder, wer mir die italienischen Sätze beigebracht hat,
und was ich in Italien tun sollte! Es haben sich nationale Gruppen gebildet, wir
Deutschen waren die größte Gruppe, dann kamen die Ungarn (mit einer Familie
habe ich mich angefreundet), Rumänen und andere. Die Ungarische Familie hatte
schon die Ausreise nach Australien perfekt und sind kurz darauf abgereist. Mein
ungarischer Freund, seine Schwester hat sich in mich verliebt, schenkte mir sein
5,00 DM Stück. Mein erstes "Westgeld". In einer Bank bekam ich dafür
einen ganzen Haufen Lire (für richtige Zigaretten) ausgezahlt. Meine größte Überraschung war der Polnische
Miliz Mikolai aus dem Zug, aus unserer Reisegruppe, vor dem wir so viel Angst
gehabt haben. Er hatte eine gut organisierte Fluchtmöglichkeit über die Adria
nach Triest per Schiff. Er wollte uns alle mitnehmen, na ja, was soll's. Er
sagte mir, dass er fast verzweifelt wäre, weil wir nicht verstehen wollten, was
er meinte, obwohl er immer deutlicher wurde; er hatte Angst alleine in den
unbekannten fremden Westen zu gehen. Mit mir gezählt, ist es drei Personen
gelungen zu fliehen. Ich war seine Rettung. Er ging dann nach Hamburg zu
seiner Deutschen Freundin (eine Spätaussiedlerin, aus Liebe ist er ihr
gefolgt). Wir haben später Postkarten ausgetauscht. Ich war im Lager sein
Dolmetscher. Auch für die anderen reichte mein Englisch. Ich wurde eine Art
Lagersprecher. Eine berühmte Schauspielerin war auch dabei. Als Privilegierte
wurde sie "krankgeschrieben" und durfte im Lagerlazarett auf ihre
Asylverhandlung warten. Ich habe sie gerne besucht, denn das Essen war dort
ungleich besser und sie hat für mich immer etwas beiseite gelegt. Ab und zu gab
sie mir auch eine von ihren Zigaretten. Leider ist sie bald in die USA
abgereist. Sehr wichtig für mich war, meine Feinde über die
erfolgreiche Flucht zu informieren. Die Postkarte mit "Herzliche Grüße
aus Italien" an eine Freundin, die Sofia, Tochter des Parteisekretärs
adressiert, hat "wie eine Bombe eingeschlagen". Wir Asylanten bekamen zwei Mahlzeiten täglich.
Morgens eine Schüssel mit Kaffee und ein Stück Weißbrot dazu. Nachmittags
grünen (roten) Salat und Pasta. An Kleidern hatte ich nur das, was ich am
Körper hatte. Im Waschraum konnten wir auch von Hand Wäsche waschen (kaltes
Wasser!). Die meisten von uns hatten keine Wäsche zum Wechsel, ich natürlich
auch nicht – das heißt, bis die Unterhose trocknete, musste man ohne
herumlaufen oder auf das Waschen verzichten. für uns, junge Männer war das
kein großes Problem. Die Frauen hatten ihre Probleme. Ich war zu dieser Zeit ein starker Raucher. Deshalb
war es auch die schlimmste Zeit für mich. Wir haben Kippen gesammelt, den
Resttabak herausgekrümelt und mit Zeitungspapier geraucht. Als Nichtraucher
wäre dieser Zeit vielleicht noch etwas romantisches abzugewinnen gewesen. Spaß haben die Spaziergänge in der Stadt mit
Mikolai gemacht. Nachdem mein Asylantrag angenommen worden war, durfte ich auch
dieses Lager für Spaziergänge verlassen. Der Milizionär Mikolai war zwar
schon 45 Jahre alt, aber aus einem hinterpolnischen Dorf (kein Schlesier). Ich
musste ihm erklären was eine Banane ist ("co to jest, banan?" Was ist
das, eine Banane?) und so weiter. Er war wie ein Kind, dem man alles erklären
muss (darf). Außer diesen zwei Mahlzeiten täglich bekamen wir
gar nichts, rein gar nichts. Kein Taschengeld, keine Kleidung, keine Seife.
Einmal pro Woche durften wir einen Brief schreiben. Er wurde dann von der
Lagerverwaltung frankiert. Nach Hause habe ich sicherheitshalber nicht
geschrieben. Die Flucht ging weiter Nach zwei Monaten kam meine Gerichtsverhandlung,
bei der über meinen Asylantrag entschieden werden sollte. Als Wunschland habe
ich die Bundesrepublik angegeben. Die Vorgespräche mit dem Honorarkonsul
der Bundesrepublik Deutschland in Triest waren wenig erfreulich. Für ihn war
Schlesien polnisch und nichts als polnisch, folglich die Bewohner Polen,
folglich ich ein Pole. Der Richter hatte von ihm eine entsprechende
Empfehlung, dass heißt, mir wurde die Zuteilung "Asyl in Deutschland"
verweigert. Ich sollte entweder in die USA, oder nach Australien. (Die Italiener
bekamen Prämien von diesen Ländern, wenn gesunde, gebildete Asylanten dorthin
geschickt wurden.) Ich habe Australien gewählt (wegen der Ungarn (der Ungarin)
ich hatte eine Kontaktadresse von ihnen bekommen). Nach meinem Brief an meinen Vetter Werner in
Mainz(!), hat dieser die Botschaft in Rom sowie das Generalkonsulat in Mailand
informiert. Werner hat auch die Familie in Deutschland mobilisiert. Mein Vetter
Carl, ein Musiker aus Frankfurt a. M. schickte mir daraufhin 100,00 DM zu. Die
Flucht musste fortgesetzt werden. Ab da ging's bergauf. Ende Februar flüchtete ich aus Triest nach
Mailand, ich besaß immer noch keinerlei Dokumente. Triest zu verlassen war uns
Asylanten nicht gestattet. Der Generalkonsul (genauer: der Vizekonsul Friedrich
Garbers) in Mailand bekam heftige Bauchschmerzen, gab mir dann aber doch ein
Darlehen von 16.000 Lire (=102,10 DM) für eine Fahrkarte nach Nürnberg
sowie einen Ersatzpass. Es war eine illegale Handlung gegen die Asylbestimmungen
in Italien. Es hat einige Überredungskünste erfordert. Eine Frau im
Konsulat, an die ich mich nicht mehr genau erinnern kann, hat mir dabei
geholfen. Vielen Dank, dieser Frau. Die Briefe von meinen Vettern Werner und
Carl, haben ebenfalls etwas geholfen. In Nürnberg hat schon der Verfassungsschutz auf
mich gewartet. Ich wurde mit einem PKW am Bahnhof abgeholt. Sie gaben mir neue
Kleider, ein Hotelzimmer mit BAD! und eine Nummer. Man wurde nur über diese
Nummer angesprochen. Nach drei Monaten die erste Möglichkeit sich richtig zu
waschen. Nach drei Tagen Befragung durch den Geheimdienst, bekam ich die
Zuweisung nach Osthofen. Dort wurde ich registriert und durfte nach Mainz zu
meinem Vetter Werner Sowa. Am Übernächsten Tag hatte ich meine Anstellung bei
(damals) Jenaer Glaswerk als Schmelzgehilfe. Ein Bett hatte ich im
Arbeiter-Wohnheim in Gonsenheim: Heidesheimer Str. 17, im Doppelzimmer. – und das war's! Ein Jahr später besuchte ich diesen Itaker, der
sich Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland nannte, in Triest. Meinen
Bundesdeutschen Pass hat er ungläubig in den Händen betrachtet. Es ging nicht
in seinen Schädel, dass ein Schlesier Deutscher ist. Es war mir aber die Reise
Wert. Ich war in Triest noch als "untergetaucht", als
"vermisst" geführt. Es war mir auch wichtig, für weitere
Flüchtlinge aus Schlesien, in Triest ein besseres Klima zu schaffen. Nachsatz Der Versuch, diesen Fluchtweg ein 1/2 Jahr später
mit einem Pärchen noch mal zur Flucht zu nutzen, ist schief gegangen. Wir
wurden von Hunden aufgespürt und von den Grenzern festgesetzt. Ich wurde zu 2
Wochen Arrest und zu 50.000 Dinar Strafe verurteilt. In meinen Pass kam der
Vermerk: "Einreiseverbot", und "Das Land muss innerhalb 24
Stunden verlassen werden". Eine Ausweisungsverfügung. Um das Geld zu beschaffen, habe ich meine
Manschettenknöpfe auf der Strasse verkauft. Mein ganzes Bargeld ging auf die
Strafe drauf. Ich stand nun vor dem Problem, ohne Geld von Italien nach Mainz zu
gelangen. Die Freunde wurden zurück nach Polen geschickt. Es
war die falsche Jahreszeit, oder wir wurden beobachtet und
"verpfiffen", ich weiß es nicht. (Besonderen Dank schulde ich
meiner Schwester, die beim Zusammentragen der Reisekosten geholfen hat, und mir
auch sonst den Rücken frei gehalten hat. Sie hatte auch die Folgen meiner
Flucht zu erdulden, in Form von Schikanen der Behörden. Sie hatte ihren
Arbeitsplatz verloren, musste in einer anderen Firma Hilfsarbeiten
verrichten Weiter meinem Vetter Dieter, die Armbanduhr, für sein Zahngold
erworben, hat mir auch geholfen. Der Ehefrau des einen Bruders, die mir ihren
Ring gegeben hat. Dann meinem Vetter Werner†
in Mainz sowie meinem Vetter Carl †
in Frankfurt.) In West-Deutschland .......das Chemie-Diplom an der Johannes-Gutenberg
Universität Mainz erworben. Zuerst musste aber in Göttingen am Gymnasium eine
Sonder-Prüfung abgelegt werden, um die Deutsche Hochschulreife zu erlangen. Das
polnische Abiturzeugnis wurde damals im Westen nicht anerkannt. Wir haben ein
Jahr lang die Schulbank gedrückt. Es war ein netter, lustiger Haufen, aus allen
Ländern Ost-Europas. Mein Antrag auf Stipendium wurde abgelehnt. Zufällig traf
ich auf dem Amt im Treppenhaus einen Amtsleiter/Politiker(?), der, nach dem er
sich meine Geschichte angehört hatte, zu einer anderen Erkenntnis gekommen ist.
Er ist mit mir in das Sekretariat zurück gegangen und auf sein Betreiben hin
wurde mein Antrag doch noch genehmigt. Das gehört aber nicht hierher!
Die Leute, die sich auf den Halden mühselig ihren Hausbrand zusammenkratzen,
klettern nicht auf der brennenden Halde umher, weil sie zu geizig sind, den
Kohlenhändler zu bezahlen.
"Wir können uns keine kaufen", sagt verbittert ein Invalide.
"Auch wenn die Händler tonnenweise Kohlen hätten. Wir haben einfach nicht
das Geld dazu.
25.12.64 - 29.6.97

(Einer von uns hat sich geweigert dieser Namensänderung zuzustimmen. Er wurde
von der Prüfung ausgeschlossen. Er hat auf das Abitur verzichtet. Leider habe
ich seinen Namen vergessen. Hochachtung!)
Ich hatte mit unserer Schul-Sekretärin ein kleines Verhältnis und konnte sie
überreden, eine Ausnahme zuzulassen. Der Direktor, ein scharfer Hund und
Deutschenhasser, sollte nicht zu dieser Diplom Austeilung erscheinen. Außerdem
war es bei mir nicht so dramatisch, denn fonethisch gab es eigentlich keinen
Unterschied. Eigentlich, denn wirklich versuchten die Polen auch dieses
"h" auszusprechen: "Rat-hay". Mit dem "Ypsilon" (i-Grek,
wie die Polen sagen) hatten sie noch mehr Probleme, wird es doch als kurzes
"e" gesprochen. "Rathay" heißt dann: Rat-ha-e. Man muss
wissen, dass die polnische Schriftsprache sehr jung ist. Erst gegen 1550 wurde
durch den Poeten M. Rej in polnisch geschrieben ("Wir Polen sind keine
Gänse, wir haben unsere eigene Sprache", oder abgewandelt: "Wir Polen
sind keine Gänse, aber wir gackern viel"). Es wird dort versucht, alle
Buchstaben auszusprechen. Eben, keine Schrift-Tradition. (Man kann von einer
Polen-Namen-Manie sprechen. Alle Namen müssen polnisiert werden. Was kann der
arme Chopin (Schopen, Nasallaut) für seinen französischen Namen? Seine Eltern
haben ihn in Frankreich gezeugt. Zufällig kam er in Polen zur Welt. Jetzt wird
er Chopin, ohne Nasal-Laut gerufen "Cho" wie Hoppla, "pin"
wie Pinsel.)
Der Direktor war aber dann doch da und hat die Verteilung der Zeugnisse
persönlich vorgenommen. Wir haben unruhig gesessen und gewartet, bis ziemlich
am Ende der Buchstabe "R" aufgerufen wurde. Das entsetzte Gesicht, als
er meinen Namen in unpolnischer Art gelesen hat, werde ich nie vergessen.
Er hat getobt, wollte die Sekretärin fristlos entlassen. Sie hatte aber
auch ihre Partei-Freunde. Sie durfte bleiben.
Dann kam der Druck vom Arbeitgeber, in die kommunistische Partei einzutreten.
Durch einen Freund, der in der Partei einen hohen Posten inne hatte, ist es mir
trotzdem gelungen, wenigstens noch die obligate "Sprengmeister
Prüfung" abzulegen. Es war ein Sprengmeister - Lehrgang in Königshütte.
Dieser Lehrgang war Voraussetzung für den Steiger - Beruf.
Nach einem halben Jahr Zwangspause vom Bergbau und Arbeit als Chemikant in
einer chemischen Fabrik, dort wurde das Teer, das bei der Verkokung der
Steinkohle anfällt, destilliert, von hier datiert meine Liebe zu Chemie, konnte
ich in einem anderen Steinkohlebergwerk anheuern. An der selben Grube, an der
mein Vater zuletzt als Aufseher gearbeitet hat. Beruflich war nur der niedrigste
Posten eines Aufsehers drin (Nadgórnik), "Aufsichtshauer".
Bei der Musterung zum polnischen Militär habe ich mich blind gestellt. Ich
wusste, dass ich, komme was da wolle, nicht zum Militär wollte. Ich habe alles
auf eine Karte gesetzt. Es war mir egal. Ich wollte nicht, dass ich im
militärischen Konfliktfall, auf Deutsche schießen müsste.
Auch den übergroßen Buchstaben "E" auf der medizinischen Lesetafel
habe ich "nicht gesehen". Der untersuchende Arzt wurde wütend.
Ich sollte zum Garnisonarzt nach Gleiwitz zu extra Untersuchung für Simulanten.
Ich hatte Angst. Was wird mich dort erwarten?
Schon die Begrüßung war bedeutungsvoll. "So, du siehst also
nichts!", meinte bissig der Militär-Augenarzt.
Ich sollte später aber zum Betriebsarzt, um meine Tauglichkeit für die
Untertage Arbeit als Gruben-Steiger zu bestätigen. Jetzt wusste ich, dass ich
auch hier "Untauglich" war. Es wäre eine Katastrophe. Es war mein
Beruf. Wo sollte ich sonst arbeiten?
Mein polnischer Freund, Bronislaw I l s k i hat mir geholfen. Zu dieser
Augenuntersuchung kam er einfach mit. Als mein Name aufgerufen wurde, ist Bronek
aufgestanden und hat an Stelle meiner die Untersuchung absolviert. Er hatte
Angst, viel Angst. Er hat es aber getan, er war ein guter Freund.
Mir ist ein wahres Kunststück gelungen. Für den Militär-Dienst untauglich,
für die Arbeit Untertage aber tauglich!
Alle Freunde und Verwandten wurden nacheinander besucht und im Vertrauen einigen
wenigen die Fluchtabsicht mitgeteilt. Leid hat es mir getan, meine
Büchersammlung (etwa 500 Bücher) zurücklassen zu müssen. Ich vermisse sie
heute noch. Alle persönlichen Gegenstände mussten zurückgelassen werden.
Alles war für immer verloren, Geschenke, Erinnerungstücke, Kleidung.
Gegenstände, die nichts mit der Urlaubsreise zu tun hatten, durften nicht
mitgenommen werden. Es könnte Misstrauen erregen.
Die Vergangenheit existierte nicht mehr. was das heißt, kann nur der
Beurteilen, der es durchmachen musste. Es ist, wie nach einem großen Feuer.
Die Reise
"Aber warum denn, die Errungenschaften des Sozialismus!", und
"Der imperialistische Westen!". "Niemals!".
Mit einer Seilbahn fuhren wir in die Berge, Richtung Freiheit. Am Bahnhof in
Laibach hat man mir die Handschuhe gestohlen. Wir hatten keine Verpflegung mit.
Der Hunger war unerträglich. Die Brüder hatten je eine Orange mit. Aus
Höflichkeit musste ich das mir angebotene Stück ablehnen. Ich rieche diese
Orangen immer noch.
Kurz nach links und rechts geschaut, und anstatt in den Zug einzusteigen, unter
dem Zug durch, auf die andere Bahnsteigseite, raus aus dem Belgrader Bahnhof und
weit weg. Niemand hat's bemerkt. Meinen Koffer gab ich dem Vormann in der
Schlange: "Halt mal kurz, ich hol Zigaretten". Er nahm den Koffer mit
in das Abteil.
Ich war nun in Jugoslawien, in Belgrad, allein, ohne Papiere, ohne Geld,
mit unzureichender Kleidung, völlig auf mich gestellt. Ein Illegaler.
Ich hab's auf Italienisch versucht: "Buon Giorno. Sono Polacco,
Signore!". Für Polen haben die Italiener mehr übrig als für Deutsche,
dachte ich.
Halbschuhe, Anzug, kein Mantel, keine Handschuhe, aber diesen eleganten Hut am
Kopf.
In Italien
Es war der 2.1.1965 mein 24. Geburtstag.
Das Lager war ein sehr großes leeres 4 stöckiges Fabrikgebäude mit großem
Innenhof. In die leeren Fabrikhallen waren Holzverschläge mit metallenen
Etagenbetten eingebaut. Wir waren etwa 5.000 Asylanten dort. Die Fenster ohne
Scheiben, es gab keine Heizung. Die Toiletten, es waren französische Toiletten,
ein Loch im Boden, waren entsprechend (gegen 3:00 Uhr nachts, konnte die
Toilette benutzt werden). Es war kein ausreichender Sichtschutz vorhanden.
Die Jugoslawen zählten nicht, es waren fast alles Prostituierte und Diebe, die
auch immer wieder zurückgeschickt wurden.
Einer aus unserer Gruppe bekam einen Magengeschwürdurchbruch. Ich musste mit in
das Trierer Krankenhaus in die "Seconda Chirurgica", wo er notoperiert
wurde, um zu dolmetschen.
Das aller erste aber war, diesen eleganten Hut wegzuwerfen! Es war meine erste,
und bis heute einzige Kopfbedeckung..
Es bestand die Möglichkeit, im Hafen Eisenbahnwaggons mit (polnischem!)
Pferdemist zu entladen. Wir konnten unsere Kleider ja nicht waschen, der Gestank
war kaum auszuhalten.
Umberto Birrolla wollte sich mit einem Deutschen nicht treffen. Mein Trick, mit
"Sono polacco" war doch richtig. Wer weiß, ob er einem Deutschen
hätte helfen wollen.
So habe ich zwei Mal die Abitur-Prüfung ablegen müssen. 1964 in Polen, 1967 in
Göttingen.
In Göttingen trafen sich Abiturienten aus verschiedenen Ländern. Zum Beispiel
der ungarische Jude, Tibor Gulyasz, der jetzt als Multimillionär in den USA
lebt. (Ich habe Tibor, mit dem ich befreundet gewesen bin, wir haben beide
während des 6-tage Krieges gebangt, in den Staaten angerufen. Ich hätte es
lieber nicht tun sollen!). Auch eine Jüdin aus der damaligen Tschechoslowakei
war dabei. Ihre Familie bekam 80.000,00 DM Starthilfe. Finanziell gehörten sie
zu einer ganz anderen Klasse als wir, die anderen. Während wir z.B. für 2,50
DM gejobbt haben, war Tibor mit einem Mercedes mit Edel-Pelzen unterwegs. Er
bekam 5.000,00 DM dafür. Kathi aus Prag, hat sich mit dem Andreas (heute
Frauenarzt) angefreundet, was bei ihrer Familie zum Alarm geführt hat. Sie
haben, glaube ich, trotzdem geheiratet. Ich habe ebenfalls dort meine spätere
Ehefrau kennen gelernt. Sie kam aus Stuttgart (Spätaussiedlerin aus dem Banat,
Jugoslawien), das war für mich der Grund, mich in Tübingen um einen
Studienplatz zu bemühen. Ich fuhr nach Tübingen, nach Abzug der Fahrtkosten,
blieben mir 20,00 DM übrig. Das war mein Kapital, der Grundstock für das
Studium der Biochemie in Tübingen.
In Tübingen angekommen, habe ich auf dem Bahnhof geschlafen. Der Bahnhof wurde
ab 1:00 bis 4:00 geschlossen. Man musste sich verstecken, sonst wurde man
weggeschickt. Ich lag auf der Bank, hinter dem Tisch versteckt. Der Kontrolleur,
der die Hallen abschritt auf der Suche nach "Pennern", hat mich zwar
gesehen, aber immer übersehen. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Bald war ich
auch ein "Penner". Die Solidarität unter den Pennern war sehr groß.
Man bekam Tipps, wo und wie man Schnorren kann, bei welchem Pfarrer es sich
lohnte, anzuklopfen, bei welchen wieder nicht. Sozialhilfe gab es damals
noch nicht. Wer kein Geld hatte, musste arbeiten, oder hungern.
Meine Freundin aus Göttingen, meine spätere Ehefrau hat mich mit Lebensmitteln
über Wasser gehalten. (Meine Postkarten, mit dem Absender "Unter der
Neckarbrücke", hatten entsprechende Wirkung auf diese mitleidigen
Menschen, ihre Familie gehabt.)
Ab da ging's bergauf!